Samstag, 22. November 2014

mit dem Rennrad nach Euskirchen

Herbststimmung im Kottenforst
Wenn die bunten Farben des Herbstes nasses Laub auf Wegen und Straßen hinterlassen, dann denke ich an einen früheren Arbeitskollegen. Er erzählte mir, dass er bergab mit seinem Rennrad in einer Kurve auf dieser glitschigen Masse in Rutschen kam und stürzte. Danach durfte er sechs Wochen lang mit einem Gipsarm durch die Gegend laufen. Auf so etwas kann ich gut verzichten. So schön solche Herbststimmungen sind: vor Stellen, an denen sich nasses Herbstlaub in einen glitschigen Film verwandelt, habe ich Respekt, vor allem, wenn es den Berg hinuntergeht. So würde ich in dieser Jahreszeit niemals von den Höhen des Siebengebirges ins Rheintal fahren.

Die Etappe nach Euskirchen ist daher mit wenigen Ausnahmen flach. Und auch etwas zum Ausruhen, es sei denn, ich hätte mit den Tücken des Gegenwindes zu kämpfen. Vom Alten Zoll aus den Rhein entlang, rechts an der Godesburg vorbei, dem Straßenverlauf folgend geht es nach oben, dann geradeaus in den Kottenforst hinein, in dem ich mich von der bunt gemalten Herbststimmung berauschen lasse. An manchen Stellen sammelt sich das Herbstlaub auf dem Boden. Ebene Stellen sind unkritisch und ich kann auf den glitschigen Untergrund aufpassen, starkes Gefälle könnte gefährlich werden.

Es geht vorbei an dem gelb gestrichenen Gärtnerhäuschen, welches zu dem im Geist des Absolutismus gebauten Barockschlosses Herzogsfreude gehörte, kurz dahinter steht die Kaiser-Wilhelm-Eiche für deutschen Patriotismus. Dann geht es immer geradeaus unter die Autobahn A565 hindurch, am Bahnhof Kottenforst vorbei, bis sich die Felder vor Lüftelberg öffnen. Auf der Hauptstraße nach rechts, dann nach links, in Flerzheim wieder nach rechts, am Ortsende nochmals rechts durch die Felder nach Ramershoven.

Ich passiere den Dorfteich, den ich als ruhige, selige und entspannte Insel wahrnehme, wo der Spiegel der Herbstblätter die Wasseroberfläche verzaubert. Danach erreiche ich über die Autobahnbrücke die Umgehungsstraße von Rheinbach. Ich fahre über die Ampel geradeaus, dann biege ich am Kreisverkehr nach rechts ab und lerne Rheinbach auf seine unkonventionelle Art kennen. Alles zugebaut, Neubaugebiete erschließen sich in einer unermeßlichen Dimension. Die Ausgleichsmaßnahmen zum Bonn-Berlin-Beschluss brachten Rheinbach die Fachhochschule. Und seitdem sich Rheinbach Hochschulstadtort nennen darf, schmückt sich die Stadt gleichzeitig mit dem Titel eines Technologiestandortes. Rheinbach wird nicht hübscher dadurch, denn Bau- und Gewerbegrundstücke wuchern ins Uferlose, so dass ich beinahe glaube, ich wäre in einer Großstadt.

Dorfteich in Ramershoven
Schroffer könnten die Gegensätze kaum sein. Jenseits der Bahnlinie haben die Rheinbacher mit viel Sorgfalt und Liebe diejenigen Stücke der mittelalterlichen Festungsstadt zusammengeflickt, die der Zweite Weltkrieg übergelassen hat. Diesseits der Bahnlinie radele ich durch Neubaugebiete, die in einer Art von Massenabfertigung hoch gezogen worden sind. Ich lande auf der Keramikstraße, die um einiges älter zu datieren ist als all die flammneuen Gebäude drumherum, und ich biege nach links ab.

1743 ließen sich Töpfer aus dem Kannenbäcker Land im Westerwald in der Grafschaft und in Rheinbach nieder. In Heimarbeit fertigten sie, wie sie es Jahrhunderte lang gelernt hatten, Töpfe und Krüge in ihrem Dekor aus dem Westerwald. Wie bei anderen Werkstoffen, übernahmen Maschinen die handwerkliche Produktion, so die aus dem Rohstoff Ton gefertigten Töpferwaren. 1860 entstand eine Keramikfabrik, die, wie der Zufall es wollte, 1880 gleich an das Eisenbahnnetz angebunden war. Die Fabrik wuchs und gedieh prächtig, zumal die Vertriebswege direkt ins Firmengelände führten. Ich folge der Keramikstraße, die schließlich parallel zur Bahnlinie verläuft. Dabei fahre ich an verschlossenen Werkstoren einer verlassenen Keramikfabrik vorbei, die sich immerhin 150 Jahre lang behaupten konnte, aber 2012 den Gang in die Insolvenz antreten musste.

Bei der nächsten Querstraße biege ich nach links ab, ich passiere den Bahnübergang und halte mich am nächsten Kreisverkehr rechts in Richtung Bad Münstereifel. Nach einem Kilometer folgt erneut ein Kreisverkehr, wo ich geradeaus weiter fahre. Linkerhand schottet sich nun hinter einem Drahtzaun alles systematisch ab, denn dort liegt das Gelände der Tomburg-Kaserne. Militärischen Drill, marschierenden Stahlhelmen oder geschulterten Gewehren werde ich dort nicht begegnen, dennoch  warnt der Kasernenkommandant vor Schußwaffengebrauch, sollte jemand diesen Zaun überschreiten. Das Gelände ist nicht ganz so hoffnungslos zubetoniert wie ein Industriegebiet, es ähnelt diesen aber mit seinen Verladerampen, langgestreckten Hallen und bauklotzartigen Bürogebäuden. Dabei gibt es auf dem Kasernengelände durchaus Ecken, in denen sich das Grün zwischen weiten Exerzierplätzen behauptet.

„IT-Sys-Bw“ – was die Soldaten hinter dem Kasernentor umtreibt, versteckt sich hinter dieser rätselhaften Abkürzung. Im Klartext heißt dies: hier wird weder geschossen, noch im Stahlhelm durch das Unterholz gerobbt. Ausgeschrieben heißt dies: IT-Systembetreuung der Bundeswehr, also sitzen hier IT-Spezialisten, die Kampfflugzeuge oder Panzer mit der neuesten Software aufrüsten, so dass etwa Raketen noch treffsicherer werden. Besonders spannend und streng geheim stelle ich mir das Thema IT-Sicherheit vor: wie Attacken von Hackern und Schadprogrammen abgewehrt werden, wie, basierend auf der vollständigen Verdatung und Vernetzung, Kriege im Netz geführt werden können. Beispiele dafür gibt es durchaus: als im Kosovo-Krieg 1999 serbische Luftabwehrsysteme durch einen Computervirus gestört wurden oder als 2010 ein anderer Virus das Atomkraftwerk in Buschehr im Iran lahm legte.

Tomburg-Kaserne in Rheinbach
Ein kurzes Stück geht es mächtig bergauf, aber bevor ich den Rhythmus des Anstiegs gefunden habe, flacht dieser wieder ab. Gleichzeitig biege ich hinter dem zartgelb gestrichenen Pferdehof nach rechts ab,  wo es bis zum Etappenziel nach Euskirchen noch 15Kilometer sind. Einen Kilometer weiter, spüre ich, dass die Präsenz der Bundeswehr nicht nachläßt. Schilder im Wald warnen davor, dass das Betreten verboten ist, und einen Kilometer weiter liegt dann folgerichtig, hinter hohen Bruchsteinmauern und einem Stacheldrahtverbau, ein Munitionsdepot.

Welche Mengen an Patronen, Bomben und Granaten dort lagert, will ich nicht wissen, und anstatt dessen folge ich der Landstraße schnurgeradeaus durch den Wald, wo welke Blätter von den Bäumen rieseln und sich zu Impressionen einer leicht beschwingten Herbststimmung verdichten.

Der nächste Ort, Flamersheim, das hätte ich nicht vermutet, reicht in seiner Entstehungsgeschichte weit ins Mittelalter hinein. Dabei war es ein Unfall, der Flamersheim ins Kreuzfeuer der Geschichte rückte. 814 war Karl der Große gestorben, und 870 übernachtete Ludwig der Deutsche auf einem königlichen Gut, genannt „Flameresheim“ (in quandum regiam villam, nomine Flameresheim). Am nächsten Tag wollte er weiterreiten nach Marsana – das war Meersen in den Niederlanden -. Dort wollte er sich mit Karl dem Kahlen treffen, um zu regeln, wie das Nachfolgeimperium regiert werden sollte, wenn sie denn selbst irgendwann sterben würden.

Als er in der Herberge des königlichen Gutes übernachten wollte, krachte es im Gebälk. Über dem Söller lag sein Schlafzimmer, und als er dieses betrat, stürzte der Söller mit seinen faulen und morschen Balken ein. Dabei zerquetschten die Balken zwei seiner Rippen. Aber wie Könige halt so sind, ritt er, von Schmerzen gepeinigt, am nächsten Tage weiter bis nach Meerssen, wo dann auch der Vertrag von Meerssen zustandekam, der Eingang in die Geschichtsbücher fand.

Dorfplatz in Flamersheim
Flamersheim war sogar noch älter: die Archäologen fanden Ascheurnen und Goldschmuck, Gefäße aus Stein und Glas, Ringe und Lampen aus Bronze, Münzen des Feldherrn Trajan und auch Reste der Wasserleitung aus der Römerzeit, die Köln aus den Quellen der Eifel mit Wasser versorgte. Um 900 zerstörten dann Normannen des königliche Gut, auf dem Ludwig der Deutsche verunglückte. 1058 wurde eine erste Kirche gebaut, dessen Alter in römischen Ziffern in Stein gemeißelt war. MLVIII, diese Ziffernfolge fand sich auf einem roten Sandstein an der Südostkante des Kirchturmes wieder, der 1888 verschwand, als die Kirche im neuromanischen Stil komplett umgebaut wurde.

Was heutzutage reichlich Stoff für Thriller und Action-Serien hergeben würde, war am 5. Oktober 1629 brutale Realität in Flamersheim. Ab dem Jahr 1628 ergriffen Wellen von Hexenprozesse die Eifel und die Voreifel, in deren Verlauf rund 1.500 Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. All die Details des Grauens und Schreckens dokumentiert das Flamersheimer Hexenprotokoll, das die Prozesse von fünf angeklagten Hexen aus Gerichtsakten und Zeugenaussagen beschreibt. Eine der angeklagten Hexen hatte angeblich die Tiere mit einem Schadenszauber  verhext. Danach wurde ein Pferd unterwegs krank und starb in Ahrweiler. Und ein anderes „schönes graues Pferd verhielt sich ganz übel“, bis es schließlich starb. Das klingt ein wenig nach Bibi Blocksberg, wenn nicht alles so schrecklich gewesen wäre. Den Hexen wurde vorgeworfen, sie wären mit dem Besen zum Hexentanz geflogen, sie hätten sich mit anderen Hexen und mit dem Teufel verschworen. Auf dem Scheiterhaufen wurden schließlich drei von ihnen verbrannt.

Ich nähere mich Stotzheim. Kaum zu bemerken, geht es seicht hinab zur Erft, und vorher mogele ich mich an dem etwas verwinkelten Ortskern von Stotzheim vorbei. Wenn man in dieser Gegend in der Erde gräbt, stößt man, so scheint es, ungefähr überall auf Überreste aus der Römerzeit. Eine Hofanlage, eine Furt über die Erft, eine Römerstraße, Reste und Spuren davon haben die Römer in Stotzheim hinterlassen.

Baumreihe an der Landstraße
Es geschah aber auch Übersinnliches in Stotzheim. In den 1920er Jahren verschlug es eine Zigeunerin nach Stotzheim. Sie hieß Margarethe Goussanthier, auch genannt „Madame Buchela“, weil sie angeblich unter einer Buche geboren wurde, und wurde nach ihrer Hochzeit seßhaft in Stotzheim. Ihr Ehemann aus Köln war die große Liebe ihres Lebens. Fast schon brav und gut bürgerlich lebte das Ehepaar  in Stotzheim zusammen, wenn nicht die Nationalsozialisten an die Macht gekommen wären, die Zigeuner gnadenlos verfolgten. Sie schaffte es, in der Eifel unter zu tauchen, während ihr Bruder und ihre Mutter in Konzentrationslagern ermordet wurden. Ihr Ehemann starb auf dem Schlachtfeld.

Ihr Talent, das Wahrsagen, hatte Madame Buchela, schon als 8-jährige entwickelt, als sie die Tod ihres Bruders voraussah. Heutzutage unvorstellbar, reinigte er in den Vorjahren des Ersten Weltkriegs die Pistole seines Vaters – und dabei löste sich ein Schuß, der ihn tödlich traf. In den 1950er Jahren erlangte sie Berühmtheit, als sie der Fürstin Soraya Esfandiary-Bakhtiary einen Ehemann mit Krone prophezeite. Zwei Jahre später heiratete sie den Schah von Persien. Politiker besuchten sie wegen ihrer übersinnlichen Fähigkeiten – darunter Konrad Adenauer. Ihm sagte sie den Wahlsieg 1953 voraus, die Rückführung von Kriegsgefangenen aus Russland und den Ausgang des Saarreferendums. 1958 zog sie weg aus Stotzheim an die Ahr, wo sich nun in Bodendorf, später in Remagen Prominente die Klinke in die Hand gaben.

An der großen Verkehrskreuzung mit Ampel, die die Bundesstraße B51 überquert, fahre ich geradeaus, an dem nächsten Kreisverkehr rechts, wo ich über eine Nebenstraße nach Euskirchen hinein fahre. Stadtwald, Waldrestaurant, Krankenhaus, durch sauber sortierte Wohngebiete fahre ich immer geradeaus über die Münstereifeler Straße ins Zentrum, bis ich die Bahnlinie durch die Unterführung unterquere, dann fahre ich gegen die Einbahnstraße rechts, was für Fahrradfahrer auf diesem Abschnitt erlaubt ist. Nach einhundert Metern quert die Fußgängerzone, die vom Bahnhof zum Marktplatz verläuft, die Straße.

870 erstmals als „Kirche auf der Aue“ dokumentiert, verliehen die Herzöge von Jülich 1302 die Stadtrechte, ab 1355 befestigten sie Euskirchen mit einer Stadtmauer mit vier Stadttoren und sieben Türmen. Wirtschaftlich ging es mit der Textilindustrie bergauf, nachdem der 30 jährige Krieg die Tuchproduktion in Bad Münstereifel zum Erliegen brachte. Selbst im 18. Jahrhundert kam der Wiederaufbau wegen plündernder französischen Truppen in Münstereifel nicht in Gang, so dass 1771 der Herzog von Jülich händeringend den Rat der Stadt Euskirchen um Hilfe bat, um „eine Tuchfabrikation im Euskirchener Kloster einzurichten, da die übrigen Jülicher Mithauptstädte diese und jene fördernde Einrichtung besäßen, Euskirchen aber „nur Ackerbau“ habe und dass durch Missernten Not und Armut der Bevölkerung steige“. Nun ging es wirtschaftlich bergauf. Schon drei Jahre später ließen sich „sieben auswärtige Händler mit Wollentuch und allerlei Stoffen“ in Euskirchen nieder. Ab 1800 öffneten sich die Absatzmärkte nach Frankreich, als die Truppen Napoleons einmarschierten. Ab 1815, als die Preußen Napoleon vertrieben hatten, öffneten sich die Absatzmärkte in die andere Richtung zu allen großen und kleinen Gebieten, die zur Preußischen Zollunion gehörten. Kurzum, die Textilindustrie wuchs in Euskirchen, bis sie am Vorabend des Ersten Weltkriegs 21 Tuchfabriken zählte.

Es läßt sich nicht leugnen, dass Euskirchen platt ist, denn zu viel wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Aber immerhin, die Stadt macht mich neugierig, sie regt an, einen Rest haben die Bomben des Zweiten Weltkriegs übrig gelassen. Die Struktur ist geblieben, und moderne Architektur erhält in Euskirchen kein solches Übergewicht, dass sie alles erdrückt.




Euskirchen: Marktplatz (oben), Marktbrunnen (darunter),
Rathaus (darunter links), Antwerpener Schnitzaltar (darunter rechts),
Zuckerfabrik (ganz unten)
Nicht nur die Textilindustrie, auch die Achse vom Bahnhof zum Marktplatz, auf der ich nun mein Rennrad schiebe, hat maßgeblich die Entwicklung Euskirchens bestimmt. Und dazwischen verlaufen wiederum Querverbindungen. Tuche wurden zum einen auf dem Markt verkauft, zum anderen wurden diese auf Exportmärkten abgesetzt. Dabei rückten ferne Absatzmärkte immer näher, nachdem diese durch das Eisenbahnnetz erschlossen wurden. 1864 wurde die Eisenbahnlinie von Düren nach Euskirchen fertig gebaut, gleichzeitig wurde der Bahnhof im damals klassizistischen Stil gebaut. Das Eisenbahnnetz wuchs rasch, nach Köln, nach Bonn, nach Bad Münstereifel und nach Trier. Schon um 1900 erreichten die Bahnanlagen Größenordnungen, wie sie ansonsten in großen Städten üblich waren. Sechs Gleise mit drei Bahnsteigen, vier Abstellgleise, ein eigener Güterbahnhof mit zwanzig Gleisen, ein Güterschuppen mit Laderampe, ein Lokschuppen mit Drehscheibe, fünf Stellwerke, ein Wasserturm.

Der Bahnhof war ambivalent, denn er bedeutete Fluch und Segen. Segen, weil die Stadt reich wurde durch Industrie und Exportmärkte. Fluch, weil der Bahnhof Bestandteil der Strategie zweier Weltkriege wurde. So marschierten ab August 1914 Soldaten von der Kaserne in der Frauenberger Straße über den Marktplatz zum Bahnhof. Von dort aus rollten die Züge pausenlos, im Zehnminutentakt, nach Westen, beladen nicht nur mit Soldaten, sondern vor allem mit Munition, Kanonen, Mörsern, Granaten, Geschützen, Haubitzen, in Richtung Eifel und Trier und Lothringen, wo die Kriegsfront wartete und die Materialschlachten kein Ende fanden. Im Zweiten Weltkrieg war es anstatt dessen der Bombenkrieg, der Euskirchen traf. Auf der Bahnlinie rollte, wie dreißig Jahre zuvor, der Nachschub an die Kriegsfronten. Also wurde gezielt der Eisenbahnknotenpunkt bombardiert. Ich glaube, den Zerstörungsgrad zu begreifen, denn, je weiter ich mich vom Bahnhof entferne, um so weniger leidet Euskirchen unter diesem platten Stil der Nachkriegszeit.

Dieses Stück des beschaulichen Euskirchen darf ich dann am Marktplatz bewundern, wo ich die Querverbindung zur Textilindustrie wieder herstellen kann: der Marktbrunnen illustriert auf Bronzeskulpturen typische Berufe, das sind ein Ledergerber, eine Marktfrau und ein Tuchweber. Auf dem Marktplatz atme ich Ruhe ein. Noch ist die Außengastronomie bei gedämpften Temperaturen leergefegt, das hat sich aber möglicherweise am 11.11. geändert, denn Getränkestände warten auf die Narren „im Hätze von Oeskerche“. Neugierig macht mich der Rathausturm, dessen Form mich an der gegenüberliegenden Ecke des Platzes an mittelalterliche Belfriede aus Flandern erinnert. Auf der Hinweistafel vor der Rathausfassade lese ich, dass der Rathausturm jünger ist als ich vermutet hatte. Das ist definitiv kein mittelalterlicher Export aus Flandern, denn die Ursprünge des Rathauses reichen zwar ins 14. Jahrhundert zurück. Aber, obschon vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont, stammt die Bausubstanz des Rathausturms im wesentlichen aus der Jahrhundertwende um 1900. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Turm grundlegend umgebaut, der davor 1734 abgebrannt war und davor 1501 im Stil der Renaissance gebaut worden war.

Nun bewege ich mich zurück durch die Fußgängerzone, wobei ich mir diesmal keinen Blick auf den lohnenswerten Antwerpener Schnitzaltar in der Pfarrkirche St. Martin gönne. Heraus aus Euskirchen fahre ich entlang der Bahnlinie immer geradeaus in Richtung Bonn. Dabei biege ich an der großen Verkehrsampel, wo sich die Bundesstraßen B51 und B266 kreuzen, ein Stück nach links in Richtung Köln. Ich biege sogleich wieder nach rechts ab, wo ich an dem stark eingezäunten Flachbau des Fraunhofer-Institutes vorbei komme, um auf ruhigen Nebenstrecken weiter zu radeln. Ich überquere den Bahnübergang, dort knickt die Straße nach links ab und schon bin ich in der Weite von Feldern, die ins Unendliche zu gehen scheint.
Kirche in Klein-Büllesheim

Vor dem nächsten Ort, das ist Klein-Büllesheim, kapiere ich, was das eigentliche Wahrzeichen von Euskirchen ist. Das ist die Zuckerfabrik, dessen fette Rauchsäule die grauen Wolken, die keinen Regen bringen, noch schwerer erscheinen läßt. Der stramme Wind pustet den Rauch, der sich aufbläht wie zu einem Ballon, waagerecht zur Seite. Erst nach Momenten der Unentschlossenheit löst er sich wieder auf  und driftet unerkannt über das Stadtgebiet hinweg.

In Klein-Büllesheim fügt sich alles zusammen und hat seine Ordnung. Die weiße Kirche im Ortskern ist klein, zierlich, hübsch anzuschauen und Grüppchen von Buchen scharen sich auf dem Friedhof zusammen. Vor den Mauern des Friedhofs plätschert ein Bach in einem schmalen Grasstreifen, der sich in einem angrenzenden Wasserschloß zu einem mächtigen Graben öffnet. Die Zeit scheint hier stillgestanden zu sein, denn Hofanlagen haben überdauert, rostbraune Klinkerfassaden haben sich gehalten, ebenso schwarz-weiß gestrichene Fachwerkbauten, und zwischen dem Mauerwerk aus Bruchsteinplatten fühlt sich das Moos wohl.

Mit der Zeitreise in die Vergangenheit sieht der nächste Ort, Dom-Esch, sehr ähnlich aus. Die Zeit ist hier genauso konserviert worden, so dass der Ort wie ausgestorben aussieht. Und dabei weiß ich nicht so richtig, was ich davon halten soll, dass der Zug einer Beerdigung die Hauptstraße regelrecht versperrt. Das wirkt jedenfalls höchst authentisch, der Messdiener mit Kreuz vorne weg, die demütige Gang des Pastors mit dem Gebetbuch in der Hand, all die Trauernden in tiefstem Schwarz, zum Ende hin der Sarg. In meinem allzu sportlichen Outfit wage ich mich nicht an der Trauergesellschaft vorbei und drehe anstatt dessen zurück in den Ort. Wie anderenorts in und um Euskirchen herum, führen die ersten Spuren in die Römerzeit zurück. Später, das war 854, wurde ein Fronhof mit Gutskapelle erwähnt, noch später, das war um 1000, wurde eine erste Kirche gebaut. Dom-Esch trägt schon sehr lange diesen Doppelnamen. „Esch“ steht für „Esche“, „Dom“ steht für den Domhof, und dieser wurde, was einfach abzuleiten ist, vom Domprobst in Köln verpachtet. So kann der Domhof bis auf das Jahr 1197 zurück datiert werden, wobei ich mittlerweile die fiktive Grenze überschritten habe zwischen den Herzögen aus Jülich, deren Machtgebiet bis Euskirchen ging, und den Kölner Kurfürsten. 140 Morgen Acker- und Weideland gehörten zum Domhof, so steht es in den Verzeichnissen des Kölner Erzbischofs, dazu kam eine eigene Mühle, eine eigene Gerichtsbarkeit und ein eigenes Zehntrecht. So, wie der Domhof heutzutage steht, ist er in wesentlichen Teilen 1762 entstanden. Gänse schnattern, rennen geschlossen auf mich zu, belagern mich vor der Hecke, ihr Geschnattere artet in einem ohrenbetäubenden Lärm aus. So erlebe ich Landleben pur am eigenen Leib.

banales Heimerzheim
Ich radele weiter durch abgeerntete Felder. Baumreihen markieren Bachläufe, ein letzter Rest von gelbem Raps behauptet sich gegen den Herbst. Mein Blick schweift friedlich in die Ferne, wo Kirchtürme die Leere in der flachen Ebene auflockern. Hinter Straßfeld tut sich dann Überraschendes. Eine Kiesgrube hat sich wie ein Fremdkörper in die Felder gefressen, Sand verschmutzt die Fahrbahn, Erdaushub versperrt die Sicht auf die Kiesgrube. Und das Landschaftsbild beginnt sich zu verändern. In der Ferne krümmt sich der Höhenzug des Kottenforstes nach oben, als ich mich Heimerzheim nähere. Heimerzheim ist kühl, spröde, banal, auch etwas abweisend und so diffus wie die Mobilfunkantennen auf achtstöckigen Mehrfamilienhäusern. Ich überquere die Hauptstraße geradeaus, wo ein Wegekreuz dem Neubau der Raiffeisenbank weichen musste, das steht auf einer Hinweistafel. Weiter geradeaus, krieche ich den Höhenzug hinauf, dann nach rechts auf die Landstraße in Richtung Bornheim.

Die Landstraße nach Bornheim ist wenig fahrradfreundlich. Der Autoverkehr drängelt sich. Schwere LKWs kostet es Mühe und Zeit, mich bei freiem Gegenverkehr überholen zu können. Wieso sich die Verantwortlichen nicht entschließen konnten, einen Fahrradweg zu bauen, ist mir ein Rätsel. In Bornheim-Brenig komme ich an einem schmucken Wasserturm vorbei, dann donnere ich die 10% Gefälle in die Köln-Bonner Bucht hinunter. Über Bornheim, Hersel und immer geradeaus den Rhein entlang geht es zurück zum Alten Zoll.
fahrradunfreundliche Straße von Heimerzheim nach Bornheim
Strecke (77 km):



Kommentare:

  1. Ich kann es gar nicht glauben, du hast f-a-s-t das Haus fotografiert, in dem meine Schwägerin wohnt. Nämlich in Flamersheim. Es ist das erste Haus rechts von deinem Standort auf dem Marktplatz aus gesehen. Auf deinem Foto ist wohl das zweite oder dritte Haus von rechts erst zu sehen. Ich freue mich immer, wenn ich aus der Ecke Deutschlands bei dir lese, da mir der eine oder andere Ort bekannt ist - und es ist natürlich auch ein Tipp, wenn wir mal wieder dort zu Besuch sind, die Orte aufzusuchen, die du hier deinem Blog zeigst. Danke für deinen ausführlichen Bericht und einen schönen Sonntag! Martina

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  2. Bei uns bist du diesmal sozusagen an der Haustür vorbeigeradelt :)
    Was der Marktbrunnen in EU darstellen soll hast du prima erklärt und zur Sessionseröffnung ist dort wirklich einiges los. Bombenfunde entlang der Bahnstrecke gibt es leider immer noch häufig, dann muss wieder alles evakuiert werden. Früher musste ich deshalb mehrfach die Kinder vorzeitig aus der Schule abholen.
    Die weiße Kirche in Klein-Büllesheim gehört der griechisch-orthodoxen Kirche. Falls sie mal geöffnet sein sollte, findest du dort viele goldene Ikonen. Aber die "richtige" Kirche hast du sicher auch gesehen.

    Liebe Grüße
    Arti

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