Samstag, 17. November 2012

auf den Spuren der Römer

Gegenüber Trier oder Xanten ist es ein blasser Abklatsch. Erst in den letzten Wochen ist es mir gelungen, die Überreste des Römerlagers zu entdecken. Ich musste suchen, was von der von Tacitus zitierten  „Castra Bonnensis“ übrig geblieben ist. Nichts ist ausgeschildert. „Zum Römerlager“ heißt eine Straße, die vermuten lässt, dass die Richtung stimmt. Zwischen Wohnblocks aus den 60er Jahren habe ich schließlich die Überreste der „Castra Bonnensis“ gefunden.




Zugegeben sind die Überreste eher schmal, mickrig und wenig spektakulär.


Auf dem Modell kann man sich die quadratische Gestalt des Römerlagers ansehen.



Gräber sind mit mächtigen Grabplatten zugedeckt.


Das Römerlager ist nicht deckungsgleich mit dem heutigen Stadtzentrum. Ein Grabstein markiert die Nordseite des Römerlagers.


Entlang des Rheins bauten die Römer ein System von Lagern. Jedes Lager lag 35 Kilometer voneinander entfernt, das war ein Tagesmarsch. Die Römerstraße führte zum nächsten Lager nach „Colonia Claudia Ara Agrippinensium“ – dem heutigen Köln.


Das Gründungsdatum wurde mit 11 v. Chr. festgelegt, als die Bezeichnung "Bonn" von den ansässigen germanischen Volksstämmen übernommen wurde. 1989 wurde zur 2000 Jahr-Feier ein Denkmal von Caesar errichtet. 


In der Nähe des Rheins wurde ein Lastenkran aus der Römerzeit nachgebaut.











Aus dem Rheinischen Landesmuseum wurde eine größere Anzahl von Grabsteinen aus der Römerzeit in die Rheinaue verlegt. In der Herbststimmung geben sie ein wunderbares Bild ab.

Freitag, 16. November 2012

Ottfried Preußler - Das Kleine Gespenst


Ich durfte wieder ran beim Geschichtenvorlesen. Selbstverständlich ist es, dass bei Kinderbüchern Knaller dabei sind, die sich auf Augenhöhe mit Bestsellerautoren wie Joanne K. Rowling, Frank Schätzing oder Henning Mankell bewegen. Astrid Lindgren, Cornelia Funke oder Michael Ende, frisch und unbeschwert fließt ihre Sprache dahin, als Erwachsener fesseln mich ihre Geschichten genauso. Wenn ich vorlese, führen sie mich auf den Boden der eigenen Kindheitserinnerungen zurück. Sartre, Dreißigjähriger Krieg, Aristoteles, Renaissance, Picasso, gotische Kathedralen, all dieses höchst komplizierte schiebe ich beiseite, lasse es in mir sacken und vergesse es für eine Weile. 

Es ist kaum zu glauben, aber von Ottfried Preußler habe ich nur „Die Kleine Hexe“ gelesen. „Der kleine Wassermann“ oder „Das kleine Gespenst“, das ebenso im Bücherregal unseres kleinen Mädchens steht, habe ich nie gelesen. All-abendlich genieße ich es, „Das kleine Gespenst“ vorlesen zu dürfen.

Unser kleines Mädchen hat die Bettdecke über ihr Gesicht gezogen, mit großen Augen schaut sie mich an, gespannt lauschen wir beide, wie die Geschichte weiter geht. Wie in „Die kleine Hexe“ ist es ein Ausflug in eine sorgsam geordnete Welt, in der alles auf seinem Platz steht, in der jeder Mensch seine Aufgabe hat, in der man Zeit für Kinder hat. Die Geschichte spielt in einer hübschen Kleinstadt. Nach den Zeichnungen im Buch und nach der Biografie Ottfried Preußlers könnte dies irgendwo in Niederbayern sein.

Das kleine Gespenst lebt auf einer Burg im Städtchen Eulenberg. Mit einem Schlüsselbund aus 13 Schlüsseln kann es alles ohne Berührung öffnen, indem es durch Türen oder Fenster hindurch gleitet. Da es nur nachts in der Burg herum spukt, ist es sein größter Wunsch, die Welt tagsüber zu sehen. Als es im Glockenturm des Rathauses schläft, wacht es um 12 Uhr mittags auf. Bei jedem einzelnen Glockenschlag wird das Kleine Gespenst ein Stückchen aus dem Schlaf gerissen. Da zwölf Glockenschläge aufeinanderfolgen, wacht es schließlich beim letzten Glockenschlag auf. Am Tageslicht färbt sich die weiße Gestalt pechschwarz.

Nachts verschwindet das Kleine Gespenst über einen Brunnen in die Kanalisation, wo es schläft. Tagsüber erhebt es sich aus Kanaldeckeln über den Marktplatz ins Freie. Dabei geht es nicht ganz so gruselig und grauenhaft zu wie bei Edgar Allan Poe: die Menschen fürchten sich vor der schwarzen Gestalt, die stehen bleibt, weil das Kleine Gespenst neugierig ist und alle Dinge im Hellen betrachten will. Die Menschen rennen weg, das Stadtleben erlahmt nach 12 Uhr, die ganze Stadt leert sich, alle verzweifeln.

Der Spuk des Kleinen Gespenstes erreicht seinen Höhepunkt, als das 325-jährige Jubiläum der Belagerung Eulenbergs im Dreißigjährigen Krieg gefeiert werden sollte. Fiktion verwandelt sich in Realität, denn vor genau 325 Jahren war das Kleine Gespenst schon einmal dem schwedischen General Torstensson begegnet. Das Kleine Gespenst hat beretis während des Dreißigjährigen Krieges herum gespukt. Vom Kanonendonner hat es sich so sehr gestört gefühlt, dass es Torstensson mit seinem Heer verjagt hat.

Beim Nachlesen habe ich nicht schlecht gestaunt: Torstensson war tatsächlich ein schwedischer Feldherr, der ab 1641 auf die Kriegsbühne trat. Auf der Seite der protestantischen Staaten schlug er anfangs Schlachten in Bayern, dann in Böhmen, später in Mitteldeutschland, vor seinem Tod in Schleswig-Holstein. Er muss ein exzellenter Feldherr gewesen sein, denn er verlor keine nennenswerte Schlacht.

Beim 325-jährigen Jubiläum der Belagerung Eulenbergs kommt es zum Eklat, als die Belagerung original nach gespielt werden soll. Das Kleine Gespenst erkennt den (nachgespielten) Torstensson, und wie vor 325 Jahren, verjagt es ihn.

Nach all diesen Fehlschlägen und Eklats wünscht sich das Kleine Gespenst nichts mehr, als in ein Nachtgespenst zurück verwandelt zu werden. Es legt sich auf dem Glockenturm der Rathausuhr schlafen. Als nachts die Rathausuhr 12 Uhr schlägt, erwacht es und wird wieder zum Nachtgespenst.

Ein Kapitel habe ich zu Ende gelesen. Ich habe sogar etwas über den Dreißígjährigen Krieg gelernt. In die Phantasiewelt von Feldherren, Rittern und Schlachten bin ich abgetaucht. Weiß-schwarz mittendrin: das Kleine Gespenst, das vollkommen unbeschwert an die Dinge herangeht und sich durch nichts irritieren läßt. Nachts weiß, tagsüber schwarz.

„Kann ich noch etwas trinken ?“
Natürlich, ich bringe unserem kleinen Mädchen ein Glas Mineralwasser. Auch sie schaut gebannt, wie die Geschichte am nächsten Abend vor dem Einschlafen sich fortsetzt.

Donnerstag, 15. November 2012

Jan und Griet


Als Karnevalsmuffel stelle ich erneut fest, dass der Karneval eine Fundgrube für geschichtliche Ereignisse ist. Historische Personen werden wiederbelebt, Geschichten erzählt und alljährlich finden sie Eingang in den karnevalistischen Trubel.

Jan von Werth zum Beispiel.

Bei meinem letzten Post über Breisach und den Dreißigjährigen Krieg war ich auf Jan von Werth gestoßen. Jan von Werth und Bernhard von Weimar, der Breisach belagert hatte, beide Feldherren hatten bei der Schlacht von Nördlingen gekämpft. Dabei zählte Jan von Werth zu den Siegern und Bernhard von Weimar zu den Verlierern dieser Schlacht.

Die Liebesgeschichte von Jan (von Werth) und Griet lebt alljährlich zum Kölner Karneval wieder auf. Jan von Werth, 1591 geboren, verließ den elterlichen Hof der Kappesbauern am Niederrhein, als sein Vater starb und seine Mutter mit acht Geschwistern hinterließ. Dem Elend wollte er entkommen, indem er sich als Knecht auf einem Hof in Köln durchschlug. Dort begegnete er einer bildschönen Stallmagd namens Griet, in die er sich unsterblich verliebte. Sie ignorierte ihn aber. Dennoch fasste er all seinen Mut zusammen und machte ihr einen Heiratsantrag. Barsch lehnte sie ab. Er sei nur ein Knecht. Er könne ihr nichts bieten. Sie suche sich den Richtigen aus, und das sei ein Mann mit Vermögen. Jan von Werth war am Boden zerstört und reagierte trotzig. Fremde Länder hoch zu Ross zu erkunden, reizte ihn. So trat er 1610 als Söldner in das Heer des spanischen Generals Spinola ein.

Es folgte eine militärische Karriere sondergleichen. Unter Spinola arbeitete er sich bis zum Offizier hoch. Einen wahren Karriereschub verlieh der Dreißigjährige Krieg (1618-1648). Er stieg auf zum Rittmeister, Oberwachtmeister, Obrist, Generalwachtmeister und Feldmarschallleutnant. In der Kriegs-entscheidenden Schlacht bei Nördlingen (1634) gelang es ihm als Befehlshaber der Kavallerie, eine entscheidende Wendung der Schlacht herbei zu führen. Dadurch konnten die katholischen Staaten, bestehend aus Bayern, Habsburg, Ungarn und Spanien diese Schlacht gewinnen. Daraufhin bedankte sich Kaiser Ferdinand II höchst persönlich bei Jan von Werth und ernannte ihn zum Freiherrn. Des weiteren wurden ihm als Dank umfangreiche Güter in Bayern, der Oberpfalz, in Böhmen und im Kraichgau geschenkt.

Nachdem Frankreich 1635 in den Krieg eingetreten war, eroberte Frankreich die Festung Ehrenbreitstein in Koblenz. Von der Festung aus konnten die Franzosen den Schiffsverkehr auf dem Rhein kontrollieren, ja, sogar blockieren. Köln war also in höchster Gefahr. Köln und Jan von Werth – in diesem Moment entstand die geschichtliche Vision, dass Jan von Werth Köln von dieser Gefahr befreien wollte. In all seinen Schlachten war Frankreich Jan von Werth’s Lieblingsgegner, denn er hatte insgesamt dreißig Schlachten gegen Frankreich gewonnen. Er fühlte sich somit berufen, diese Schlacht gegen Frankreich zu schlagen. Er belagerte die Festung Ehrenbreitstein. Als die Franzosen drohten ausgehungert zu werden, kapitulierten sie und übergaben die Festung am 28. Juni 1637.

1637, siebenundzwanzig Jahre nachdem er die Stadt verlassen hatte, kehrte Jan von Werth nach Köln zurück. Die Nachricht, dass er sich Köln näherte, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die ganze Stadt war auf den Beinen, die Menschen strömten auf die Straßen. Die Ankunft ihres Befreiers konnten sie kaum erwarten. Am Chlodwigplatz war es schließlich so weit: höchst persönlich marschierte er mit Heer und Kavallerie und jede Menge Reitergefolge in die Stadt ein. Jubel und Freude waren grenzenlos, Jan von Werth wurde frenetisch von den Kölnern gefeiert.

Alles war auf den Beinen, auch die Marktfrauen am Chlodwigplatz. Eine von ihnen war Griet. Siebenundzwanzig Jahre später war ihr Haar ergraut, die Augen blickten wehmütig, überdrüssig war sie in einer unglücklichen Ehe. Sie schaute hinauf zu dem Freiherrn, den die Massen feierten und den sie vor langer Zeit barsch abgewiesen hatte. In ihrem eigenen Leben war manches schief gelaufen, Illusionen waren zerstört worden, sie fristete ihr Dasein als einfache Marktfrau.

Jan von Werth erkannte sie wieder und lenkte sein Pferd auf ihren Stand zu. Er zog seinen Hut, stieg vom Pferd ab und sagte zu ihr:
„Griet, wer et hätt gedonn !“ (Griet, hättest Du es doch getan !)

Sie antwortete ihm:
„Jan, wer et hätt gewoss !“ (Jan, wer konnte das wissen !)

Dann stieg Jan von Werth wieder auf sein Pferd, er ritt weiter durch das Severinstor, auf seinem Triumphzug quer durch Köln genoß er den Jubel der Menschenmassen. Kurz darauf verließ er Köln wieder, so dass sich Jan und Griet nie mehr begegnet waren.

Diese Begegnung zwischen Jan und Griet wird alljährlich an Weiberfastnacht wieder belebt, indem die Karnevalsgesellschaft „Reiterkorps Jan von Werth 1925 e.V.“ diese Geschichte am Chlodwigplatz nachspielt. Wie der Knecht Jan vom Kümpchenshof um die Griets Liebe wirbt. Wie sie ihn verschmäht. Wie Jan in den Dreißigjährigen Krieg einzieht und als berühmter Feldherr und Freiherr wiederkehrt. Wie Griet es bedauert, ihn damals abgewiesen zu haben.

Dabei fallen die historischen Worte:
„Griet, wer et hätt gedonn !“ und
„Jan, wer et hätt gewoss !“

Mittwoch, 14. November 2012

die Spendendose


Unmerklich, still, heimlich und leise, hatte sich die Spendendose in unser Haus geschlichen. Zuerst hatte ich sie auf unserem Wohnzimmertisch bemerkt, wo sie zwischen Zeitungen, Buntstiften und den gemalten Werken unseres kleinen Mädchens unterging. Einige Tage später, tauchte die Dose auf der Ablage in unserer Küche auf. Abgeschoben neben unsere Schütte, verschwand sie inmitten von lauter Krimskrams, das waren Figuren aus Überraschungseiern, eine leere Seifenblasendose, Rezeptkarten mit der Figur von Käptn Blaubär oder die Visitenkarte einer Gartenbaufirma, die längst in Vergessenheit geraten war.

Ich betrachtete die Spendendose. Ich las „Deine Hilfe zählt“ von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe. An mein eigenes Gewissen appellierend, rückte ich die Dose auf die Vorderseite unserer Küchenablage. Weit genug weg von den ungespülten Gläsern, damit man sie auch sehen konnte.

Einige Tage später entdeckte ich Dose wieder: abgeschoben in die äußerste Ecke, verschwand sie zwischen einer Mineralwasserflasche, Wasserkocher und Küchenrolle.

Ich diskutierte mit meiner Göttergattin:
„Wo kommt die Dose her ?“
„Hat unser kleines Mädchen von der Schule mitgebracht …
… genau dieselbe Dose haben unsere großen Kinder schon vor mehr als zehn Jahren nach Hause gebracht. Deutsche Lepra- und Tuberkulosenhilfe, daran erinnere ich mich genau.“
„Aha.“ sinnierte ich vor mich hin.

Die Spendendose war also in die Rubrik Schule einzuordnen. Die Spendendose hatte in die Routine des Jahresablaufs Eingang gefunden, Spenden wurden unstrittig als sinnstiftend betrachtet. Die Schule machte es so, weil es immer so gemacht worden war.

Meine Göttergattin fügte hinzu:
„Wir spenden einmal jährlich an das Rote Kreuz. Dann backen wir Kuchen für die Buchausstellung und wir backen Plätzchen für den Weihnachtsmarkt. Das kommt dem Förderverein für die geistig Behinderten zugute.“
Das stimmte so.

„Wo willst Du sonst noch überall hin spenden ? Dürre in der Sahel-Zone, Flüchtlinge aus Syrien, Verwüstungen durch den Hurricane Sandy, die Tafel, Ärzte ohne Grenzen ....“
„Ich stelle fest, dass die Liste kein Ende nimmt.“

Die Spendedose konnte ich also vergessen. Sie passte genau in das Umfeld hinein, wo sie stand: mitten in all dem Krimskrams, den wir ausmisten mussten. Das Schicksal der Spendendose war vorgezeichnet: eine zeitlang würden wir überlegen, gemeinsam mit dem übrigen Krimskrams würde sie in einer Ecke herumstehen, bis sie irgendwann mit all dem anderen unnützen Zeug im Müll landen würde. Wofür wir spendeten, war anders sortiert.

„Ich verabscheue diese Trittbettfahrer. Je näher Weihnachten rückt, um so mehr Reklame bekommen wir von Spendenorganisationen. Die glauben, dass mit der frohen Weihnachtsstimmung wohl auch die Spendenbereitschaft steigt.“ setzte ich hinzu.

Ich dachte an Spendenorganisationen, die als Infopost gleichzeitig Weihnachtskarten verschickten, eine Banküberweisung beifügten und hofften, dass sich die Beglückten mit einer satten Spende bedankten. Da steckte durchaus Kalkül dahinter. Ähnlich wie bei Reklamesendungen, konnten die Rückläufe den Kosten gegenübergestellt werden. Die eingenommenen Spenden mussten höher sein als die Druckkosten für die Weihnachtskarten, sonst würden solche Spendenorganisationen so etwas nicht machen.

Wieder las ich „Deine Hilfe zählt“ auf der Spendendose. Der Hilferuf drohte in der Informationsflut, für welche Bedürftige in welcher Ecke der Welt gespendet werden konnte, zu versinken.

Montag, 12. November 2012

Wochenrückblick #45

mit dem Trekking-Rad nach Köln
Mit dem Beginn der dunklen Jahreszeit reduziere ich gewöhnlich meine sportlichen Aktivitäten. Dunkelheit, unbeständige Witterung oder Frost, Schnee, Kälte halten mich vom Fahrradfahren ab. Trotz der ungünstigen Rahmenbedingungen habe ich letzte Woche eine Tour gewagt – mit dem Trekking-Rad, da auf diesem Rad die Beleuchtung heller als auf dem Rennrad ist. Die Radtour ging von Bonn nach Köln, eine Strecke, die ich ansonsten mit dem Rennrad nicht fahre, weil sie durchgängig flach ist. In der dunklen Jahreszeit ist diese Strecke durchaus sehr reizvoll. Bis Wesseling und Köln-Godorf führt die Strecke durchgängig den Rhein entlang, dann wieder ab Köln-Rodenkirchen den Rhein entlang bis ins Zentrum. Es war fast windstill, die Temperatur war mild und angenehm. Sonst komme ich viel zu selten nach Köln. Mit dem Dom, den romanischen Kirchen und dem mediterranen Lebensgefühl in den Stadtvierteln hat mich Köln seit jeher fasziniert. Kurz war der Abstecher bis zum Dom, dann ging es wieder nach Hause zurück. Entlang des Rheins, auf der Rückfahrt auf der anderen Rheinseite, senkte sich die Dunkelheit herab. Im Licht der Straßenbeleuchtung war dies sogar höchst romantisch. Wenn es nicht zu kalt ist und wenn es trocken ist, werde ich diese Tour sicherlich wiederholen.


Nicht gejoggt
Mit Beginn der dunklen Jahreszeit hatte ich mir vorgenommen, anstelle Fahrrad zu fahren zu joggen. Es klingt unglaublich: ich war tatsächlich zu träge. Sonntags Morgens nach dem Frühstück überlegte ich und überlegte und überlegte und konnte mich nicht entschließen loszulaufen. Seit letzter Woche weiß ich, dass ich die dunkle Jahreszeit mit einfacheren Radtouren – wie nach Köln – überbrücken werde. Außerdem habe ich über unseren Health Award bei der Arbeit gelernt, dass beim Kalorienverbrauch zwischen Joggen und Fahrradfahren ungefähr ein Faktor 2:1 liegt. D.h. man muss doppelt so viel Fahrrad fahren wie joggen. Wenn, dann wäre ich ca. eine Stunde (10 km) gejoggt. Vom Büro aus nach Köln nach Hause war ich aber 60 km in 3 ½ Stunden Fahrrad gefahren. Fahrradfahren ist somit deutlich effizienter als joggen !

Arsch huh !
Bei der Fahrradtour nach Köln kam ich zufälligerweise an den Rheinwiesen in Köln-Deutz vorbei. Ich konnte durch einen schmalen Spalt des Absperrzauns auf die Proben des Arsch-huh-Konzerts hindurch spinsen. Wolfgang Niedecken, Brings und viele andere Kölner Künstler probten dort Live auf einer Bühne für das Konzert, welches an das ursprüngliche Konzert vor 20 Jahren gegen Rassismus und Fremdenhass anknüpfen sollte. Freitags Abends im Autoradio hörte ich zufällig den Kabarettisten Wilfried Schmickler, der sein Gedicht mit dem Titel „Normal“ vortrug.
Vier Passagen fand ich besonders treffend:
Normal ist …
… wenn ein neoliberaler Politiker wie Philipp Rösler keine Sozialwohnung von innen gesehen hat und vom mitfühlenden Liberalismus schwadroniert
… wenn in einem Staat, der das Gerechtigkeitsprinzip hochhält, 10% der Bevölkerung 61% des Vermögens besitzen
… wenn es in Deutschland keinen flächendeckenden Mindestlohn gibt
… wenn der Staat die Stützen der Gesellschaft – das sind Kindergärtner, Krankenschwestern, Altenpfleger, Sozialarbeiter, Streetworker – so erbärmlich bezahlt, dass sie nicht einmal in Urlaub fahren können

Udo’s Geburtstag
Mittlerweile im vierten Jahr haben wir den Geburtstag meines geistig behinderten Schwagers Udo, der im Behindertenwohnheim lebt, bei uns zu Hause gefeiert. Dies war – wie im letzten Jahr – ein beeindruckendes Erlebnis. Sie sind ja alle behindert – vor allem beim Sprechen und in der Bewegung. Die Gespräche entwickeln sich etwas zaghafter – etwa über Fußball, Kinofilme oder gemeinsame Unternehmungen. Es wurde Kuchen gegessen und Kaffee getrunken, zwei DVD’s wurden geschaut und schließlich wurde zu Abend gegessen. Wie in den Vorjahren hat mich fasziniert, welche innere Herzlichkeit die Behinderten vermitteln. Jeder hat seine eigene Persönlichkeit, alle freuen sich sehr schnell, alle vermitteln non-verbal Dankbarkeit, dass solche Geburtstagsfeiern zustande kommen. Ein wenig gedämpft wurde die feierliche Stimmung, weil ein Behinderter kurz zuvor einen epileptischen Anfall hatte. Mehr oder weniger regungslos saß er da, er sagte kein einziges Wort. Kaffee, Kuchen und das Abendessen schienen ihm aber geschmeckt zu haben, denn er hatte ratzekahl seinen Teller leer gegessen.




Die Rüpel-Republik
Das Buch, welches derzeit ein Bestseller ist, hatte mein Interesse geweckt, nachdem ich auf meiner Rennradtour nach Erftstadt-Lechenich das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer als höchst rüpelhaft empfunden hatte. Der Titel erweckte meine Erwartungshaltung, dass in dem Buch jede Menge andere rüpelhafte Verhaltensweisen beschrieben werden – so wie ich sie selbst tagtäglich beobachtete. So bot zunächst der Konflikt zwischen Fahrradfahrern und Autofahrern in dem Kapitel „Wie auf deutschen Straßen das Faustrecht ausgeübt wird“ reichlich Stoff. Fußballplätze, Schulen, Nachbarschaftsstreitigkeiten, soziale Netzwerke, das waren die nächsten Tummelplätze für rüpelhaftes Benehmen. Und danach ? Das Buch trieb in eine diffuse Masse von Ursachenforschungen ab. Dass wir Deutsche viel zu egoistisch sind, dass wir viel zu viel fernsehen, dass uns in Deutschland die Mittelschicht abhanden gekommen ist (es gibt nur noch Arme und Reiche), dass der Konsum von Medikamenten explodiert ist usw. Für denjenigen, der halbwegs aufmerksam die Tageszeitung liest oder Tagesthemen / Heute-Journal sieht, war dies nichts Neues. Ganz weit hergeholt fand ich den Zusammenhang, die Verhaltensweisen von Christan Wulff auf Augenhöhe mit rüpelhaften Benehmen im Straßenverkehr, in Schulen, auf Fußballplätzen oder bei Nachbarschaftsstreitigkeiten darzustellen. Das sein Rücktritt gerechtfertigt war, will ich nicht kleinreden. Aber Vorteilsannahme oder Bestechlichkeit sind andere Ebenen als einen Gegner foulen, treten, bespucken oder von hinten umsäbeln. Nach meinen eigenen Erlebnissen ist die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln die intensivste Begegnung mit der Rüpel-Republik. Ich kann es nicht mehr hören, wenn manche Mitmenschen rund um die Uhr mit dem Handy telefonieren müssen. Insbesondere, wenn sie in ordinärem Ton über andere Mitmenschen herziehen, so dass der ganze Bus dies mithören kann. Schlimm fand ich zuletzt eine Situation, als ein greiser Mann mit Schwerbehindertenausweis in der Hand sich bis ganz hinten durch den vollbesetzten Bus quälen musste, bis ihm endlich jemand einen Sitzplatz freimachte. Davor graut mir bereits heute, wenn ich so steinalt werden sollte: dass ich auf die Hilfe anderer angewiesen bin und dass alle anderen gleichgültig darüber wegschauen.

Samstag, 10. November 2012

St. Martin

Bin ich ein Muffel, wenn es um Feste und Traditionen geht ? Weihnachten ist mir zu kommerziell. Zur Karnevalszeit kann ich nicht auf Kommando in Fröhlichkeit ausbrechen. Beim Maibaumsetzen stört mich in unserem Ort der Krach und das Gegröhle. Die Prozessionen an Christi Himmelfahrt und Fronleichnam sind mir zu schwerfällig. Auch zu St. Martin musste ich mich aufraffen. Doch wie im letzten Jahr wurde mir klar, dass St. Martin nicht so überdreht oder sinnentfremdet ist wie andere Traditionen. Am Ende des Zuges konnte ich mitlaufen. Der St. Martins-Zug war einfach, unspektakulär. Sinn und Inhalt waren mit ihrem Ursprung erhalten geblieben.



Die Kinder sammelten sich auf dem Schulhof.



Jede Klasse hatte ihre eigenen Laternen gebastelt.



Vorbei ging es am Martinsfeuer.



Bunt und schön leuchteten die Laternen.





Laternen oder Kürbisse grüßten am Wegesrand.



Der Nachfolger der Hl. Martin von Tours ließ sich mit seinem roten Mantel bestaunen.



Nachdem die Kinder in ihrer Klasse den Weckmann erhalten hatten, begann das eigentliche Vergnügen: das Schnorzen. Die Kinder sangen an den Haustüren St. Martins-Lieder und erhielten Süßigkeiten.



Das war die Ausbeute, als wir zu Hause angekommen waren.

Nach St. Martin geht es nun mit Riesenschritten auf die Vorweihnachtszeit und das Weihnachtsfest zu.



Freitag, 9. November 2012

Städte im Rheinalnd (1) - Wesseling


Liebe Leserin, lieber Leser, bitte denke nicht, es sähe im Rheinland überall so aus ! Es gibt sehr viele schöne gemütliche Ecken im Rheinland. Aber dies ist die Realität rund um Köln. Ein Industriegürtel, dessen Dichte in Deutschland wahrscheinlich einmalig ist, hat die Randgebiete von Köln fest im Griff. Bayer-Werke in Leverkusen, chemische Industrie in Köln-Merkenich, Bayer-Werke in Dormagen, Braunkohlekraftwerke bei Bergheim, Braunkohleveredelung in Hürth, chemische Industrie in Hürth, Ölraffinierien in Köln-Godorf. Die eine oder andere Dreckschleuder ist dabei, wenn die Abgase sich wie ein schmieriger Film vor den Himmel schieben und wenn der Wind schwere Rauchwolken aus Schornsteinen durch die Gegend pustet.

Wesseling war eine dicke Pille, die ich schlucken musste, als wir 1991 in unseren Ort zogen. Wesseling liegt zwar nicht direkt vor unserer Nase, aber auf der anderen Rheinseite fällt der Blick zwangsläufig auf diese apokalyptische Industriekulisse. Noch heute, mehr als zwanzig Jahre später, tue ich mich schwer damit. Aufgewachsen im Grünen – wo genau, das zeigt übrigens sehr schön Angelika auf ihrem Blog – ist mir dieser Perspektivenwechsel auch heute noch zu krass.

In der Schule war Chemie eines meiner Lieblingsfächer. Aber eine solche Industrie in Reichweite ? Die Produktionsanlagen haben etwas Flüchtiges, Unnahbares, Mysteriöses, Dubioses, Undurchsichtiges. Im Gegensatz zu der in NRW ebenso beheimateten Kohle- und Stahlindustrie. Hochöfen, Kokereien oder Zechen habe ich eine verdeckte Schönheit abgewinnen können, die Struktur hat. Es ist festgelegt, welche Produkte dabei rauskommen. Man kann sie greifen und anfassen.

Chemische Produktionsanlagen ? Seveso ist überall. Giftgaskatastrophen wie in Seveso oder Bhopal können nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Wenn ein Kessel explodiert und einem um die Ohren fliegt, dann verbergen sich die Gesundheitsschäden hinter einer unsichtbaren Materie und hinter schablonenhaften Formeln, die kein Mensch versteht. Ruhe bewahren, alles im Griff. Überwachung, Kontrollen und die Werksfeuerwehr sorgen dafür, dass nichts aus den Fugen gerät. Die einzige Schwachstelle ist der Mensch. Fehler können der letzte Anstoß für eine technische Katastrophe sein. So haben sich im Februar diesen Jahres auf der Shell-Raffinerie Lecks in den Rohren gebildet. Sage und Schreibe EINE MILLION LITER KEROSIN sind ausgelaufen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Ich muss die Blickwinkel variieren, drehen, wenden, mich auf den Kopf stellen, von unten betrachten, um mich Wesseling und der Chemie zu nähern. Einmal hatten wir einen positiven Berührungspunkt. Bei seiner Lehrstellensuche war unser Sohnemann zu einem Eignungstest eingeladen: bei der Lyondell Basell Polyolefine GmbH. Am Tag davor hatten wir im Internet gesurft, was in dieser Firma alles abläuft und gemacht wird. Also: von Wilhelmshaven und Rotterdam wird über eine Pipeline Rohöl nach Wesseling gepumpt. In Raffinierien wird dieses in die einzelnen Öl-Produkte getrennt. Was nicht im Autotank oder Heizöltank oder als Kerosin im Flugzeugtank landet, wird im weiteren Sinne als Kunststoffe verarbeitet. In der Firma, in der unser Sohnemann den Eignungstest machte, waren es Granulate aus Kunststoffe. Diese können wiederum in sehr vielen Endprodukten aus Kunststoffe landen. Zum Beispiel LEGO-Steine. Das war endlich greifbar, zum Anfassen. Diese kryptische Welt aus Rohren, Türmen, Destillationsanlagen oder Kesseln wurde dadurch anschaulicher. Versponnen in einem Netz von Lichtkegeln, versprüht dieses Gefüge bei Nacht sogar einen Hauch von Romantik. Übrigens: den Eignungstest hatte unser Sohnemann nicht bestanden. Eine Lehrstelle hatte er anderweitig gefunden. Tiefere Einblicke in die chemische Industrie sind uns somit verwehrt geblieben.

Ich tröste mich, dass andere Einwohner noch näher dran wohnen. Wenn ich nach Wesseling komme, ist die Chemie für mich jedes Mal die Reise auf einen fremden Industrieplaneten. Eine Zeit lang tauche ich in eine Endzeitstimmung ein. Eine Faszination für diese technischen Größenordnungen kommt nicht auf. Wenn meine Berührungsängste verschwunden sind und sich meine Augen an dieses Gewirr von Anlagen gewöhnt haben, habe ich Wesseling meist wieder verlassen. Die Einwohner Wesselings werden sich mit der chemischen Industrie arrangiert haben. Die Anlagen werden das Befremdende verloren haben, wahrscheinlich arbeiten viele Wesselinger auch dort.

Da Wesseling auf der „Schäl Sick“ (=andere Rheinseite für Nicht-Rheinländer) liegt, bleiben die Besuche Wesselings eine kurze Episode. Die Auenwälder des Rheins dämpfen den Blick auf die Industriekulisse. Wesseling ist und bleibt eine bittere Pille. Vielleicht komme ich tatsächlich zu selten nach Wesseling, um die verborgenen Reize zu entdecken.