Sonntag, 4. Januar 2015

Köln - St. Pantaleon und Kaiserin Theophanu

St. Pantaleon, Westwerk
Man schrieb den 14. April 972, das war der Weiße Sonntag der lateinischen Kirche, als sich das Hochzeitpaar das Ja-Wort gab. Ganze 17 Jahre waren beide jung, der Thronfolger Otto II. und Theophanu. Kein geringerer als der Papst, das war Johannes XIII., traute sie. Und die Hochzeit fand an keinem geringeren als dem Heiligsten Ort des Abendlandes statt, in Rom. Und das in dem neben Jerusalem wichtigsten Pilgerort des Abendlandes – das war die Kirche St. Peter, wo der Apostel Petrus begraben war. Gleichzeitig krönte der Papst die Braut in ihrem schneeweißen Brautkleid zur Kaiserin.

Wie so oft unter Kaisern und Königen, war die Hochzeit politisch motiviert. Der Kölner Erzbischof Gero hatte Kontakte nach Ostrom geknüpft. Ostrom, das war nach Untergang des römischen Reiches Konstantinopel – oder das heutige türkische Istanbul. Ostrom oder Byzanz war ein stabiles politisches Gebilde,  ganz im Gegensatz zu der untergegangenen Westhälfte des römischen Reiches.

Karl der Große hatte um 800 das Heilige römische Reich deutscher Nation geschaffen, das die heutigen Staaten, Frankreich, Deutschland und Italien umfasste und noch einige kleine Staaten mehr. Nach seinem Tod teilte sich sein Reich auf, es zerbröselte an den Rändern und von innen. Hunnen, Wikinger, Normannen, Mauren fielen ein. Otto I. gelang es schließlich, nachdem er die Hunnen besiegt hatte, das einheitliche Staatengebilde von Frankreich über Deutschland bis nach Italien wieder aufleben zu lassen. Nach Karl der Große war er 962 der erste deutsche König, dem der Papst die Kaiserwürde verlieh, der ein Heiliges römischen Reich deutscher Nation regierte.

Dieses römische Reich deutscher Nation endete vor der Stiefelspitze Italiens. Dort begann Byzanz, über das Mittelmeer folgte Griechenland, das seine Antike wiederbelebt hatte und zum führenden Staat in Kultur, Geist und Wissenschaft aufgestiegen war, dann kam Konstantinopel, dessen Machtbereich sich bis ins heutige Syrien erstreckte.

Genau dieses Staatengebilde hatte Otto I. im Blickfeld gehabt, als ihm die Vision einer Hochzeit seines Sohnes Otto II. mit dem Herrscherhaus Byzanz erschienen war. Tatkräftig mitgewirkt bei der Auswahl der Braut hatte der Kölner Erzbischof Gero, als er Ende des Jahres 971 eine Delegation nach Byzanz entsandte. Aus den bedeutendsten Herrschergeschlechtern Griechenlands sollte eine Braut ausgewählt werden. Otto II. war wählerisch, was ein Indiz dafür sein könnte, dass es eine Liebesheirat war. Die Töchter aus dem Hof der Romanos lehnte Otto II. ab, weil sie ihm zu alt waren. Theophanu aus dem Herrschergeschlecht der Tsimiskes war gleichaltrig, und diese Braut gefiel ihm sofort.

Kuppelbau hinter dem Westwerk
Der Segen des Papstes am 14. April 972 war hoch offiziell, so dass das west- und das ost-römische Reich verheiratet wurden. Im Sommer 972 überquerte das frisch vermählte Kaiserpaar die Alpen, im August erreichte es das Kloster St. Gallen, welches der griechischen Kultur verbunden war, da die Mönche sich mit griechischen Schriften aus der Antike befassten.

Im Spätsommer ging es über den Rhein nach Köln. Konstantinopel mit dem gewaltigen Kuppelbau der Hagia Sophia vor Augen, musste Theophanu die Stadt Köln einige Größenordnungen kleiner, aber andersartig und mindestens genauso schön erscheinen. Als sie das erste Mal mit dem Königszug am rechtsrheinischen Ufer ankam, bot sich ihr von den Zinnen des Deutzer Kastells ein faszinierender Blick auf all die Kirchen auf der anderen Rheinseite. Das Bild der stolzen Gotteshäuser entfaltete sich – davon berichtete sie schwärmerisch immer wieder – wie ein Kreuz in einer tiefen religiösen Symbolik. Neugierig war sie darauf, die Reliquien Kölns kennen zu lernen. Davon war sie einer Reliquie in tiefer Hingebung verfallen. Erzbischof Gero hatte die Gebeine des Heiligen Pantaleon von Griechenland nach Köln überführt. Pantaleon, ein Arzt aus Nikomedia, der nach der Legende ein durch einen Schlangenbiss getötetes Kind wieder zum Leben erweckte, wurde heilig gesprochen, da er vor dem Toleranzedikt des römischen Kaisers Konstantin als Christ verfolgt und getötet wurde.

Theophanu war klug, gebildet, sie hatte Hippokrates und andere philosophischen Schriften über die Medizin gelesen, daher verehrte sie den Heiligen Pantaleon. Der Kirche St. Pantaleon, die um 900 als Klosterstiftung entstanden war, war Theophanu somit stets eng verbunden. Während ihrer Kaiserzeit entstand das wuchtige Westwerk, da typisch ist auch für andere romanische Kirchenbauten. Dabei weist das Westwerk von St. Pantaleon mit dem dahinter liegenden Kuppelbau, wenngleich es nicht so gewaltig dimensioniert ist, Ähnlichkeiten mit der Hagia Sophia auf. Insgesamt 28 mal ist urkundlich belegt, dass sich Theophanu in St. Pantaleon aufgehalten hat. Früh hatte sie ihren Wunsch geäußert, dort begraben werden zu wollen, so dass  man im Kirchenraum ihren Sarkophag bestaunen kann.

Man schrieb das Jahr 983, als ihr Ehemann, Kaiser Otto II., auf den Schlachtfeldern Süditaliens mit 28 Jahren starb. Bis dahin hatte sie vier Kinder geboren, drei Mädchen und einen Jungen. Ihr Junge, der spätere Kaiser Otto III., war zu diesem Zeitpunkt gerade erst 3 Jahre alt. In dieser prekären Situation, in der sie mit ihren kleinen Kindern alleine dastand, während gleichzeitig Begehrlichkeiten auf die Thronnachfolge geweckt wurden, wuchs Theophanu zu einer der schillerndsten Frauengestalten des Mittelalters.


Steinfigur von Theophanu am Kölner Rathaus (oben links; Quelle Wikipedia)
Otto II. und Theophanu, von Christus gekrönt und gesegnet, Relieftafel aus Elfenbein,
musée de Cluny, Paris (Quelle Wikipedia; obenrechts)
Reliquienschrein des Heiligen Pantaleon (Mitte)
Inneres der Kirche St. Pantaleon (unten)
Dabei waren die Grundvoraussetzungen für ein Leben als Kaiserin in Mitteleuropa schlecht. Sie wechselte von einem Königreich mit klaren Strukturen in Strukturen der Herrschaft hinein, die ein einheitliches Staatsgebiet und eine vereinigende Hauptstadt nicht kannten. Könige und Herrscher befanden sich ungefähr dauernd im Kriegszustand. Sie zogen von Pfalz zu Pfalz, dorthin, wo ihre militärische Kriegskunst am dringendsten benötigt wurde. In der Nachfolgetradition von Karl dem Großen hatten die Ottonen Netzwerke befreundeter Grafen, Herzöge, Könige und auch Bischöfe und Erzbischöfe geknüpft, die über drei Generationen hinweg ein einheitliches Machtgebilde von Frankreich über Deutschland bis nach Italien schufen. Nicht zu verachten war sicherlich die Sprachenvielfalt, da Theophanu selbst Griechin war. Bewegen musste sie sich im germanischen, romanischen, slawischen und auch römischen Sprachraum, der ihr wohl noch am geläufigsten war.

983, nach dem Tod von Otto II., war es nun eine Herausforderung, dieses Machtgebilde zu erhalten. Noch kurz vor dem Tod seines Vaters, wurde 983 sein dreijähriger Sohn im Aachener Dom zum König gekrönt. Nach dem Tod regelte Theophanu zuerst, wer sich um die Erziehung des 3-jährigen Königs kümmern sollte. Diese Aufgabe übernahm der Kölner Erzbischof Warin, der Nachfolger von Gero.

Noch vor der Jahrtausendwende, war die Machtposition der Kirche ungebrochen, der Legitimationsstreit, wer Bischöfe bestimmen durfte und wer umgekehrt mit welcher Zeremonie als König eingesetzt werden durfte, noch nicht entbrannt. Um als Kaiserin regieren zu können, knüpfte sie Kontakt zu Beratern, die Macht und Einfluss hatten und denen sie vertraute. Sie kamen aus den Reihen der Erzbischöfe, allen voran der Mainzer Erzbischof Willigis, des weiteren die Erzbischöfe von Hildesheim, Meißen, Paderborn, Prag und natürlich Köln.

Hochzeitsurkunde von Theophanu und Otto II. (links)
Es brodelte überall im Heiligen römischen Reich deutscher Nation, vor allem an den Außengrenzen. Von Norden her fielen die Dänen ein, von Osten her bis zur Elbe die Slawen. Theophanu musste Kriege organisieren, Feldherren und Heere mobilsieren, das unstete und rastlose Leben von Pfalz zu Pfalz mitmachen. Im Norden und Osten hielten die Außengrenzen.

Auch von innen her drohte Ungemach. Der bayrische Herzog Heinrich der Zänker erhob Ansprüche auf die Vormundschaft ihres 3-jährigen Sohnes. Als Theophanu dies ablehnte, nahm er das Kind als Geisel und forderte selbst die Königskrone. Theophanu löste das Geiseldrama auf ihre Art und Weise, das war die Diplomatie. Sie versammelte die Kurfürsten, die ihren Sohn zum König bestimmt hatten, und ließ die Kurfürsten über die Vormundschaft und die Königskrone entscheiden. Alle Kurfürsten stellten sich auf Theophanus Seite, so dass Heinrich der Zänker isoliert war und drohte, selbst gefangen genommen zu werden. Theophanu verhandelte mit Heinrich dem Zenker, sie sicherte ihm den Erhalt des Herzogtums Bayern zu, der dann den Sohn seiner Mutter übergab und auf die Vormundschaft verzichtete.

Ein anderer Unruheherd entstand im Westen. In Lothringen, das zu dieser Zeit weitaus größer als Frankreich war, war der Herzog Karl von Niederlothringen an die Macht gekommen, der mit seinen Truppen ins Rheinland und bis Verdun vordrang. Theophanu hatte Kontakte zu den Erzbischöfen von Reims und Paris. Mit ihnen beriet sie sich, dass die Herzogtümer der Champagne und der Ile-de-France einen eigenen König des westlichen Frankenreichs krönen sollten. Dieser Akt wurde dann zur eigentlichen Geburt des heutigen Frankreich. Hugo Capet wurde zum König gekrönt. Nachdem Herzog Karl von Niederlothringen einen Gegenspieler erhalten hatte, kamen seine Kriegshandlungen zum Erliegen.

Obschon ihr Ehemann Otto II. gegen die Sarazenen Krieg geführt hatte, war in den nachfolgenden Jahren die Südgrenze stabil. Dazu mochte auch Theophanu selbst beigetragen haben, da ihr Ehemann in Rom begraben war. Sowohl nach Rom wie nach Byzanz pflegte sie ihre Beziehungen, wobei sie auch in Italien ein Netzwerk zu den Bischöfen unterhielt, so nach Mailand, Ravenna oder Pavia.

Sarkophag von Theophanu
Auch sie starb viel zu früh, nämlich mit 36 Jahren im Jahr 991. Von der Pfalz in Quedlinburg war sie auf dem Weg nach Westen. Sie starb in Nijmegen in den heutigen Niederlanden, über ihre Todesursache ist in keiner Quelle etwas zu finden. Ihr Sohn, König Otto III., war nun 11 Jahre alt. Drei Jahre lang übernahm ihre Großmutter, die Herzogin Adelheid von Burgund, die am Königshof in Pavia in der Lombardei residierte, die Vormundschaft. 14-jährig, übernahm Otto III. selbst die Regentschaft.

Ihrem innigen Wunsche entsprechend, wurde Theophanu in St. Pantaleon in Köln begraben. Acht Jahre lang dauerte ihr Wirken im Rheinland und in den anderen Herrschaftsgebieten ihres verstorbenen Ehemannes. Im Gegensatz zu anderen Kölner romanischen Kirchen wurde St. Pantaleon im Zweiten Weltkrieg vergleichsweise wenig zerstört. So kann man einen Kirchenbau bestaunen, der noch sehr viel alte Bausubstanz bewahrt hat. Bestaunen kann man auch die Heiratsurkunde von Theophanu mit ihrem Ehemann Otto II., dessen Original in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel aufbewahrt wird.

An die Zeit um die Jahrtausendwende erinnern auch die Straßennamen „Großer Griechenmarkt“ und „Kleiner Griechenmarkt“. Theophanu holte Handwerker und Künstler aus Griechenland nach Köln, die das Stadtleben aufmischten. Die Namensgebung „Griechenmarktviertel“ hat sich genauso verewigt wie Theophanus Sarkophag mit ihren sterblichen Überresten.

Kommentare:

  1. Hallo Dieter,
    abgesehen von der historischen Person der Theophanu versuche ich den Menschen Theophanu zu erkennen. Es ist keine Kleinigkeit mit siebzehn von zu Hause wegzugehen, ein solches Amt zu übernehmen, mit 28 den Ehemann zu verlieren, den sie zwischendurch sicher auch wenig zu sehen bekam, der vielen Feldzüge wegen, vier Kindern das Leben zu schenken, Regierungsgeschäfte wahrzunehmen, unsichere Zeiten auszuhalten und selbst mit 36 zu sterben. Man wächst mit seinen Aufgaben, sagt man, ich hoffe sie hatte die Stärke und nicht nur "keine andere Wahl".

    Gruß
    aelva

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  2. Ein interessanter Post der so ein paar kleine vergessene Gehirnzellen wieder aktiviert hat. Danke dir dafür und wünsche einen schönen Wochnestart.

    Viele Grüsse

    N☼va

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  3. Ich gestehe: Zur Schulzeit gehörte die 'Geschichte' nicht zu meinen Lieblingsfächern. Doch du hast es mal wieder geschafft, mich an die 'Geschichte' heranzuführen. Danke für deinen Post! Martina

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  4. Hallo Dieter
    Danke für diesen interessanten Post. Vielen Dank auch für Deine lieben Zeilen auf meinem Blog.
    Auch ich wünsche Dir ein glückliches, gesundes und erfolgreiches 2015.
    Herzlichst Yvonne

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  5. Hoi Dieter, mooi geschreven en erg interessant. Die koepel met menorah is erg mooi. Evenals de sarcofaag op de foto. Dank je wel.

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