Dienstag, 27. Januar 2015

Köln 1288 - der Fall der Kölner Erzbischöfe

Johann Peter Theordor Janssens,
Die Schlacht von Worringen (1892)
Quelle Wikipedia
Unversehens war das Mittelalter zur Attraktion mutiert. Köln hatte so viele Reichtümer angesammelt wie die Gebeine von allen Heiligen und Märtyrern zusammen. Und mit diesen Reichtümern zeigte der Erzbischof, wer der Herrscher in der Stadt war. Nichts ließ er an sich heran, Gegner bestrafte er unerbittlich. Es kümmerte ihn nicht, wenn die Händler das Stapelrecht mißbrauchten, indem sie die Gewichte an den Waagen fälschten. Oder wenn sie Wein panschten oder Heringfässer zur Hälfte mit Sand füllten, wenn diese zum Verkauf angeboten wurden.

Die Kirche verdiente am Stapelrecht. Mitte des 13. Jahrhundert war Köln so reich wie kaum eine andere deutsche Stadt, das zeigen Vermögensverzeichnisse der „Descriptio Theutoniae“. Trier nahm 3.000 Mark Silber im Jahr ein, in Mainz waren es 7.000, in Köln vervielfachten sich die Einnahmen auf satte 50.000 Mark Silber. Rheinzölle und das Stapelrecht ließen das Geld sprudeln, das ausschließlich den Erzbischöfen zustand. Seit der Jahrtausendwende, als Erzbischof Bruno durchsetzen konnte, dass der Kölner Erzbischof den deutschen Kaiser in Aachen krönen und salben durfte, war Köln mit seinen Erzbischöfen ein Schwergewicht im Machtgefüge deutscher Grafen, Fürsten und Herrscher. Konrad von Hochstaden sprach gnadenlos Recht über alle, die anderer Meinung waren, und er schloß einige Ratsmitglieder aus, er degradierte sie zum einfachen Fußvolk, weil sie keine Waffen mehr tragen durften. Als Bauarbeiter auf der Dombaustelle Sympathie für die Ratsherren zeigten und sich weigerten, zu mauern und zu arbeiten, ließ er sie kurzerhand fesseln und in den Kerker der Godesburg werfen.

Herzögen und Grafen ebenbürtig, führten die Kölner Erzbischöfe Krieg, was nicht so ganz einfach mit den christlichen Idealen von Frieden, den zehn Geboten und Gewaltlosgikeit erklärbar war. 1180 hatten sie sich nach Westfalen ausgedehnt, 1190 hatten sie die Grafschaft Diest in Flandern erworben. Die Expansion sollte keine Grenzen kennen: von Flandern über Aachen nach Köln und Westfalen, als durchgängige Achse von West nach Ost hatten die Kölner Erzbischöfe ihre eigene Vision eines eigenen Machtbereiches.

An dieser Stelle wird das Mittelalter so, wie man es sich gemeinhin vorstellt. Nämlich dunkel, finster, undurchsichtig, verworren, chaotisch, insbesondere gespalten und uneinig. In der großen Politik siegte Rudolf der Habsburger auf den Schlachtfeldern und einigte das römische Reich deutscher Nation. Aber 16 Jahre lang, von 1257 bis 1273, existierten drei deutsche Könige parallel nebeneinander. Sie kämpften gegeneinander, vertrugen sich wieder miteinander, trieben ein Spiel von Ränken und Intrigen, suchten nach Verbündeten und Stärke. Nicht viel besser erging es den Päpsten. Die Herrschaftsstrukturen rissen auseinander, so dass die Gegenpäpste in Avignon in Südfrankreich ihren eigenen Palast bauten. Die Herrschaftsstrukturen waren im 13. Jahrhundert so inhomogen, dass auf der Ebene von Grafen, Fürsten und Erzbischöfen niemand wusste, wer was über wen zu sagen hatte, insbesondere, worüber Kirche und Staat zu bestimmen hatten oder auch nicht.

Trotz der guten ökonomischen Ausgangsbedingungen, hatte die Zerrissenheit des 13. Jahrhunderts Köln erfaßt. 1261 starb Konrad von Hochstaden, und Engelbert II. von Valkenburg folgte ihm als Erzbischof. Als einige Kölner Bürger sich weigerten, mehr Steuern für den Dombau zu zahlen, eskalierte die Situation. Er ließ sie in Gefängnisse werfen, aber die Bürgerschaft schlug zurück. Sie verbündeten sich mit den Grafen von Jülich, 1268 verjagten sie ihren Erzbischof aus der Stadt. Bei Zülpich traf er auf die Truppen des Grafen von Jülich, die ihn auf der Burg Nideggen bei Düren gefangen nahmen.

Dies war das Vorspiel der Schlacht von Worringen, die 1288 geschlagen wurde. Konkret stritt man sich über das Herzogtum Limburg, welches nur eine Herzogin als Erbfolgerin hervorgebracht hatte. Als diese Herzogin von Limburg starb, wurde ihr Ehemann zum Erben, der aus der Adelslinie der Herzöge von Geldern stammte, die wiederum mit den Kölner Erzbischöfen verbündet waren. Dieser Konflikt, in dem die Grafen von Brabant ebenso Erbansprüche angemeldet hatten, die wiederum mit den Grafen von Berg verbündet waren, brodelte über mehrere Jahre vor sich her. Auslöser der Schlacht war schließlich die Festung Worringen vor den Toren Kölns, die den Grafen von Jülich gehörte. Die Kölner Erzbischöfe bauten an der nordwestlichen Außengrenze ihre eigene Festung vor der Festung der Grafen von Jülich, was alle Verbündeten der Grafen von Jülich zusammenrief. Das waren vor allem die Grafen von Berg, mit ihnen die Grafen von Brabant im heutigen Belgien, auch kleinere Herzogtümer in Hessen. Der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg, im Amt seit 1275, hatte sich mit den Grafen von Geldern, Luxemburg, Nassau und mit Herzogtümern in Westfalen verbündet. Die beiden Parteien sammelten alles an Fußvolk und Truppen zusammen, was sie aufzubieten hatten, das waren 4.200 Mann auf der Kölner Seite und 4.800 Mann auf der Bergischen Seite. So als würden sich die Ereignisse des Jahres 1268 wiederholen, kämpften die Kölner Bürger nicht auf der Seite ihres Erzbischofs, sondern auf der gegnerischen Seite, weil das Verhältnis zum Erzbischof vergiftet war.

Sechs Stunden dauerte die Schlacht am 5. Juni 1288. Lange wogte die Schlacht hin und her, die Verluste waren hoch, rund 1.000 Soldaten wurden getötet, viele Tote waren durch die Huftritte von Pferden bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Entscheidend waren die Kämpfe der bergischen Bauern und der Kölner Soldaten, da sie mutig und vehement auf alles einschlugen, was sich ihnen in den Weg stellte. Sie eroberten den Fahnenwagen des Erzbischofs, worauf die Heere seiner Kurfürsten zusammenbrachen. Nachdem der Graf von Geldern vor dem Grafen von Brabant kapitulierte, zeigten die übrigen Verbündeten des Erzbischofs Auflösungserscheinungen. Wem die Flucht nicht mehr gelang, der geriet in Gefangenschaft.

Die Niederlage des Kölner Erzbischofs Siegfried von Westerburg war vernichtend. Herzog Johann von Brabant nahm ihn gefangen, übergab ihn Graf Adolf von Berg, der ihn in Schloß Burg an der Wupper einkerkerte. In den Friedensverträgen musste er erhebliche Zugeständnisse machen: er musste Reparationen von 12.000 Mark zahlen, das waren drei Tonnen Silber, die Burg in Lechenich musste er verpfänden, die Festung Worringen musste geschleift werden, Gebiete in Westfalen musste er abtreten, das Herzogtum Limburg musste er den Grafen von Brabant überlassen. Historisch war der Vertrag vom 18. Juni 1288 mit der Kölner Bürgerschaft, dass er die Souveränität der Stadt Köln anerkannte. Die Zuständigkeit für das Stapelrecht, die Zollrechte, das Marktrecht, das Recht zum Prägen von Münzen und die allgemeine Rechtsprechung musste er an die Stadt abtreten, ebenso die dazugehörigen Einnahmen.

Die Folgen der Schlacht von Worringen waren weitreichend, bis in die Neuzeit hinein. Die Herrschaftsstrukturen im Rheinland waren klein, die Macht war zersplittert. Erbfolge, politisch motivierte Hochzeiten, Bündniskonstellationen bestimmten die Geschicke und Machtbereiche. Ein einheitliches Gebilde, das auf einer höheren politischen Ebene handhabbar war, entstand erst nach dem Wiener Kongreß 1815.

Als Siegfried von Westerburg frei gelassen wurde, wanderte er, in Köln unerwünscht, in der Not seiner Situation, nach Bonn aus. Damit begann der Wiederaufstieg Bonns aus dem Erbe der Römerzeit. 1289 führte Siegfried von Westerburg die erste Ratsverfassung in Bonn ein. Nach seinem Tod, 1297, wurde Siegfried von Westerburg in der Bonner Münsterkirche beigesetzt.

Kommentare:

  1. Wieder sehr interessant in die Geschichte eintauchen zu können....tja, die Kirche und die Kriege sowie die Verbündeten, und alles im Namen Gottes. Da könnte man jetzt ellenlang diskutieren ;-)

    Danke dir für den Post und die Recherche.

    Saludos desde La Guancha

    N☼va

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  2. Meine Anerkennung! Gut, wie du die Kölner Stadtgeschichte in den großen Rahmen stellst ( das lässt die Kölner Selbstverliebtheit sonst nicht so gerne zu ).
    LG
    Astrid

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  3. Und wieder was dazugelernt. Ich freue mich immer auf deine "Geschichtsstunde" ..
    Gruß vonner Grete

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  4. Grete hat sowas von Recht: Eine Geschichtsstunde der ganz besonderen Art!
    Danke dir dafür! Einen schönen Abend! Martina

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