Montag, 6. Februar 2012

lässig wie James Dean

Sein Auftritt verflüchtigte sich. Wie aus dem Nichts, war der junge Bursche von der Haltestelle in den Bus geschlüpft. Nachdem sein Blick sich an dem Busfahrer fest gekrallt hatte, klimperte er in seiner Geldbörse herum und schmiß dem Busfahrer sein abgezähltes Geld hin, der den Fahrschein zückte.

Ich traute meinen Augen nicht. Schräg senkten sich die Sonnenstrahlen, und die eisige Kälte ließ die Felder vor Blässe ermatten. Minus fünf Grad waren es, das stellte ich später zu Hause fest. Derb glänzte der Asphalt: aus dem Fenster sah ich auf das raue Band der Straße, dessen gerade Linie sich bis zum Sportplatz schob. Dort piecksten die Flutlichtmasten hinter einer Anhöhe heraus.

Ich traute meinen Augen nicht, denn sein Oberkörper war nur mit einem aschgrauen T-Shirt bekleidet, dass über seinem schlappen Oberkörper hinunterfiel. Zittern und bibbern musste er vor Kälte. Denn in dem Bus war es trotz Heizung so kalt, dass ich mich in meine Jacke einkuscheln musste. Kräftig war er, und mit seinen breiten Schultern wirkte er sehr männlich. Vielleicht Anfang 20, hatte seine glatte Haut und sein schmales Kinn jungenhafte Gesichtszüge. Seine nackten Arme zeigten sogar einen Hauch von Röte, als ob der Kälteschock sich in einen Sonnenbrand verwandelt hätte. Und er strich sich mit seinem Zeigefinger über seine Haarlocke, die sich so schwunghaft über seiner hohen Stirn kräuselte, dass sie für einen Maler ein schönes Portrait abgegeben hätte.

Lässig wie James Dean schritt er durch den Bus. Wie auf einem Laufsteg, spähte sein Blick nach links, nach rechts in die unbestimmte Menge der Fahrgäste. Diese schauten unbeteiligt aus dem Fenster heraus, ertrugen die frostkalten Stimmungen, lasen weiter ihre Tageszeitung oder scrollten auf ihrem Smartphone Facebook-Seiten herunter.

Ohne irgendeine Aufmerksamkeit zu erzeugen, setzte er sich auf einen freien Platz. Wieso fror er nicht ?

Ich dachte an eine Begebenheit zurück, die etwa 20 Jahre zurücklag. Ein früherer Arbeitskollege meiner Frau war während seiner Bundeswehrzeit bei der Marine in Schleswig-Holstein nahe der dänischen Grenze stationiert. Egal zu welcher Jahreszeit, war es dort durchgehend fünf Grad kälter wie bei uns. Da war es zur Angewohnheit geworden, wenn er am Wochenende nach Hause kam, dass er sich in Schleswig-Holstein in warme Klamotten eingepackt hatte und diese auszog, je näher seine Heimat rückte. Waren es in Schleswig-Holstein minus 10 Grad, dann zog er auch bei minus 5 Grad zu Hause seine warmen Pullover aus.

War er bei der Marine und auf Wochenendbesuch ?

Unserem Sohn war im letzten Winter das Missgeschick passiert, dass er als Arbeitskleidung an einem frostig kalten Wintertag seine warmen Pullover zu Hause vergessen hatte. Bekleidet nur mit einem T-Shirt musste er dies den ganzen Tag aushalten, quer über das Flughafengelände, ohne nennenswerte Anteile in irgendwelchen Innengebäuden verbringen zu können. Wie ein Eisklotz war er von der Arbeit gekommen, noch bis spät abends hatte er gebibbert und gefroren. Seine Gänsehaut war nicht verschwunden. Und er hatte uns unendlich Leid getan.

Zwei Haltestellen weiter, stand er auf. Er versuchte, zur Legende empor zu wachsen. Mit stolzer Brust drehte er sich um und wendete seine graziöse Gestalt zum Busausstieg. Diesmal zupfte er mit dem anderen Zeigefinger an seiner Haarlocke und strich über sein glatt nach hinten gekämmtes Haar. Wieder sein magnetisierender Blick in den Bus hinein. Dann stieg er aus, und niemand hatte Notiz von ihm genommen.

Kommentare:

  1. Interessante kurze Begegnung zum Innehalten für einen Moment- Du hast es wieder einmal faszinierend und lebendig beschrieben-als wäre ich dabeigewesen... LG Marita

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  2. Eine gute Geschichte. Der arme Kerl, nicht nur wegen der kalten Temperaturen-auch die Kälte des "NICHT GESEHEN WERDENS". Schön, dass du ihm hier einen Rahmen gibst. Auch wenn er das natürlich nicht weiß.

    Viele Grüße und Dankeschön für deinen Besuch auf meinem Blog

    Jo

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  3. "(...) und niemand hatte Notiz von ihm genommen." ..... außer dir :) Sehr schön!

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  4. Warum war denn niemand da, der dem Sohn etwas Warmes zum Überziehen hätte geben können? Das hätte auch ne Lungenentzündung werden können - kopfschüttel.

    LG Berta

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