Montag, 17. Juni 2013

Braunkohletagebau

Aussichtspunkt Garzweiler II
Die Zeitrechnung geschieht nicht in Jahrzehnten oder Jahrhunderten, sondern liegt jenseits aller Vorstellung. Vor zehn Millionen Jahren formte sich die Braunkohle. Die Dinosaurier waren längst ausgestorben. Bis der Mensch, der Homo sapiens, die Erde betrat, sollten noch weitere neun Millionen Jahre vergehen. Vor diesen 10 Millionen Jahren war die Niederrheinische Bucht purer Urwald, undurchdringlich. Sträucher, Farne, Schling-, Moorpflanzen, Birken, Weiden, Lorbeerbäume, das waren die Rohstoffe, aus denen sich Millionen Jahre später die Braunkohle bilden sollte.

Braunkohle, dieses Konglomerat aus Wasser, Holz und Pflanzen war Jahrhunderte lang ein Mittelding zwischen Torf und Steinkohle. Anfangs hieß dieses Mittelding Torf, es war mit einem Wassergehalt von bis zu 60% zum Heizen ungeeignet und fristete ein Schattendasein neben der Steinkohle. Erst 1816 bildeten die Preußischen Bergbehörden die Wortschöpfung „Braunkohle“, um dieses Mittelding vom Torf unterscheiden zu können. Torf, braune Farbe, Kohleflöze, die Preußen machten daraus Braunkohle. Im 19. Jahrhundert grub man sich mit Spaten und Spitzhacken in riesige Gruben hinein, man karrte mit Schubkarren oder Loren die Kohle an den Grubenrand, der Transport in Kiepen über Leitern an die Erdoberfläche muss eine Qual gewesen sein. Wasser wurde herausgepresst, eimergroße Klumpen wurden an der Luft getrocknet. Das waren Klütten, Vorläufer der Briketts, die zum Ladenhüter verdammt waren.

Kraftwerk Niederaußem
Einen entscheidenden Impuls erhielt die Braunkohle mit der Besetzung des Rheinlandes 1923, die auch das Ruhrgebiet umfasste. Steinkohle musste als Reparationszahlungen an die Alliierten Siegermächte des 1. Weltkriegs geliefert werden. Da die Steinkohle für den Eigenverbrauch wegfiel, wurde sie durch Braunkohle ersetzt. Gleichzeitig wurden Spezialmaschinen entwickelt, die sich individuell an die Grube anpassen konnten. Raupenbagger, Eimerkettenbagger oder Portalbagger förderten höhere Kohlemengen und ersetzten die menschliche Knochenarbeit.

Die ersten Tagebaue entstanden dort, wo ungefähr die Römer auf Braunkohle gestoßen waren. So berichtete Tacitus, dass beim Bau der römischen Wasserleitung vor der Römerstadt Köln ein Kohlebrand entstand. Dem Verlauf der Wasserleitung nach zu urteilen, muss dies ungefähr auf der Höhe der heutigen Stadt Frechen geschehen sein.

Dass ganze Dörfer weggebaggert wurden und dass Menschen umgesiedelt werden mussten, diese Planspiele wurden erstmals 1926 gedacht. Der Höhenrücken der Ville zwischen Brühl, Frechen, Hürth und Erftstadt war vorherbestimmt für den Abbau als Tagebau, da die bis zu fünfzig Meter dicken Kohleflöze dicht unter der Erdoberfläche lagen. 1926 beschloss der der rheinische Provinziallandtag einen Abbauplan, dass Berrenrath, heute zu Hürth gehörend, dem Tagebau weichen sollte. Diese Pläne sollten von der Geschichte überholt werden. Die Besetzung des Rheinlandes wurde aufgehoben. Das Ruhrgebiet produzierte wieder Steinkohle im Überfluss. Die Förderung der Braunkohle wurde gedrosselt.

Quelle: Angelika "Dies und Das" *
Das Schicksal von Berrenrath war aber nicht aufgehoben, sondern aufgeschoben. Rund dreißig Jahre später traf es Berrenrath, das war in der Nachkriegszeit. In den 50er Jahren überholte die Braunkohle die Steinkohle mit ihrem Kostenvorteil. Die Spezialbagger drangen in neue Abbaudimensionen vor, die Braunkohle wurde direkt vom Abbaugebiet über Eisenbahntrassen oder Förderbänder in die Kraftwerke transportiert, es wurden neue Verfahren zur Entwässerung und Trocknung der Braunkohle entwickelt. Während Zechen im Ruhrgebiet dicht machten, wurde der Braunkohletagebau ausgeweitet.

1952 wurde im Gesamtplan des rheinischen Braunkohlegebiets die Umsiedlung von Berrenrath beschlossen. Dies war erste größere umgesiedelte Ort. Weitere Orte folgten: Kerpen-Mödrath, Kerpen-Brüggen, Frechen-Benzalrath, Frechen-Habbelrath, Frechen-Grefrath, das waren die nächsten Orte in den 50er und 60er Jahren.

Garzweiler, dieses bedeutungsschwere Name des Tagebaus, der in höchste politischen Ebenen kursiert, kenne ich aus meiner eigenen Kindheit. Otzenrath, Garzweiler, Elfgen: die Autobahn A44 steckte noch nicht im Planungsstadium, da fuhren unsere Eltern auf der alten Bundesstraße 1, die es längst nicht mehr gibt, von Jackerath über Otzenrath, Garzweiler, Elfgen und Grevenbroich, das außerhalb des Braunkohletagebaus liegt, über die Bundesstraße 59 nach Köln in den Zoo. Westlich von Köln hatte der Braunkohletagebau seinen Ursprung genommen, er fraß sich nach Nordwesten in die Niederrheinische Bucht hinein, verschlang Dorf um Dorf und speiste Kraftwerke, dem Produktionsausstoß aus der apokalyptischen Mondlandschaft des Tagebaus. Bagger fressen, Kohlewaggons transportieren ihre Last, Kraftwerke verheizen. Dabei entsteht sogar ein Stück Umweltfreundlichkeit, denn mit der Abwärme der Kraftwerke werden Tausende von Haushalten in Köln und Umgebung beheizt. Otzenrath, Garzweiler, Elfgen, diese Orte sind in den 2000er Jahren allesamt weggebaggert worden.

Immerather Dom
Quelle: Angelika "Dies und Das" *
„Ja zur Heimat – Stopp Rheinbraun“ diese Schilder sprießen überall dort, wo Menschen umgesiedelt werden müssen. Das ist natürlich traurig. Solch einen Heimatverlust stelle ich mir schrecklich vor. Zumal ich mit Dörfern wie Borschemich, Immerath, Kuckum oder Keyenberg so manche Erinnerung verbinde. Wegziehen, ein Umzug mit all seinen Beschwerlichkeiten, sich neu orientieren müssen, neue Nachbarn, nichts aus der Vergangenheit gewachsenes, neu aufzubauendes Vereinsleben, ich teile die Sorgen der Betroffenen in vollem Umfang. Der Immerather Dom, 1888 erbaut, mit seiner kollossalen Größe zum Monument gewachsen, wird einfach mal weggebaggert.

Barbarei ? Garzweiler II, dieser Tagebau rund fünfzehn Kilometer südlich von Mönchengladbach, sprengt so manche Größenordnung und so manches wird einfach mal weggebaggert. 1995 von der rot-grünen Landesregierung NRW beschlossen, markierte der Ort Garzweiler mit dem alten Trassenverlauf der Autobahn A44 die Grenze des Tagebaus. Bis Garzweiler war der Tagebau beschlossen und genehmigt. Westlich von Garzweiler musste das Genehmigungsverfahren durch das Bergamt Düren neu durchlaufen werden – daher Garzweiler II.

Dieser Braunkohletagebau stößt in neue Größenordnungen vor, da Sandschichten im geologischen Profil eingelagert sind. In diesem unvorstellbar langen Zeitraum von zehn Millionen Jahren lag die Nordsee näher, so dass sich genauso Schichten aus Muschelkalk dazu gesellen. Dies führt dazu, dass sich das Verhältnis von Abraum zu Kohle verschlechtert. Während bei Frechen oder Hürth noch zwei Einheiten Abraum auf eine Einheit Kohle kamen, verschlechtert sich dieses Verhältnis in Garzweiler II auf 4,6 zu eins. Zudem liegen die Kohleflöze tiefer, nämlich erst in rund 200 Metern Tiefe. Daher muss breiter, tiefer, gigantischer gebaggert werden.

Technisch ist das kein Problem. Schnell finden sich Ingenieure, die größere Bagger mit größerer Abbauleistung bauen. Neben mehr Umsiedlungen führen größere Braunkohlelöcher dazu, dass die Mengen an Grundwasser steigen, die abgepumpt werden müssen. Wohlgemerkt: Trinkwasser stammt in dieser Gegend aus Grundwasser, das mit dem Braunkohletagebau unwiederbringlich verloren geht. Mit dem Abpumpen wird es einfach in Flüsse eingeleitet. Außerdem droht der Wasserhaushalt in den Feuchtgebieten am Niederrhein zu kippen. So trocknen beispielsweise Feuchtgebiete wie das Finkenberger Bruch am südlichen Stadrand von Mönchengladbach aus.

Quelle: Angelika "Dies und Das" *
„Ja zur Heimat - Stopp Rheinbraun“ – dies wird nun auch die Gerichte beschäftigen, denn ein einsamer Bewohner aus Immerath will nicht weichen. Er hat vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt und begründet dies mit dem Grundrecht nach Artikel 11 des Grundgesetzes auf Freizügigkeit. Dies widerspreche dem Allgemeinen Bergrecht aus dem Jahr 1937, wonach enteignet werden darf, wenn dies dem Allgemeinwohl dient. Vom Prinzip her ist dies dieselbe Begründung wie beim Bau von Autobahnen, ICE-Trassen oder Flughäfen. Also: wenn sich genügend Autofahrer, Bahnreisende, Fluggäste – oder Stromverbraucher – finden, gehen die Aussichten gegen Null, gegen den Stromriesen RWE anzukommen. Wobei es aber speziell in der Strombranche Überraschungssiege von Klein gegen Groß gegeben hat: so erklärten die Richter das Kernkraftwerk in Mülheim-Kärlich für rechtswidrig, dasselbe Überraschungsschicksal ereilte das Kohlekraftwerk in Datteln.

Nicht nur wegen des Atomausstiegs steckt die Strombranche in einem Dilemma: woher soll unser Strom kommen ? Spätestens nach dem Beinahe-Zusammenbruch unseres Stromnetzes in der Eiseskälte des Winters 2012 sind die Stromeinkäufer zu dem Ergebnis gekommen, dass wir über zu wenige Kraftwerke verfügen und dass Stromkapazitäten über mittelfristige Zeiträume erhöhbar sein müssen. Der Bau von Offshore-Windparks stockt, Gaskraftwerke sind keine in Sicht, der Ausbau von Solaranlagen soll zur Senkung des Strompreises gedrosselt werden. Also Braunkohle. Da wir keinen Atomstrom aus Frankreich oder Tschechien importieren wollen, können wir nicht anders.

Es sieht so aus, als müssten die Einwohner von insgesamt 14 Dörfern vor Erkelenz in den sauren Apfel beißen. Es muss jemanden geben, der die Opferrolle spielt. Niemand will ein Kernkraftwerk, einen Staudamm, eine Müllverbrennungsanlage oder einen Braunkohletagebau vor seiner Nase haben. Zumal wir alle zu Strom verbrauchenden Bequemlichkeiten neigen: Wäschetrockner anstelle Wäsche draußen aufhängen, Tiefkühlgerichte anstelle frische Zutaten, Elektrorasierer anstelle Nassrasur, diese Reihe lässt sich sehr lange fortführen.

Aussichtspunkt Garzweiler II
Was kommt nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes ? Entweder kann fleißig weggebaggert werden und die Energieversorgung über den heimischen Rohstoff Braunkohle ist bis Mitte des 21. Jahrhunderts gesichert. Oder ein einziger Bürger aus Immerath schafft es, das gesamte Energiekonzept in Deutschland zu kippen. Bundesweit ist die Braunkohle mit einem Anteil von 25% Spitzenreiter bei der Stromproduktion (davon stammen wiederum 2/3 aus rheinischen Braunkohletagebauen). Wodurch könnte die Braunkohle ersetzt werden ? Renaissance der Steinkohle ? Käme der Bau von Offshore-Windparks voran ? Atomstrom aus Frankreich ?

Den Bewohnern von Kerpen-Mödrath oder Hürth-Berrenrath würde solch ein Urteil jedenfalls nicht mehr weiterhelfen. Bis heute sind den Kreisen Aachen, Düren, Bergheim, Euskirchen und Neuss rund 70 Dörfer mit rund 35.000 Menschen umgesiedelt worden. Wer kann die Braunkohlebagger stoppen ?


p.S.:
herzlichen Dank an Angelika http://angelikadiesunddas.blogspot.de, dass ich Bilder aus ihrem Blog in diesem Post zeigen durfte

Kommentare:

  1. Ach ja mir läuft es eisekalt den Rücken runter, Dieter, wenn ich Deinen Beitrag lese. Wäre es keine gut Alternative die Stromnetze zu erweitern, damit der zuviel produzierte Strom auch aufgenommen werden kann? Wir haben Unmengen an Windräder, die oft still stehen müssen, weil keine Kapazitäten da sind.

    Ich bin selber nicht betroffen aber diese Massnahme die Menschen umzusiedeln, ganze Dörfer, mit Kirchen, Friedhöfen zu zerstören, das kann nicht richtig sein.
    Die Menschen verlieren alles, was ihr Leben ausmacht.

    Ich erinnere mich auch an die Alten Orte und Autobahn. Das Hin und Her bei Garzweiler 2, selbst Kückhove war ja im Gespräch, darauf sollte der Abraum gebracht werden.

    Ich habe die Orte besucht und es hat mich schwer bedrückt was ich da gesehen habe.

    Zumal jährlich viele hunderte Menschen an dieser Feinstaubbelastung des Abbaus und der Kohlekraftwerke sterben, über diese Berichte war ich entsetzt.

    Selbst Kulturdenmäler sind von Rheinbraun betroffen, durch die Zitadelle in Jülich geht ein Versatz von 50 cm und mit Federn wird versucht dieses aufzuhalten.

    Durch das Abziehen des Grundwassers haben nicht nur die Orte zu leiden, die weggebaggert werden sollen. Viele Kilometer weiter haben die Bäume kein Wasser mehr und ganze Baumalleen müssen gefällt werden, dadurch hat das Erdreich keinen Halt mehr und es kommt bei Starkregen zu Erdrutschen.

    Ein für und wider in allen Richtungen. Welche Alternative die richtige ist, ich bin mir nicht sicher, denke aber, wenn die Millionen, die Rheinbraun jährlich bekommt in erneuerbare Energie und Ausbau gesteckt würde, wären wir auf den richtigen Weg.

    Ich wünsche mir das der BUND und Immerather Bürger einen großen Stein ins Rollen gebracht hat, der gut endet und keine weiteren Orte mehr abgerissen wird.

    Liebe Grüße
    Angelika

    AntwortenLöschen
  2. Hallo (◠‿◠)
    Auch mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Angelika hatte ja auch schon mehrfach über diese Zerstörung ganzer Orte berichtet. Hoffen wir mal, dass es damit bald ein Ende hat.
    Danke für deinen cmt.: Die Alltäglichkeit siehst du vermutl eher in dem Supermarktregal, das in diesem Fall mit Alk gefüllt ist, als in dem Thema Alkohol selbst, denn du schreibst ja es sei ein Thema für sich. Bilder mit Trinksprüchen kannst du sehr viele im Netz finden, wenn du nach Gästebuchbildern und Akohol oder saufen googlest. Oder nach Gästebuchbildern, bzw. GB-Pics und auf den Seiten mit solchen Bildern dann auf die Rubrik Alkohol oder Party gehst.
    Ich wünsche Dir eine sonnige Woche, Wieczora (◔‿◔) | Mein Fotoblog

    AntwortenLöschen
  3. Wirklich eine gruselige Vorstellung, dass da ganze Dörfer umgesiedelt werden, wegen der Buddelei. Menschen um ihre Existenz gebracht, die Landschaft verschandelt, der Zweck heiligt heutzutage anscheinend immer noch die Mittel.

    Liebe Grüße,
    N.

    AntwortenLöschen
  4. Heute war auch in einem interessanten Beitrag auf WDR 5 ( Neugier genügt ) zum Thema "Wüstenbildung in Europa" davon die Rede, wie der Braunkohleabbau in der Nachbarschaft dazu beiträgt, fruchtbaren Mutterboden zu vernichten, der auch nicht mehr durch die Renaturierungsmaßnahmen geschaffen werden kann. Noch so ein Negativaspekt dieser ganzen Energiepolitik durch Rheinbraun...

    Ich wünsche dir viel Erfolg bei deiner speziellen Methode, die Hitze zu bekämpfen. Muss morgen unbedingt nach Bonn, einige unangenehme Dinge am Südfriedhof regeln. Da werde ich mal die Klimaanlage in meinem Auto nutzen ;-)
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Astrid
      Es muss erst der Grundwasserspiegel gesenkt werden, damit die Braunkohle abgebaut werden kann. Übeall stehen Pumpen, die das Wasser aus dem Boden ziehen, dadurch verlieren die Wurzeln ihren halt, die Bäume müssen gefällt werden und auch die Fruchtbarkeit der Äcker geht verloren. Was Rheinbraun hier macht, ich verstehen nicht, wie unsere Regierung das zulassen kann.

      Liebe Grüße
      Angelika

      Löschen
  5. Schöner Bericht, aber dass einzelne Dinosaurier vor 10 mio. Jahren noch lebten, entspricht evtl. nicht den bekannten Fakten. Nach wikipedia ist es mindestens 64,5 mio. Jahre her.

    AntwortenLöschen