Donnerstag, 26. September 2013

Städte im Rheinland (2) - St. Augustin


Hinter der Bezeichnung der Straßenbahnhaltestelle wittere ich einen handfesten Betrug. Mit „St. Augustin Markt“ verbinde ich einen Marktplatz mit ansehnlichen Bürgerhäusern. Das Stadtleben sollte dort pulsieren. Ein Rathaus und eine Kirche – mindestens im Stil der Gotik. Doch von all diesen Vorstellungen und Phantasien finde ich nichts, wenn ich die Straßenbahn verlasse.

Rasch stelle ich fest, dass die wahre Attraktion das Einkaufszentrum „HUMA“ ist. Die sagenhafte 30.000 Quadratmeter Einkaufsfläche sprengen den Gesamteindruck. Parkplätze ufern aus. „Auf Wiedersehen“: mit diesem Schild werden die Kunden freundlich verabschiedet, wenn sie den Parkplatz verlassen. Doch so viel Freundlichkeit suche ich jenseits der Einkaufsmeile vergeblich. St. Augustin ist keine Stadt zum Hinsehen. Man kann sich in diese Stadt nicht verlieben. Genau so kenne ich ansonsten St. Augustin: hinfahren, einkaufen, wieder weg, im Tempo des Autofahrens rauscht die Stadt vorbei.

St. Augustin, diese Stadt zwischen Bonn und Siegburg, ist ein künstliches Gebilde, das die kommunale Neuordnung 1969 aus acht Gemeinden geschaffen hat. Und egal, wohin ich schreite, ich stochere in diesem künstlichen Gebilde herum. St. Augustin ist eine Stadt aus der Retorte, die auf der grünen Wiese zusammengewürfelt worden ist. Und ich bin überrascht, dass es ihn sogar gibt, diesen Markt, sozusagen auf dem Hinterhof des Einkaufszentrums. Peer Steinbrück stiert auf seinem Wahlplakat in die Leere des Platzes hinein. Das Wesen dieses Platzes begreife ich an dessen Rand: er ist absolutes Mittelmaß, so wie die Poller aus Eisen, die ihn abgrenzen. Die regen Stunden in der Eckkneipe lassen noch auf sich warten. Das ist von 18 bis 20 Uhr, denn dann gibt es Cocktails zum halben Preis.

Ordnungsamt, Stadtbücherei, Konrad-Adenauer-Stiftung, Hotel Regina, Techno-Park: schnörkellos reihen sich die Bürobauten aneinander, auf dem Mittelstreifen der Straße rappelt sich ein bißchen Grün zusammen. Ich wundere mich, dass sich an den Fassaden aus Beton noch keine Graffiti-Sprayer ausgetobt haben.

In der Nähe zu Bonn, ist St. Augustin mit seinen 54.000 Einwohnern geradezu explodiert. Stadtteile wie Niederpleis oder Menden sind durchaus homogen gewachsen. Dass sich der Ort St. Augustin erst relativ spät bildete, daran ist zum Teil die gute deutsche Bürokratie Schuld. 1894 hatte Xaver Henroset an der Elektrischen Bahn von Bonn nach Siegburg ein Haus gebaut. An einer Straßenkreuzung, die mit Pferdefuhrwerken viel befahren war, wollte er eine Gaststätte eröffnen. Die Kreisverwaltung meinte, sie könne nicht kontrollieren, ob den Fuhrmännern zuviel Schnaps ausgeschenkt würde. Daher verweigerte sie die Genehmigung. Xaver Henroset schaltete einen Anwalt ein und sammelte Unterschriften, doch die Bürokraten in der Kreisverwaltung ließen sich nicht beeindrucken. Das änderte sich erst 1904, als sie in der Nähe die Genehmigung für ein Kaffeehaus erteilten. In diesem Zug bekam auch Xaver Henroset seine lang ersehnte Genehmigung. Es war die Gaststätte, aber auch das Kloster, um den sich so etwas wie einen alter Ortskern von St. Augustin formierte.


Auch hier hatte der Staat etwas gegen die Klostergründung. Dem Staat war das Kloster suspekt, weil dort Theologie-Studenten zu Missionaren ausgebildet werden sollten, die dann in die ganze Welt geschickt wurden. Im Zeitalter des Imperialismus betrachtete das Deutsche Reich solche Ordensaktivitäten als kritisch, da dies den weltpolitischen Interessen zuwider laufen konnte. 1913 erteilte schließlich die Bezirksregierung eine Genehmigung für einen Klosterbau von maximal 15 erholungsbedürftigen Ordensangehörige, deren Gesundheit in den Tropen gelitten hatte. Mit dem ersten Weltkrieg wurde die Begrenzung der Ordensaktivitäten hinfällig. Heute befindet sich ein Priesterseminar im Kloster St. Augustin. Natürlich haben die Missionare der Stadt ihren Namen vererbt. Die Klosteranlage wirkt inmitten der Aufbruchstimmung der Stadt St. Augustin befremdend und überladen.

Die Stadt begreift sich als Wissenschaftsstandort. Die Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung, die mittlerweile vom Fraunhofer-Institut übernommen wurde, hatte dort seit 1968 Fuß gefaßt. 1995 wurde im Rahmen des Bonn-Berlin-Beschlusses die Fachhochschule Rhein-Sieg neu gebaut. Technologieparks und Gründerzentren wuchern in die Peripherie hinein.

Das Denken wird in St. Augustin zum Stilbruch. Einer der berühmtesten Denker der Spätantike – der Heilige Augustin – hat der Stadt ihren Namen gegeben. Doch die Gegenwart dieses Theologen und Philosophen, der von 354 bis 430 in Nordafrika gelebt hat, spürt man nicht. Die Abgeschiedenheit und die Kontemplation, in der der Heilige Augustin lange Zeit gelebt hatte, geht in diesem künstlichen Gebilde der Stadt unter. St. Augustin wuchert. 1968 wurde die Gaststätte von Xaver Henroset platt gemacht, die einst einhundert Meter freies Feld vom Kloster trennten. Den Notwendigkeiten einer größeren Straßenkreuzung musste sie weichen.

Ich bahne mir den Weg durch die Wissenschaftsstadt St. Augustin. Mathematik stößt auf Philosophie, die Naturwissenschaften auf Theologie. Die Wissenschaft findet zwischen all den Baukörpern aus Glas, Metall und Beton keine Ordnung. In den Freiflächen wuchert Unkraut. Bauzäune verrammeln das Areal. Für ein Haus mit heruntergelassenen Rolläden hat die letzte Stunde geschlagen, bevor es demnächst abgerissen wird.

In diese Tristesse lächelt an einem Zaun auf einem Plakat ein hübsches Frauengesicht hinein. In wenigen Tagen wird ein neues Frauen-Fitness-Studio eröffnet. Das Lächeln der Mittzwanzigerin überstrahlt alles.



Kommentare:

  1. Ein sehr schön und informativ formulierter Beitrag. Danke dafür. Gerade auch den historischen Bezug finde ich interessant.

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  2. Ach du meine Güte. Das sieht wirklich nicht einladend aus. Wie gut, dass ich deinen Eintrag hier gelesen habe, sonst hätte ich weiterhin gedacht, dass ich mir St. Augustin mal ansehen muss. Der Name klingt so schön und ist ja nicht weit weg.
    Aber so ist es wohl vielerorts. Die Einwohner orientieren sich arbeitsmäßig und "überhaupt" nach Bonn ... und selbst das ist ja auch nicht mehr das, was es mal war ...

    lieben Gruß
    Brigitta

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  3. Vor jahren empfand ich den ort schon als "seelenlos".
    Im HUMA versuchte sich ein optimistischer mensch, sonntags einen kunsthandwerker-markt "auf den weg zu bringen" an dem ich auf einladung (mit spinnrad) teilnahm.
    Weiß nicht, ob's nun an der "super-markt-plattform" lag, die spärlichen besucher feilschten um rabatt, mäkelten rum, etc.
    Nun, meine teilnahme, so beschloß ich damals, sollte ein einmaliger "ausrutscher" gewesen sein. ;)

    Pardon, DAS fiel mir beim lesen eben zu St. Augustin ein ....

    Wieder sehr gut u. interessant, Dein bericht, danke!

    Sonnige grüße
    Bine

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  4. Hallo Dieter, irgendwie eine merkwürdige Stadt ohne Ausstrahlung. Schön das du sie mal beschrieben hast. Persönlich war ich nocht nicht dort, bin wohl schon mal daran vorbei gefahren.

    Liebe Grüße
    Angelika

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  5. Dazu fällt mir ein: " Oh Du lieber Augustin, alles ist hin". Dieser Stadt sieht man die Lustlosigkeit an. Wer schwingt denn hier das Stadtzepter? Ich hoffe der Ort ist kein Abbild der psychischen Verfassung der Leute "am Ruder". Schmucklose Dutzendbauten, die bei grauem Wetter Verstimmungen hervorrufen können sind kein Aushängeschild. Schade bei dem schönen Namen.

    Gruß
    Beate

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  6. St. Augustin verbinde ich seit zig Jahren nur mit HUMA. War soweit ich mich erinnern kann, das erste große Einkaufszentrum in dieser Umgebung überhaupt.
    Danke für den Bericht.
    Gruß vonner Grete

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  7. Eine gute Beschreibung, diese Stadt kennenzulernen.
    Wieder ganz toll recherchiert.
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

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  8. *räusper*

    Die Beschreibung passt sehr gut zum "Ortskern" (oder wie auch immer man das Areal rund um das Rathaus und das HUMA-Einkaufszentrum nennen möchte).

    Aber: Sankt Augustin hat auch echt schöne Ecken zu bieten. Eigentlich haben alle anderen Ortsteile ihren eigenen Charme - so wie sie halt ursprünglich mal alle als eigenständige Dörfer gewachsen sind...

    Es gibt immernoch viele Waldstücke und auch die Siegauen sind hier zu erwähnen. Die komplette Nordgrenze von Sankt Augustin ist die Sieg - viele Kilometer schöne Radwege, die ich als Kind oft mit meinem Papa unsicher gemacht habe.

    Ihm wohl auf ewig unvergessen: klein Töchterlein liebte die Serie Doctor Snuggles. Eines Tages radelten wir mal wieder durch die Siegauen und trafen einen damals bereits recht bekannten Mann, der eine frappierende Ähnlichkeit mit der von mir so heiß geliebten Zeichentrickfigur besaß. Das musste selbstverständlich sofort, unverzüglich und laut rufend dem Herrn Papa mitgeteilt werden: PAPA! PAPA! GUCK MAL! DA IST DOCTOR SNUGGLES!!!
    Mein armer Papa zog in Erwartung eines Donnerwetters den Kopf gaaanz tief zwischen seine Schultern. Doch konnte er sich rasch wieder entspannen, denn die Ähnlichkeit kann man bis heute definitiv nicht abstreiten, was die Kinder des Herrn ebenfalls lautstark feststellten. Klein Töchterlein wurde seitens des bekannten Herrn für ihre Beobachtungsgabe gelobt - was ich zur damaligen Zeit nicht wirklich verstand, war aber glücklich darüber, dass ich Doctor Snuggles persönlich sehen durfte. :-D

    Kleine Quizfrage: wen meine ich mit dem "bekannten Herrn"? ;-)

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  9. Ich habe zuerst gedacht es läge an dem Wetter das es nicht so einladend aussieht, aber wie du es beschreibst scheint es ja wahrlich am ganzen Ort zu liegen.

    Vielleicht hinfahren, anschauen und nicht unbedingt wiederkommen ;-)

    Liebe Grüsse

    Nova

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  10. Ich glaube, du beschreibst Sankt Augustin sehr treffend Dieter. Ich verbinde mit diesem Namen eigentlich auch nur den Huma und seine Umgebung ... ansehnlich ist anders ;-)

    LG Frauke

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