Sonntag, 11. Dezember 2011

Weihnachtsbaum Knauber


Es war eine dieser Massendrucksachen, die ich ausnahmsweise nicht ungelesen ins Altpapier entsorgt hatte. Knauber. Inmitten von Werkzeugkästen, Tischleuchten oder Akkusaugern gab es Weihnachtsbäume im Sonderangebot. Für 15 €.

Also machte ich mich auf nach Knauber. Samstag Morgen, kurz nach Geschäftsöffnung, fand ich mich in der Gartenabteilung gemeinsam mit anderen suchenden Kunden zurecht, wo die Weihnachtsbäume an einem Drahtzaun aufgestellt waren.

Ich sichtete das Angebot. Es gab das Sonderangebot – Nordmanntannen für 15 €, die aber licht, sehr licht aussahen. Dichtere Weihnachtsbäume mit viel, bisweilen zu viel Tannengrün, kosteten gleich 40 €. Als Kunde fühlte ich mich betrogen. Im Prospekt hatte nur die Hälfte dringestanden.

Ich prüfte die Nordmanntannen einzeln, ob etwas brauchbares dabei war. Manche waren regelrecht verkrüppelt, ein langer Stamm mit ein paar einsamen, verlorenen Zweigen. Manche waren klein und zusammengestaucht, und ich musste suchen, um Weihnachtsbäume mit so dichtem Grün zu finden, um unseren Vorstellungen zu entsprechen.

Andere Männer waren bereits fündig geworden. Gut, passt, in Ordnung waren ihre Kommentare und sie schleppten ihren Weihnachtsbaum zur Kasse. Auch ich wurde fündig: ich hatte einen Baum ausgewählt mit einer vergleichsweise hohen Menge von dichtem Grün, und er hatte auch die gewünschte Größe. Mich trieb mehr die Unlust zur Kasse, kein weiteres Mal einen Weihnachtsbaum suchen zu müssen.

Zu Hause angekommen, alleine im Kofferraum liegend, kam mir der Weihnachtsbaum wieder zusammengeschrumpft vor, die Menge von grünen Zweigen war eher bescheiden.

Ich entfernte das Netz und stellte den Baum frei in der Garage auf. Das sah ein bisschen besser aus: die Höhe war in Ordnung, die Dichte von Zweigen im unteren Bereich ebenso. Die Zweigen waren dort aber ungleichmäßig verteilt: an manchen Stellen waren sie schön dicht, dazwischen klafften regelrechte Löcher. Das Grün im unteren Bereich fügte sich nicht zu einem homogenen Ganzen zusammen.

Meine Frau kam hinzu und begutachtete:

„Muss passen …
… das sind 15 €, dafür kann man wohl nicht mehr erwarten … „

Samstag, 10. Dezember 2011

Eile mit Weile


Die Arbeit war vorbei. Ich verließ das Büro, und die Straßenbahn war gerade abgefahren. 10 Minuten warten auf die nächste Straßenbahn.

Schnell wurde ich ungeduldig, mein Zeitplan geriet durcheinander. In einen Stoffladen wollte ich für meine Frau ein Gummiband besorgen, danit sie die Ärmel eines Vlies-Shirts vernähen konnte. Ich zog es vor, meine Beine in Bewegung zu setzen, zur nächsten Straßenbahnhaltestelle. Untätig zu warten, auf den nicht abreißenden Autoverkehr zu starren oder auf das langweilig gekrümmte Glasdach der Haltestelle, dazu war ich zu hibbelig. Ich musste etwas machen.

An der nächsten Haltestelle Olof-Palme-Allee nur noch 2 Minuten warten. Das war erträglicher. Einsteigen, zwei Haltestellen weiter, Heussallee, und dort kam ich mir vor wie bei einer Völkerwanderung, denn die Fahrgäste drangen in Scharen ein. Um mich herum quetschte sich alles zusammen, und inmitten von unkontrollierten Bewegungen wurde auf Handys und Smartphones herumgeklimpert, was das Zeug hielt. Ich erkannte Profile auf Facebook oder textliche Bruchstücke, die sich zu einer SMS zusammenfügten. Ich war aufgekratzt und gereizt.

Universität/Markt aussteigen. An einem Knubbel von Menschen musste ich mich vorbei quetschen, um aussteigen zu können. In der unterirdischen Röhre des U-Bahnsteigs kam ich mir eingesperrt vor, und ich zwängte mich an diesem Wirrwarr von Menschen vorbei. Ziellos kam ich mir vor. Würde ich in dem Stoffladen das richtige Stoffband finden ? Wann würde der nächste Bus kommen ?

Über die Rolltreppe, hinaus ins Freie. Ich passierte den Durchgang unter das Universitätsgebäude. Verkehrsstau vor der Tiefgarageneinfahrt unter dem Marktplatz. Auf dem Marktplatz lichtete sich das Menschengewimmel und ich schritt vorbei an den Marktständen.

Im Stoffladen zeigte ich das Stück weiße Gummiband, 4 Zentimeter breit, welches mir meine Frau als Muster mitgegeben hatte. Dieses gab es nur als Rolle, nicht in Stücken, so dass ich zu Hause anrufen musste.

„Wie viel brauchen wir ?“
„10 Meter“
“Danke. Tschüss. Ich bin gleich zu Hause“.

Als ich bezahlt hatte, sah ich draußen die Buslinie 550 heranfahren, so dass ich rennen musste. Glücklicherweise bekam ich aber einen Sitzplatz.

Zu Hause angekommen, stellte ich fest, dass ich das Muster in dem Stoffladen liegen gelassen hatte. Ich dachte an das Sprichwort „Eile mit Weile“. Zu nervös war ich gewesen, um an alles zu denken.

Freitag, 9. Dezember 2011

der Gips ist ab ....


Als ich gestern nach Hause kam, war wieder Normalität eingekehrt. Unsere Kleine trug ihre eigenen Pullover; nichts störendes, klotziges am linken Arm. Wie vorher gewohnt, konnte sie nach Belieben den Arm auf und ab, hin und her, rauf und runter bewegen.

Der Gips ist ab !
Der Gips, das war eine Schiene gewesen, die bis zum Oberarm verlief, eingepackt in eine dicke Lage von Baumwolltüchern.

Vor 14 Tagen hatte sie sich beim Sportunterricht in der Schule den Arm gebrochen. Genau gesagt, wussten die Ärzte nicht, ob es ein Bruch war, denn das Röntgenbild konnte nicht unterscheiden zwischen einem Bruch und beispielsweise einer Wachstumsfuge - aber Indizien wie Schmerzen und eine Schwellung sprachen dafür. Eigentlich sollte der Gips erst in einer Woche entfernt werden. Offensichtlich war die Heilung genügend fortgeschritten, so dass die Kinderklinik in St. Augustin den Gips bereits gestern entfernte. 

Wir müssen noch vorsichtig sein. Unsere Kleine sollte möglichst wenig herumtoben – was aber schwierig zu kontrollieren sein wird. Sportunterricht ist noch nicht drin.

Wir freuen uns alle, dass ganz viele Sachen wieder leichter fallen. Nicht mehr mit so einem Klotz am Arm herumlaufen. Keine übergroßen Pullover anziehen müssen, damit der Gips in die Ärmel hineinpasst. Wir können wieder baden. Wir können wieder Klavier spielen. Hurra !

Nächsten Donnerstag wieder zur Kontrolle in die Kinderklinik. Nachsehen und die Unfallanzeige schreiben, damit den Formalitäten genüge getan wird.
Danach ist hoffentlich alles vorbei ….

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Restaurant Rheinaue


Das war toll gemacht. Die Lichterketten schafften es, dass das Gebäude in seinen Umrissen erstrahlte. Das Restaurant Rheinaue war sechseckig, eingeschossig. Von einer Anhöhe aus, hatte man tagsüber einen phantastischen Ausblick auf den Park der Rheinaue mit dem Siebengebirge im Hintergrund. Von der Kuppel des Obergeschosses zog sich die flache Dachschräge hinunter, an dessen Ende die Dachvorsprünge weit über die Kante des Gebäudes hinaus ragten. Die Lichterketten spielten mit einem Baustil, der der chinesischen Architektur entnommen war. Essen konnte man dort nicht chinesisch, sondern deutsch – gut bürgerlich.

Lichterketten und Gebäude verschmolzen zu einem Ganzen: die Lichterketten schmiegten sich an den Wänden und schlossen das Dach mit einem Lichtkegel ab. Sie formten Struktur und Linien des Gebäudes und zerflossen mit dem Dachvorsprung zu einer Einheit. Ein imposantes Gesamtkunstwerk. 

Ich war fasziniert, was die Vorweihnachtszeit hervorzauberte. Wie die Kreativität der Menschen beflügelt wurde, welcher Schaffensdrang in jedem von uns steckte und wie schön das Gesamtgebilde aussah. Und das noch schönere war, dass sich in der Vorweihnachtszeit sehr viele Stellen so präsentierten. Gleich reihenweise verzierten Weihnachtsdekorationen Hauseingänge, Fenster, Vorgärten, Reihenhäuser oder Einfamilienhäuser. Ob Weihnachtsmänner oder Schlitten, Rentiere oder Schwibbögen: überall leuchtete es, was das Zeug hält. Auch in unserer Straße, wo wir wohnten.

Ich dachte an dieses mulmige Gefühl zurück, welches mich beim Anzünden der ersten Adventskerze durchdrungen hatte. Es war nicht gewichen, denn für das Weihnachtsfest hatten wir längst noch nicht alles erledigt.

Doch dieses mulmige Gefühl relativierte sich, denn die schönen Seiten der Vorweihnachtszeit waren unübersehbar. Dieses mulmige Gefühl war präsent, aber in dem Bewusstsein, dass Stück für Stück alles angepackt und abgearbeitet wurde.

Ich konnte dazu übergehen, diese Lichterpracht zu genießen. Trotzdem fragte ich mich, wieso der Schaffensdrang des Menschen ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit einen solchen Impuls erfuhr. Ich hatte dieses eher griesgrämige Bild meiner Mitmenschen vor Augen: diese Herumjammerei; diese Perspektivlosigkeit; der mangelnde persönliche Einsatz; dieses zwanghafte Handeln, vor allem dieser Zwang zur produktiven Beschäftigung, ohne das Schöne zu sehen; der Rückzug ins Private gekoppelt mit der Unfähigkeit, aus sich herauszugehen. Jetzt wurde mit einem Mal ein Hebel umgelegt und eine Kehrtwendung vollzogen. Wie konnte das geschehen ?

In der Ferne dröhnte der Autoverkehr über die A562. Abgesehen vom hell erleuchteten Restaurant, dominierte in der Rheinaue die dunkle, schwarze Nacht. Keine Menschenseele spazierte über die Teerwege. Im Inneren des Restaurants langweilten sich die Kellner und schauten zum Fenster hinaus. Bestimmt würde sich das Restaurant bald füllen, bestimmt würde es bis Weihnachten ausgebucht sein mit lauter Weihnachtsfeiern.

Das Weihnachtsfest konnte kommen.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Pommes Frites

Das habe ich mir gegönnt. 

Letzte Woche, vor dem Besuch des Kölner Weihnachtsmarktes, schritt ich durch die Schildergasse, vorbei an grell erleuchteten Schaufenstern, die vollgestopft waren mit Weihnachtsmännern, Weihnachtsgeschenken, Weihnachtsgirlanden und vielfältigen Dekorationen der Vorweihnachtszeit. Leuchtreklamen rangen über den Geschäften um Aufmerksamkeit. In den Ladenlokalen der Modeketten Zara und Vero Moda drängte sich das Menschengewühl und man shoppte nach Herzenslust. Ich schritt vorbei an der postmodernen Glasfassade von Peek & Cloppenburg, dessen Beleuchtung durch die wuchtige, strenge, glatte und gekrümmte Form in die Fußgängerzone stieß. 

Meinen Hunger hatte ich aufgespart, denn mein Ziel war die niederländische Fritttenbude hinter C&A. Die niederländische Frittenbude in der Bonner Fußgängerzone war seit etwa einem halben Jahr verschwunden – man gab sich wohl mit der geschmacksärmeren Variante der handelsüblichen Fritten zufrieden. Der am nächsten gelegene Typ dieser Frittenbuden fand sich in der Kölner Fußgängerzone. Sie war nicht riesig, zusammengequetscht zwischen den angrenzenden Schaufensterfassaden. Doch unübersehbar ragte im Obergeschoss eine überdimensionierte Frittentüte hinaus, in hellem Licht ein magnetischer Anziehungspunkt. Ich freute mich auf die Fritten, die tatsächlich nach Kartoffeln schmeckten sollten. Und nicht so ein Imitat, wo über mehrere Produktions- und Haltbarkeitsstufen hinweg der Geschmack verloren gegangen war.

Ich reihte mich an die Warteschlange ein. Die Frittenbude sah eher wie eine deutsche Kopie aus, denn es gab Bratwurst und keine Frikandel, geschweige Loempia oder Saté-Spieß – so wie in den Niederlanden. Vor mir hörte ich das Unwort, dass Pommes bestellt wurden. Als Deutscher, der einigermaßen des Französischen mächtig ist, krümmte sich mir bei dieser Aussprache der Magen herum. Das „S“ am Schluss des Wortes wurde im Französischen nicht betont. Viele Deutsche betonten aber dieses „S“ und sprachen es zum Schluss des Wortes mit aus. Dafür ließen sie „Frites“ weg.

Ich dachte an Frittenbuden in den Niederlanden oder Belgien. Zum Beispiel Visé. Das liegt in Belgien an der Maas, etwa 40 km westlich von Aachen. Mittlerweile war es bestimmt drei Jahre her, dass ich mit dem Rennrad von Aachen durch die östlichen Ausläufer der Ardennen nach Visé geradelt war, weiter über Maastricht in den Niederlanden nach Aachen zurück. In Visé steht eine der leckersten Frittenbuden, die ich kenne. Am Ende der Hauptgeschäftsstraße, gegenüber der Kirche St. Martin, auf einem kleinen Platz im Schatten eines riesigen Baumes, auf der anderen Seite gegenüber ein Kino und ein centre culturel. In dieser Frittenbude konnte man sehen, wie die geschälten Kartoffeln durch ein Schneidegerät gepresst wurden, so dass Fritten in langen Stäbchen herauskamen. Diese Fritten wurden dann einmal im Fett vorgebacken und portionsweise nochmals gebacken. Die Mayonnaise war auch anders: viel sahniger, kräftiger im Geschmack. Das war eine Portion Fritten, die man als richtige Mahlzeit betrachten konnte. Anschließend hatte man ein Sättigungsgefühl, als ob man eine komplette Mahlzeit mit Fleisch, Beilage und Salat gegessen hätte.

Nachdem ich an der Reihe war, hielt ich die ersehnte Tüte in der Hand, gefüllt mit einem Berg von Fritten und einem ordentlichen Klecks von Mayonnaise. Das war nicht ganz der Geschmack wie in Visé. Aber einen solchen Anspruch sollte ich auch nicht haben, dass die Qualität auf demselben hohen Niveau wie in Visé oder sonstwo in Belgien oder in den Niederlanden rangierte. Der Geschmack nach Kartoffeln kam immer noch kräftig durch. Der Unterschied zu anderen Frittenbuden in dieser Umgebung war gigantisch.

Das war ein Genuß. Am Rande eines Lederwarengeschäftes blieb ich in der Schildergasse stehen. Der breite Menschenstrom, in dem die Gesichter in der Dunkelheit beinahe gleich aussahen, schob sich an mir vorbei. Aus der Tüte pickte ich Fritte für Fritte mit dem Holzgäbelchen heraus und stopfte sie in mich hinein.

Montag, 5. Dezember 2011

Friseur bzw. Afghanistan-Konferenz


Diesmal nahm nicht alles seinen gewohnten Gang. Die Sitzbank wurde dekoriert, daher musste ich mich auf einem freien Friseurstuhl hinsetzen. Dann schob eine Friseuse, die ich noch nie gesehen hatte, das mobile Waschbecken an meinen Platz. Sie sprach eine osteuropäischen Akzent, ihre Finger gruben sich beim Haarewaschen in meine Kopfhaut hinein, das krabbelte schön und entspannte.

Seit mehreren Wochen hatte ich den Friseurtermin vor mir hergeschoben, weil ich sonst keine Zeit hatte. Meine Friseuse, die mir sonst die Haare schnitt, begrüßte mich. Sie war ungefähr in meinem Alter, nach außen war sie locker, fröhlich, unbeschwingt, wobei sie ihre innere Unruhe verbarg.

„Sie haben es aber nötig“ kommentierte sie.
Zugegeben: meine Frisur sah katastrophal aus und erinnerte mehr an die 68er-Generation: keine Langhaarfrisur, aber widerspenstig und rebellisch, und egal, wie oft ich die Haare kämmte, sie sträubten sich von meinem Kopf ab. 

Ich war gewohnt, dass sie mit banalen, wichtigen oder unwichtigen Alltagsthemen begann, je nachdem, wie man die Bedeutung der Dinge so sieht.

„Gestern habe ich über eine Stunde im Stau gestanden. Wegen dieser Afghanistan-Konferenz.“

Laut dachte ich nach:
„Haben Sie da auch etwas mit zu tun …
… mit der Afghanistan-Konferenz ?
… die ist doch erst Montag … „

„Vom Flughafen Köln/Bonn kamen irgendwelche wichtigen Staatsgäste. Die A59 war gesperrt. Bis hin zu so einem popeligen Kreisverkehr in Spich. Über eine Stunde stand ich 10 Meter vor diesem Kreisverkehr, konnte weder vorwärts noch rückwärts.“


Ich reimte mir die Fahrstrecke zusammen. Die Teilnehmer der Afghanistan-Konferenz kamen auf dem Flughafen Köln/Bonn an, über die A59 ging es nach Bonn, wo sie wahrscheinlich zu einem Hotel gefahren wurden. Die A59 war gesperrt. Dazwischen lagen viele Autobahnauffahrten, zu denen die Zubringer gleich mit gesperrt worden waren.



„Abends hatten wir noch eine Feier mit unserem Turnverein. Da musste ich mit jemand anders die Tische vorbereiten. Ihr konnte ich gar nicht Bescheid sagen, weil ich ihre Rufnummer nicht mithatte. Ich habe mit meinem Handy durch die Gegend telefoniert, damit jemand anders ihre Festnetz- oder Handy-Nummer herausfindet, um sie dann wiederum anrufen zu können. Hat aber geklappt. Als die Feier anfing, waren alle Tische gedeckt.“



Ich erzählte ihr, dass wir bei unserem letzten Sommerurlaub auf der A48 in Richtung Trier auch in eine solche Vollsperrung hineingeraten waren. Wir hatten auch über eine Stunde im Stau gestanden, ohne nach vorne oder zurück fahren zu können. Wir waren wahnsinnig geworden. Vor lauter Verzweiflung fingen wir an, planlos auf der Fahrbahn hin und her zu laufen. Über jede Abwechslung waren wir froh, unter anderem, als ein Gewitter aufzog und ein Platzregen mit Blitz und Donner auf unser Auto prasselte.



Noch voller Zorn, wollte sie es wissen:
„Wenn ich schon über eine Stunde gelitten habe. Die Afghanistan-Konferenz – Über was wird da eigentlich geredet ?“



Ich musste zugeben, dass sie mich an einem wunden Punkt erwischt hatte, denn ich wusste es nicht richtig, sondern nur fragmenthaft. Meine Fähigkeit, über das Tagesgeschehen in Rundfunk, Fernsehen und Presse informiert zu sein, stieß da an Grenzen. Dass Karsai der Präsident Afghanistans ist, dass es Wahlen gegeben hat, dass sicherlich auch über die ausländischen Truppeneinsätze verhandelt wird, konnte ich ihr erläutern. Doch über den Rest musste ich spekulieren.



Noch einen weiteren wunden Punkt traf sie mit ihrer Fragen. Könnte mir nächsten Montag dasselbe passieren wir ihr gestern ? Denn nächsten Montag musste ich wieder zur Arbeit. Die Konrad-Adenauer-Brücke würde zur Hauptverkehrszeit gesperrt sein, und die

Stadtwerke Bonn hatten bei Bussen und Bahnen Verspätungen angekündigt. Die Kennedy-Brücke, über die Busse und Bahnen fuhren, könnte womöglich auch gesperrt werden.



Fleißig tobte sich die Haarschneidemaschine an der Fülle meiner Haare aus. Dicke Büschel fielen auf den Fußboden oder sammelten sich zwischen meinen Beinen auf dem Frisierumhang. Als meine Ohren herausschauten, kam mir dies wie eine Befreiung vor. Bei einer genaueren Betrachtung war ich wieder deprimiert, dass ich fast nur noch graue Haare hatte. Ordnung und Struktur gewannen in meinen Haaren die Oberhand über Chaos und Wildwuchs.



Danach schweifte das Gespräch ab, auf andere Allerweltsthemen. Kinder, Haus, Nachbarschaft usw.


Fortan war ich irritiert. Würde ich am Montag pünktlich zur Arbeit kommen ? Für den Montag beschloss ich, trotz der dunklen Jahreszeit sicherheitshalber mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren.

Freitag, 2. Dezember 2011

S-Bahnhof Porz-Wahn


Nachdem ich aus der S-Bahn ausgestiegen war, schritt ich durch die Bahnunterführung, die so düster war, dass sie die Kulisse für einen Kriminalfilm hätte darstellen können. Am Ende des Treppenaufgangs fiel das Licht der Laternen auf das dreieckige Glasdach und zerstreute sich ganz seltsam in alle Richtungen, so dass nur noch schmale, diffuse Lichtkegel den Bahnsteig erreichten.

Um 22.26 Uhr kam der nächste Bus der Linie 163 – dies zeigte die Anzeigetafel auf dem S-Bahnhof Porz-Wahn an. Nun war es viertel vor zehn. So lange zu warten nervte mich, daher rief ich meine Frau an, mich mit dem Auto abzuholen.


Ich starrte in die Öde der Nacht hinein. Es hatte aufgehört zu regnen. Unter dem Himmel hing eine Wolkendecke, matt, von einer bleiernen Schwere, ohne jegliche Struktur.



Alleine war ich um die späte Uhrzeit nicht. Jugendlichen alberten auf der Bank am Bahnsteig herum. Am Bussteig füllte sich die Nachtlinie 167, dessen Ziele Lind und Wahnheide waren. Die Innenbeleuchtung war so hell, dass mir der Bus wie ein Denkmal in der Dunkelheit vorkam. In der Ferne erschienen die Umrisse der Fahrgäste schemenhaft. Der Busfahrer ließ den Motor in einer endlosen Geduld laufen und fuhr nicht ab.



Der Bahnhof Porz-Wahn hatte im Vergleich zu anderen Bahnhöfen – die genauso unansehnlich waren – eine exponierte Stellung, denn er lag mitten im Feld, fernab von jeder Geschäftigkeit, der eigentliche Stadtteil Porz-Wahn lag noch einige Kilometer entfernt. Ich freute mich über jede Bewegung, die ich wahrnehmen konnte. Ein mattes, entferntes Geräusch, dann ein leises Huschen, Reihen von viereckigen Lichtern zischten am Bahnhof vorbei und verschwanden in Windeseile – das war ein ICE. Die Nachtlinie 167 hatte sich noch nicht entschieden abzufahren, und weil mein Blick nichts anderes finden konnte, starrte ich auf ein Graffiti auf einem schlecht beleuchteten Brückenpfeiler, wo sich wahllos dahingekleckerte Buchstaben ineinanderfügten.



Kurz darauf kam meine Frau. Und ich war froh, diesen gruseligen Ort verlassen zu können.