Dienstag, 7. August 2012

Marcel Kerff


Man hielt sie bestimmt für Spinner. Auf Fahrrädern quer durch Frankreich. Hunderte von Kilometern am Stück. Auf Straßen, die noch halbe Feldwege waren. Bei regnerischem Wetter durch aufgeweichten Boden und Matsch. Ersatzteile organisieren, wenn über Kopfsteinpflaster Schläuche gleich reihenweise kaputt gingen. In normaler Straßenbekleidung: Schuhe mit Gamaschen, kurze Hose, Hemd und Jacke dürften segelartig im Wind geflattert haben.

1903 startete die erste Tour de France. Der Initiator und der Organisator war eine Sportzeitung, die sich dadurch eine Steigerung der Auflage erhoffte – was dann auch geschah. So wie heute, war Paris der Dreh- und Angelpunkt. Alpenpässe galt es schon zu erklimmen, 2.400 Kilometer waren insgesamt zu schaffen (heutzutage sind es 3.400 Kilometer). Neu war die Idee, die Gesamtstrecke nicht an einem Stück zu fahren, sondern in einzelnen Etappen, die dann zu einem Gesamtergebnis zusammengezählt wurden. Der Sieger Maurice Garin erzielte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h – was aus heutiger Sicht geradezu läppisch erscheint. 60 Rennfahrer nahmen teil, wovon 21 das Ziel in Paris erreichten. Einer von ihnen war der Belgier Marcel Kerff. 1903 sollte seine erste und letzte Tour werden, denn er war bereits 37 Jahre alt. Dabei erreichte er einen beachtlichen sechsten Platz. Wahrscheinlich war er danach in Belgien sogar so etwas wie ein Nationalheld.

Am 7. August 1914 sollte er zu einer tragischen Figur werden. Am 1. August 1914 hatte Deutschland Frankreich den Krieg erklärt, und der erste Weltkrieg hatte soeben begonnen. In einer feurigen Rede erklärte der Kaiser in Berlin, dass er nur noch Deutsche kenne. Das Volk jubelte ihm zu, die Begeisterung kannte keine Grenzen, eine überschwängliche Stimmung entlud sich.

Es galt, den Erzfeind Frankreich zu besiegen. Die deutschen Truppen sammelten sich bei Aachen. In Gemmenich in Belgien rissen die Soldaten am 4. August 1914 die ersten Schlagbäume nieder. Dass das Völkerrecht gegen die belgische Neutralität verletzt worden war, das war egal, denn Belgien war das Aufmarschgebiet gegen den großen Erzfeind im Westen. Als nächsten Meilenstein galt es, das Festungssystem von Lüttich zu erobern, das, in Beton verschanzt, mit insgesamt elf Einzel-Festungen eines der modernsten der damaligen Zeit war. Als Fußtruppen unterwegs, rechnete man in diesem Krieg noch in Tagesmärschen. Lüttich war 60 Kilometer von Aachen entfernt, also drei Tagesmärsche. Durch das Herver Land, durch den Voerstreek, durch das Maastal.

Zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, konnten die belgischen Truppen zunächst keinen nennenswerten Widerstand mobilisieren. Anstatt dessen versuchten die Belgier aus Hinterhalten als Partisanen oder als Franc-tireur – diese Kriegsform war im deutsch-französischen Krieg 1870/71 entstanden -  Widerstand zu organisieren. Die deutschen Besatzer griffen in aller Härte durch. Am 5. August 1914 kam es in den Orten Battice, Berneau und Visé zu Massenschießungen. Noch heute nennt sich die Hauptstraße von Berneau nach Visé „rue des fusillés“ (Straße der Erschossenen). Außerdem wurde die Stadt Visé angezündet und durch einen Brand vernichtet.

Merkwürdigerweise hatte Marcel Kerff von diesen schrecklichen Ereignissen kaum etwas mitbekommen. Er wohnte in Moelingen, quasi einen Steinwurf von der niederländischen Grenze entfernt. In niederländisches Gebiet waren die deutschen Truppen bislang noch nicht einmarschiert, denn sie strebten ja geradewegs auf ihren Erzfeind Frankreich zu. Daher dürfte er sich dort auch sicher gefühlt haben. All die Heckenschützen rieben sich ein Stück weiter Richtung Lüttich auf. Visé oder Berneau, das war noch 5-6 Kilometer entfernt. Auch den Brand von Visé hatte er möglicherweise nicht gesehen, da zwischen Moelingen und Visé noch ein hügeliger Ausläufer des Herver Landes verläuft. Die Truppen waren durchmarschiert, Kämpfte tobten erst weiter maasaufwärts bei Lüttich, in Moelingen, diesem verschlafenen Provinznest, gab es keine Heckenschützen.

In dieser Situation sollte ihn etwas treiben, was ihn den Kopf kosten sollte: Neugierde. Er setzte sich auf sein Fahrrad und erkundete die Umgebung. Da war jede Menge Ruhe und jede Menge Stille, so wie er sein Heimatdorf kannte. Anfang August war das Getreide geerntet, die Äpfel reiften an den Bäumen, Pflaumen lagen auf den Streuobstwiesen.

Alles war idyllisch und die Welt war in Ordnung. Trotz des ersten Weltkriegs. Mit seinem Fahrrad bog er auf die Straße von Maastricht nach Battice ein. Das Fahrrad glitt in die Ebene des Maastals hinein. Er war nicht irritiert, sondern neugierig, dass am Straßenrand eine halbe Zeltstadt aufgeschlagen war. Dazwischen schweres Gerät, Gewehre, auf dem Boden Stahlhelme.

Naiv wie ein kleines Kind, fuhr er weiter, um nachzuschauen, um sich diese Neuigkeit aus der Nähe anzusehen. Der erste deutsche Soldat, der ihn erwischte, fuhr ihm ins Gesicht.

„Moment mal …
… was macht der denn hier ????
… hat der ein ganzes Regiment von Heckenschützen im Schlepptau ???
… besser, wir gehen auf Nummer sicher …
… bevor wir vor die Hunde gehen

… machen wir ihn ALLE !!!“

So könnte ungefähr die Reaktion der deutschen Soldaten ausgesehen haben. Er wirkte verdächtig – vielleicht sogar wegen des Gefährts auf zwei Rädern, welches in dieser Kriegssituationen vollkommen fehl am Platze war.

Am 7. August 1914 erhängten sie Marcel Kerff, weil sie Angst hatten, er könnte andere Heckenschützen mobilisieren, die dann wiederum die deutschen Soldaten aus dem Hinterhalt oder in der Nacht erschießen könnten. Marcel Kerff war der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort.

An der Straße von Maastricht nach Battice haben seine Nachfahren Marcel Kerff ein Denkmal gewidmet. Ein steinernes Kreuz in der Form von Baumstämmen. Für einen Radrennfahrer der Tour de France der allerersten Stunde.


Montag, 6. August 2012

neue Leser



Ich freue mich sehr, sieben neue Leser begrüßen zu dürfen, und zwar:
  • Rostrose
  • Commodore's Cat
  • ME
  • Café Sonnenblende
  • Rostkopp
  • Sina und
  • Angelika 
Ich freue mich, dass ihr hier seid !

Friterie in Visé / Belgien


Das Auto rumpelte über die bucklige Piste. Allzu viel Mühe hatten sich die Belgier nicht gegeben, die Schlaglöcher auszubessern. Das war mehr schlecht geflickt, als dass die Straße vernünftig instandgesetzt worden wäre. Außerdem fehlte die Seitenmarkierung, so dass die Straße nahtlos in die Felder übergehen schien. Auf den Straßen durchgerüttelt und durchgeschüttelt zu werden, das gehörte wohl auch zu der Mentalität der Belgier. Es musste nicht alles perfekt sein – dazu hatte ich in Belgien viele Beispiele kennen gelernt.

Als ich Visé erreichte, las ich auf weißen Schildern „athénée royale“ oder „centre sportif“ oder „salle de réunion“. Wie an Größenwahnsinn grenzend, türmten sich riesige Flutlichtmasten über einem Stadion, denn Visé spielte als mehr oder weniger kleines Kaff in der zweiten belgischen Fußball-Liga.

Um die Mittagszeit in Visé ankommend, wollte ich nach gepflegter belgischer Tradition Fritten essen. Wie in der Friterie nahe der Kirche St. Martin, über die ich in meinem Blog vom 6. Dezember 2011 berichtet hatte. Doch als ich die Kirche St. Martin erreicht hatte, stellte ich verblüfft fest, dass der Platz vor der Kirche umgestaltet worden war und die Friterie verschwunden war. Ich suchte, und auf dem place reine Astrid fand ich einen mindestens gleichwertigen Ersatz. Der place reine Astrid lag im Zentrum von Visé, das von lauter Straßencafés bestimmt war. Die Schriftzüge der belgischen Bierbrauereien schoben sich in langen Bändern über deren Eingänge. Menschen saßen draußen, quatschten, diskutierten, gestikulierten, tranken Kaffee oder auch Trappistenbier.



Es war eine Friterie, wie man sie in Deutschland als Typus von Imbißbuden kaum findet. Friterie und Restaurant in einem, wobei die Friterie über eine eigene Durchreiche abgetrennt war. Durch den Haupteingang gelangte man ins Restaurant hinein, die Friterie befand sich ungefähr zehn Meter weiter an der Straßenseite. Zwischen der fein strukturierten Ziegelsteinfassade öffnete sich ein Schiebefenster. Fast hätte man die Friterie übersehen können, wenn dort nicht „Frites et plats à emporter“ gestanden hätte.

Durch die Durchreiche konnte ich direkt in die Küche hinein schauen. Ich beobachtete, wie in Töpfen gerührt wurde oder Fleisch gebraten wurde. So viel Transparenz ? Es sah jedenfalls sauber aus, und wahrscheinlich hätten auch deutsche Gesundheitsämter nichts zu meckern gehabt.

Ob Belgien das Land ist, in dem die Fritten erfunden worden sind, weiß ich nicht. Jedenfalls berichtete 1781 Joseph Gérard, dass die Einwohner von Namur, Huy und Dinant die Angewohnheit hatten, in der Maas zu fischen und den Fischfang dann zu frittieren. Wenn im Winter die Gewässer zugefroren waren, verwendeten sie anstatt dessen Kartoffeln und frittierten diese dann. Diese Methode war in Namur, Huy und Dinant bereits mehr als einhundert Jahre alt.

Ich behaupte, dass die belgische Art der Frittenzubereitung noch nirgendwo in Deutschland nachgemacht worden ist. Normalerweise kann man Morgens an belgischen Friterien beobachten, wie geschälte Kartoffeln durch ein Schneidegerät gepresst werden, wodurch die längliche Stäbchenform der Fritten entsteht. Dann werden diese einmal im Fett hinein gegeben und auf einem Blech abtropfen gelassen. In der Friterie in Visé lagen die vorgegarten Fritten auf dem Blech. Auf Kundenwunsch wurde dann die gewünschte Portion nochmals ins Fett gegeben.




Übrigens war die Bedienung in der Friterie geradezu begeistert darüber, dass ich Fotos aus dem Innenraum der Friterie gemacht habe. Und dass ich in einem deutschen Blog die Tradition der Frittenzubereitung in Belgien präsentieren wollte.

Es dürfte unschwer zu erraten sein, dass der Sättigungseffekt um Größenordnungen höher war. Wenn ich bei uns im Ort eine große Portion Fritten esse, reicht dies gerade für eine Zwichenmahlzeit. In Belgien war dies demgegenüber eine vollwertige Mahlzeit und ein viel besseres Preis-Leistungs-Verhältnis: in Visé kostete eine große Portion Fritten mit Mayonnaise 2,80 € (die ich nicht einmal ganz geschafft hatte), während ich bei uns im Ort zuletzt 2,20 € bezahlt hatte.

Auf den Korbstühlen vor der Friterie habe ich die Fritten genossen. Den Geschmack nach richtigen Kartoffeln habe ich mir auf der Zunge zergehen lassen. Auch die Mayonnaise schmeckte viel herzhafter nach Eiern wie in Deutschland. Ganz dicht an einer belebten Straßenkreuzung sitzend, störte mich der Verkehr nicht. Ich vertiefte mich in meinen Genuss. Fritte für Fritte pieckste ich in mich hinein. Ein Essen in einem Top-Restaurant hätte nicht leckerer sein können.



Als ich aufgegessen hatte, setzte ich die Autofahrt Richtung Voeren fort. Erneut dieses Rumpeln über unebene Straßen. In einem Industriegebiet am Rande produzierte KNAUF Gipskartonplatten. Ein schwerer Sattelzug bog auf die Hauptstraße, quälte sich vorwärts und dämpfte mein Tempo. Im Schneckentempo kroch er mit seiner Länge durch das Eisenbahnviadukt hindurch. Ich passierte das Ortsschild von Moelingen, und ich befand mich auf flämisch-sprachigen Boden. Auf der Hauptstraße von Maastricht nach Battice verstummte das Rumpeln auf der Straße. Hier hatte die Qualität der Straße einen deutschen Standard erreicht.

Sonntag, 5. August 2012

Wochenrückblick #31


Bohnen
Mit der Bahn war ich vorzeitig aus dem Bodensee-Urlaub zurückgekehrt, da ich ab Montag wieder arbeiten musste. Während der Rest der Familie sich noch in Urlaubsstimmung ausbreiten konnte, konnte ich keineswegs die Beine hochlegen, sondern die Bohnenernte (Buschbohnen) beim Schwiegervater war das dominierende Thema. In diesem Jahr war sie dermaßen überreich, dass ich erst am Freitag alles, was reif war, gepflückt hatte. Pro Tag habe ich einen Eimer geschafft. Im Wasser waschen, schmutzige Stellen säubern, Enden abschneiden, kleinschneiden, wiegen, in Gefrierbeutel einfüllen, einschweißen, in unseren Gefrierschrank hinein. Pro Tag sind vier Beutel dazugekommen, also 24 Beutel insgesamt. Unser Gefrierschrank quillt nun über von Bohnen. Runde zwei Stunden war ich täglich mit Bohnen beschäftigt. Da ich ansonsten einkaufen war und mir etwas gekocht habe, blieb an diesen Tagen praktische keine Zeit übrig. Und das dumme an dieser überreichen Bohnenernte war: ich mag kaum Bohnensalat.

Fernsehen
Wenn ich in der einen Woche gerade nicht mit Bohnen beschäftigt war, habe ich es genossen, nicht fernzusehen. Entweder gar kein Hintergrundgeräusch oder wenn es mir über längere Zeit zu still war, habe ich Radio gehört. Bei mir hat sich schnell ein Gefühl eingestellt, dass ich eine Berieselung mit Fernsehbildern sowieso nicht brauche und ebenso nicht all die Nachrichten, was alles in der Welt los ist. In unserer Informationsgesellschaft ist dies für mich ohnehin ein Grundproblem, dass ca. 90% der Informationen Müll darstellen, so dass man diese gar nicht braucht. Die übrigen 10% sind durchaus wichtig oder wissenswert. Diese 10% müssen aber gefiltert werden. Bei einer Zeitung kann man bewusst nur das lesen, was einen wirklich interessiert. Beim Fernsehen ist dies schwieriger, da dies wegen des Überangebotes an Sendern und Programmen praktisch nicht mehr filterbar ist in Bezug auf wichtige Sendungen. Dazu kommt, dass es zu den Hauptsendezeiten praktisch nur Unterhaltungssendungen oder Krimis mit einem eher seichten Niveau gibt. Gestern habe ich mir erst einmal eine Tageszeitung gekauft (Bonner General-Anzeiger). Ich gehe davon aus, dass aus der Zeitung deutlich mehr wichtige Informationen bei mir hängen bleiben als beim Fernsehen.

Reinfall in Köln
Sonntag wollte ich alleine etwas unternommen haben, was ich mir schon immer vorgenommen hatte und wozu ich sonst nie Zeit gehabt hatte. Spontan fiel meine Entscheidung auf einen Museumsbesuch, und zwar auf alte Malerei – beginnend im 17. Jahrhundert oder sogar früher. Das letzte Mal war ich im Jahr 2009 im Musée d’Orsay in Paris gewesen. Köln konnte da zwar nicht mithalten, aber das Wallraf-Richartz-Museum mit der Kölner Malerschule aus dem Mittelalter, mit Holbein, einigen flämischen Malern, einigen Impressionisten und van Gogh’s, das war schon ein beachtlicher Bestand an wunderschönen Gemälden. Bereits in der S-Bahn stieg meine Vorfreude auf den Museumsbesuch an. In Köln hinein in den Museumsbau hinter dem Hauptbahnhof am Rheinufer. An der Kasse wies man mich auf einem Umbau hin, dass momentan keine russischen Expressionisten und bestimmte deutsche Expressionisten wie z.B. Kokoschka nicht zu sehen waren. Auf diesen Teil konnte ich durchaus verzichten, ich zahlte die 10 € Eintritt und ging die Treppen hinauf. Modern ging es los, irgendeine Schnur, die quer durch den Raum baumelte. Dahinter wurde es aber handfester: etwa 20 Gemälde von Picasso, Dora Maar, weitere Frauen in seinem Leben, ein Mittagsschmaus mit einer eineindueitgen Anspielung auf die Sexualität, die Pariser Ile der France im kubistischen Stil. In diesem Gemälden fand ich Picasso wieder, wie ich ihn schätzen gelernt hatte: mit diesen deformierten und verzerrten Formen, wie Räder eines Getriebes, welche Defekte verursachten und bis in den Menschen hinein griffen. Es folgten noch ein paar Gemälde von Braque, Matisse und Max Ernst, aber das war es schon. Der Rest war ausschließlich moderne Kunst: ein Gemälde, welches nur aus einem roten Hintergrund bestand und sonst aus gar nichts, einen Steinhaufen, den ich für eine Baustelle gehalten hätte, ein alleinstehender Baum, zwischen dessen Äste Fäden gebunden waren, drahtige Skulpturen aus Metall ohne Kopf usw. Nein, das war mir zu erklärungsbedürftig, das ließ sich nahezu beliebig interpretieren, so etwas hatte ich nicht gesucht. Claus Oldenburg, Hinweise auf seine Sonderausstellung mit seinem kahlgeschorenen Kopf prangerten an allen Ecken, doch auch nach so etwas modernem war mir nicht zumute. Also wieder ab nach Hause. Dort googelte ich, was aus dem Wallraf-Richartz-Museum mit all den älteren und natürlichen Gemälden geworden war. Bereits seit 2001 gab es einen Neubau neben dem Gürzenich, weil sowohl das Museum Ludwig wie das Wallraf-Richartz-Museum expandiert waren. Gelandet war ich im Museum Ludwig, welches ausschließlich Kunst bzw. Malerei ab 1900 zeigte. Ich war entsetzt, denn ich glaubte mich in Köln auszukennen. Doch das zeigte auch, dass ich mich in der Zwischenzeit nur noch sporadisch – wie in Paris in 2009 – mit Malerei befaßt habe. An diesem Tag habe ich beschlossen, dies zu ändern.

De Courbefy à Ahae …
lautet ein Blog der französischen Bloggerin autourdupuits. In ihrem Blog vom 29. Juli hatte sie über eine Ausstellung über das Dorf Courbefy in den Pariser Tuilerien berichtet. Da mir weder Courbefy, noch Ahae etwas gesagt haben, habe ich zu den beiden Suchbegriffen gegoogled. Courbefy ist ein Dorf in der Auvergne im Südwesten Frankreichs, welches finanzielle Probleme hat – die auf die angespannte Lage der öffentlichen Haushalte zurückzuführen sind. Die öffentlichen Haushalte hatten wie anderswo Kredite bei Banken zur Bestreitung von öffentlichen Ausgaben aufgenommen. Als diese Kredite zur Rückzahlung fällig geworden waren, hätten normalerweise neue Kredite aufgenommen werden müssen, um die alten Kredite zurückzahlen zu können. Frankreich ist aber in der Auvergne sehr dünn besiedelt. Dies führte als Extremfall in Courbefy dazu, dass alle 100 Einwohner mittlerweile weggezogen sind, so dass Courbefy keine Einwohner mehr hat. Dadurch fehlte die Rechtsgrundlage, damit die öffentliche Hand neue Kredite aufnimmt. Vergleichbar mit einer Insolvenz, führte dies dazu, dass zwangsversteigert wurde: ein Dorf mit Häusern und Infrastruktur von Bewohnern, die weggezogen waren. Bedingung für die Versteigerung war, dass mindestens 300.000 € als Verkaufserlös erzielt werden sollten (was auch der Fall war). Der Zuschlag ging an den Investor  Ahae aus Korea, der dort ein Künstler- und Handwerkerdorf ansiedeln möchte.


Wasserrohrbruch bei unseren Nachbarn
In meinem Wochenrückblick der KW28 hatte ich darüber berichtet, dass das Tiefbauunternehmen bei der Verlegung der Gasleitung bei unseren Nachbarn gleichzeitig die Wasserleitung beschädigt hat. Als das Tiefbauunternehmen die Wasserleitung repariert hatte, wurde gleichzeitig die Leitung für das Kabelfernsehen beschädigt. In diesem Zusammenhang hatte ich gemutmaßt, was wohl als nächstes beschädigt würde. Dazu gibt es eine gute Nachricht: es wurde keine weitere Leitung beschädigt. Die schlechte Nachricht: als die Wasserleitung beschädigt wurde, hatte das Wasser das Verbundpflaster unter dem Hauseingang unterspült, wodurch sich das Pflaster absenkte und nicht mehr begehbar war. Das Tiefbauunternehmen hat nun das Pflaster neu verlegt und zuvor den Untergrund neu befestigt. Dies allerdings nicht besonders fachmännisch, denn bei der Neuverlegung ist wieder eine Senke entstanden. Derzeit streiten sich unsere Nachbarn mit dem Tiefbauunternehmen, ob das Verbundpflaster wieder aufgerissen werden soll und neu verlegt werden soll.

Freitag, 3. August 2012

Alter Zoll


Als Deutschland  noch aus Puzzlestücken von Kleinstaaten bestand, hatte sozusagen jeder kleine Fürst seine eigene Zollstation. Bonn war am Rhein gelegen, bis Anfang des letzten Jahrhunderts wurde der weitaus größte Warenverkehr über Flüsse abgewickelt, und dafür war Wegezoll zu entrichten. Direkt hinter Bonn endete das Herrschaftsgebiet von Kurköln und es wucherte die Kleinstaaterei. Im Siebengebirge hatte das Herzogtum Sayn Fuß gefasst, das Ahrtal lag im Herrschaftsbereich der Herzöge von Are. So wurde der Alte Zoll im 17. Jahrhundert in das Bonner Festungssystem integriert, welches gleichzeitig den Wegezoll für die Rheinschifffahrt vereinnahmte. Heute ist der Alte Zoll eine mit Kastanienbäumen bestandene Fläche, von der aus man einen wunderschönen Blick auf den Rhein und das Siebengebirge hat.



… Gemäuer der alten Festungsanlage …




 … Kastanienbäume …






… wunderschöne Aussicht auf das Siebengebirge …




… Gartenanlage am Rheinufer …


… Denkmal von Ernst Moritz Arndt (Gründer der Universität) … 

Donnerstag, 2. August 2012

Verplempert, vergammelt, verpennt ...


… diese Formulierung hat mich in Perdita's Blog nicht losgelassen. Perdita’s Geschichte ist tragisch, denn sie leidet an Krebs. Gottseidank erfreue ich mich bester Gesundheit. Aber: verplempert, vergammelt, verpennt, das gilt genauso für meine eigene Biografie. So manche Zeitfresser kann ich aufzählen, die nutzlos das Zeitkontingent meines eigenen Lebens haben verstreichen lassen.

Nachdem ich die 50er-Altersmarke überschritten habe, neige ich stärker zu Rückblicken. Und bei diesen Rückblicken stoße ich auf Ineffizienzen bei Umgang mit der Zeit, die Identifizierung von unnützen Zeitfressern. Aristoteles definiert die Zeit als einzelne Augenblicke und als Zeit als solcher. Die Augenblicke stehen für sich, erst die Zeit verbindet sie zu einer Linie, die uns, wann immer wir an sie denken, an ihr Ende erinnert …. Ich versuche, die Augenblicke in ihrer Einzigartigkeit wahrzunehmen, und noch viel lieber schaue ich nach vorne, ich schmiede Pläne, was ich alles mit der noch zur Verfügung stehenden Zeit anfangen kann.

Verplempert, vergammelt, verpennt, wie ich in meinen jüngeren Jahren mit der Zeit umgegangen bin, das beschreibt einigermaßen treffend Pink Floyd in ihrem Stück „Time“, welches sich auf der LP „Dark Side of the Moon“ (1973) wiederfindet:

Tickend zerrinnt die Zeit eines langweiligen Alltags 
Du verplemperst und verschwendest gedankenlos die Stunden 
Lungerst herum in deinem Revier der Großstadt 
Und wartest auf irgendeinen, der dir weiter hilft
Müde vom Liegen in der Sonne 
bleibst du im Haus, um auf den Regen zu starren
Du bist jung, das Leben lang, 
und es gilt, Zeit totzuschlagen 
Und dann, eines Tages stellst du fest, 
zehn Jahre sind vorbei 
Niemand gab dir das Signal, loszurennen
du hast den Start verpasst. 

In jungen Jahren war sehr viel Orientierungslosigkeit dabei. Die Suche nach einer Ideologie. Die Suche nach einem geistigen Fundament, auf das ich meinen Lebensentwurf aufsetzen konnte. Zu vieles war polarisiert in Kommunismus und Kapitalismus. Die Lehren der Kirche waren mir zu fernab der Realitäten. Es dauerte, bis ich Bindungen und Beziehungen aufgebaut hatte. Oberflächlich an den Themen kratzend, war ich mir bis dahin vorgekommen wie in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“: zu belanglosen Gesellschafen gehörend, belanglose Menschen kennenlernen, die über belanglose Themen redeten. Das Geplauder in dieser Gesellschaft war leer, und die Zeit ließ sich nicht modellieren, um daraus einen Inhalt formen.

Auch danach hatte ich mich zu oft verzettelt, weil mein Ziel nicht genau genug umrissen war. Es kommt derjenige schneller am Ziel an, der genau weiss, was er will. Zu oft und zu intensiv habe ich mir die Dinge links und rechts des Weges angesehen. Manchmal ist mir auch eine grundlegende Vision abhandengekommen.

Verplempert, vergammelt, verpennt, meine handwerklichen Fähigkeiten können auch einen Beitrag dazu leisten. Handwerklich nicht mit allzu vielen Talenten gesegnet, habe ich mit familiärer Unterstützung insgesamt acht Jahre einen Altbau renoviert mit dem Ergebnis, dass dieser für unsere familiären Bedürfnisse nicht erweiterbar war. Diesen Altbau haben wir schließlich 2008 verkauft und sind in ein ausreichend großes Haus umgezogen. Diese acht Jahre Renovierung (minus Zeiten, in denen es auch mal Pause beim Renovieren gab) waren sozusagen umsonst.

Erst vor einigen Jahren habe ich begonnen, die Dinge zu tun, die ich wirklich gerne tun möchte. Was über Jahrzehnte hinweg als Traum herum gegeistert ist, auch zu machen. Sozusagen ein Stück Selbstverwirklichung. Wie Ernst Bloch es in seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“ formuliert: Träume bewusst machen, leben in er-leben umwandeln, den Augenblick be-greifen und er-greifen. Bereits in den 80er Jahren hatte ich mehr oder weniger umfangreiche Literatur gelesen, Zeitungsberichte und Reportagen, Geschichtliches und Philosophisches, Romane und Erzählungen, Biografien und Sachbücher. Doch irgendwie meine Lehren und Schlüsse daraus gezogen, das hatte ich kaum.

Ich habe lernen müssen, mit Restriktionen umzugehen. Bereits Kant hatte in seinen Schriften zur Metaphysik festgestellt, dass die Zeit an für sich eine Restriktion ist. Der Mensch kann nicht mehrfach gleichzeitig handeln. Es muss also ausgewählt werden, welches Zeitkontingent wie verwendet wird. Geld ist die nächste Restriktion, dann folgt das Beziehungsgeflecht rund um Familie und Freundeskreis. Dies ist schätzungsweise die schwierigste Ebene der Restriktionen: Alter, Krankheit, Umgang mit Konfliktsituationen, Probleme bei der Erziehung, … Letztlich sind wir alle Teil einer Gemeinschaft, und übermäßig ausgeprägte Egoismen hinsichtlich der Zeitverwendung sind da fehl am Platze.

Verplempert, vergammelt, verpennt. Niemand wünscht sich, so aus der Umlaufbahn geworfen zu werden wie Perdita. Im Kampf gegen den Krebs wünsche ich ihr ganz viel Kraft und ganz viel Durchhaltevermögen !

„Carpe diem“: ich versuche, meine Zeit bewusst zu erleben, zu genießen und möglichst auch zu gestalten.

Um dem zu entkommen, was Pink Floyd schon fast grausam beschreibt:

Also rennst du und rennst, um
die Sonne zu fangen, die sinkt, 
Und du rennst im Kreis, nur um hinter dir selbst wieder aufzutauchen
Die Sonne ist noch ziemlich die selbe, doch du bist älter, 
mit kürzerem Atem und einem Tag näher dem Tod. 




Mittwoch, 1. August 2012

Kießling-Affäre



Es gibt Dinge, die kommen einem vor, als lägen sie eine Ewigkeit zurück. Neulich in Köln. Zu Fuß über den Alten Markt. Die Baustelle und der Bauzaun nervten mich, daher wich ich in eine Seitengasse aus. Das Kopfsteinpflaster war derb, die Gasse schmal, zusammengequetscht zwischen den hohen Häuserfronten.

Zufälligerweise war ich dort gelandet, wo in den 80er Jahren das TOM TOM gelegen hatte. Sechs Jahre hatte ich damals in Köln gewohnt. Mangels Bekanntenkreis und aus Langeweile war ich des öfteren durch die Kölner Altstadt geschlendert. Das TOM TOM hieß heute Carrousel. Das Schild mit zwei sich küssenden Männern wies eindeutig darauf hin, dass es sich um ein Etablissement für Homosexuelle handelte.

1984 war die Kießling-Affäre wie eine Bombe eingeschlagen. Die ganze Presselandschaft – allen voran der SPIEGEL -  stürzte sich auf Kießling und Wörner. Über Wochen und Monate hinweg war diese Affäre das dominierende Top-Thema.

Dabei erscheint die Kernaussage, was das Wertegefüge der Gesellschaft vor 28 Jahren betrifft, tatsächlich unglaublich: damals ging es um Diskriminierung von Homosexuellen. Der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität stellte sich als steinzeitlich heraus – wobei Gerüchte für eine solche Diskriminierung bereits ausreichten. Bis in die Politik hinein arrangiert man sich heutzutage mit der Homosexualität – unser Außenminister oder der Bürgermeister von Berlin sind lebendige Beispiele.

Was war um die Jahreswende 1983/1984 geschehen ? Gerüchte kamen auf, dass der Vier-Sterne-General und stellvertretende NATO-Oberbefehlshaber Günter Kießling homosexuell sei. Angeblich war er in homosexuellen Kreisen gesehen worden. Daraufhin recherchierte der Militärische Abschirmdienst (MAD). Auch in dem Lokal TOM TOM in der Kölner Altstadt, in dem sich damals wie heute die Homosexuellenszene traf. Als dem Wirt ein Foto von Kießling gezeigt wurde, sagte er aus: „Der Mann war früher öfter hier, vor allem im Sommer. Günter oder Jürgen nannte er sich, jedenfalls etwas mit Ü, ein Wachmann von der Bundeswehr.“ Der MAD trug weitere Recherchen zusammen und verdichtete diese zu dem Gesamtbild, dass Kießling homosexuell sei. Der damalige Verteidigungsminister Wörner entschied daraufhin, dass Kießling in seiner ranghohen Position nicht mehr tragbar war, weil er erpressbar sein könnte. Kießling stritt seine Homosexualität ab. Trotzdem einigten sich die beiden, dass Kießling ab dem 31. März 1984 in den vorzeitigen Ruhestand gehen sollte.

Die Presse bekam Wind von der Sache, als im Januar 1984 die Verabschiedung Kießlings durch eine Pressemitteilung kommuniziert werden sollte. Zunächst roch die Süddeutsche Zeitung, dass irgendetwas faul war. Dann war es der SPIEGEL, der munitiös die Vorgehensweisen des MAD recherchierte und für Aufklärung sorgte, wie stümperhaft vorgegangen worden war. Dabei fand die Presselandschaft offene Ohren bei Kießling, der ein Interview nach dem anderen gab und seine Unschuld beteuerte. Die Zeitungen deckten auf, dass die Recherchen des MAD in homosexuellen Kreisen nicht belastbar waren dass es keine einzige handfeste Zeugenaussage gab, die die homosexuelle Kontakte Kießlings beweisen konnten. Wie ein Kartenhaus fiel die Argumentation Wörners in sich zusammen. Es gab keine Grundlage für die Versetzung Kießlings in den vorzeitigen Ruhestand.

Für den öffentlichkeitswirksamen Showdown sorgte schließlich Helmut Kohl. Als klar wurde, wie dürftig die Beweislage war, bot Wörner Kohl seinen Rücktritt an, doch Kohl lehnte ab. Bei einer Bundespressekonferenz im Februar 1984 rügte er Wörner ironisch, dass er „aufregende Wochen erlebe, an die er sich in seinem Leben noch häufig zurückerinnern werde.“ Außerdem forderte er Wörner auf, Kießling im Rahmen eines großen Zapfenstreiches zu rehabilitieren.

Dieser große Zapfenstreich – die höchste feierliche Zeremonie der Bundeswehr – fand im März 1984 in der Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne in Hessen statt. Kohl hatte Wörner in eine verdrehte Gefühlswelt hinein geschickt, denn die beiden Männer standen sich Auge in Auge gegenüber und mussten Haltung bewahren. Zorn, Enttäuschung, Verletzung, Wut – Gefühle mussten beiseite gelegt werden. Schweigen – es konnte nicht ausgesprochen werden, was die beiden dachten. Wörner war der Hauptdarsteller in einem absurden Theater, in dem er sich nicht in Luft auflösen konnte, sondern wortlos durchhalten musste.

Unverständlich ist bis heute, dass Wörner danach sogar noch eine weitere Stufe auf der Karriereleiter aufgestiegen ist. 1987 wurde er zum NATO-Generalsekretär befördert.


In der Kölner Altstadt erinnert heute auf der Häuserwand des „Carrousel“ eine überdimensionale Schlagzeile an Kießling. Im Schlagzeilenformat der Bild-Zeitung beteuert Kießling seine nicht homosexuellen Neigungen. Hingewiesen wird auf ein Interview, in dem er die ganze Wahrheit sagt. Nachgewiesen wurde nie etwas, Als Jurist hätte Wörner den alten Rechtsgrundsatz „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten) kennen müssen.