Dienstag, 10. September 2013

mit dem Rennrad nach Altenahr



Beiläufig stellte ich fest, dass es in diesem Jahr meine erste Tour durch den Kottenforst war. Beiläufig rieselte das Sonnenlicht durch das Laub der Bäume, das zerfaserte und an manchen Stellen grelle Kleckse auf den Radweg warf.

Ich wollte die schönen warmen Tage ausnutzen, doch die Hitze war für einen 6. September unwirklich. Morgens war es taufrisch, nachmittags knallende Hitze, die Temperaturgegensätze sprengten mein Wahrnehmungsvermögen. Ab Meckenheim bekam ich die Hitze nicht eingeordnet, denn der Wind blies seitwärts ins Gesicht und sorgte für einen klaren Kopf. Die Landstraße zog ihre Spur durch Endlosreihen von Äpfeln, die so rot und reif waren, dass ich am liebsten hineingebissen hätte. Reife Äpfel, Birnen, Pflaumen wetteiferten miteinander.

Als die Eifel nahte, spürte ich die 32 Grad Außentemperatur, denn nur phasenweise hielt Schatten die Hitze in Schach. Die Sonne knallte, hinauf nach Hilberath zog die Steigung an. Der Schweiß lief in Bächen durch mein Gesicht, ich stöhnte, ich biss die Zähne zusammen, ich hielt durch. In Hilberath angekommen, entschädigte mich  das pralle Sonnenlicht und der durchdringende Blick auf die Höhen der Eifel.

In Kurven und Biegungen und Wendungen erreichte ich das Dorf Berg, welches seinem Namen alle Ehre machte. Das war positiv zu sehen, denn in Berg ging es mächtig den Berg hinunter. Im Nachmittagsschlaf dämmerte das Dorf vor sich her. Auf dem Dorfplatz mit dem Brunnen war keine Menschenseele zu sehen, die Bürgersteige waren leergefegt. Beim Anblick der Gaststätte „Berger Hof“ stellte ich mir den dörflichen Abend inmitten eines regen Vereinslebens, einem gepflegten Bier und einer treuen Runde von Skatspielern vor. Die schmale Landstraße, auf der keine zwei Autos nebeneinanderpassten, trippelte weiter den Berg hinunter. Das war typisch Eifel, dass ich anschließend denselben Umfang an Steigungen wieder zurück bewältigen musste. Zäh und schleppend wälzten sich die Häuser von Freisheim den Berghang hoch.



Das raubte Kräfte und wiederholte sich anschließend noch zweimal. Ein paar schnell daher geschmissene Höfe formierten sich am Straßenrand. Bei den Streckenkilometern 1,8 und 3,0 der Kreisstraße 31 quälte ich mich über die nächsten Eifelhöhen, die mit ihrer körperlichen Herausforderung ihre eigene Dramatik entwickelten. Der Reiz solcher Torturen ist eigenwillig, denn nirgendwo erlebe ich Landschaften so hautnah. Früher bin ich gerne gewandert, aber beim Rennradfahren erlebe ich effektiv mehr. Der Radius ist größer. Die Erlebnislandschaften sind umfangreicher. Die Eindrücke vervielfachen sich im Überflug bis in Details hinein.

Was die Preußen als „Rheinisch Sibirien“ bezeichneten, sog ich mit allen Einblicken in mich hinein. Die Eifel galt als verlassener und dünn besiedelter Landstrich, wo die Zivilisation aufhörte. Noch bis ins 19. Jahrhundert gab es Mißernten und Hungersnöte. Deprimiert, suchten und fanden die Eifelbewohner anderswo ein besseres Leben.

„Ein Zug der Eifelberge ist vorzüglich charakteristisch. Dies ist eine Bergkette, die ungefähr sechs Stunden lang aus der Gegend von Münstereifel bis nach Nürburg und Kelberg sich fortzieht, im ganzen mit gerader Linie und in gleicher Höhe, nur dass da und dort aus dem eintönigen Grauwackenplateau das Erdfeuer den Basalt hervorgestoßen hat, der nun über dem dicht bewaldeten neptunischen Kamm in schwarzen, oft nackten Kuppen stolz emporragt.“ beschrieb der Romantiker Gottfried Kinkel seine Wanderungen durch die Eifel.

Nicht Basalt, sondern Schiefer prägte den Hausbau dieser Dörfer. Beachtliches Fachwerk mischte sich in die Straßen hinein. In Krälingen, dem nächste Dorf, erwartete mich eine Überraschung. Die Straße kraxelte den Berg hinab, und hinter einer scharfen Linkskurve schaute ich in den urigen Innenhof eines rotgestrichenen Fachwerkhauses, das zu einem Bistrot gehörte. Ich las „Alte Krähe“ und übertrug die französische Bistrot-Kultur mitten in die Eifel.

Ich folgte der Kreisstraße, bis ich nach mindestens zehn bis zwölf aufsehenerregenden Serpentinen das Sahrbachtal erreichte. Ich bedauerte andere Rennradfahrer, die die Serpentinen in umgekehrter Richtung bergaufwärts noch vor sich hatten.

Das Ziel Altenahr hatte ich nicht aus Sehnsucht oder Leidenschaft gewählt, sondern aus reiner Zweckmäßigkeit. Vom Tourismus überlaufen, hatte ich zu Altenahr nie eine Beziehung entwickelt.  Gemütliche Weinstuben vermisste ich, die schönen Abschnitte längs der Ahr begleiteten Fuß- und Wanderwege, aber keine Radwege. Unsystematisch häuften sich Kneipen längs der Hauptstraße, die bis zur Fertigstellung der Umgehungsstraße 1998 im Autoverkehr erstickt war.

Dabei verkörperte Altenahr durchaus den Inbegriff rheinischer Burgenromantik. 1121 erbaut, war die Burguine steinalt. Die Grafen von Are, die die Herren der Burg gleichen Namens waren, waren mit ihrem Wirken drei Jahrhunderte lang stets präsent. Münster oder Lüttich, Utrecht oder Köln: die Grafen hatten bedeutende Bischofsämter inne, darunter Konrad von Hochstaden von 1238 bis 1261als Erzbischof von Köln.


An der Gabelung der B266 und B267 fand ich ein Lokal, um Pause zu machen. Nach 50 Kilometern sackte ich platt auf meinem Stuhl zurück, denn die 32 Grad Außentemperatur lagen an der Grenze des Zumutbaren. Diesmal löschte ich den Durst mit zwei halben Liter Bitburger, während sich am Nebentisch eine Horde älterer Frauen versammelte und fleißig Kuchen in sich hinein stopfte.

Um Kräfte zu sammeln, hätte ich deutlich länger wie eine halbe Stunde ausruhen müssen. Die 30 Minuten mussten reichen, und anschließend kroch ich die Steigung zur Kalenborner Höhe hoch. Im Schneckentempo bewegte ich ich vorwärts, wohl wissend, dass hinter all den Kurven, Krümmungen und Biegungen neue Steigungen warteten. Rund 250 Höhenmeter musste ich abarbeiten. Ausgelaugt und kraftlos und in dem Pedalen hängend trottete ich an dem Ausflugslokal auf der Kalenborner Höhe vorbei. Weiter ging es diesmal über die B257 in die Ebene hinab, um unnütze Höhenmeter zu vermeiden.

Die Abfahrt war genial. Das Siebengebirge strotze vor Kraft und bäumte sich über der gewellten Hügellandschaft der Grafschaft auf.  Die Hügel des Ahrgebirges segelten an mir vorbei. Vor mir fixierte sich die Landschaft auf den geschwungenen Kirchturm der St. Walburgis-Kirche, der das Umland von Gelsdorf beherrschte.

Der Schlußakkord der Eifellandschaft nahte. Dem Rückenwind sei dank, dass ich ab Gelsdorf in der sanften Ebene daher glitt. Am Ende des Tages steckte mir die Tour heftig in den Knochen, denn Hitze und Durst hatten mich fertig gemacht. Und mit 90 Kilometern zählte diese Tour zu meinen längeren Radtouren.

Die Hitze vergaß ich schnell, denn zwei Tage später fühlte ich mich bei 16 Grad Außentemperatur mitten in den Herbst versetzt.

Kommentare:

  1. Ohne deinen wunderbaren Bericht von der Tour hätte ich gedacht, dass eine Tortur sein muss, bei dieser Hitze diese bergige Strecke zu fahren. Doch nachdem ich von deiner Begeisterung gelesen und die schönen Bilder gesehen habe, denke ich fast, es sei nachahmenswert. :-)))

    Respekt!

    lieben Gruß
    Brigitta

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  2. Wieder mal eine Wahnsinnstour die du gemacht hast, und danke dass wir dich wieder so lebhaft begleiten durften. Allerdings muss es ja doch auch ein wenig gefährlich sein bei solch einer Hitze. So denke ich immer an die Warnungen, also was man an solchen Tagen nicht unbedingt machen sollte ;-)

    Dennoch kann ich dich auch gut verstehen, so will man einfach diese Tage auch noch nutzen, denn wer weiß schon was der Herbst und auch Winter noch bringen wird. Da wird das Rad noch lange genug wieder in der Garage stehen^^

    Wünsche dir einen schönen Tag und sende liebe Grüssle

    Nova

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  3. ja, du liebst es Fahrrad zu fahren und ich find toll wie du davon berichtest und deine Bilder dazu!
    Jetzt hoffe ich dass noch so manches mal Im Herbst die Sonne raus kommt und wir eine schöne Fahrradtour machen können auch wenns kühler ist!

    Lieben Gruss Elke

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  4. Uff, lieber Dieter, jetzt bin ich ganz schön erschöpft durch all die Strampelei bei der Hitze! Aber durch eine schöne Gegend hast du uns geführt - wundervolle Fachwerkhäuser und auch die uralte Burgruine sieht gut aus! Hier war es am Sa. zum Glück auch warm (ich glaube, knapp an die 30 Grad) und windstill, und das war gut so, denn wir haben ganztags Oltimer durch eine Rallye begleitet. War TOLL! So. kam dann heftiger Wind, gestern teilweise Regen, heute heftiger Wind - und ab morgen soll es bei uns auch so richtig Herbst werden...
    Einen schönen Abend wünsch ich dir & deinen 2- und 4-beinigen Lieben noch! (Habt ihr die Katzen aus dem Tierheim?)
    Herzlichst Traude

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  5. Lieber Dieteer,
    das war wieder eine wundervolle Tour.
    Allerdings beneide ich dich um die Strapazen nicht.
    Danke für die tolle Beschreibung.
    Einen schönen Restabend wünscht Dir
    Irmi

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  6. Das hört sich ja wieder nach einer tollen Radtour an, die du gemacht hast und wunderschön beschrieben.:-)
    Ich glaube, nach zwei halben Litern Bitburger hätte man mich nicht wieder auf ein Rad gebracht. *g*

    Liebe Grüße und gute Nacht
    Christa

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  7. Tatsächlich, im 'Durchflug' sieht man sicher die unterschiedlichsten Landschaftsbilder. Aber ich bin immer noch der Meinung, dass man beim Wandern die meisten Details seiht: Insekten, Blumen, überhaupt Tiere, Holz, Steine, ...

    Altenahr - da hatte ich auch immer Vorurteile. Aber seit die Umgehungsstraße fertig ist, beginnt es, sich zu wandeln. Unter den Reihen von Restaurants und Kneipen gibt's auch hier und da ein Perlchen, z.B. Assenmacher, familiär geführt, sehr gute Küche (der Juniorchef) und eine schöne Terrasse nach hinten raus. --- An der Ahr waren wir dieses Jahr noch gar nicht.
    (Ich verlinke mal mein anderes Blog)

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  8. Hallo Dieter,
    waren die Straßen wirklich so einsam wie auf den Fotos?
    Dann macht das natürlich Spaß.
    Das scheint wirklich eine schöne Gegend zu sein.
    VG
    Elke

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  9. Ich bewundere dich..soviel Sportlichkeit, ich würde vom Fahrrad kippen -lach-
    Wie immer superschön erzählt, man denkt man ist dabei gewesen.
    Danke für diesen Ausflug!

    LG, Michaela

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  10. Das klingt und sieht anstrengend aus... also Siebengebirge ist doch ganz schön bergig. Tolle Bilder, mein Herz schlägt aber am meisten für die interessante Burgruine.

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