Dienstag, 6. Januar 2015

Lars-Ulrich Schnackenberg - DIE WÄCHTER

Neugierde mischt meinen Alltag auf. Nach dem Lebensmotto „carpe diem“, also „pflücke den Tag“, versuche ich mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, mich an den Dingen zu erfreuen, die mir die Natur so bietet, Menschen zu begegnen, die mein Leben bereichern, und aus der Stadtlandschaft all diejenigen Blickwinkel herauszuschälen, um zu lernen, zu verstehen und zu begreifen. Es gibt aber auch Dinge in meinem Alltag, an denen fahre oder gehe ich achtlos vorbei. Die Dinge sind zur Routine und zur Banalität geworden, ich schaue nicht mehr hin, weil sie weder mit Schönheit, noch mit verzierten Formen glänzen, noch verspielt oder filigran sind, so dass sie die Blicke auf sich ziehen könnten.

Merkwürdig, eines dieser Banalitäten ist ein wahres Monstrum, sechs Meter hoch, sieben Meter breit, eine Tonne schwer, das am  rechten Rheinufer eigentlich nicht zu übersehen ist. Eine Großskulptur schraubt sich in den Himmel hinein, so hoch, dass ich als Fahrradfahrer immer nur durch die Eintönigkeit hindurch schaue. Oder ich blicke unmotiviert über das Stahlskelett dieses Klotzes hinweg. So ist es mir lange Zeit gelungen, die Sitzreihen, überdimensioniert, in luftiger Höhe zu übersehen.

Das nennt man moderne Kunst. Bonn ist reich, ja überreich und überbelegt mit solchen Skulpturen aus Metall, die sich ganz unverfroren an Plätzen oder allgemein im Kunstraum der Stadt hinein gepflanzt haben. Mancherorts sind solche Anhäufungen von Metall kaum von Schrott zu unterscheiden. Massive Konstruktionen, die belasten, modern-abstrakte Formen, die mir die kalte Schulter zeigen, Varianten von groß bis klein, die bisweilen Rost angesetzt haben: Kunst reduziert sich in diesen Ausdrucksformen auf einen reinen Selbstzweck.

Eine Botschaft dieser Skulptur zu finden, empfinde ich als Kraftakt. Kunst soll ja zum Nachdenken anregen. Am Fuß der Skulptur lese ich „Lars-Ulrich Schneckenberg – DIE WÄCHTER“. Des weiteren kann man im Internet nachlesen, dass der Künstler 1948 in Bayern geboren ist, 1990 ins Rheinland gezogen ist, dass er seit 2005 eine Professur an der Alanus-Hochschule in Alfter innehat und dass er in Unkel ein eigenes Atelier hat. Außerdem kolportiert man in der Nachbarschaft von Beuel, dass die Skulptur an diesen Standort gekommen ist, weil seine Schwiegertochter in direkter Nähe wohnt.

Beheimatet in Kunstepochen von der Renaissance bis zum Expressionismus, von Rubens bis Otto Dix, verweigere ich mich ohnehin, Formen, Proportionen, Farben, dem Sinngefüge und der Schönheit dieser Skulptur auf den Grund zu gehen. Brennender interessiert mich die Fragestellung, wie die Skulptur hier hin gekommen ist, denn zuvor – das war bis zum Jahr 2006 – stand diese vor dem Beueler Rathaus. Damals wurden die Planungen aufgenommen, das Rathaus zu erweitern und eine Geschäftszeile dran zu bauen. Die Skulptur musste weg – und das mit diesem Ein-Tonnen-Klotz. Technisch kein Problem, dachten die Verantwortlichen der Stadt, und Bagger, LKWs, Tieflader und Hubwagen marschierten auf. Alleine 16 Quadratmeter groß war die Grube, die am jetzigen Standort ausgehoben werden musste, Beton musste verfüllt werden, ein Fundament gegossen, die Skulptur musste auf einem LKW transportiert werden, der Sockel musste befestigt werden, die Skulptur aufgestellt werden. Ich zähle die Euros zusammen, das hat bestimmt mehrere Zehntausend Euro gekostet. Ein Finanzskandal in Bonn ? Davon hatte ich nichts gehört, aber Kostendruck und Wirtschaftlichkeit scheinen zwar für Theater, Bibliotheken oder Schwimmbäder zu gelten, aber nicht für solche Skulpturen im öffentlichen Raum.

Die eigentliche Botschaft verschwimmt von der höheren Position, die man mit einer Leuchtturmperspektive vergleichen kann. Was will uns der Künstler sagen ? Stilisierte Hochsitze, gleichsam hochbeinige Stühle, sollen den Betrachter an Gefahren und die Unwägbarkeiten des Lebens erinnern, allen voran die Hochwassergefahr. Das mag dem Besitzer des Kiosks „Zum Hochwasser“ absurd vorkommen, das einen Steinwurf entfernt liegt. Fast bis zum Türsturz krallt sich die Hochwassermarke des Jahres 1995, das war längst vor der Zeit, als die Skulptur den vorhersehenden Geist des Hochwassers in die Umgebung hinein spülte.

Im Sinne des Künstlers könnte man die Skulptur so interpretieren, dass das Leben erodiert und dass die Momente der eigenen Erfahrbarkeit codiert werden. Geschichten werden zu großformatigen Darstellungen, in denen sich die Erzählmomente steigern, der Betrachter wird durch Wiederholungen geführt, da sich die Dinge erst nach mehreren Schleifen erfahren lassen. Lerneffekte durch Erfahrung fehlen, somit wachsen die Skulpturen in die Höhe. Das sagt jedenfalls Lars-Ulrich Schnackenberg.

Einigermaßen gestresst fliegt diese Botschaft an mir vorbei, die Skulptur ist eine Nummer zu groß. Währenddessen lassen es sich die Gäste am ehemaligen Bröltahnbahnhof mit dem Biergarten schmecken. Gemächlich fließt der Rhein vorbei, Containerschiffe und Lastkähne bugsieren sich durch die Fahrrinne. Ein Stück weiter, hakt sich ein Gleisstück der alten Bröltalbahn neben dem Fahrradweg fest.

„DIE WÄCHTER“ sprengen die Dimensionen meiner Vorstellungskraft. Diese Art von Kunst ist mir zu banal, da sie mit wirklich schönen Formen nicht glänzen kann.

Kommentare:

  1. Ich gratuliere dir: Soviel hätte ich nicht in dieses Monstrum hinein zu interpretieren gewusst.
    Kunst, mit der auch ich nichts anzufangen weiß! LG Martina

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  2. DerTitel "Die Wächter" gefällt mir und die Stühle drücken das für mich auch aus. Das Kunstwerk ist abseits von "schön", das stimmt. Ob das mit den Dimensionen störend auf mich wirkt, das kann ich so nicht sagen. Direkt davor dürfte ich sicher nicht stehen. Vll soll man direkt davor auch hinaufschauen müssen? Wächter haben ja etwas Überdimensionales.

    LG
    aelva

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  3. Mann, hast du dir da mal wieder Gedanken gemacht..und das über wachende Stühle .. Hut zieh. Habe die Dinger noch nie gesehen.
    Gruß vonner Grete

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  4. Auch sofort an Stühle gedacht finde ich den Titel "Die Wächter" auch passend, denn so wie sie stehen wachen sie wirklich. Schlicht und einfach und dennoch bei längerem Blick gibt es viel doch einiges zu sehen. Ob schön oder nicht, ich denke mal mit der richtigen Patina (über Jahre) dürften sie noch interessanter wirken. Vorallem stelle ich mir den Blick bei schönem Wetter und mit Wolken am Himmel vor. Da dürften die "freien" Stuhlrücken noch weitere Kunstwerke werden.

    Viele Grüsse

    N☼va

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  5. :-). Im Nachgang: "Zwischen den Stühlen sitzen", kommt mir dazu noch, denn auf den Stühlen könnte man nicht sitzen, da sie keinen Sitz haben. Wer oder was sitzt zwischen den Stühlen? Das Kunstwerk ist also doch mehr als einen Blick wert.

    LG
    aelva

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