Mittwoch, 30. Mai 2012

mit dem Rennrad über ein Stückchen Westerwald nach Eitorf

Die Temperaturen waren auf Hochtouren gekommen. Obschon kalendarisch noch Frühling herrschte, hatte der Sommer aufgedreht. Die Sonne ergoss ihre Wärme vom Himmel, Schäfchenwölkchen stachen weiße Farbtupfer hinein. Leichter, beschwingter kletterte ich hinter Oberpleis die Steigung hinauf. Das Bilderbuchwetter verlieh meiner Kondition einen zusätzlichen Schub.

Für meine Rennradtour hatte ich diesmal die rechtsrheinische Seite ausgewählt. Fernab von Königswinter, zerrannen weit auseinander liegende Dörfer am Rande des Siebengebirges. Eudenbach, auf der linken Seite des Höhenzuges hatte sich das Hanfbachtal tief in die Talsohle eingegraben. Mehrere Immobilien waren in Eudenbach zu verkaufen – ein Indiz dafür, dass ich in immer ländlichere Strukturen eindrang. Ein erneuter Anstieg, der bequem zu bewältigen war, eine langgezogene Linkskurve, ich tauchte in dichten Mischwald ein.

„Willkommen in Rheinland-Pfalz“ begrüßte mich auf dem Schild eine Familie mit offenen Armen. Ab hier lernte ich Neues kennen – den Westerwald. Es war kurze Stippvisite von etwa 10 km, bis ich wieder nach NRW zurückkehrte. Der Westerwald – auf diesem Höhenzug entfaltete er nicht dieses rassige Temperament, das ich von der Eifel kannte. Der Höhenzug buckelte sich gemächlich, leicht und behände bewegte ich mich über die Hügel. Ich radelte an merkwürdig klingenden Ortsnamen vorbei: Muß, Diepenseifen, Oberelles, Krummenast, dabei dachte ich an Harry Potter, eine fremde Welt aus Fabelwesen, Zauberern oder Hexerei. Nicht irreal, sondern stabil schraubte sich in diese Landschaft der weiße Kirchturm von Buchholz hinein, der die Weite der Landschaft überstrahlte.

Der Anstieg zur B8 war etwas heftiger, dann stürzte die Straße ins Tal Richtung Eitorf hinab. Die Kurve drehte sich immer enger ins Tal, ich musste höllisch aufs Tempo achten, ich bremste ab und schoß immer noch den Berg hinunter. In diesem Moment höchster Konzentration erlebte ich etwas, das mich den Atem anhalten ließ. Die Kurve drehte sich in die andere Richtung zurück, und mit diesem irren Tempo von mehr wie 50 km/h war ich mir ständig der Gefahren bewusst, diese Geschwindigkeit noch kontrollieren zu können.

Es war wie ein Geschoß. Hinter mir kommend, heulten Motoren auf, der Lärm zischte über die Straße hinweg. Wie im Tiefflug, überholten mich zwei Motorradfahrer. Sie neigten sich so tief, dass sie in der Kurve fast den Boden berührten, und sie waren so schnell wieder verschwunden, dass ich sie kaum gesehen hatte. Das waren Wahnsinnige ! Und das war kein Einzelfall: in Mittelgebirgsregionen waren mir des öfteren solche lebensmüden Motorradfahrer begegnet, die kurvenreiche Straßen mit dem Nürburgring oder anderen Rennstrecken verwechselten. Lieber klebten sie am nächsten Baum als dass sie gesund und wohlbehalten zu Hause ankommen wollten.

Die Motorradfahrer hatten die Idylle empfindlich gestört, denn die Abfahrt nach Eitorf ins Siegtal war traumhaft schön. Kurven schlängelten sich ins Tal hinab, ich brauchte kaum zu treten, der Wald spannte ein Dach über die Straße und spendete angenehmen Schatten.

Pause in Eitorf. Eitorf war eigentlich kein Ziel für eine Radtour, denn es gab dort nichts nennenswertes zu sehen. Der Ort verschwand in seiner Ausdruckslosigkeit. Der Marktplatz war mit Zweckbauten hastig dahin geklatscht, es gab keine gewachsene, alte Substanz. Und heute kam dazu, dass das einzige Lokal am Marktplatz – das sogar Biker herzlich willkommen hieß – geschlossen war. Ausdruckslosigkeit und Perspektivlosigkeit – das war das Bild, das Eitorf in der Arbeitslosenstatistik abgab, denn Eitorf war so etwas wie die Armenregion des Rhein-Sieg-Kreises. Schoeller Wolle – ein alteingesessenes Unternehmen aus dem 19. JH hatte in den 90er Jahren Konkurs angemeldet. In den 2000er Jahren folgte BOGE. Der größte Arbeitgeber wurde aufgekauft und die Stoßdämpferproduktion schrumpfte bis auf einen mickrigen Rest zusammen.

Wohin ? Ich beschloss, das Siegtal ein Stück weiter zu fahren. Da ich mit Imbißbuden keine schlechten Erfahrungen gesammelt hatte, legte ich dort eine Pause ein. Beschaulich war dieser Standort überhaupt nicht, denn Autos brausten ständig auf der Hauptstraße vorbei, und die Bahnlinie war nur einen Steinwurf entfernt.

„Haben Sie Weizenbier ?“
„Nein.“
„Etwas anderes leckeres kühles ?“
„Bitburger.“
„Her damit …“

An dem Stehtisch machte ich es mir gemütlich. Ich goß die 0,33 l-Flasche ins Glas. Die Dame von der Imbißbude hatte Recht, denn das Bier war optimal gekühlt. Ich trank einen ausgiebigen Schluck, das erfrischende und prickelnde Gefühl wirkte nachhaltig, ich fühlte mich wie neu geboren. Mit drei Flaschen kühlte ich meinen Körper bei dem warmen Sommerwetter von innen. Irgendwann nahm ich all den Lärm und all den Autoverkehr gar nicht mehr wahr.

Die Pause und das Bier weckten neue Kräfte in mir. In einem Stück strampelte ich bis zu Hause durch. 70 Kilometer hatte ich geschafft. Und ich hätte noch etliche Kilometer dran hängen können.

Kommentare:

  1. Wenn man deine Berichte liest, Dieter, dann ist klar: du und dein Fahrrad, ihr seid ein tolles Gespann und wir dürfen an euren Routen immer teilnehmen, einfach klasse!

    Ich glaube, es gibt sie überall in der Republik verteilt, diese Dörfer oder Städte, die einfach nichtssagend sind, keinen Flair haben.

    Nun weiß ich nicht, ob diese Zweckbauten schon immer bestanden oder erst entstanden sind nach dem 2. Weltkrieg.
    Viele Dörfer und Städte wurden dann auf Grund von totaler Zerstörung einfach schnell und zweckmäßig aufgebaut, was natürlich sehr schade ist, aber verdenken kann man es ihnen nicht, mussten halt ganz schnell neue Unterkünfte geschaffen werden.

    Aber zur Stärkung hast du ja dann doch noch das richtige Büdchen gefunden. :-)

    Liebe Grüße
    Christa

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  2. Hallo Dieter!
    Das klingt nach einer traumhaften Tour!
    Das Bier hattest du dir auf jeden Fall verdient!
    VG
    Elke

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  3. ich bin in Gedanken beim Lesen mitgeradelt ;-)
    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  4. Eine schöne Tour bist du geradelt, ich habe früher auch Motorrad hinten drauf natürlich mit gefahren und weis wie es ist wenn sie so verrückt fahren.. wo bliebt das geniessen der Landschaft, Geschwindkeitsrausch bei denen und andere in Gefahr zu bringen!
    Schade dass da so öde war in diesem Eitorf, nichts intressantes war aber wenigstens was erfrischendnes an der Imbisbude, wenn die nicht manchmal wären*zwinker*
    Lieben Gruss Elke

    Ps. das war Neuss Furth Schützenfest in der Nordstadt, das in Neuss selber ist immer in der Erste Woche vom September, das ist auch riesengross.. war immer um die Zeit in Urlaub die letzten 2 Jahren. Ich war begeisert davon als ich es mit erlebte..

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