Freitag, 9. Januar 2015

Bonn Kaiserplatz - ein Kaiser steht im Abseits

Denkmal vor der Universität: Quelle: Ausstellungskatalog
"Bonn in der Kaiserzeit" im Rheinischen Landesmuseum
Abgeschafft, abgedankt, abgeschrieben, so wie Bonn mit dem deutschen Kaiser Wilhelm I. umgegangen ist, das kann rasch in einem Punkt umschrieben werden: in den Geschehnissen des 25. Oktober 1944 war er untergegangen. Rheinländer und die deutsche Kaiserzeit – diese Symbiose war schwierig, wobei in Bonn der Fall ein bißchen anders als im übrigen Rheinland geartet war. Bonn wurde getätschelt mit seiner Universität, namhafte Professoren wurden geholt, akademische Lehrstühle und Studiengänge wurden neu aufgebaut, Gelder flossen reichlich.

Der Zeitgeist der Deutschen Kaiserzeit konnte Fuß fassen, die Wacht am Rhein lauerte in ihrer Stellung. So manches ordnete sich dem deutschen Kaiser unter. Berlin war weit, aber Recht und Gesetz und militärischer Drill ließ die Säbel rasseln, Kompanien marschierten im Stechschritt voraus. Pflicht und Gehorsam überbauten den Alltag, dem Kaiser waren die Menschen einen eisernen Willen bis zur Selbstaufopferung schuldig. Am Rhein war dieser Zeitgeist eingebettet in eine romantische Verklärung, denn das Kaiserreich kannte auch Schönheit und Formen, die in der Burgenlandschaft des Rheins und über seine Ufer hinweg gestaltet wurden.

Am 16. Oktober 1906 hatte das gesellschaftliches Großereignis seine Schatten weit nach vorne geworfen. Der Kaiser selbst war gekommen, um ein Denkmal zu Ehren seines Großvaters, Kaiser Wilhelm I., zu enthüllen, das der Bildhauer Harry Magnusson geschaffen hatte. Der Hogarten war mit Fahnen und Tannengirlanden festlich geschmückt. Zu beiden Längsseiten des Denkmals befanden sich Tribünen für die Zuschauer.

Hofgarten Bonner Universität
Kurz vor Beginn der Feierlichkeiten füllte sich der Platz. Mit Fahnen und Musik marschierten  die Ehrenkompanien heran, Schulen standen Spalier und winkten mit Fähnchen, Bändern und Blumengewinden. 66 Kriegervereine, die Regimenter der Kaserne, der Verein ehemaliger Husaren, die studentischen Burschenschaften, alle säumten den Weg des Kaisers und seiner Gattin Augusta Victoria vom Palais Schaumburg zum Kaiserplatz. Bänder in den Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold wehten aus den Fenstern. Der Menschenauflauf und die Begeisterung der Massen dürften ähnlich frenetisch gewesen sein wie der Besuch von John F. Kennedy 1963. Übertönt wurde die Volksfeststimmung von Glockenläuten und Hurra-Rufen.

Das Denkmal von Kaiser Wilhelm I. stand vor der Universität, dem sein Enkel, Kaiser Wilhelm II., zu tiefst verbunden war, da er zwei Jahre dort Rechts- und Staatswissenschaften studiert hatte. Auf der Südseite hatten die Bonner eigens für die feierliche Enthüllung einen Kaiserpavillon mit Baldachin aufgebaut, geschmückt mit goldenen Adlern und einer Kaiserkrone. Als Kaiser Wilhelm II., seine Gattin und der Bildhauer Magnusson nebst Gattin dort Platz nahmen, sang ein Männerchor das Lied „Heil Kaiser und Reich“, dann hielt der Oberbürgermeister eine brausende Begrüßungsrede. Als die Hülle des Denkmals fiel, kannten Jubelstürme und Beifall keine Grenzen. Die Truppen präsentierten ihre Säbel, die Soldaten grüßten, indem sie ihre rechte Hand an ihre Stirn führten.

Dabei öffnete sich das Denkmal auf der einen Fluchtlinie zum Hofgarten. Auf der anderen Fluchtlinie folgte das Denkmal der barocken Gestaltung von Park und Landschaft zum Poppelsdorfer Schloß, rückwärtig zum Alten Zoll – und damit auch zum Rhein.

Dieser würdige Rahmen des Kaiserdenkmals ist seit dem Zweiten Weltkrieg abhanden gekommen. In Schutt und Trümmern war Kaiser Wilhelm I. untergegangen. Während der Rumpf des Denkmals den Bomben halbwegs getrotzt hatte, war der Kopf abgetrennt worden und ging vergessen in der Trümmerlandschaft unter. Nach 1945, in der Zeit des Neuaufbaus, erhielten die alten Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold ein neues Antlitz, mit Bundesadler und vor allem mit einer neuen Verfassung. Nationales Denken wurde als das Grundübel der deutschen Geschichte identifiziert. Kaiser Wilhelm I. wurde überholt von der Westintegration. Im Denken der noch jungen Nachkriegsdemokratie galt es, all diesen Hurrapatriotismus zu entrümpeln und auszusortieren. Genau das geschah mit dem Denkmal: Kopf und Rumpf getrennt, beförderte man Kaiser Wilhelm I. auf den städtischen Bauhof, wo er in einen Schlaf der Vergessenheit versank. Dieser Dornröschenschlaf dauerte lange, bis man ihn 1986 wiederbelebte.

Dies geschah in der Ausstellung „Bonn in der Kaiserzeit“. Damit die Besucher den Kaiser in aller Größe und in seiner vollen Schönheit, Ehrwürdigkeit und Charme betrachten konnten, wurde er zusammengeflickt. Mantel und Stiefel wurden auf seinem Rumpf herausgearbeitet, er erhielt Beine und Arme und Kopf und Pickelhaube. Man polierte ihn auf, arbeitete seine männlichen Gesichtszüge aus seinem buschigen Backenbart und seinem etwas verlorenen Blick heraus.



Kaiserplatz: Kaiserbrunnen (oben),  Erker (mitte links),
Skateboard-Fahrer (Mitte rechts), Kaiser-Apotheke (unten)
Die Dinge geraten bisweilen etwas spontan ins Bewußtsein, denn am Kaiserplatz war ich begriffsstutzig geworden. Die Stadtplaner hatten an dieser Ecke einen ihrer vielen Fehlgriffe gemacht, indem sie ein riesiges Fassungsvermögen von Wasser, das aus drei amboßartigen Platten heraus sprudelte, in einen rechteckigen Brunnen mit einer entsetzlich langweiligen Einrahmung aus Steinplatten hinein gezwängt hatten. Im Sommer trafen sich dort Punker und andere schräge Gestalten unserer Gesellschaft, im Winter gähnte der Brunnen ausgepumpt und bei leerem Wasserbecken vor Leere. Wenn dort Skateboard-Fahrer ihre Fahrkünste testeten, erinnerte mich das an surreale Gemälde von Dali, wenn Uhren über einer Tischkante zerfließen oder wenn die Gebeine von Fabelwesen insektenhaft in die Höhe wachsen, indem sie über dem Meer stolzieren.

Der Bezeichnung entsprechend, war der Kaiser an diesem unwirtlichen Platz allgegenwärtig. Der Fehlgriff der Stadtplaner nannte sich „Kaiserbrunnen“, schräg gegenüber ragte die neugotische Kirche in den Himmel, die während der Kaiserzeit entstanden war. An der anderen Seite konnte man jede Menge Gesundheit und Medikamente und Tabletten in der „Kaiser-Apotheke“ kaufen. In der Fluchtlinie zum Poppelsdorfer Schloss, wo es sich Cafés mit Außengastronomie gemütlich machten, stach schließlich der Kaisergarten heraus, dessen grüne Leuchtschrift sich in geschwungenen Buchstaben aneinander kringelte.

Denkmal am Kaisergarten
Mit seinem kleinen Biergarten war dies die letzte Lokalität von der Bahnlinie, wo ein schmaler, abgesperrter Pfad hindurch führte und sich nach dem Nadelöhr der Bahnlinie in aller Großzügigkeit verbreiterte. Und der Kaiser ? Weit ab vom unansehnlichen Kern des Kaiserplatzes, auf einem mageren Podest, am Nebeneingang des Kaisergartens, hockte er. Nachdem die Ausstellung „Bonn in der Kaiserzeit“ beendet war, war der Wunsch geboren, dass die Bonner ihren alten Kaiser Wilhelm wieder haben wollten. Es sollte sich nicht wiederholen, dass er in einem Hinterhof ein Schattendasein fristen sollte und vor sich her gammeln sollte. 

Nun hat man den alten Kaiser Wilhelm I. in die Ecke gestellt, das geschah im Jahr 1989. Ein Kaiser im Abseits. War das Absicht ? Pflicht und Gehorsam bis zur Selbstaufopferung, dem trauere ich jedenfalls nicht nach. Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit, Disziplin müssen relativiert werden. Nicht alles aus der Kaiserzeit war schlecht. Dass die eisernen und festgefügten Strukturen aufgebrochen werden mussten, das hat spätestens das Jahr 1968 bewiesen. Bis in die Nachkriegszeit hatten die Strukturen des Kaiserreichs über das Dritte Reich überdauert.

Kommentare:

  1. Ach ja, der Kaiserplatz! Ich habe mal in unserer Dorfzeitung den Kaiserplatz erwähnt, als ich über meine als 19-jährige beobachteten Erinnerungen an die Punks am Kaiserplatz geschrieben habe... und wie treffend hast Du diesen "schlichten", eher häßlichen Brunnen dort beschrieben...
    Mit etwas Abstand betrachtet man die Dinge anders. Kaiserplatz... der Name hör sich ehrwürdig und pompös an, aber den Namensgeber muss man suchen... schade...
    Schön, dass Du hier wieder einen informativen Impuls setzt.
    Liebe Grüße
    auch an die Familie
    Marita

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  2. In der Nähe dieses Kaiser-Wilhelm-Denkmals wohne ich (Wiki): Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal bei der Stadt Porta Westfalica im nordrhein-westfälischen Kreis Minden-Lübbecke ist ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal oberhalb dem Weser-Durchbruchstal Porta Westfalica, dem „Tor nach Westfalen“. Es wurde durch die damalige preußische Provinz Westfalen von 1892 bis 1896 errichtet und entstand vor dem Hintergrund der nationalen Ideen in Deutschland. Das insgesamt rund 88 m hohe Denkmal reiht sich ein in die Reihe der deutschen Nationaldenkmale.
    Architekt des landschaftsprägenden Denkmals war Bruno Schmitz, das Kaiserstandbild entwarf der Bildhauer Kaspar von Zumbusch. Seit 2008 gehört das Denkmal zu der Straße der Monumente. Durch seine herausragende geographische Lage ist es wichtigstes Wahrzeichen der Stadt Porta Westfalica und des nördlichen Ostwestfalens.

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  3. Lieber Dieter,

    "unserem" alten Kaiser, dem Franz-Josef von Österreich, wird ja der seufzend-raunzende Ausspruch "Mir bleibt nichts erspart!" nachgesagt. Aber der würde auf den Kaiser Wilhelm I. genauso gut passen, wenn ich mir deine Schilderungen so durchlese... ;o)
    Vielen Dank für deine lieben Zeilen zu meinen beiden letzten Postings und zum Jahreswechsel! Ich habe übrigens ebenfalls schon den Überblick verloren: Hab ich dir bereits meinen Glücksbringer-Rauchfangkehrer (=Schornsteinfeger) geschickt? Ich wünsche dir und deinen 2- und 4-beinigen Lieben auf jeden Fall ein tolles und gesundes 2015!

    ….._██_
    ╠╣‹(•¿•)›..H A P P Y
    ╠╣..(█)... N E W
    ╠╣.../ I .... Y E A R

    Herzlichst, die Traude

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  4. Deine Informationen sind wieder interessant zu lesen.
    Besonders gut gefallen mir deine Gedanken am Schluss - auch deine Text-Bilder (z.B. zu den Skateboard-Fahrern).
    War wieder schön hier zu sein.

    Herzliche Grüße von Heidi-Trollspecht

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