Dienstag, 25. November 2014

Wanderung über die Apollinaris-Schleife

Im letzten Jahr hatten wir diese Aktion Management-like und vergleichsweise professionell aufgezogen. Im „Team Day“ sollten wir aufeinander eingeschworen werden, als Gruppe, als Team, noch mehr sollten wir harmonieren, wir sollten mehr miteinander reden, unser Output und unsere Arbeitsergebnisse sollten sich verbessern. Dabei gab es – objektiv gesehen – nicht so riesig viel zu verbessern. Dafür spendierte unsere Firma einen Eurobetrag, den ich nicht kannte. Wir ließen eine Trainerin kommen, einen kompletten Tag schlossen wir uns in einem Besprechungsraum ein. Die Trainerin ließ uns fleißig erzählen, sie hörte zu, und sie notierte sich einiges, was wir tagtäglich machten, auf einem Flipchart. Unsere Vernetzung als Team hielt sie in einer Powerpoint-Präsentation fest. Ein paar lustige Spielchen lockerten den Tag auf, der sowieso locker war wie ein gut aufgegangener Streuselkuchen.

Neue Chefin, neues Glück. Sie mochte die Bewegung und schlug vor, den „Team Day“  in diesem Jahr nach draußen zu verlegen. Präziser formuliert: wandern anstatt den Eurobetrag an eine Trainerin zu verpulvern. Wo wir wanderten, klärte sich rasch. Per Zufall entdeckte ich die Apollinaris-Schleife in Remagen im Internet, dessen Länge mit 13 Kilometern passte, die idiotensicher beschildert war, das hatte mir die Tourist-Information in Remagen versprochen, und die auch mit der Bahn erreichbar war.

Schließlich fuhren wir nicht mit der Bahn, sondern mit PKWs, und wir trafen uns am Ausgangspunkt der Apollinaris-Schleife, der Apollinaris-Kirche. Einen kurzen Blick gönnte ich mir, indem ich in die neugotische Kirche hinein schaute und die Fresken aus dem Leben des Heiligen Apollinaris betrachtete, so seine Buschofsweihe, sein Tod und seine Totenerweckung.

Mit unseren zehn Arbeitskollegen ging es zunächst bergauf. Durch dichten Wald folgten wir dem weißen Symbol einer Schleife mit einem Turm obendrauf, das unseren Wanderweg markierte und uns bis zum Ende der Wanderung treu blieb. Wir folgten einem Bachlauf, der Kurven im Zickzack hinterließ, wobei der Anstieg aus dem Rheintal erste Zeichen von Anstrengungen hinterließ. Bald stießen wir auf eine Villa im Wald, die einer schillernden Unternehmerpersönlichkeit im Rheinland gehörte. Frank Asbeck, Firmeninhaber der Solar World AG, die in finanzielle Schieflage geraten war, hatte dieses Anwesen im Jahr 2008 gekauft und nutzte diese seitdem, um seinem Jagdhobby nachzugehen. 

Nach zwei bis drei Kilometern flachte der Anstieg ab. Er verlief über Trippelpfade mitten durch den Wald, wo uns die Beschilderung der weißen Schleife auf rotem Untergrund sicher den Weg wies. Nachdem wir die Hauptstraße überquert hatten, öffnete sich das Gelände hinter Wiesen, deren morsche Einzäunung jämmerlich zusammengebrochen war. Zwischen Waldstücken hindurch konnten wir auf den fernen Schimmer der Mittelgebirgskette – das war der Westerwald - auf der anderen Rheinseite schauen. Mehrfach drehten wir unsere Richtung, Wiesen wechselten mit Eichen- und Buchenwald. Nach weiteren zwei bis drei Kilometern gelangten wir zu der Hütte des Scheidskopfes.

Der Buckel des Scheidskopfes, 280 Meter hoch, lag leicht oberhalb der Hütte, von der aus wir einen grandiosen Blick hatten in die sich auftürmende Kulisse der Eifel, die hinter dem Ahrtal anstieg. Dabei schoben sich Maisfelder in dieses Gemisch aus Wiesen, Wald und Feldern. Mit der sich anbahnenden Kulisse der Eifel hatte der Vulkanismus Einzug in die Landschaft gehalten, so dass der Scheidskopf einst ein Vulkan war. Der Scheidskopf war sogar sehr jung, nur wenig älter als Maria Laach, so dass sein Alter auf rund 11.000 Jahre zu datieren war. Wie auf der anderen Rheinseite, wurde dort Basalt abgebaut, so dass der Vulkankegel fast vollständig verschwand. In den 1920er Jahren endete die Ära des Steinbruchs.



Nun hatten wir die Hälfte der Wanderung geschafft, und von Ermüdung war noch keine Spur. Wir drehten zurück, liefen ein Stück parallel zum Zaun der Straßenfarm. Von diesem Standpunkt aus sahen wir so manches Neue und Überraschende, aber keine dieser Laufvögel aus dem fernen Australien, die hier heimisch geworden waren, wagte sich in unsere Nähe. Ich staunte, dass ein Pilgerweg von unserem Wanderweg abzweigte. Da sich das Pilgern nach Santiago de Compostella großer Beliebtheit erfreut, hatte man im Rheinland alte Pilgerwege zu neuem Leben erweckt. Einer dieser Pilgerwege führt von Bonn aus über die Rheinhöhen nach Mainz, davon auf diesem Teilstück von Remagen nach Bad Bodendorf an der Ahr.

Weitere zwei bis drei Kilometer marschierten wir durch schwierigeres Gelände, das feucht war. Großspurige Pfützen sammelten sich, doch wir fanden die Lücke eines trockenen Pfades. Zu dieser positiven Grundstimmung gesellte sich das schöne Wetter, denn inzwischen hatte blauer Himmel die Wolkendecke auseinander gerissen. Vier, fünf, sechs Ameisenhaufen türmten sich mit ihrem Gekrabbele am Wegesrand auf, und so wüst und unsystematisch, wie sich das Gekrabbele auf dem Haufen konzentrierte, löste es sich auf dem Waldweg wieder auf. Wir begegneten einem Jogger in einem blauen T-Shirt, mit einem Schweißband auf der Stirn, dessen Gesicht erschöpft und ausgepowert aussah.

Nach rund zehn Kilometern machten wir Pause auf einer Bank, und irgendwie schien sich seine Erschöpfung auf uns übertragen zu haben. Ich glaubte zu beobachten, dass unsere ungeübten Wanderer große Mengen an Flüssigkeit tranken. Es wurde auch eine Kleinigkeit gegessen, Kekse, Müsli-Riegel, Bananen, Apfelstücke. Kaum fünf Minuten waren vergangen, dann begegnete uns erneut derselbe Jogger, blaues T-Shirt, Schweißband auf der Stirn, erschöpftes Gesicht. Mit unseren müden Beinen verweilten wir noch eine Zeitlang, so dass uns die Sequenz, bestehend aus Jogger, blaues T-Shirt, Schweißband, erschöpftes Gesicht, mehrfach begegnete , mehrfach freundlich grüßte und zur festen Institution unserer Pause wurde. Gut ausgeruht und gestärkt, schafften wir auch noch die restlichen drei Kilometer bis zur Apollinaris-Kirche zurück.

Am Brauhaus Remagen ließen wir den gelungenen Tag ausklingen. Das war ein „Team Day“ der anderen Art, der bewundernswert einfach strukturiert war. Mir zeigte die Gestaltung, dass Büro-Alltag nicht durchgängig in Management-Theorien hinein gepresst sein sollte. So manche Dinge laufen unterschwellig, in Kategorien des Verhaltens ab. Und solch ein „Team Day“ zeigte eine viel größere Wirkung als derjenige im letzten Jahr, der in das strenge Korsett des Büroalltags gezwängt war.

Wir ließen es uns schmecken. Der Blick auf den Rhein beflügelte mich um ein Vielfaches im Vergleich zu dem Blick auf nackte Bürowände. Und die Kosten für das Essen im Brauhaus, die die Firma spendiert hatte, dürften einiges niedriger sein wie solch eine ganztägige Veranstaltung mit einer Trainerin. 

Kommentare:

  1. Das Büro einmal gegen die Natur zu tauschen, was sicher ein genialer Einfall! Tolle Landschaftsaufnahmen beweisen, dass die Gegend wunderschön ist, in der ihr unterwegs wart. Und gelernt habe ich auch etwas. Ich gestehe zu meiner eigenen Schande, dass ich niemals zuvor etwas vom Hl. Apollinaris gehört hatte. - Das Essen hattet ihr euch dann auch wirklich verdient! LG Martina

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  2. *ggg* das hätte ich auch nicht gedacht, dass ich hier mal lesen würde, dass du dich wandernd und nicht per Fahrrad durch die Gegend bewegst ;-)

    Eine schöne Idee, so einen Team-Day zu gestalten :-)

    LG Frauke

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  3. Das finde ich eine supergeniale Idee! Schon allein nicht wieder in einem Raum sitzen zu müssen sondern die Natur genießen zu können, dabei sich dann bewusst oder unbewusst der Stärken und Schwächen der Kollegen bewusst zu werden und es dennoch mit Humor und Teamwork nehmen. Ich denke solche Tage schweißen auch zusammen, vor allem weil es wirklich auch Geld ist das man sparen kann, im Vergleich mit so einem Trainer.

    Eine sehr schöne Wanderung die du auch wieder lebhaft beschrieben hast. Ich fühle mich bildlich immer mit dabei und kann mir alles so gut vorstellen. Danke dir dafür.

    Viele Grüsse

    N☼va

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  4. Lieber Dieter,
    das ist wirklich mal eine ganz besonders gute Idee: Das Team wird gestärkt durch gemeinsame (außerbetriebliche( Aktivitäten. Und das gute Wetter gab es dazu noch ganz umsonst!!!
    Liebe Grüße
    moni

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