Freitag, 30. Dezember 2011

Jahresausklang


Wenn ein Männchen das andere hinauswarf, platze aus unserem kleinen Mädchen ein Lachen heraus, als ob ein Huhn gackerte. Dann eine Rückkopplung des Lachens auf unser großes Mädchen, beide lachten zusammen los und konnten sich nicht mehr bändigen, so dass man meinte, inzwischen würde ein ganzer Hühnerstall losgackern. Die Würfel fielen, die roten, grünen und gelben Männchen tappsten Feld um Feld vorwärts. Außer Rand und Band, tobten wir uns an unserem Wohnzimmertisch aus, wir spielten Mensch-Ärgere-Dich-Nicht. Das Spiel zog sich in die Länge, bis der Sieger feststand und unser kleines Mädchen mit einem gewissen ungläubigen Protest, aber ohne jeglichen Widerstand ins Bett ging ...

So oder ein bisschen ähnlich könnte der Silvesterabend als Spieleabend ablaufen, denn in diesem Jahr sind wir spontan, wir können nur unbestimmt planen.

Fest steht: das befreundete Pärchen, mit dem wir all die letzten Jahre Silvester gefeiert haben, wird über den Jahreswechsel in ein Kloster abtauchen. Ein Kloster ? Zweifellos suche ich auch Ruhe und Meditation inmitten dieser viel zu schnelllebigen und hektischen Zeit. Ich denke unvermittelt an Maria Laach in der Eifel – dies sei als Beispiel genannt, ich weiß nicht, ob dies ihr Kloster ist. Ein grandioser Flecken Erde, ein genius loci oder ein Ort der Schöpfung, diese romanische Baukunst am Ufer eines Eifelmaares und in der Abgeschiedenheit von Wäldern. Aber: Silvester in einem Kloster verbringen ?

Wir werden wohl gerade 4-5 Personen aus unserer Familie zusammen kratzen können, mit denen wir zusammen feiern werden. Damit kann ich gut leben, denn die Vorbereitungen werden sich in Grenzen halten, wir brauchen nicht die Masse einzukaufen und auch die Herumkocherei in der Küche wird sich übersichtlich gestalten. Zudem hat unser großes Mädchen angekündigt, wegen der Masse der noch zu lernenden medizinischen Inhalte in ihr Zimmer flüchten zu wollen, und bei unserem kleinen Mädchen müssen wir abwarten, wann ihre vor Müdigkeit zufallenden Augen sie ins Bett befördern werden.

A propos Herumkocherei: hier wird unsere Familie etwas ganz seltenes erleben, ich werde nämlich höchstpersönlich kochen. Üblicherweise halte ich mich aus dem Kochen heraus, denn dies erscheint mir mehr wie eine Geheimwissenschaft für eingeweihte Frauen, dass, wenn ich Winzigkeiten oder Kleinigkeiten anders oder falsch mache, die ganze Familie einen Aufstand wie bei einer Revolution gegen mich inszeniert.

Wenn ich koche, gibt es immer nur ein Gericht, und zwar sind das selbstgemachte Spätzle, die ich aus einem Hobel ins heiße Wasser tropfen lasse. Diese bereite ich in zwei Varianten zu, nämlich zum einen als Käsespätzle mit ganz viel gedünsteten Zwiebelringen und ein bisschen Käse, und zum anderen nur als Spätzle mit einer Gehacktessoße dazu. Es ist in unserer Familie unstrittig, dass  meine selbstgemachten Spätzle besser schmecken wie diejenigen, die wir beispielsweise aus Oberschwaben (Günzburg) oder vom Bodensee kennen.

Wenn das Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel gestern so unterhaltsam war, vermute ich, dass wir das eine oder andere Spiel spielen werden. So haben wir noch nicht das Monopoly-Spiel gespielt, welches unser Sohn zu Weihnachten geschenkt bekommen hat.

Dabei bin ich eher der trägere Typ, den man zum Spielen zwingen muss. Da starre ich lieber auf den Fernsehbildschirm und lasse mich von dem Programm berieseln, welches an Silvester wohl kaum etwas anderes als Stimmungsmacherei oder seichte Unterhaltung zu bieten hat. Im letzten Jahr liefen immerhin Sketche mit Heinz Erhardt – den ich sehr schätze. Am liebsten würde ich mich hinter einem Buch verkrümeln. Oder vor dem Radio. Auch am Silvesterabend wird in Radio 2 – Niederlande – die Top 2000 laufen, gestern hatte ich eine zeitlang Kracher gehört wie die Rolling Stones mit „Honky Tonk Woman“, Jimi Hendrix mit „Voodoo Chile“ oder Peter Gabriel mit „Biko".

Ganz bestimmt werde ich an einem leckeren Glas Rotwein herumnippeln, an einem spanischen RIOJA oder einem französischen aus dem LANGUEDOC-ROUSILLON, wobei ich aber mitten unter Biertrinkern (Schwiegervater, Schwager) und Sekttrinkern (meine Frau) ein Exot sein werde. Ich werde es mit den Spaniern oder Franzosen halten: Weintrinken ist eine Kultur und ein Lebensgefühl, und auf diese Art und Weise werde ich Silvester genießen.

Um 12 Uhr, wenn der gekühlte weiße Sekt in langstieligen Gläsern bereitsteht, werde ich den anderen zuprosten und ein frohes neues Jahr wünschen. Unser Sohn wird draußen ganz bestimmt wie wild losknallen, was das Zeug hält.

Bis Silvester dauert es noch einen Tag, aber so ungefähr werden wir das Jahr ausklingen lassen.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Jahresrückblick 2011


7. Januar
75. Geburtstag meiner Mutter. Wir essen in einem Restaurant in einer Wassermühle. Der Zustand meiner Eltern wird zusehendes gebrechlicher. Meine Mutter leidet an Osteoporose. Im März Augenoperation. Im Oktober stürzt sie, als sie ihre Enkelin in den Kindergarten bringt. Es ist  nichts gebrochen, aber Sehnenriss. Mein Vater ist 79, ist noch einigermaßen fit und hält den riesigen Garten in Ordnung. Die Phasen, in denen er im Sitzen einnickt, nehmen deutlich zu. Mein Bruder wohnt mit seiner Familie bei meinen Eltern und kümmert sich um sie.

16. Januar
Hochwasser auf dem Rhein, Kölner Pegel 8,71 Meter. Seitdem wir 2008 in unser neues Haus umgezogen sind, lassen uns Hochwasser unberührt, weil wir ausreichend hoch wohnen. In unserem alten Haus (Altbau Baujahr 1955), in dem wir 17 Jahre davor gewohnt hatten (etwa 500 Meter vom Rhein entfernt), hatten wir insgesamt 4 mal Grundwasser im Keller, weil das Haus ungefähr der tiefste Punkt im Ort war, weil in der Bodenplatte Risse waren und die Betonwände porös waren. Das Grundwasser (kein Wasser aus dem Rhein, da ein Damm davor liegt !) hatten wir dann mit einer Pumpe aus unserem Keller herausgepumpt. Mit Hochwasser haben wir nichts mehr zu tun, wir fühlen aber jedes Mal mit der Familie  mit, die unser altes Haus gekauft hat.

25. April
Radrennen Rund um Köln. Das war mein persönlicher Höhepunkt meiner Rennrad-Leidenschaft, nämlich die Teilnahme am Jedermann-Rennen Rund um Köln. Die 67 km habe ich in sage und schreibe 2 Stunden 6 Minuten geschafft, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 31 km/h entspricht (!!!!). Mit einem Bekannten aus Bendorf bei Koblenz habe ich teilgenommen. So viele Radrennfahrer, so viel Publikum an der Strecke, so viel Anfeuerung, ein einzigartiges Erlebnis ! Überhaupt lief es mit meinem Rennrad ziemlich rund. Freitags habe ich nach der Arbeit des öfteren Strecken von 70-80 km geschafft. Die schönsten Touren gingen durch die Eifel: mit dem Bekannten von Andernach bis Gerolstein (80 km), alleine bis Bad Münstereifel (110 km), alleine von zu Hause über Euskirchen, Gemünd, Schleiden, Monschau nach Aachen (140 km). Ich hoffe, dass ich im nächsten Jahr konditionell genauso gut drauf bin !

12. Juni
Über Pfingsten Besuch im Legoland Günzburg. Das Legoland haben wir mittlerweile im 8. Jahr hintereinander regelmäßig besucht, neu war aber für uns, dass bis Anfang September sämtliche Sonntage mit irgendwelchen Unternehmungen verplant waren. Dazu gehörten: 2 Geburtstage feiern, Abitur unseres großen Mädchens (werde später ausführlicher darauf eingehen), Karl-May-Festspiele Elspe, Besuch durch Freunde aus dem Saarland, Besichtigung der Burg Eltz mit Freunden …. Da fehlte uns die Zeit zum Luftholen, und das war des Guten ein bisschen zuviel …

1. Juli
Abiturzeugnisausgabe unseres großen Mädchens (Traumnote 1,0). Mit der Ansprache des Bürgermeisters, den Aufführungen der Lehrer, den Darbietungen der Schüler und diversen weiteren Ansprachen ein würdiger Rahmen. Natürlich auch der Abi-Ball, der 14 Tage später stattfand, der war mir aber zu steif. Ganz toll hat mir anstatt dessen eine Wanderung mit der Klasse unseres großen Mädchens auf die Löwenburg im Siebengebirge gefallen. Von den sieben Bergen im Siebengebirge – dessen Anzahl gar nicht sieben ist, sondern ein paar mehr – hatte ich früher einige erwandert, aber noch nicht die Löwenburg. Mit 455 Metern ist die Löwenburg der zweithöchste Berg im Siebengebirge, so dass man einen phantastischen Rund-um-Blick über Bonn, bis in die Eifel, in den Westerwald hinein, bei klarem Wetter bis Köln hat. Dann noch diese Burgruine auf dem Gipfel, zwischen der man in einem mittelalterlichen Ambiente herumkraxeln kann. Alle zusammen hatten wir fleißig zu essen mitgebracht und wir machten Picknick ….

11. August
Unser großes Mädchen hat ihre Führerscheinprüfung bestanden …

26. August bis 6. September
Urlaub an der Costa Brava. Es war unser sechster Spanien-Urlaub, davon haben wir die fünf anderen Urlaube auf Mallorca verbracht. Dieser Urlaub war noch schöner wie diejenigen auf Mallorca (die mir immer noch klasse gefallen haben !), weil der Urlaub von Grund auf abseits des Massentourismus geplant war. Anreise mit dem PKW und nicht mit dem Flugzeug. Buchung des Ferienhauses über eine private Ferienhausvermieterin (sie kam aus der Nähe von Berlin und wir hatten das Ferienhaus im Internet gefunden) und nicht über den Katalog eines Reiseveranstalters. Das Reiseziel lag 1.300 km von uns zu Hause entfernt. So wie bereits bei anderen Urlauben, hatten wir uns einen Leihwagen bei Europcar gemietet (VW Caravelle 9 Sitzer). Dafür fahren wir zu Hause keinen Van (wie so viele andere Familien, die wir kennen), sondern nur einen Gebrauchtwagen, der uns nicht allzu viel Euro gekostet hat. Auf der Hinfahrt Zwischenübernachtung in Frankreich (nahe Dijon), am zweiten Tag Anreise in Spanien. Unser Ferienhaus lag in einer Siedlung, in der es praktisch keine Hotels gab, sondern nur Ferienhäuser, die privat vermietet wurden. Gehweg zum schönen Sandstrand etwa 15 Minuten. In der einen Richtung des Strandes folgte ein Campingplatz, in der anderen Richtung lagen römisch-griechische Ausgrabungen, so dass nichts mit irgendwelchen Hotelklötzen verbaut war, die mich an Mallorca gestört hatten. Ebenso 15 Minuten entfernt ein kleiner Ort mit einer vollständig erhaltenen Stadtmauer, einer über dem Meer emporragenden Kirche und einem Platz mit insgesamt fünf Restaurants, in denen man lecker essen konnte. Die übrigen Touristen waren überwiegend Franzosen, einige Belgier und Niederländer, die Deutschen waren eher in der Unterzahl, natürlich auch viele Spanier aus der umliegenden Provinz Gerona. Das Wetter passte, denn bis auf die letzten beiden leicht verregneten Tage konnten wir jeden Tag im Meer baden. Diverse bunte und schöne Märkte haben wir in der Umgebung abgeklappert. Die Rückfahrt dann in einem Rutsch von Spanien nach Hause (5 Uhr Abfahrt, 18.45 Uhr Ankunft zu Hause). Beim Autofahren hatten sich meine Frau und ich konsequent alle zwei Stunden abgewechselt.

8. September
Einschulung unseres kleinen Mädchens. Sie macht mittlerweile große Fortschritte beim Lesen, Hose hatte sie zuletzt bei C&A gelesen oder „Monchichi“ auf ihrem Monchichi. Negativ ist aber anzumerken, dass ihre Lesefähigkeiten eher auf dem Einsatz meiner Frau beruhen und weniger darauf, was in der Schule vermittelt wird. Unsere Größeren hatten noch mit der UMI-Fibel gelernt, in der ein Buchstabe nach dem anderen gelernt wird und sämtliche Wörter auf UMI aufsetzen, woraus dann schrittweise mit einem neuen Buchstaben auch ein neues Wort gebildet wurde. Heute wird so vorgegangen, dass Wörter gelesen und geschrieben werden müssen, ohne dass sämtliche Buchstaben bekannt sind. Wir finden dies chaotisch und ohne System, dass die gelesenen und geschriebenen Worte falsch sein dürfen, wobei wir nicht nachvollziehen können, was ihnen an richtigen Wörtern / Buchstaben / Schreibweisen beigebracht wird. Uns ist rätselhaft, wieso mit der UMI-Fibel, mit der ein effizienter Lernfortschritt erzielt werden konnte, nicht mehr gelernt wird.

16. Oktober
Stoffmarkt in Bad Godesberg. Der kommenden Jahreszeit entsprechend, hat meine Frau jede Menge Fleece-Stoff und pinkfarbenen Hello-Kitty-Stoff eingekauft. Ab sofort sind jede Menge Abende und Sonntage mit Nähen belegt. Aus dem Hello-Kitty-Stoff näht meine Frau Stoff-Taschen, und die sind mittlerweile so nachgefragt, dass sie zuletzt meinte, sie könnte in eine regelrechte Massenproduktion einsteigen – wobei aber, fiktiv gedacht, wohl niemand einen adäquaten Preis für Stoff plus geleistete Arbeitsstunden zahlen würde. Aus den Fleece-Stoffen sind diverse Fleece-Shirts für unser kleines Mädchen entstanden, außerdem hat sie einen Vorhang für das Hochbett unseres kleinen Mädchens genäht. Bis heute ist noch nicht all der Stoff, den sie am 16. Oktober gekauft hat, weggenäht.

21. Oktober
Erstsemesterbegrüßung an der Universität Freiburg. Unser großes Mädchen studiert nun Medizin und hat sich an der Universität Freiburg eingechrieben. In den Wochen davor waren wir mehrfach die 420 km nach Freiburg gefahren, wegen Wohnungssuche, dann Umzug bzw. ihre persönlichen Sachen rüberfahren. Ein bisschen mehr hatte ich Freiburg nur die ersten beiden Male, als ich mit unserem großen Mädchen alleine in Freiburg war, kennen gelernt. Irgendwie bin ich hingerissen, das Zentrum ist sehr homogen und hübsch gestaltet, der Platz mit der Münsterkirche ist überwältigend, diese kleinen durchfließenden Bächle, alles ist südländisch und gemütlich. Für unser großes Mädchen war diese Umstellung gravierend, raus aus zu Hause hinein in ein Studium in eine so entfernte Stadt. Es war ihre Entscheidung, in Freiburg studieren zu wollen. Darüber nachzudenken, ob diese Entscheidung richtig war, kommt sie wohl kaum, denn im neuen Jahr geht es mit jede Menge von Klausuren und Prüfungen los.

9. November
Der St. Martins-Zug ist ungefähr der Auslöser gewesen, dass ich mich wieder intensiver der Blog-Schreiberei widme. Dies ist sicherlich ein sehr schönes Hobby. Vor allem: danke an diejenigen, die fleißig in meinem Blog herumlesen in der Hoffnung, dass den Lesern der Blog auch gefällt und dass die Anzahl der Leser-/innen langsam wächst.

Wie man sieht, ist relativ vieles im alten Jahr rund gelaufen.
Wahrscheinlich werde ich Morgen einen weiteren Blog schreiben. Trotzdem wünsche ich allen Lesern bereits jetzt einen guten Rutsch ins neue Jahr !

Mittwoch, 28. Dezember 2011

Streifzug durch Köln-Ehrenfeld: Hinterhöfe, ein Leuchtturm und ein Galgen


Wer Köln-Ehrenfeld auf Ansichten aus der industriellen Revolution begegnet, der fühlt sich mitten ins Ruhrgebiet versetzt. Die Schlote rauchen, Werkshallen erstrecken sich kilometerweit, es ist kein Ende der Industrielandschaft in Sicht, das gigantisch sich verteilende Schienennetz trägt apokalyptischen Züge. In Ehrenfeld hatte sich in dieser Epoche die Elektroindustrie breit gemacht, dazu Gaswerke, Gießereien, Unternehmen des Maschinenbaus, der Automobilindustrie, des Waggonbaus. Das einzige, was man aus dem Ruhrgebiet hätte vermissen können, wären Zechentürme und Kohlehalden gewesen.

Heute haben sich die Industriebauten in die umliegenden Stadtteile zerstreut, in Technologieparks in Braunsfeld, Bickendorf oder Longerich. In Ehrenfeld lebt man inmitten der Relikte der industriellen Epoche und im Schatten der Großstadt Köln. Plakate, in Serien zusammengeklebt, kündigen türkische Neujahrsfeste an. In Afro-Läden kann man sich mit afrikanischen Lebensmitteln eindecken. Ehrenfeld, das ist heute eine unüberschaubare Mischung von allen nur denkbaren Einflüssen.

Ein Spaziergang durch die Seitenstraßen. An vielen Stellen hat man die Industrie platt gewalzt. Besorgt hat dies zum großen Teil der Krieg, in dem Ehrenfeld insgesamt 55 mal Ziel von alliierten Luftangriffen war. So auch eine Glasfabrik auf der rückwärtigen Seite des Ehrenfelder Bahnhofs. Sie hatte bereits in den 30er Jahren die Produktion eingestellt. Nach dem Krieg entstanden dann Wohnhäuser, die schnell, einfach, schnörkellos und kostengünstig gebaut worden waren. In dieser Jahreszeit, mitten im Winter, ohne Grün, wenn die sorgsam proportionierten Bäume kahl sind, verdüstern sich bisweilen die Fassaden. Oftmals schiebt sich der plumpe Stil von Mietskasernen in den Vordergrund, an Straßenecken verwittern rostbraune Klinkerfassaden, der mausgraue Farbton einer gefliesten Gebäudefront passt bedenkenlos in die winterliche Stimmung hinein.

Kleine Betriebe, darunter etliche Ein-Mann-Firmen, prägen die Seitenstraßen in Ehrenfeld. In Hinterhöfen werden Fenster aus Kunststoff gebaut, historische PKW’s werden herausgeputzt, es wird mit Spezialteilen aus Gummi gehandelt, Musikinstrumente werden gebaut, auf Parkflächen quetschen sich Transporter zusammen, die zu einem Malerbetrieb gehören.

In den Hinterhöfen breitet sich bisweilen auch die Gemütlichkeit aus. Im Café ist es gegen 11 Uhr morgens so rappelvoll, dass man keinen Platz mehr bekommt. Das Café ist schlicht, einfach, mit einem blank gewienerten Holzfußboden und hat etwas von den französischen Bistrots: man bringt Zeit mit, schaut, beobachtet, viele frühstücken in aller Ruhe, man blättert in der Zeitung herum oder liest ein Buch. Der Hinterhof: abgetrennt durch den Wintergarten, breitet sich eine Oase der Stille vor dem kalkweiß gestrichenen Gemäuer aus, und Bistrottische und –stühle trotzen den sich auftürmenden Häuserfronten. Bei wärmerem Wetter muss es hier phantastisch sein.

Köln, das war während der industriellen Revolution neben dem Ruhrgebiet und der Textilindustrie am Niederrhein eine der industriellen Schwerpunkte im Rheinland. Insbesondere in Ehrenfeld hat man sich um einige Relikte aus dieser industriellen Epoche gekümmert und diese sorgfältig erhalten. So wurde 1882 die Fa. Berghausen & Co für Telegrafenbau gegründet. Basierend auf dem griechischen Sonnengott Helios, wurde die Firma bereits ein Jahr später in „Helios Aktiengesellschaft für elektrische Beleuchtung und Telegrafenbau“ umbenannt. Mit dem angebrochenen Zeitalter der Elektrizität stellte das Unternehmen das komplette Produktionsprogramm an Beleuchtung her, wozu auch Leuchtmittel für Leuchttürme gehörten. So wurde 1910 wurde der noch heute stehende Leuchtturm auf die Werkshallen gebaut, um diese Leuchtmittel testen zu können. Danach wurde das Produktionsprogramm stetig ausgeweitet – auf Verteilsysteme, Lichtmaschinen oder Generatoren, dennoch schwappte das Unternehmen Ende der 20er Jahre in den Konkurs hinein. Werkshallen und Anlagen blieben aber stehen und blieben sogar durch Kriegszerstörungen relativ verschont. So kann man auch heute durch die Werkshallen bummeln, denn dort ist ein Möbel-Center untergebracht. Sich in die Höhe reckend, hat der Leuchtturm alles überdauert. Wenn man ihn sieht, denkt man unvermittelt an Inseln wie Helgoland, Rügen, Fehmarn oder Norderney. Dabei ist es verdammt komisch, mitten in der Großstadt zu sein.

Ein paar Gehminuten weiter, den Bahndamm entlang, versteckt sich ein Denkmal, welches an die NS-Vergangenheit erinnert. Die Wände des Bahndamms ziert ein gigantisches Gemälde: im Vordergrund marschieren Kompanien von Soldaten, dahinter steuert ein Segelschiff auf sicherem Kurs, flankiert von zwei Kirchen, zur linken der Kölner Dom und zur rechten eine brennende Synagoge. Neben der Übergröße der Wandmalerei verschwindet beinahe die eigentliche Gedenktafel: an Bartholomäus Schink. Schink wurde am 10. November 1944 an dieser Stelle gemeinsam mit 12 weitern Männern erhängt. Sie gehörten den Edelweißpiraten an, die in jugendlichem Alter – Schink war gerade 16 Jahre alt – mitgeholfen hatten, Zwangsarbeiter, Juden und Deserteure zu verstecken, außerdem hatten sie Lebensmittelmarken und Waffen gestohlen, und sie erschossen sogar einen Ortsgruppenleiter. Ohne einen Prozess, öffentlich, so dass die Bevölkerung dies miterleben sollte, wurden die 13 Jugendlichen durch die Gestapo am Galgen erhängt.

In diesem Winter wird auch an einen Freund Schinks – Jean Jülich – gedacht, der den Krieg als Edelweißpirat überlebt hat und im Oktober dieses Jahres im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Sein plakatgroßes Foto schwingt sich inmitten von Blumensträußen um einen Brückenpfeiler, und der Geist der Edelweißpiraten lebt in der Kölner Südstadt alljährlich bis in die Gegenwart mit einem großen Festival fort.

Die Bahnlinie, die von Köln nach Aachen führt, war Mit-Auslöser der industriellen Revolution. Die großen Firmen – so auch die Helios-Werke - gruppierten sich um die Bahnlinie. Später, Ende der 20er Jahre, wurde die Bahntrasse mit Hilfe eines Viadukts höher verlegt. Dies prägt auch heute das alltägliche Fortkommen in Ehrenfeld, denn der Bahndamm spaltet den Stadtteil in zwei Teile, und durch ein Netz von Brücken muss man sich von einem Teil Ehrenfelds in den anderen Teil hinein tasten.

Heute sind unter den Torbögen des Viadukts handwerkliche Betriebe beheimatet. Man kann in das Treiben einer Schreinerei hineinschauen, Holzverschnitte, die zusammengestapelt werden, oder Skelette von Holztüren, an denen noch die Verglasung fehlt. Oder man blickt hinein in die Werkstatt einer Schlosserei, wo Bohrmaschinen aufgeständert sind oder Teile eines Geländers herumstehen.

Schlendert man weiter den Bahndamm entlang, so haben sich Heerscharen von Sprayern ausgetobt. In diesem Umfeld wirkt der Ehrenfelder Bahnhof genauso schäbig und abstoßend wie so mancher andere Vorort-Bahnhof. Je mehr man sich dem Bahnhof nähert, ums so mehr muss man Phantasiegebilde von Zeichen entwirren. Eine längliche Gestalt könnte als Gespenst interpretiert werden, ein Musikliebhaber hat dort die Beach Boys verewigt.

Über die Bahntrasse rauscht der Bahnverkehr vorbei, man könnte sogar meinen, im Minutentakt, so dicht wird die Bahnstrecke befahren. Von dort aus geht es weiter nach Belgien, nach Frankreich und in die Niederlande. Und hinter Köln gibt der Thalys so richtig Gas.

Dienstag, 27. Dezember 2011

trauriges Weihnachtsfest


Es war eine der letzten Erledigungen vor Geschäftsschluss. Kurz vor 12 Uhr machte sich meine Frau an Heiligabend auf dem Weg zu einem Modeladen im Zentrum unseres Ortes. Sie wollte einer früheren Klassenkameradin, die Inhaberin des Modeladens ist, ein frohes Weihnachtsfest wünschen. Das Schicksal hatte sie hart getroffen. Im Frühjahr hatte sich ihr Mann von ihr getrennt. Im August war dann ihr Sohn im Alter von 28 Jahren tödlich verunglückt.

Unscheinbar dämmerte der Modeladen im Schatten der Gebäudefront eines Imbisses vor sich her. Kleiderständer vor dem Schaufenster signalisierten, dass der Modeladen noch geöffnet war.

Im Laden kauerte zwischen Ständern von Strickpullovern und Sweat-Shirts die ehemalige Klassenkameradin meiner Frau: Manuela. Sie war dunkel gekleidet wie das Wetter. Das Regengebiet, welches am Morgen durchgezogen war, war draußen nahtlos übergegangen in eine graue, kompakte Wolkenmasse.

„Hallo Manuela“.
Dürr und bleich sah sie aus. Regungslos begrüßte sie meine Frau. Ihre Gestalt war wie ausgemergelt und sie hockte da wie ein Häufchen Elend.

Wie ihr Sohn verunglückt war, war ominös. Er hatte in Essen studiert, als Hobby-Fotograf wollte er auf der Zeche Zollverein Fotos machen. Der Unfall geschah beim Fotografieren, als er etwa zehn Meter von einer Eisenbahnbrücke hinab gestürzt war. Mein Schwiegervater kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und er kennt die Zeche Zollverein. Wir konnten uns nicht erklären, wieso er beim Fotografieren auf eine Eisenbahnbrücke klettern musste und wieso er eine solche gefährliche Stelle nicht gemieden hatte.

„Frohe Weihnachten.“
„So lange ich im Laden bin, geht es einigermaßen. Aber wenn ich zu Hause bin, das ist schrecklich …“

Sie erzählte, dass ihr Essrhythmus und ihr Hungergefühl dauerhaft durcheinander geraten waren. Ihre Gedanken kreisten umher und suchten nach Halt, den sie ein bisschen in ihrem Geschäft und ein bisschen bei ihrer Tochter fand, die als Verkäuferin in einer Bäckerei arbeitete und noch bei ihr wohnte. Sonst war es gespenstisch, wie ihre Gedanken in einem Nichts herum stocherten, welches ein erloschenes Leben hinterlassen hatte.

„Zuletzt bin ich 5 Uhr Morgens aufgewacht. Das kannte ich gar nicht mehr, da hatte ich nämlich Hunger. Mitten in der Nacht habe ich Brote geschmiert und drauflos gegessen.“

Eigentlich war sie als End-Vierzigerin noch sehr hübsch und hatte ein Stück ihrer Jugend bewahrt. Ihr schwarzes Haar fiel in Locken herunter und unterstrich ihre Weiblichkeit. Doch die Sorgenfalten drückten. Ränder hatten sich tief unter die Augen gegraben. Hände griffen verstört ins Leere.

„Wenn ich gleich nach Hause komme, habe ich noch etwas zum Bügeln da. “
Sie rang nach Betätigung, um diesem Nichts zu entrinnen. Meine Frau schwieg. Wie hätte sie denn ein Gespräch in Gang bringen können ? Sie hatte schlichtweg Angst, dass sie etwas falsches sagen könnte. Dass ein einziges falsches Wort Manuela gleich aus der Bahn werfen könnte, dass alles herausplatzen würde und sie in Tränen ausbrechen könnte. Die Situation war schlimm und grotesk, nicht helfen zu können, allenfalls zusehen zu können, vielleicht durch die Anwesenheit ein bisschen Beistand leisten zu können.

„Heute Abend bin ich mit meiner Tochter bei meiner Mutter.“
Das war wenigstens ein Stückchen Heiligabend. Gemeinsam mit ihrer Tochter, ihrer Mutter und möglicherweise auch ihren Geschwistern.

„Und dann ?“
Am 1. und 2. Weihnachtstag drohte der endgültige Zusammenbruch. Da war diese schreckliche Leere zu Hause,  alles drohte in einen Abgrund zu stürzen. Niemand war mehr da. Die Hoffnungslosigkeit wollte kein Ende nehmen. Wie sollte es weiter gehen ?

„Frohe Weihnachten.“
Meine Frau musste wieder nach Hause zurück. Der Abschied war kurz, Manuelas Arme klammerten sich verzweifelt an meiner Frau. Den Tränen war sie nahe, doch sie riss sich zusammen, biss auf die Zähne und irgendwie schaffte sie noch, ihre Haltung zu bewahren.

Freitag, 23. Dezember 2011

frohes Weihnachtsfest

Für einen längeren Blog fehlt mir leider die Zeit, da die Spannung steigt und Morgen das Christkind kommt. Als Vorfreude auf das Christkind ist heute unser großes Mädchen eingetroffen, das nun das erste Mal, seitdem es ihre Studentenbude in Freiburg bezogen hat, zu uns zurück gekehrt ist. Das war ein Warten - so ähnlich wie beim Christkind. Eine Kommilitonin hatte sie im Auto mmitgenommen, und vom Handy aus hatte sie angerufen, dass sie im Anflug auf zu Hause wäre. Wir aßen gerade zu Abend und wir waren zum Bersten gespannt - und warteten ... und warteten ... und warteten ... Eine halbe Stunde später war unser großes Mädchen dann da - offensichlich begann an der Landesgrenze nach NRW am Kreuz Meckenheim das zu Hause. Als sie ankam: Begrüßen, Knuddeln,und drinnen knuddelten und kuschelten das ganz große und das ganz kleine Mädchen so dicht zusammen, dass man sie kaum auseinander bekam. Jetzt genießen wir zu fünft die Zeit miteinander und warten Morgen auf das Christkind.

Ich wünsche allen, die meinen Blog lesen, ein frohes Weihnachtsfest. Dass alle soviel Freude miteinander haben wie wir bei uns zu Hause. Danke an all die fleißigen und geduldigen Leser für all diejenigen Kontakte, die sich in den letzten Wochen aufgebaut haben.

Euer Dieter

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Payback-Punkte-Jäger

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Glatte 250 € haben wir nebenher zusammen gesammelt. In einem Zeitraum von einem Jahr, ohne irgendwelchen Riesenaufwand zu treiben. Es sind nur diejenigen Dinge gewesen, die wir mit unserer Haushaltskasse sowieso einkaufen mussten.

Payback, das bedeutet für uns eine geringfügige Umstellung beim Einkaufen. Anstatt LIDL oder HIT kaufen wir bei real, anstatt Schlecker (den wir wegen der ausbeuterischen Praktiken sowieso meiden) oder Rossmann bei dm, Tanken bei Aral, im Kaufhof kaufen wir sowieso ein, dazu die ganzen Online-Shops: Amazon, Bol, Weltbild, Tchibo und wie sie alle heißen. Mit Ausnahme von real müssen wir keinerlei Umwege beim Einkaufen in Kauf nehmen, denn diese Geschäfte umgeben uns sowieso.

Um die Punktzahl in die Höhe zu schießen, sind wir ganz heiß auf Extrapunkte. Das sind Aktionszeiträume, in denen die Einkäufe bei den Payback-Partnern mit doppelten bis zu zehnfachen Punkten honoriert werden.

Als Schnäppchen-Jäger sind wir zu kritisch, dafür sind wir mit größerer Leidenschaft Payback-Punkte-Jäger, weil uns das Konzept überzeugt und weil sich ohne nennenswerten Mehraufwand Geld damit verdienen lässt. Gebannt schauen wir auf den Kassenzettel, auf welches Niveau sich der neue Punktestand geschraubt hat – sofern er auf dem Kassenzettel steht – sonst schauen wir ins Internet unter www.payback.de.

Wir kaufen auch auf Vorrat ein, doch ansonsten glauben wir uns im Griff zu haben, dass wir mit Einkaufszettel nicht das Maß überschreiten, was wir eigentlich benötigen.

Payback-Punkte sammeln kann so schön sein. Wir haben so eifrig gesammelt, dass meine Frau ihre Weihnachtsgeschenke zusammen hat. Jeder von uns fünfen bekommt einen Payback-Gutschein von 50 € geschenkt, der dann bei einem Payback-Partner verprasst werden kann.

Bei der Auszahlung der angesammelten 250 € wird unsere Sammel-Leidenschaft sogar noch auf die Spitze getrieben: dies wird wiederum mit Extrapunkten belohnt, denn 10% davon, also 25 €, werden dem Payback-Konto gutgeschrieben.

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Weihnachtsurlaub


Bis Heiligabend habe ich nun Weihnachtsurlaub, der intensiv den Weihnachtsvorbereitungen gewidmet sein wird.

Kleckerweise fallen uns die letzten fehlenden Geschenke ein. Meine Frau ist heute Morgen in die Stadt gefahren, um nach Anziehsachen zu schauen. Unser Sohn und ich haben gestern gemeinsam für meine Frau ihr Weihnachtsgeschenk über das Internet geordert. Das Internet ist eine immense Hilfe: Danke an Amazon, Bol, Kidoh, Eventim, und wie sie alle heißen. Was wir an Wegezeiten in Geschäfte eingespart haben, geht auf keine Kuhhaut.

Heute Morgen muss ich diverse Fotos von uns Lieben nachmachen lassen, die für 2012er Kalender bestimmt sind, mit denen wir unseren Familienkreis beschenken. Das ist eine Aktion mit hohem Abstimmungsbedarf, die Fotos zu sichten, auszuwählen und die passende Anzahl zu reproduzieren.

Weihnachtskarten schreiben oder Weihnachtsgrüße per Mail verschicken, damit sind unsere nächsten Abende verplant. Wobei ich ein Verfechter der Grüße per Mail bin, wenn wir diese Freunde im Jahresverlauf persönlich sehen. Gespannt bin ich auf den Effekt, wenn wir im  Postamt Briefmarken kaufen wollen. Mitten im Weihnachtsgeschäft kann es passieren, dass die Warteschlange bis zur Straße reicht.

Achja, Plätzchen haben wir noch keine gebacken. Die 16 Beutel Plätzchen, die wir am ersten Advent für den Weihnachtsmarkt in unserem Nachbarort gebacken hatten, gingen Ratzfatz schnell, etwa zwei Stunden hatte dies gedauert. Und mit dieser Größenordnung kommen wir als 5-köpfige Familie allemal hin.

Bleibt noch die Putzerei und Aufräumerei. Dabei ist am schlimmsten unser Gästezimmer, in dem mein Schwager Udo übernachten wird. Das Gästezimmer ist eine wahre Rumpelkammer, weil dort außer denjenigen Sachen, die dort sowieso herumgestanden haben, weitere Dinge aus dem Zimmer unserer Tochter, die in Freiburg studiert, hineingestellt worden sind, weil uns am letzten Wochenende Freunde aus Hamburg besucht hatten.

Was zu erledigen ist, sollte bis Weihnachten eigentlich zu schaffen sein.

Ich wünsche euch einen angenehmen Mittwoch !