Donnerstag, 9. Februar 2012

Anlasser kaputt

Unsere Diagnose war eindeutig.

Erstmalig hatte die Autobatterie ihre Macken gezeigt, als ich letzten Samstag auf der Post war und die Zündung das erste Mal ins Leere lief. Danach startete unser Auto normal. Nachmittags häuften sich die Aussetzer. Getränke einkaufen, Tanken, Gemüse einkaufen. Ein, zwei, dreimal griff der Startvorgang ins Leere. Ein säuselndes, absterbendes Geräusch, danach sprang der Motor an, als wäre nichts gewesen.

Wir waren ja nicht die einzigen. Kein Wunder bei unter minus 10 Grad morgens. Im Fernsehen wurde berichtet, dass der ADAC wegen altersschwacher Autobatterien Sonderschichten fahren musste und dass KFZ-Werkstätten die Aufträge nur mit Mühe abarbeiten konnten. Unsere Tageszeitung hatte eine Erklärung dafür parat: das Leistungsvermögen von Autobatterien sackt bei diesen schockgefrorenen Minustemperaturen schlagartig ab, dadurch braucht die Lichtmaschine mit Heizung, Gebläse, Scheinwerferlicht länger, bis sie auf Touren kommt und die Auto-Elektrik mit Strom versorgt.

Also drehte ich eine extra-lange Extra-Runde mit unserem Auto. Zuvor hatte ich es in einer Herkules-Aktion geschafft, das Chaos in unserer Garage so zusammen zu räumen, dass ich während der Nacht unser Auto in die Garage stellen konnte. Das Ergebnis konnte sich am nächsten Morgen sehen lassen. Minus 12 Grad waren es, und in der Garage sprang unser Auto sofort an.

Bereits am Nachmittag kehrten die bereits als verschwunden geglaubten Macken wieder. Dieses surrende Geräusch beim Startversuch, als ob man einen Handmixer oder einen Pürierstab einschaltet und ihn laufen lässt. Der zweite Startvorgang saß und wir konnten losfahren.

In der Woche setzte sich dieses Wechselspielchen fort, wobei sich die Häufigkeit der Aussetzer nach oben einpendelte. Morgens, wenn ich unser Auto aus der Garage herausfuhr und unseren Sohn zur S-Bahn fuhr, war alles im grünen Bereich. Bei den Kurzfahrten in unserem Ort begann die Autobatterie herum zu zicken. Die Kurzfahrten ließen sich nicht vermeiden: unser Mädchen zur Schule bringen und wieder abholen (wir wohnen genau am anderen Ende unseres Ortes mit einer gefährlichen Straßenkreuzung auf dem Schulweg !!), ein bisschen einkaufen war auch dabei. Über Nacht, wenn unser Auto in der Garage stand, war alles wieder gut.

Gestern Morgen dann der Black-Out: gegen 6 Uhr hatte ich unseren Sohn zur S-Bahn gefahren, unser Auto parkte ich danach draußen in der Kälte. Gegen 8 Uhr, als unser Mädchen zur Schule gefahren werden sollte, kannte die Autobatterie bei minus 8 Grad keine Gnade mehr. Unser Auto weigerte sich störrisch, gestartet zu werden. In der eisigen Kälte gingen die beiden Frauen zu Fuß zur Schule.

Nachdem sich unser Auto nach weiteren mindestens zehn verzweifelten Startversuchen bequemte, entgegen unserer Prognosen anzuspringen, gab es für meine Frau nur ein Ziel: die nächste Autowerkstatt.

Unsere Diagnose war eindeutig. Dass unsere Autobatterie ihren Geist aufgegeben hätte, teilte meine Frau der Autowerkstatt mit, bei der wir mittlerweile seit mehr als 20 Jahren Kunde sind. Wie alt denn die Autobatterie sei. Kaum ein Jahr, entgegnete meine Frau und dachte sich nichts besonderes dabei. Wäschetrockner, Digitalkamera, Handy, meiner Frau fielen jede Menge Gebrauchsgegenstände des Alltags ein, bei denen sich die Lebensdauern drastisch verkürzt hatten, die sozusagen nur noch mit eingebautem Verschleiß produziert wurden.

Das wollte sich der Werkstattleiter genauer ansehen. All das, was sich unter der Motorhaube verbirgt und wovon wir so wenig verstehen, nahm er unter die Lupe und stellte fest: der Anlasser ist kaputt.

Unsere Diagnose war also falsch.

Fast war uns dies gleichgültig. Hauptsache, er schaffte es, dass unser Auto wieder zuverlässig ansprang. Was die Reparaturen und die Fahrleistung unseres Autos betrifft, können wir ohnehin nicht meckern. Solange ich meine Frau kenne fahren wir nur eine Marke: VOLKSWAGEN. Einen Typ VW Vento fahren wir seit 2004. Gebraucht gekauft haben wir ihn mit 92.000 km. Inzwischen hat er 184.000 km auf dem Buckel (also genau das doppelte) und ist 14 Jahre alt. Einmal war die Kupplung kaputt, einmal musste er bei einer Inspektion einen neuen Auspuff verpasst bekommen. Sonst Bremsen, Bremsscheiben bei der Jahresinspektion, das waren ungefähr unsere Reparaturen. Er ist stets einwandfrei gelaufen, er hat uns nie im Stich gelassen. Genial ist sein Riesen-Kofferraum. Rundum zufrieden sind wir mit diesem Auto.

Heute Morgen hat uns die Werkstatt angerufen. Außer dem Anlasser leckt das Kühlwasser an einer Stelle. Etwa 530 € wird uns dieser Spaß kosten. Woher wir dieses Geld nehmen sollen, wissen wir nicht so richtig.

Ich denke eher kurzfristig. Dass unser Sohn morgen früh in unserem Auto 15 Minuten zum Arbeitsplatz unterwegs sein wird. Heute Morgen war er mit öffentlichen Verkehrsmitteln 45 Minuten unterwegs.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Kaffeebud


Ich eilte über den Platz, um der Kälte zu entfliehen. Ich starrte auf einheitliche Häuserfronten, die zu einer Bank, einem chinesischen Imbiss, einem Computerladen und einem Kino gehörten. Die Umrisse waren blank, vereinzelt lockerten Vierecke von beleuchteten Fenstern die Eintönigkeit auf. Die Leuchtreklame schrie mit ihren Farben, so dass ich die Bank und das Kino nicht übersehen konnte.

„Vorsicht Straßenbahn“, bremste mich die weiße Aufschrift auf dem Gehsteig aus. Die Haltestelle der Straßenbahn zeigte dieselbe Anonymität und Geschäftigkeit des Platzes. Die Überdachung, die mathematisch exakt ausgerichtete Laternenreihe, die Positionierung der Werbeflächen, das kam mir schnörkellos und viel zu platt vor. Zu platt, denn dieser Platz hatte überhaupt keine Akzente, wenn man vielleicht von seiner Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt absieht.

Die Ampel war rot. Ich fror und steckte meine behandschuhten Hände in die Jackentaschen. Es war merkwürdig, denn tatsächlich war keine Menschenseele um mich herum. Und ich wartete, dass die Ampel umsprang. Die übrigen Menschenströme hatten sich zur Straßenbahnhaltestelle verflüchtigt oder sie hatten noch die Grünphase der Ampel erwischt. Ein fernes Bimmeln kündigte die nächste Straßenbahn an.

Mittlerweile ist es meine morgendliche Routine-Übung, die Kaffeebud auf der anderen Straßenseite anzusteuern. Mir einen Kaffee genehmigen, bevor es ins Büro geht.

„Guten Morgen“,
begrüßt mich die Verkäuferin mit der weißen Schürze.

„Kleinen Kaffee zum Hiertrinken“,
man kennt mich mittlerweile und die Verkäuferinnen wissen genau, was ich haben will.

Jedesmal, wenn ich die Kaffeebud betrete, erinnere ich mich an das gleichnamige Lied der Bläck Fööss. Hier herrscht zu jeder Tageszeit viel Betrieb, Menschen aus allen Berufsgruppen und Nationalitäten treffen sich hier, bunt und lebhaft geht es zu, und das wichtigste ist: der Kaffee weckt meine Lebensgeister. „Jeder deut sich noch e brödche rin“ heißt es in dem Lied von den Bläck Fööss. Die Brötchen sind der Renner, mit Käse, Leberwurst, Salami, Fleischwurst, Blutwurst, alles, was das Herz begehrt. „Schreiner, puzzer, müürer un de büggel vun d’r poss“, singen die Bläck Fööss, kurzum, alle Berufsgruppen sind hier vertreten. Regelmäßig machen hier die Arbeiter von der Müllabfuhr Pause. Dabei setzen ihre orangefarbenen Overalls knallige Farbakzente, die durch den floureszierenden weißen Streifen noch verstärkt werden. „Jo su stonn se en d’r kaffebud un kloppen sich de kaffee in d’r kop“ wiederholt sich der Refrain. Aus hohen, randvoll gefüllten Tassen schütten die meisten den Kaffee in sich hinein. Ich bevorzuge die kleinen Tassen: die Menge passt genau, ich brauche diesen Moment des Aufwachens am frühen Morgen. Meinungsverschiedenheiten, Besserwisserei, Streit, dass Kaffee unter die Mütze geschüttet wird, so kontrovers wie bei den Bläck Fööss geht es hier nicht zu.

Heute fehlen die Müllmänner, anstatt dessen treiben spanische Wortungetüme die Diskussion vorwärts. Zwei ältere Damen, dessen Dunkelhäutigkeit und dessen zurückliegende Augen eine Herkunft aus Lateinamerika vermuten lassen, machen es sich am Ecktisch gemütlich. Den Ellbogen auf die Tischplatte gestützt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, fällt die eine Frau unter ihrer kleinen Gestalt zusammen. In ihren Handballen hinein gepresst, kaut die andere Frau an ihrem Käsebrötchen herum. Ihre Diskussion reißt nicht ab und pustet sich zu einem lebhaften Sturm auf. Mit meinen rudimentären Spanisch-Kenntnissen kann ich wenige Wortfetzen heraushören: „loco … del dinero … la pena …“, irgendwo muss wohl jemand verrückt gewesen sein, dass er Geld verlangt hat und dafür hat er wohl eine Strafe erhalten. Oder so ähnlich.

Mit meinem Kaffee platziere ich mich auf dem Hocker vor den Stehtisch. Das ist eine Atmosphäre, in der ich überfliege, wie der Tag aussehen könnte. Was alles zu erledigen ist, was besonders wichtig ist, was in welcher Reihenfolge zu erledigen ist. An welchen Terminen, Besprechungen und Meetings ich teilnehmen muss. Was so am Rande – wie Bloggen – stattfinden kann. Meist schaffe ich es auch, die Klarheit meiner Gedanken und was ich wie abarbeiten will, ins Büro zu transportieren.

Durch die Glaswand, die sämtlichen Lärm schluckt, schaue ich auf den verkehrsumrauschten Platz. Alles, was motorisiert ist, brettert über diesen Platz. Still stehen nicht einmal die Fußgänger, die in Gruppen daher trotten und an einer roten Ampel einen ausdauernden Zug an ihren Zigarette nehmen. An der Haltestelle vor mir geht es wie in einem Taubenschlag zu, das ist ein ständiges Kommen und Gehen der Buslinien. Die Werbefläche auf der Haltestelle meint, dass Zero Zucker von Coca Cola einen solchen genialen Geschmack hat, dass man selbst für die Fussball-Bundesliga eine Zero-Winterpause einführen sollte.

Als ich die Kaffebud verlasse, hat sich eine zögernde Helligkeit in den Platz hinein gezaubert. In die Fußgängerzone gleitet ein erster Schwall von Menschen, dem ich mich anschließe. Hinter dem Marktplatz schlüpfe ich in die U-Bahn hinein. Bald werde ich im Büro sein.

Für die hoffentlich zahlreichen Leser zum Hineinhören:
„Kaffeebud“ von den Bläck Fööss (ich habe leider keine hochdeutsche Übersetzung parat)


Dienstag, 7. Februar 2012

Interview mit Gernot Böhme

In der Badischen Zeitung vom 28. Januar habe ich ein Interview mit Gernot Böhme gelesen. Gernot Böhme ist Philosoph, er bezeichnet sich als Alt-68er und hat ursprünglich Naturwissenschaften studiert (Mathematik und Physik). 1977 wurde er Professor der Philosophie an der TU Darmstadt und er leitet nun das Institut für Praxis der Philosophie.

Die 68er-Bewegung hat aus seiner Sicht im nachhinein nichts bewegt, und in seinem Interview bezieht er Stellung zu Veränderungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

Dies sind seine Thesen zur Veränderung:

Die großen politischen und sozialökonomischen Fragen ändern sich nicht. Im Kleinen, in regionalen Projekten und Bürgerinitiativen lässt sich etwas verändern.

Für das Große muss man resignativ sagen, es ist eine völlige Illusion zu glauben, dass wir unser politisches und wirtschaftliches System auf absehbare Zeit verändern werden.

Der erwachsene Mensch muss sich um sich selbst kümmern und sich selbst entwickeln. Ich würde dabei aber eher von Entwicklung reden als von Veränderung. Die eingefahrenen Verhaltensweisen des Menschen muss man ändern, das ist richtig.

Der Zugang vom Konsumenten her ist der richtige. Aber auch da bin ich der Meinung, dass das ein Ansatz im Kleinen ist. Man kann einen Familienstil im Konsum entwickeln, das kann in Summe vielleicht sogar eine allgemeine Wirkung haben, wenn sich viele anstecken lassen. Aber man bekommt dadurch das System von Politik und Wirtschaft nicht in den Griff.

Veränderungen gehören nicht zum Wesen der Politik: sie kommt nicht zur Vernunft, sondern muss zu ihr getragen werden.

Wir setzen Veränderungen zu sehr mit Steigerungen und Verbesserungen gleich. Deshalb sind die wirklich nachweisbaren großen Veränderungslinien technischer oder wirtschaftlicher Natur. Da erleben wir diese Steigerungskurven.

Angesichts der rapiden Veränderungen, die uns gerade auf dem Gebiet der Technologie dauernd bedrängen, wünsche ich uns eher eine Bewahrung.

Bewahrung von Humanität: Wir müssten eigentlich darauf drängen, das, was das menschliche Dasein ausmacht, im Prinzip gleich bleiben zu lassen, es geradezu vor Veränderungen zu beschützen.

Bei den Menschenrechten ist die moralisch-juristische Existenz geschützt worden. Eine leibliche Existenz stand gar nicht zur Debatte. Aber auf diesem Bereich ist die Menschenwürde heute bedroht, vor allem durch biologischen, medizinischen und technologischen Fortschritt.

Die persönliche, gesellschaftliche, moralische Motivation muss da ansetzen, wo man steht, das heißt in den erreichbaren Verhältnissen.. Dort muss man lernen, Veränderungen zu initiieren. Das funktioniert ja auch, vielleicht mit der Perspektive der Ansteckung anderer Gruppen und einer langfristig größeren Wirkung.

Seine Thesen entsprechen in großen Teilen dem, was ich selbst persönlich erlebt habe. Im Kleinen, in der Familie, im Verein usw. gibt man sich zum Teil sehr viel Mühe, Dinge zu verändern. So pflanzen wir in unserem Nutzgarten eigenen Salat und eigenes Gemüse, und wir finden durchaus Nachahmer. Auf dem großen Parkett hingegen werden gesellschaftliche und politische Machtpositionen ausbalanciert, was mit den Veränderungen im Kleinen nichts zu tun hat.

Größere Veränderungen von oben - entstanden aus dem Veränderungswillen im Kleinen – sind eher selten. Dies ist dann ein Umsturz oder eine Revolution. Das gab es in der damaligen DDR 1989. Kleine Revolutionen sind für mich der Atomausstieg nach der Reaktor-Katastrophe von Fukushima, das auf der Kippe stehende atomare Endlager in Gorleben oder das, was die Frauenbewegung erreicht hat. Dort sind die Bewegungen im Kleinen entstanden, denen die Veränderungen im Großen gefolgt sind. Leider kommt dies in Summe zu selten vor, trotzdem sehe ich Gernot Böhms Thesen zur Veränderung nicht ganz so pessimistisch.

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die Geschwindigkeiten der Veränderung nicht zusammenpassen. Was durch technologische Entwicklungen getrieben ist, kann eine ungeheure Dynamik entfalten. Der Mensch verändert sich hingegen in kleinen Schritten, ganz langsam, Stück für Stück.

Letztlich sollte der Mensch das Maß aller Dinge bleiben – wie einst der griechische Philosoph Sokrates gesagt hatte.

Montag, 6. Februar 2012

lässig wie James Dean

Sein Auftritt verflüchtigte sich. Wie aus dem Nichts, war der junge Bursche von der Haltestelle in den Bus geschlüpft. Nachdem sein Blick sich an dem Busfahrer fest gekrallt hatte, klimperte er in seiner Geldbörse herum und schmiß dem Busfahrer sein abgezähltes Geld hin, der den Fahrschein zückte.

Ich traute meinen Augen nicht. Schräg senkten sich die Sonnenstrahlen, und die eisige Kälte ließ die Felder vor Blässe ermatten. Minus fünf Grad waren es, das stellte ich später zu Hause fest. Derb glänzte der Asphalt: aus dem Fenster sah ich auf das raue Band der Straße, dessen gerade Linie sich bis zum Sportplatz schob. Dort piecksten die Flutlichtmasten hinter einer Anhöhe heraus.

Ich traute meinen Augen nicht, denn sein Oberkörper war nur mit einem aschgrauen T-Shirt bekleidet, dass über seinem schlappen Oberkörper hinunterfiel. Zittern und bibbern musste er vor Kälte. Denn in dem Bus war es trotz Heizung so kalt, dass ich mich in meine Jacke einkuscheln musste. Kräftig war er, und mit seinen breiten Schultern wirkte er sehr männlich. Vielleicht Anfang 20, hatte seine glatte Haut und sein schmales Kinn jungenhafte Gesichtszüge. Seine nackten Arme zeigten sogar einen Hauch von Röte, als ob der Kälteschock sich in einen Sonnenbrand verwandelt hätte. Und er strich sich mit seinem Zeigefinger über seine Haarlocke, die sich so schwunghaft über seiner hohen Stirn kräuselte, dass sie für einen Maler ein schönes Portrait abgegeben hätte.

Lässig wie James Dean schritt er durch den Bus. Wie auf einem Laufsteg, spähte sein Blick nach links, nach rechts in die unbestimmte Menge der Fahrgäste. Diese schauten unbeteiligt aus dem Fenster heraus, ertrugen die frostkalten Stimmungen, lasen weiter ihre Tageszeitung oder scrollten auf ihrem Smartphone Facebook-Seiten herunter.

Ohne irgendeine Aufmerksamkeit zu erzeugen, setzte er sich auf einen freien Platz. Wieso fror er nicht ?

Ich dachte an eine Begebenheit zurück, die etwa 20 Jahre zurücklag. Ein früherer Arbeitskollege meiner Frau war während seiner Bundeswehrzeit bei der Marine in Schleswig-Holstein nahe der dänischen Grenze stationiert. Egal zu welcher Jahreszeit, war es dort durchgehend fünf Grad kälter wie bei uns. Da war es zur Angewohnheit geworden, wenn er am Wochenende nach Hause kam, dass er sich in Schleswig-Holstein in warme Klamotten eingepackt hatte und diese auszog, je näher seine Heimat rückte. Waren es in Schleswig-Holstein minus 10 Grad, dann zog er auch bei minus 5 Grad zu Hause seine warmen Pullover aus.

War er bei der Marine und auf Wochenendbesuch ?

Unserem Sohn war im letzten Winter das Missgeschick passiert, dass er als Arbeitskleidung an einem frostig kalten Wintertag seine warmen Pullover zu Hause vergessen hatte. Bekleidet nur mit einem T-Shirt musste er dies den ganzen Tag aushalten, quer über das Flughafengelände, ohne nennenswerte Anteile in irgendwelchen Innengebäuden verbringen zu können. Wie ein Eisklotz war er von der Arbeit gekommen, noch bis spät abends hatte er gebibbert und gefroren. Seine Gänsehaut war nicht verschwunden. Und er hatte uns unendlich Leid getan.

Zwei Haltestellen weiter, stand er auf. Er versuchte, zur Legende empor zu wachsen. Mit stolzer Brust drehte er sich um und wendete seine graziöse Gestalt zum Busausstieg. Diesmal zupfte er mit dem anderen Zeigefinger an seiner Haarlocke und strich über sein glatt nach hinten gekämmtes Haar. Wieder sein magnetisierender Blick in den Bus hinein. Dann stieg er aus, und niemand hatte Notiz von ihm genommen.

Samstag, 4. Februar 2012

Wochenrückblick #5

Weihnachts-Deko
Letzten Sonntag haben wir es geschafft, all unsere Weihnachts-Deko in den Keller zu schaffen. Ziemlich spät waren wir damit dran, denn Weihnachten liegt ja mittlerweile über einen Monat zurück. So etwas nehmen wir nicht sonderlich genau. Vielleicht haben wir auch ein bisschen die Lebenseinstellung der Spanier: Manana, manana, das heißt: Morgen, Morgen. Es muss nicht alles sofort geschehen, sondern so, wie es uns in den Kram passt. In unserer Straße musste ich ohnehin feststellen, dass wir nicht die letzten waren. An einzelnen Häusern hing auch noch die Weihnachts-Deko.

Unser kleines Mädchen ist verschwunden
Als meine Frau letzten Mittwoch unser kleines Mädchen von der Schule abholen wollte, trotteten alle Kinder über den Schulhof nach Hause. Nur unser kleines Mädchen fehlte. Bei ihrer besten Freundin fragte sie nach, die sich noch auf dem Schulhof befand, dann beim Opa ein paar Straßen weiter: dort war sie nicht. In das Büro der Klassenlehrerin. Sie hegte den Verdacht, sie versehentlich im Klassenzimmer eingeschlossen zu haben. Nein, hatte sie nicht. Dann irrte meine Frau über den nahegelegenen Friedhof, ob unser kleines Mädchen am Grab ihrer verstorbenen Oma war, die sie nie kennengelernt hatte. Nein, Panik machte sich breit. Vollkommen ratlos durchdachte meine Frau die Möglichkeiten, die übrig blieben. Als sie zur Hauptstraße zurückkehrte, kam ihr unser kleines Mädchen entgegen. Für ihr Fernbleiben gab es eine Erklärung. Eine Klassenkameradin musste zweimal in der Woche zu ihrer Oma gehen, weil ihre Mutter arbeitete, und sie hatte unser kleines Mädchen gefragt, ob sie sie begleiten wollte. In der Woche davor wollte unser kleines Mädchen ihre Klassenkameradin nicht begleiten, sondern sie wollte direkt nach Hause. Letzten Mittwoch wollte sie sie aber begleiten, und meine Frau hatte vergessen danach zu fragen. Und dies hatte sich auch erst nach dem Unterricht ergeben. Als mir dies abends erzählt wurde, war mir angst und bange zumute. Ich hatte genauso mit gelitten.

Lego-Stadt
Vor Weihnachten musste die Lego-Stadt unseres kleinen Mädchens aus dem Wohnzimmer verschwinden, jetzt ist sie wieder aufgebaut. Das ist eine großzügig angelegte Stadt mit jede Menge Straßen, Häusern, Autos und Menschen. Die Stadt breitet sich quer durch unser Wohnzimmer aus, so dass wir unsere Schritte genau um die Stadt herumzirkeln müssen. Mit Lego sind all unsere Kinder groß geworden, auch meine Frau und ich.




Vladimir Kaminer
Vladimir Kaminer ist ein russischer Schriftsteller, der seit 1990 in Berlin lebt. In seinem Buch „Liebesgrüße aus Deutschland“ schreibt er Geschichten über Deutschland, und zwar aus seinem Blickwinkel als Russe in einem ironischen und lustigen Tonfall. Wenn man einmal vom Thema Ausländerfeindlichkeit absieht, kann er sich gut mit der deutschen Mentalität arrangieren, wobei die Gegebenheiten in Russland und Deutschland grundverschieden sind. In mehreren Geschichten taucht als gemeinsamer Oberbegriff die Bürokratie auf. Und er erzählt einzelne Geschichten über seine Steuererklärung, über allgemeine Geschäftsbedingungen, über eine Einverständniserklärung oder über Aktenordner. Auf eine solche Idee wäre ich in meinen Blogs nie gekommen: einzelne Erscheinungsformen der Bürokratie zum Hauptthema zu machen und darauf eine Erzählung aufzubauen. Er hat natürlich Recht. Bürokratische Strukturen gibt es in Deutschland. Meine berufliche Laufbahn habe ich übrigens bei einer Behörde begonnen. Im Nachhinein erinnere ich mich mit Schrecken daran zurück, wie meine Arbeitskollegen seiner Zeit drauf waren. Für alles musste es Gesetze und Bestimmungen geben. Selbst denken war verboten. So wie in einem absolutistischen Staat, hatten Ämter Ruhm und Ehre verliehen. Vladimir Kaminer ist nicht ganz so extrem, so wie ich dies persönlich erfahren hatte.

Song der Woche
Nachdem die Gruppe Sweet mit ihrem Stück „Love is like Oxygen“ im Autoradio ausgeklungen war, folgte einige Autobahnausfahrten später auf unserer Fahrt Richtung Freiburg das Stück „Hazard“ von Richard Marx. Dieses sanfte, weich dahergespülte Stück widerspricht vollkommen meinem übrigen Musikgeschmack – der eher die rockigen Töne von Led Zeppelin, Deep Purple, UFO oder den Scorpions bevorzugt. „Hazard“ von Richard Marx ist auf einer der Kuschel-Rock-CD’s, die damals meine Frau und ich rauf und runter gehört haben. Das war insofern eine bemerkenswerte Zeit, weil wir etwa 5 Jahre lang ohne Fernseher ausgekommen waren, nachdem wir zusammengezogen waren. Anstatt fernsehen, haben wir Radio oder Kuschel-Rock-CD’s gehört oder wir haben miteinander gequasselt. Heutzutage könnte ich mir ein Leben ohne Fernseher schlecht vorstellen, wobei ich Radio hören anspruchsvoller finde wie fernsehen. Aber auch beim Fernsehen habe ich ab zu das Bedürfnis, eine spannenden Tatort sehen zu wollen oder die Fußball-Bundesliga im Aktuellen Sportstudio. Ganz zu schweigen vom Kinderkanal. Klar, unser kleines Mädchen könnte auch endlos in ihrem Zimmer ohne fernzusehen spielen. Aber Yakari, Heidi, Wickie, Petterson & Findus, die Sendung mit der Maus, die Biene Maja, Wissen mach Ah!, Löwenzahn, Bibi Blocksberg, sollten wir ihr so etwas vorenthalten ?



Donnerstag, 2. Februar 2012

Abriss


Das Einzelschicksal kenne ich nicht. Das Haus steht leer, man hat es vergammeln lassen. Um das Unkraut hat man sich nicht gekümmert. Nun wuchert es an der linken Fensterfront hoch. Im Dornröschenschlaf dämmert dieses Haus vor sich hin und wartet auf den Abriss. „Hier entstehen demnächst hochwertige Eigentumswohnungen mit Aufzug“,  so verheißt das Plakat das Schicksal dieser Immobilie. Ein Bauzaun ist ein erster Vorbote des kommenden Abrisses …

Eine ehrwürdige Vergangenheit sieht man dem Haus an. Dieser Altbau, ein stolzes Bürgerhaus, prächtig hätte es aussehen können, wenn man eine Renovierung zustande gebracht hätte. Viel Mühe und Detailarbeit hatte man in das Haus hinein gesteckt: die geschwungenen Bögen des schmiedeeisernen Zaungitters, die sorgfältig ineinander geschichtete Ziegelsteinfassade, der Giebel. So geschwungen, wie die Form des Giebels nach oben gleitet, erinnert er sogar an Hansestädte wie Lübeck, Stralsund oder Brügge. Hohe Decken müssen dem Altbau ein behagliches Wohngefühl verliehen haben. Zu renovieren, war wahrscheinlich zu aufwändig und teuer. Nun sieht dieses stolze Haus dem drohenden Abriss entgegen.

In einer Top-Lage in Rheinnähe, soll die Immobilie als Neubau wieder zu neuem Leben erweckt werden. Käufer, die speziell den Rheinblick begehren, müssen bei einer solchen Immobilie da wohl eine Stecknadel im Heuhaufen suchen. In Blickweite fließt der Rhein gemächlich dahin. In der einen Richtung kann der freie, ungetrübte Blick zum Siebengebirge schweifen. In der anderen Richtung stoßen in der Rheinaue die Türme des Posttowers und des Abgeordnetenhauses heraus, dahinter buckelt sich der Kottenforst in die Höhe. Die Lage ist phantastisch. 5 Gehminuten benötigt man zu Geschäften und Supermärkten. In dem beschaulichen Ortskern können sogar einige alte, herausgeputzte Fachwerkhäuser bestaunt werden. Liebes Käuferherz, was willst du mehr ?

Ich kann nur spekulieren, wieso es zu dem Hausverkauf gekommen ist. Vielleicht ist der Bewohner gestorben, und die Kinder wohnen in einer entfernten Ecke der Republik. Vielleicht hat der Bewohner in einem Pflegeheim gewohnt, und die Immobilie ist für den Unterhalt im Pflegeheim draufgegangen. Vielleicht haben sich auch Dramen in dem Haus abgespielt: Schulden, Insolvenz, die Eigentümer konnten die Hypothek nicht mehr bezahlen, und sämtliche Versuche scheiterten, das Haus zu halten. Oder Zank, Streit, Ehescheidung: die Eheleute hatten den Ort des ständigen Zankes so satt, dass sie ihn nur noch wegwerfen wollten.

Das Umfeld der für den Abriss bestimmten Immobilie kann sich sehen lassen. Nebenan protzt eine prächtige Villa, umgeben von einem reichen Baumbestand. Kiefern wachsen in den Himmel und reichen bis zur Straße. In der anderen Richtung versteckt sich auf einer Anhöhe die katholische Kirche: mit seinem geduckten Turm aus der romanische Epoche fügt sich die Rheinpromenade zu einem harmonischen Gesamtbild zusammen. Neu gebaute Eigentumswohnungen stören allenfalls punktuell.

An den neu gebauten Eigentumswohnungen wird so mancher verdienen. Allen voran Baufirmen, Architekten, Ingenieure, Notare. In ähnlichen Lagen gibt es Eigentumswohnungen, die mit 80 qm Wohnfläche für 225.000 € angeboten werden. Wenn 8-10 Eigentumswohnungen auf dem Grundstück untergebracht werden können, verdient ein Makler nicht unerheblich daran. Dies macht etwa 60.000 – 65.000 € aus, wenn der Makler den üblichen Satz von 3% Provision abkassieren kann. Abziehen muss man zwar Kosten für Büro, Einrichtung und Sekretärin, danach bleibt trotzdem ein erklecklicher Anteil übrig. Für einen Porsche wird dies nicht reichen, aber für einen Van oder für eine Fernreise reicht dies allemal. Und ein Makler verkauft ja nicht nur diese eine Immobilie.



An dem abgerissenen Haus werden Erinnerungen haften bleiben. Da kann ich nur spekulieren. Kinder werden in dem Haus aufgewachsen sein. Man wird sich gefreut und gelacht haben. Man wird Geburtstage gefeiert haben. Bei Familienfesten hat man getrunken, gegessen und gelacht. Möbel, vielleicht antike Möbel haben zur Inneneinrichtung gehört. Vielleicht wären die Kinder gerne zu dem Ort zurückgekehrt, wo sie aufgewachsen sind. Geht nicht mehr. Abgerissen.

Mittwoch, 1. Februar 2012

die Müdigkeit ist vorbei


Als hätte ich einen riesigen Satz gemacht, so kam ich mir in der letzten Woche vor. Ein Hub, ein Quantensprung auf ein höheres Niveau. So als ob ich mit dem Aufzug nach oben gefahren wäre und nun von oben den Überblick hätte. Als ob ich mich in einem Segelflieger befände und nun die Welt betrachten könnte, die sich mit ihren Horizonten öffnete.

In mir hatte sich etwas geregt, das mir einen Impuls gab. Vielleicht sind es die länger werdenden Tage, vielleicht auch, dass ich mich in der letzten Woche immerhin drei Tage mit dem Fahrrad ins Büro abgestrampelt habe. Da öffnet sich die Natur ganz anders. Die Eindrücke sind intensiver, sie fliegen nicht an mir vorbei, sondern ich sauge sie mit jedem Atemzug in mich hinein, so wie ich Luft hole und mich vorwärts bewege. Das ist stabil und dauert an. Da schmeißt mich auch nichts aus der Kurve, im Büro spule ich gleichmäßig mein Pensum herunter. Das war ein Anstoß, als ob ein Motor angesprungen wäre, der nun warm gelaufen war und auf Touren lief.

Rückblende. In meinen Stimmungen kann ich eine Entwicklung erkennen. In meinem Blog vom 20. Dezember hatte ich den kürzesten Tag des Jahres beschrieben. Genossen hatte ich es, mich zurückziehen zu können, genossen hatte ich die Menschenleere in der Dunkelheit, genossen hatte ich die Wellen auf dem Rhein mit ihrem plätschernden Lichterspiel. Zu Hause hatte ich es mir gemütlich gemacht. Dennoch waren die Tage gedrängt, das Weihnachtsfest kam. Nach dem Weihnachtsfest hatte ich mich ausgepowert und müde gefühlt (Blog vom 5. Januar). Das war erklärbar: Weihnachtsfest, Einkaufen, Stress, das Haus in Ordnung bringen, das hatte sich zwar in Luft aufgelöst, doch die Anspannung war nicht gewichen. Stürme und milde Temperaturen hatten mich eher aufgewirbelt als beruhigt.

Danach stellten sich tageweise ruhige und ausgeglichene Phasen ein. Hektik und Stress ließ ich nicht an mich heran. Doch es gab Tage, da fiel dies in sich zusammen. Müdigkeit und Aufgewühltheit wechselten sich ab. Ich war so müde, dass ich nur herum gähnte, dann drehte ich auf und war anschließend so platt, dass man nichts mehr mit mir anfangen konnte.

Seit der letzten Woche ist dies vorbei. Ich bin froh, eine Konstanz erreicht zu haben. Meine Müdigkeit ist nur ein laues Lüftchen, denn mein Arbeitspensum hält mich wach. Letzten Freitag ist meine neue Digitalkamera das erste Mal zum Einsatz gekommen. Da laufe ich mit ganz anderen Augen durch den Alltag. Viel aufmerksamer schaue ich überall hin, obschon die Farbtupfer von Krokussen oder Schneeglöckchen noch zögernd in der Erde verharren.

Diese Woche nun der Frost. Mit dem Fahrrad ins Büro fahren, das ist nicht mehr drin. Als Eisklotz in der Landschaft fallen mir irgendwann die Finger ab, und soviel Mützen, Schals und Handschuhe kann ich gar nicht anziehen, wie ich bräuchte. Die eiskalten Temperaturen sind aber kein Rückschlag: Spaziergänge in der frostklaren Luft sind etwas Phantastisches, den stahlblauen Himmel ohne einen einzigen Wolkentupfer finde ich grandios.

Bevor ich abends einschlafe, genieße ich es, unter die Bettdecke zu kriechen. Den kalten Temperaturen, die in unser Schlafzimmer Einzug gehalten haben, trotze ich mit der molligen Bettdecke. Ich kuschele mich ein und warte darauf, dass der Schlaf über mich herein bricht.