Mittwoch, 18. September 2013

Duelle, Saufgelage und der Karzer der Universität

An der Universität ging es nicht zimperlich zu.

Franz Boas, aus Minden in Westfalen stammend, studierte seit 1877 an der Universität Bonn Geografie. Verschanzt hinter Büchern und Atlanten, wohnte er in seiner Studentenbude in der Burschenschaft Alemannia. Es war ein giftiger, drahtiger Kommilitone, der ihn in der Vorlesung „Geografische Methodenlehre“ hänselte. „Jude, was hast Du als Jude hier zu suchen ?“ insistierte er. Vorlesung für Vorlesung hatte er seinen Judenhass nicht im Griff, bis Franz Boas der Sache überdrüssig wurde.

„Um 8 Uhr Morgen früh im Hofgarten … „ schaute der zutiefst Beleidigte seinem Kontrahenten nachdrücklich in die Augen und verlangte Satisfaktion.

Beim Duell um 8 Uhr im Morgengrauen machte Franz Boas kurzen Prozess. In seiner Burschenschaft Alemannia beherrschte er die Fechtkunst wie kaum ein anderer. Die beiden Duellanten schritten aufeinander zu, Franz Boa schwang den Säbel einmal, zweimal, täuschte einmal, zweimal, dann ratschte der Säbel in das Gesicht seines Kontrahenten.

Auf der rechten Backe klaffte eine Wunde. Das Gesicht voller Blut, sackte der freche Mitstudent zusammen. Das reichte. Franz Boas wollte keinen anderen Menschen umbringen.

Aber das Studentenleben war vor mehr als 150 Jahren nicht nur rauh, sondern auch feucht-fröhlich. Vor dem Eingang seiner Studentenbude hatte Franz Boas den berühmten §11 der Prinzipien seiner Burschenschaft verewigt: es wird fortgesoffen. Franz Boa hatte in seiner Burschenschaft einen Führungsposten als Schriftwart inne. Er war trinkfest und legte beim Zechgelage am Wochenende die Reihenfolge der Kneipen fest. Die Sauferei ging bis weit nach Mitternacht. Die  lallende Sprache der Studenten verkam zur Unkenntlichkeit, ihre Schritte torkelten. Am nächsten Tag konnten sie sich nicht zurückerinnern, wie sie den Weg zu ihren Studentenzimmern zurückgefunden hatten.

Ihre Alkoholexzesse blieben ohne Folgen, doch es hätte auch anders kommen können. Bei anderen Studenten wurde durchgegriffen. Nachts gröhlten sie auf dem Marktplatz vaterländische Lieder, ließen den Kaiser hoch leben und scherten sich nicht um die Nachtruhe. Die Pederellen rückten aus – das war die Universitäts-eigene Polizei. Sie sammelten die nächtlichen Ruhestörer ein und warf sie kurzerhand in den Karzer, der in der Bonner Universität über dem heutigen Koblenzer Tor lag.

Karzer, lateinisch „carcer“, daraus abgeleitetet das deutsche Wort „Kerker“, das war das Universitäts-eigene Gefängnis. Seit ihrer Gründung – sie reichte bei manchen Universitäten ins Mittelalter zurück  - hatten diese das Privileg einer eigenen Gerichtsbarkeit. Sie waren eine Ordnungsmacht, hatten Mittel und Möglichkeiten, ihre Studenten zurechtzuweisen, vor allem, ein ausschweifendes Leben zu bestrafen. Sie schritten ein bei Prügeleien, Saufgelagen, Duellen, nächtlichen Ruhestörungen, Überschuldungen oder anderen Exzessen. Wer zu häufig im Karzer saß, dem drohte die Exmatrikulation und der Verweis von der Universität.

Wenn Studenten sturzbetrunken bei einer Sauftour aufgegabelt wurden, konnten sie im Karzer landen, um ihren Rausch auszuschlafen. In den meisten Universitäten war es ein Kellerraum, der von meterdicken Mauern umschlossen war. Karg und ungeheizt, schauten die Inhaftierten auf nackte Wände, die im Laufe der Zeit mit allerlei Sprüchen und Karikaturen verziert wurden. Manche Karzer, die bis heute erhalten sind, stehen unter Denkmalschutz – so in den Universitäten Freiburg, Göttingen, Marburg und anderen Universitätsstädten.

So manches Karzer-Buch ist bis heute erhalten. So besagten die Regeln der Universität, dass derjenige, der nachts sturzbetrunken angetroffen wurde, eine Ordnungswidrigkeit beging. So wie heutzutage die Stadtverwaltung über Ordnungswidrigkeiten bescheidet, legte der Richter an der Universität die Strafe fest. Je nachdem, wie oft ein Student bei einem Saufgelage in der Stadt erwischt wurde, konnte es passieren, dass er drei bis fünf Tage in der Ausnüchterungszelle ausharren musste. In dieser Zeit war es ihm sogar untersagt, Vorlesungen zu besuchen. Die Strafen für die politische Aufwiegelei anderer Studenten waren sogar drakonisch, nämlich bis zu drei Wochen.

Der Karzer wurde wenig ernst genommen. So berichtet der Jurist Karl Schorn, der 1837 im Karzer der Bonner Universität einsaß, in seinen Memoiren:
"Ich sage: der Karzer war ein fideles Gefängnis, denn den Inhaftierten war der Empfang des fast nie fehlenden Besuchs bei Wein und Bier gestattet, und zuweilen ging es dabei hoch her, so dass die beträchtlichen Bewirtungskosten verbunden mit den Verpflegungs- und Bedienungskosten seitens der Ehefrau Baude (das war die Gattin eines Pedellen) eine bedeutende Auszehrung des mit inhaftierten Monatswechsels im Gefolge hatten".

Ein anderer eingekerkerter Student berichtet, wie kurzweilig es war, wenn mehrere Studenten eingesperrt waren. Sie vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen und für Bier und Verpflegung war stets gesorgt.

Nach 1879 neigte sich die Zeit der Karzer dem Ende zu, denn ein neues Gerichtsverfassungsgsetz trat in Kraft. Die eigene Gerichtsbarkeit von Universitäten wurde abgeschafft.  Als Stätte der Disziplinierung blieben die Karzer erhalten, doch sie setzten sich nicht durch. Bis zum ersten Weltkrieg wurden alle Karzer aufgelöst. Gefeiert wurde immer. Gesoffen wurde immer. Es wird immer Studenten geben, die die feucht-fröhliche Seite ihres Studentenlebens auskosten - auch ohne Karzer.

7 Kommentare:

  1. Sehr interessant und ich könnte mir vorstellen das es zwar keine Karzer aber neben den Saufgelagen auch bestimmt noch Duelle geben mag^^

    Liebe Nachtgrüssle

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  2. Ein guter Bericht. Da ich ganz in der Nähe von
    Heidelberg wohne, bin ich mit der Geschte der
    Burschenschaften bestens vertraut. Aber auch heute
    bleibt des Studentenleben nicht ohne diese feucht-
    fröhlichen Runden.
    Einen guten Tag wünscht Dir
    Irmi

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  3. Ein toller Bericht Dieter von diesen Gelagen habe ich mal gelesen.
    Ob´s heute auch noch su zu geht ?

    Einen schönen Tag und liebe Grüße
    Angelika

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  4. Hallo!!
    Ein interessanter Bericht. Obwohl ich viel Zeit an der Uni verbracht habe, bin ich mit Burschenschaften nie in Berührung gekommen, fand sie vom Hören/Sagen immer sehr abschreckend. Zu meiner Zeit war das Studentenleben dennoch feucht-fröhlich. Uns ging es damals recht gut und wir hatten viele Parties, Kneipen...
    wieczoramatische Grüße, (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  5. Hallo Dieter,
    die Saufgelage gibt es natürlich immer noch.
    Als Frau hatte ich mit den Burschenschaften zum Glück wenig zu tun, die gibt's ja auch noch.
    VG
    Elke

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  6. Ein toller Bericht Dieter!!!War öffters früher in Heidelberg,kannte dieses aber nicht.
    Dankes fürs lernen-))))
    LG
    Christa

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  7. Klar muss man als Student auch die fröhliche Seite des Lebens auskosten, der Ernst kommt noch früh genug. In meinem Jahrgang war allerdings keiner der Jungs in einer der Bonner Burschenschaften. Aber es wurde trotzdem jedes kleine Ereignis groß gefeiert und zwar zusammen mit uns Mädels.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende wünscht dir
    Arti

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