Montag, 19. August 2013

Victor Hugo und der Rhein

Victor Hugo 70-jährig, Quelle Wikipedia
Er musste sich aufraffen. Er hasste die Unbequemlichkeiten des Reisens, aus Koffern zu leben, nicht im eigenen Bett schlafen zu können, die Hotels ständig zu wechseln. Es waren vor allem die holpernden und ruckelnden Postkutschen, die ihm auf schlecht befestigten Wegen den Nerv raubten, sein Gesäß strapazierten und seinen Rücken in Mitleidenschaft zogen.

Der Entschluss, an den Rhein zu reisen, entstand 1831. In Paris war Victor Hugo mit seinem Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ der literarische Durchbruch gelungen. Bereits mit 10 Jahren hatte Hugo zu schreiben begonnen, mit 15 Jahren wurde er erstmals ausgezeichnet, mit 16 Jahren studierte er Jura an der Pariser Sorbonne, mit Anfang 20 schrieb er Dramen. Für die Menschenrechte engagierte er sich, als er einen Roman über den Sklavenaufstand in Haiti schrieb; ebenso forcierte er die Abschaffung der Todesstrafe.

Die gesellschaftlichen Veränderungen hatten sein Interesse geweckt, die künstlerische Bewegung der Romantik hatte in Europa um sich gegriffen. In Paris lernte er Heinrich Heine kennen, der vor der Zensur geflüchtet war. Mit der Erfindung der Dampfschifffahrt hatte eine Art von Massentourismus am Rhein eingesetzt. Künstler und Intellektuelle bereisten den romantischen deutschen Fluss, darunter die französischen Schriftsteller Alexandre Dumas und Germaine de Stael.

Mit Frankreich und Deutschland sah Victor Hugo eine Völkergemeinschaft, die sich ergänzen konnte. Frankreich, das bedeutete für ihn Demokratie und Menschenrechte, Deutschland, in dieser Nation erkannte er methodisches Denken und Tiefgründigkeit. Der Rhein war für ihn die Vision eines Grenzflusses, der beide Nationen miteinander vereinigte.

Es sollte bis 1839 dauern, dass bis er das erste Mal den Rhein zu sehen bekam – aber nicht das Rheinland. Er reiste nach Straßburg. Dabei hatte er einen Teil seines Gepäckes postlagernd nach Köln geschickt, um mit einem Dampfer rheinabwärts zu fahren. Doch er änderte seine Reisepläne und fuhr in umgekehrter Richtung nach Schaffhausen.

Ein Jahr später, 1840, gelangte er schließlich ins Rheinland. Seine Reisegefährtin war übrigens nicht seine Ehefrau, sondern seine Lebensgefährtin Juliette Drouet, was seine Ehefrau zähneknirschend über sich ergehen ließ. Um unerkannt zu bleiben, trug er sich in den Hotels als „Vicomte Hugo“ ein.

„Der Rhein ist der Fluß, von dem alle Welt spricht und den niemand erforscht, den jeder besucht und den keiner kennt, den man im Vorübergehen wahrnimmt und den man schnell vergißt, den jeder Blick streift und der von niemandem geistig durchdrungen wird“ so beschrieb er allgemein den Rhein.

Vom 29. August bis zum 1. November 1840 dauerte seine Reise durch Deutschland. Er machte sich Notizen, führte ein Reisetagebuch und schrieb regelmäßig Briefe an seine Ehefrau Adèle und seine vier Kinder. Da er seine Reisebeschreibungen bis zur Veröffentlichung nur geringfügig überarbeitete, musste er mit dem Tempo eines Irrsinnigen seine Notizen gemacht haben und abends im Hotelzimmer bis mitten in die Nacht sein Tagebuch geschrieben haben.

Victor Hugo kam aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: „Rheinaufwärts, eine Meile über St. Goar (...) bemerkt man plötzlich an dem Bogen zwischen zwei Bergen eine schöne altertümliche Stadt, von der Anhöhe bis an das Flußufer reichend, mit alten Gassen, die wir in Paris nur auf den Dekorationen der Oper zu sehen bekommen, mit vierzehn Türmen mit Zinnen, mehr oder minder von Efeu umwachsen und mit zwei großen Kirchen aus der reinsten gotischen Zeit. Es ist Oberwesel, eine der Rheinstädte mit vielen Kriegsspuren. Die alten Mauern sind von Kanonen und Kugellöchern dicht besät. (...) Wie fast alle Rheinstädte, hat auch Oberwesel auf seinem Berge eine Burg in Ruinen, den Schönberg, eines der bewunderungswürdigsten Schuttwerke, die es in Europa gibt.“

Er schwelgte in romantischen Gefühlen, ließ sich verzaubern und einlullen, war hingerissen vom Rhein und seiner Burgenlandschaft. Dies brachte er in ausschweifenden Naturbeschreibungen zu Papier. In der heutigen Zeit hätte er sich sogar Plagiatsvorwürfe gefallen lassen müssen. Vor seiner Reise hatte er mehrere Reiseführer studiert. Aus einem Reiseführer von Aloys Schreiber, der 1831 erschienen war, hatte er mehrere Textstellen wortwörtlich abgeschrieben.

Denkmal Victor Hugo in Paris; Quelle Wikipedia
Bacharach hatte es ihm besonders angetan: „Ich befinde mich in diesem Augenblick in einer der schönsten, angenehmsten und unbekanntesten alten Städte der Welt. Ich bewohne Gelasse wie die von Rembrandt, mit Bauern voll Vögeln an den Fenstern, sonderbaren Laternen an der Decke und mit Wendeltreppen in den Stubenecken, woran die Sonnenstrahlen hinaufschleichen. Im Schatten brummten eine alte Frau und ein Spinnrad mit gewundenen Füßen um die Wette. Drei Tage brachte ich in Bacharach zu, einer Art Wunderland am Rhein, vergessen vom guten Geschmack Voltaires, vergessen von der französischen Revolution, von den Kriegen Ludwigs XIV., vom Kanonendonner der Jahre 1797 und 1805 und den modischen Architekten, die Häuser wie Kommoden und Schreibschränke machen. Bacharach ist wohl der älteste von Menschen bewohnte Ort, den ich in meinem Leben gesehen.“

Die Deutschlandreise führte ihn bis nach Stockach an den Bodensee. Zurück ging es durch den Schwarzwald, über Heidelberg, Mannheim, Kaiserslautern und Saarbrücken nach Paris.

Wem gehörte der Rhein ? War er ein Grenzstrom ? Oder war er ein deutscher Strom ? Victor Hugo betrachtete den Rhein als gewaltige europäische Ader, die Geschichte und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit miteinander verband. Er dachte sogar in der Vision, dass der Rhein als Drehscheibe Europas in einer späteren Phase England und Rußland in ein vereinigtes Europa integrieren sollte.

Bis 1845 dauerte es, dass sein Reisetagebuch „Voyage sur le Rhin“ erschien. In Frankreich und in Deutschland war das Buch ein Knaller. In demselben Jahr stieg Victor Hugo in die Politik ein, als er unter König Louis Philippe Abgeordneter der Nationalversammlung wurde. Dort war er ein vehementer Verfechter für Menschenrechte und Meinungsfreiheit.

1870 stürzte sein Weltbild in sich zusammen, als der deutsch-französische Krieg ausbrach. Der Rhein als Spaltung zwischen Deutschland und Frankreich ? Der „worst case“, an den er niemals gedacht hatte, trat ein. Deutschland überrollte Frankreich, die Festung Sedan wurde erobert, der deutsche Kaiser wurde im Spiegelsaal von Versailles gekrönt. Elsaß und Lothringen wurden annektiert.

Victor Hugo wird sich wohl noch heute im Grabe umdrehen: der Rhein wurde als Grenzfluss zu einem Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland. 

Kommentare:

  1. Schade, dass einflussreiche Vordenker wie er davon ausgehen, alles würde nach Wunsch funktionieren. Das Pendel der Geschichte sieht aber langsame sukzessive Annäherungen vor. Die Strategien der Politik verlangsamen den Prozess. Im Kleinen (familiär) geht es oft schneller und besser als im Großen.

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  2. Ein sehr interessanter Bericht Dieter, so ging Völkerverständigung früher.
    Die Hintergrundinfos sind schon beeindruckend.

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

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  3. Lieber Dieter,
    das hat mir sehr gut gefallen. Es sind mehr als 50 Jahre her,
    dass ich eine Ausarbeitung über Victor Hugo machen musste. Es
    ergaben sich 50 Din-A4 Seiten. Diese Arbeit fiel mir gerade beim
    Aufräumen wieder in die Hände.
    Einen guten Start in die neue Woche wünscht Dir
    Irmi

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  4. Hi Dieter
    wie schön Du uns alles zeigst.Dieser Bericht ist sehr interessant,und natürlich jeder hat seine eigene Meinung.Das Foto oben ist fabelhaft,wie auch Victor Hugo!!!!Das er auch in Rheinland war das wusste ich nicht.Er hatte eine sehr grosse Vergangenheit und immer was neues versucht.Man könnte Tagelang über ihn reden.Sein Politik Leben hat,soweit ich mich errinnere , nach seine persönliche Tragödie angefangen.Seie Tochter Léopoldine und ihr frischer Ehemann Charles Vacquerie ertrinkten im September 1843 .Victor hat 10 Jahre gebraucht,um sich zu erhohlen.
    Hab eine schöne Woche und danke für Dein lieben kommi-))))

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  5. Hallo,
    du hast hiermit wieder einen sehr interessanten Bericht für uns geschrieben.
    War schön, deine Zeilen über Victor Hugo zu lesen. Mit diesen Eindrücken werde ich mich jetzt in meine 2 Meter verdrücken.
    Wieczoramatische Grüße zum Wochenstart, (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  6. Ich habe zahlreiche seiner Bücher in Französisch gelesen und hatte ihn neben Albert Camus als Wahlschriftsteller im Französisch-Unterricht.
    Seinen Werdegang, seine Reisen hast du klasse dokumentiert. :-)

    Liebe Grüße
    Christa

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  7. Ich finde es immer schön wenn man nach wie vor diese Begeisterung von Reisen nachlesen kann. So bleibt ein Stück der Nachwelt erhalten, und wenn man es liest, Dinge wiedererkennt hat man sofort ein Bild vor Augen.

    Wieder sehr interessant was du uns von Victor Hugo erzählt hast, so kenne ich zwar auch einige seiner Bücher aber im Gegensatz zu Humboldt doch wenig von dem Leben.

    Liebe Grüsse

    Nova

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  8. Eine klasse Doku Dieter. Man liest in den Zeilen die Leidenschaft, die Hugo für den Rhein wohl hatte.

    LG Frauke

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  9. Und wieder nur per Zufall hab ich hier einen interessanten Blog gefunden. Vom Neckarstrand hat es mich hierher verschlagen. Sehr gute Berichte und klasse Fotos. Hier folge ich mal direkt und nehme den Blog in meinen Blogroll auf. Komme bestimmt wieder.
    Lg vonner Grete

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  10. Sehr interessant! Ich lese Hugo sehr sehr gerne, aber das alles, was Du geschrieben hast, war mir noch völlig unbekannt. Das ist so interessant, wie viele Autoren der Rhein beeinflusst hat.

    LG!

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  11. Noch ein Freund des Rheines. Es ist immer interessant zu lesen, wie große Schriftsteller den Rhein gesehen haben. Dass er ein Reisetagebuch darüber verfasst hat, wusste ich gar nicht. Da hast du einen schöne Bericht über ihn zusammengestellt.
    LG, 'Franka'

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  12. Interesting and beautiful passage from the life of the great writer. He sought peace in his soul & fell in love with the legends, the breathtaking beauty and history of Germany through its landscapes...

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