Mittwoch, 5. März 2014

der Ölberg und die Rechtschreibung

Ölberg über dem Rhein
Lang, lang ist’s her, dass ich zu Fuß den Ölberg erwandert habe. Es ist unstrittig: die Mühe lohnt sich, die Aussicht aus 460 Metern Höhe ist fulminant. Anders als beim Drachenfels oder beim Petersberg, sind vom höchsten Berg des Siebengebirges dem 360-Grad-Rundumblick keine Grenzen gesetzt. In aller Freiheit kann der Blick in die Ferne vordringen, bis nach Köln, in den Westerwald hinein, bis in die Eifel, das lässige Band des Rheins verliert sich irgendwo zwischen Remagen und Bad Breisig, am Fuße schart sich das Häusermeer von Bonn zusammen.  Der Ausblick berauscht. Das Erlebnis sitzt tief, die Landschaft aus einer höheren Perspektive von ganz oben wahrzunehmen.

Aus meiner Perspektive von unten, auf dem Rennrad, nähere ich mich der Symbolik des Ölbergs. Oben auf der Margarethenhöhe angekommen, besinne ich mich. Innere Einkehr, Ruhe, Meditation lassen sich erwandern, denn das Netz von Wanderwegen ist dicht, verzweigt sich in alle Richtungen, auch auf den Ölberg hinauf. Doch wenn ich auf die Beschilderungen schaue, stutze ich. Grammatikalische Feinheiten verwirren mich, denn meistens wird der „Ölberg“ mit „Oe“ geschrieben, also „Oelberg“.

Hinweisschild zum Berggasthaus auf dem Oelberg
Am Margarethenkreuz lerne ich, dass die christlichen Pilgerwege einen weiten Bogen um den Ölberg geschlagen haben. Der Bittweg mit dem Margarethenkreuz verlief wo anders, nicht hinauf zum Ölberg, sondern zum Rhein hin, zur mittelalterlichen Wallfahrtskapelle auf dem Petersberg.

Also alles pfusch. Die Schreibweise, ob Ölberg mit „Oe“ oder „Ö“ geschrieben wird, hat in der Entstehungsgeschichte nichts mehr mit dem Berg aus der Bibel zu tun, wo Jesus Christus seine Jünger vor dem Letzten Abendmahl versammelt hatte und von wo aus er in den Himmel aufgefahren war.

Erstmals erwähnt wurde dieser von Geheimnissen umgebene Berg in einem Verpfändungsprotokoll von 1407, in dem es hieß: "an dem Maelberg geleygen". Dabei verstand man „Mael“ als Grenzmarkierungen zwischen den Gebieten der Kölner Kurfürsten, den Herzögen von Berg und der Siegburger Abtei. In späteren Urkunden wurde aus „Mael“ „Mohl“ und aus einem „Maelberg“ ein „Mohlberg“.

Der Ölberg, eine einzige Wortblase ? Mit Worten kann man spielen, man kann sie anders aussprechen, Silben unterschiedlich betonen, Buchstaben weglassen oder hinzufügen. Die Grammatik und das „M“ brachten die entscheidende Wendung. „Mohlberg“ stand des öfteren hinter Präpositionen wie „am“ oder „beim“ oder „aufm“. Die „M“‘s hoben sich gegenseitig auf. „Am Mohlberg“ schrumpfte dann auf „Am Ohlberg“ zusammen. Das war im 17. Jahrhundert, als die Bezeichnungen „Ohleberg“, „Oellberg“ oder „Oelberch“ dem heutigen Wort „Ölberg“ schon ganz nahe kamen.

Ölberg mit Eisenskulptur vor der Autobahnauffahrt Siebengebirge
Und siehe da: die Zisterziensermönche aus dem drei Kilometer entfernten Kloster Heisterbach entdeckten den Heiligen Berg für sich, jedenfalls belegen dies Grenzsteine mit den Insignien „HB“ für Heisterbach und dem Krummstab. In einer Vision sollen die Mönche über der Bergwelt des Siebengebirges einen leuchtenden Kreis mit sieben Sonnen gesehen haben.

Auf der Margarethenhöhe holt mich die Rechtschreibung wieder ein. Auf dem Hinweisschild unter dem schützenden Schieferdach lese ich „Berggasthaus auf dem Oelberg“. Wieder mit „Oe“ geschrieben, verblüfft die Schreibweise mit ihrer Hartnäckigkeit. Erst Ende des 18. Jahrhundert wird das „Ö“ anstatt „Oe“ verwendet. Ich greife auf die Wortentstehung im 17. Jahrhundert zurück. Vor dieser Zeit war das „o“ in „Mohlberg“ offen und gedehnt. Das „e“ in „Oellberg“ oder „Oelberch“ muss ein sogenanntes Dehnungs-e und kein „o“ mit zwei Pünktchen gewesen sein, um den Vokal zu verlängern.

Egal, ich lasse mich nicht verwirren. Ich schreibe ein „Ö“ und spreche den Berg „Ölberg“ aus. Der Ölberg ist nicht daher gepfuscht, sondern der markanteste Punkt auf meinen Rennradtouren. Selbst in größten Entfernungen, auf der Deutzer Brücke in Köln, vor Eitorf im Westerwald oder von der Grafschaft aus, behauptet er, wie ein Denkmal in der Landschaft, seine Stellung.

Unweigerlich schrauben sich seine 460 Meter in die Höhe. Ich kenne keine Marke, die so treffend, so prägnant und so sicher wiederzuerkennen ist. Egal, ob mit „Ö“ oder„Oe“geschrieben. 


Ölberg von Hennef-Rott aus

Kommentare:

  1. Ich habe mich auch an diesem Sonntag über diese Landmarke gefreut, aus dem Odenwald kommend. Und da die Sicht gut war, war klar, dass ich - mit meinen neuen Augen - bald darauf meine geliebte Kölner Bucht wiedersehen konnte. War seit den OPs das 1. Mal wieder auf der Strecke unterwegs...
    LG
    Astrid

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  2. Hallo Dieter, diese markannten Stellen kenn e ich auch. Du hast es schön beschrieben. Ja von dort hat man einen herlichen Rundumblick und kann die Natur geniessen.

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

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  3. Diesen Berg kannte ich bislang nicht. Danke für die ausführliche Beschreibung.
    Habe deine Ausführungen wieder mit großer Begeisterung gelesen.
    Liebe Grüße
    Irmi

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  4. Noch nicht dort gewesen fand ich es wieder interessant dich zu begleiten. Da kann man unter Garantie die Natur so wirklich genießen und beim Durchatmen sie auch spüren^^

    Mit dem Oe und Ö finde ich ebenfalls interessant, also dass du da verwundert warst. So habe ich mir da noch keine Gedanken gemacht, das kommt aber wahrscheinlich daher dass man die Pünktchen auch im Englischen und Spanischen nicht kennt, und ich öfters auch auf das E zurückgreife wenn ich keine deutsche Tastaturbelegung eingestellt habe. So würde ich einfach sagen....auch Ausländer können es dann einfacher lesen wenn sie das Ö nicht kennen^^

    Liebe Grüssle

    Nova

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  5. An manchen Tagen sieht man Drachenfels und Co auch von Euskirchen aus klar und deutlich. Mein Vater sagt immer: Dann gibt es schlechtes Wetter.
    Wieder was über die nahe Heimat gelernt. Danke
    Gruß vonner Grete

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  6. Hallo Dieter,
    Mensch, dort war ich ja noch nie! Drachenfels klar, als Kind schon, aber weiter bin ich leider nicht gekommen.
    Der Rhein als Kulisse ist eben auch immer toll, sowas haben wir hier im Teuto nicht.
    VG
    Elke

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