Freitag, 27. September 2013

mit dem Rennrad über die Margaretenhöhe nach Hennef

Der Temperaturgegensatz war krass. Vor drei Wochen war ich das letzte Mal Rennrad gefahren. Nun hatte sich die Temperatur halbiert, von 32 Grad auf 16 Grad. Um die Mittagszeit hatte Nieselregen die Sonne verscheucht. Der Himmel war aufgerissen, aber ein Hauch von Herbst hing in der Luft. Zaghaft waren Blätter auf den Fahrradweg gerieselt. Das Kratzen in meinem Hals bekam ich nicht richtig zugeordnet, ob es eine nahende Erkältung war oder ob sie unerkannt vorbei schlich.

In diesem Jahr hatte ich gezögert, über die Margarethenhöhe zu radeln. Der Schwierigkeitsgrad und der Höhenunterschied machten die Tour zu einer Art von Königsklasse. Doch der starke Autoverkehr hatte mich verleitet, die Tour ständig nach hinten zu schieben. Quer durchs Siebengebirge, war mehr als der viertkleinste Gang nicht drin. 250 Meter Höhenunterschied auf 5 Kilometern musste ich schaffen. „Achtung Wildwechsel“, mit diesen Schildern wurden die Autofahrer wach gerüttelt.

Ich quälte mich hoch. Dabei war die besondere Herausforderung, dass bis zur Passhöhe die Steigung nochmals auf 8% anzog. Platt und erschöpft kam ich auf der Margaretenhöhe an, die übrigens vom Margaretenkreuz und der Heiligen Margarethe ihren Namen erhielt. Die Heilige Margarethe lag auf einem mittelalterlichen Pilgerweg zum Petersberg.

Auf der Höhe verzweigte sich ein umfangreiches Wanderwegenetz, das am Wochenende Scharen von Wanderern anzog. Die höchsten Erhebungen des Siebengebirges lagen ganz in der Nähe, darunter der Ölberg mit seinen 460 Metern Höhe oder die Löwenburg mit 455 Metern Höhe.

Nachdem ich die Heilige Margarethe erreicht hatte, bretterte ich im Eiltempo die 8% Gefälle hinunter. Waldgebiete zischten vorbei. In Windeseile erreichte ich Ittenbach. Der kleine Ort mit 3.000 Einwohnern war ein weiteres Beispiel dafür, wie schlecht ich meine Heimat kannte. Von der Hauptstraße bog ich ab zu dem kleinen und feinen Ortskern. Solche Häuser, die aus mausgrauen Steinquadern gemauert waren, hatte ich kaum irgendwo im Siebengebirge entdeckt, geschweige denn sonstwo in unserer Umgebung. Mit diesem grauen und massiven Eindruck fühlte ich mich mitten in die Vulkaneifel versetzt. Das war durchaus logisch, denn auch das Siebengebirge war aus erloschenen Vulkanen entstanden. Die Grautöne fügten sich harmonisch zusammen. Das Eiscafé war sogar gut besucht und die Tische drängelten sich in den verkehrsberuhigten Ortskern.

Ich schwenkte zurück zu der Hauptstraße, die zielstrebig auf die Autobahnauffahrt zusteuerte. In der Mitte des Kreisverkehrs klotzte eine großspurige Skulptur aus Eisen. Noch angeberischer wuchs das Logo von Mc Donald’s in die Höhe. Ich wurstelte mich über den miserablen Zustand des Fahrradwegs, der aus aneinandergefügten Betonplatten bestand. Manche Kanten standen über, so dass ich bergabwärts ruckartig über die Betonplatten donnerte. Das war nicht nur unverschämt, sondern sogar gefährlich.

Längs der geradlinigen Straße gruppierten sich zuerst Industriegebiete, dann wurde die doch meine Aufmerksamkeit angezogen, denn ab Oberpleis raste die Straße mit 9% Gefälle ins Pleistal hinab. Ich ließ mich im Tal daher gleiten, bis nach Pleiserhohn der nächste Berg auf mich wartete. Das war unspektakulär, denn die 120 Höhenmeter hielten sich in Grenzen gegenüber den anderen Steigungen, die mich in den letzten Monaten geschafft hatten. Locker trabte ich die Höhe hinauf. Ich genoß das Siebengebirge, um das ich einen weiten Bogen geschlagen hatte. Ich schleppte mich die Steigung hoch, das Blickfeld öffnete sich. Die Buckel des Siebengebirges bauschten sich auf, sie griffen in den erstarrten Himmel hinein und schienen in der Ferne unüberwindlich. Hinter dem Ortsausgang von Pleiserhohn entfernte sich das Siebengebirge. Die Berge schrumpften in meinem Rücken zusammen, die Steigung öffnete neue Horizonte, ich ließ mich auf der Höhe treiben. Mein Blick fiel hinab in das Siegtal, wo ich die Struktur, wo welche Seitentäler in das Siegtal flossen, nicht richtig durchschaute.

Söven, ein Golfplatz, die Sportschule Hennef, die rassige Abfahrt der Landstraße endete in Geistingen, dem ältesten Ortsteil der Stadt Hennef. Das Zusammenspiel zwischen Hennef und Geistingen bekam ich langsam einsortiert. Bis 1935 war Geistingen eigenständig mit eingemeindeten Ortsteilen wie Blankenberg. 1935 wurden alles nach Hennef zurück eingemeindet. Der 8. März 1945 hatte von Geistingen nichts mehr übrig gelassen, als ein Luftangriff den Ort komplett zerstörte.

Ich mache einen Abstecher in das Zentrum von Hennef. Die Bahnlinie vollzog eine klare Trennung von Hennef und Geistingen. Das Zentrum oder die Fußgängerzone war keine Augenweide, doch die Ausgangssituation war in Hennef anders. Hennef besaß keinen Marktplatz, sondern das Stadtleben entfaltete sich entlang der Frankfurter Straße, die, wie ihr Name vermuten ließ, eine alte Handelsstraße zum weit entfernten Frankfurt war. 1969 wurde Hennef Stadt. Alle wollten ein Zentrum, weil sich längs der Frankfurter Straße kein Kristallisationspunkt des Geschäftslebens ausmachen ließ. Eine Büromöbelfabrik, die auf dem Areal der heutigen Fußgängerzone stand, war Pleite gegangen und gab ihre Produktion auf. Das Zentrum von Hennef war eine Vernunftentscheidung. Ob andere Architekten hübschere Stilformen zustande gebracht hätten, darüber läßt sich trefflich streiten. Es ist ein wenig wie in der modernen Kunst: alles ist nüchtern, kalt, sachlich, schnörkellos, Minimalismus in den Formen, ohne Verzierungen. 

Ich ließ mich nicht abstoßen von diesem einfallslosen Bild dieser Stadt und drehte zurück. Vielleicht sollte ich wirklich nicht in den Kern hinein schauen, sondern an den Rand. Dort war Hennef sehr hübsch. Aus meiner Perspektive als Rennradfahrer.

Kommentare:

  1. Da hast du wieder ein tolle Tour gemacht Dieter und Interssantes zu berichten. Das Siebengebirge ist schön, ich war dort schon einige male, wohl nicht mit dem Rad....

    Liebe Wochenendgrüße
    Angelika

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  2. Dieter,
    wow, das war wieder eine anschauliche "Strapazenschilderung" verbunden mit viel
    Wissenswertem. Danke dafür.
    Einen sonnigen Samstag wünscht dir
    Irmi

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  3. Ich sag doch...die Feeder spinnen, so hab ich diesen Post auch erst heute bei mir auf dem Dashboard :-(((

    War ja wieder eine heftige Tour, und du wirst lachen....immer wenn ich die Radler hier sehe, dann muss ich sofort an dich denken^^ Ich bewundere es nach wie vor mit welcher Leichtigkeit solche Höhenunterschiede bewältigt werden.

    Liebe Grüsse

    Nova

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  4. Hallo!
    Du bist wirklich fit! Gerade wenn ich an dein Alter denke. Wie viele Männer hocken mit ihrem Bierbauch vor dem TV ...
    Das ist wieder ein interessanter Post von einer beachtlichen Radtour.
    Grüssle zum Sonntag, Wieczora (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  5. Wow, Tour klingt wieder sehr interessant. Auch wenn ich bei solchem Wetter eher meinem Tee und meinem Sofa Gesellschaft leiste :-).

    LG!

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