Freitag, 9. März 2012

Hausbesetzer in Gerling-City

Der Bau sollte ursprünglich Zeichen der Blut-und-Boden-Architektur setzen. In den 30er Jahren entworfen von einem Schüler Albert Speers, wurde in der Zeit des Nationalsozialismus lediglich der Ehrenhof mit Plastiken, Reliefs, Büsten und Skulpturen gestaltet. Diese protzten mit germanischem Heldentum .

In der Nachkriegszeit kaufte Hans Gerling, der als erstes deutsches Versicherungsunternehmen von der amerikanischen Militärregierung die Zulassung erhalten hatte, das Areal. Innenstadtnah, befand sich das von den Nazis geplante Gelände zwischen der romanischen Kirche St. Gereon und dem Hohenzollernring, der Kölner Boulevardstraße.

Gerling war ein Kölner Familienunternehmen, welches 1904 Robert Gerling gegründet hatte. Das Unternehmen spezialisierte sich im Laufe der Zeit auf Industrieversicherungen. Das sind dieselben Sachversicherungen wie für Privatkunden, aber auf die speziellen Versicherungsbedarfe von Unternehmen angepasst: beispielsweise Haftpflichtversicherungen für Hochseereedereien oder Feuerversicherungen für Gasversorger …

In der Zeit von Hans Gerling wuchs die Gerling-City in zwei Bauabschnitten: in den 50er Jahren der Ehrenhof mit umliegenden Bürogebäuden, in den 60er Jahren entstand in demselben Stil der Klapperhof. In diesen Bürogebäuden war die Zentrale des Gerling-Versicherungskonzerns untergebracht.

Das Geschäft mit Industrieversicherungen brummte, Gerling expandierte. Vor allem ins Ausland, und davon in die USA. Und Gerling stieg in das Rückversicherungsgeschäft ein, dort war es auch die USA. Sämtliche Versicherungsunternehmen haben Vorgaben hinsichtlich Liquidität, damit sichergestellt ist, dass in Schadensfällen oder auch bei Lebensversicherungen Zahlungen erfolgen können. Bei flächendeckenden Katastrophen z.B. Unwetter, Erdbeben, Reaktorunglück Fukushima müssen Rückversicherungen die eigentlichen Sachversicherer finanziell unterstützen, wenn diese infolge zu hoher Schadenserstattungen die Liquiditätsvorgaben nicht mehr erfüllen.  

Gerling expandierte, so dass auch neue Büroflächen gebraucht wurden. Wie eine Krake griff Gerling in die umliegenden Viertel um sich. An den Klapperhof, den letzten Erweiterungskomplex, grenzte das Friesenviertel. Gerling verfolgte eine Salami-Taktik, indem einzelne Gebäude nach und nach aufgekauft wurden. Der Flickenteppich, welche Gebäude Gerling gehörten, wurde immer dichter.

Das Friesenviertel rund um den Friesenplatz und der Friesenstraße erhielt seinen Namen von dem gleichnamigen Volk: den Friesen. Bereits in der karolingischen Epoche hatten sich friesische Kaufleute vor den Toren Köln niedergelassen. Um 1100 war die Friesenstraße bereits für ihre Webereien bekannt. In den folgenden Jahrhunderten war das Friesenviertel ein Verkehrsknotenpunkt und entwickelte sich zu einem lebhaften Handelszentrum. Bis in die 70er Jahre war das Friesenviertel dicht und kleinteilig mit kleinen Geschäften bebaut und hatte einen typisch Kölner Veedels-Charakter: enge Straßen, niedrige Häuser, Vergnügungslokale, Geschäfte vom Trödler bis zur Galerie, altkölsche Gaststätten, ein buntes Gemisch von Einwohnern aus unterschiedlichen sozialen Schichten.

Innenstadtnah, wurde nicht allzu viel saniert, so dass die Ausländeranteile wuchsen und sich Teile der Rotlicht-Szene etablierten. Dieser zunehmende Verfall zeigte sich in den 70er Jahren, als Gerling Haus für Haus immer mehr in das Friesenviertel eindrang. Der Grundbesitz von Gerling wuchs auf diese Art und Weise als eigene Stadt mitten in der Stadt Köln auf 94.000 qm an. Als das Friesenviertel nahezu vollständig Gerling gehörte, wurde gemeinsam mit der Stadt Köln ein Bebauungsplan aufgestellt, in dem die Wohngebäude überwiegend abgerissen werden sollten und neue Bürolandschaften in großem Stil für das Dienstleistungsgewerbe gebaut werden sollten.

Die Stadt Köln sollte sich um die Umsiedlung der Bevölkerung in anderweitigen Wohnraum kümmern. In der Folgezeit leerten sich die Wohnbauten, in manchen Häusern schafften die Bewohner es noch, auszuharren. In einer Großstadt wie Köln mit knappem Wohnraum und vielen Wohnungssuchenden wurden die Leerstände als Provokation empfunden. Bereits in anderen Stadtteilen – in der Südstadt oder im Belgischen Viertel – hatte die Hausbesetzerszene um sich gegriffen. Man probte den zivilen Ungehorsam gegenüber dem Staat. Transparente hingen aus den Fenstern: „wir wollen keine Vertreibung“ … „kein Bagger schiebt uns fort“ … „wer räumt, wirft den ersten Stein“ ….Und die Hausbesetzer hatten ja auch Recht: es waren gewachsene Stadtviertel, in denen die Menschen über Jahrzehnte gewohnt hatten, und nun sollten sie vertrieben werden. Ging so etwas nicht gegen die Menschenwürde ?

In Zeiten der Massenmedien wurde über eine breite Öffentlichkeit für dieses Problem sensibilisert und die Stadt lenkte ein: der Bebauungsplan wurde überarbeitet, die ursprünglich geplante Bürolandschaft wurde reduziert, dafür stieg der Anteil an Wohnraum. Eine besondere Duftmarke setzte die Denkmalbehörde: in bestimmten Straßenzügen durfte Wohnraum zwar neu gebaut werden, aber die ursprünglichen bürgerlichen Fassaden mussten erhalten bleiben. So ist die Friesenstraße heuzutage wieder fein herausgeputzt und gemütlich. Ein Zentrum der Kölner Lebensart ist das Brauhaus Päffgen, aber auch die umliegenden Geschäfte, Restaurants, Pubs wirken einladend.

Nach der Sanierung des Friesenviertels folgte nach dem 11. September 2001 der Niedergang des Gerling-Konzerns. Das Rückversicherungsgeschäft war die Achillesferse. Der 11. September belastete zunächst Rückversicherungszahlungen an amerikanische Lebensversicherer. Danach stürzten die Aktienkurse vieler Rückversicherer ins Bodenlose ab, so dass der Aktienkurs der amerikanischen Rückversicherungstocher schließlich nur noch Schrottwert war. Diese amerikanische Beteiligung war in die Konzernbilanz zu konsolidieren. Durch die Abschreibungen häuften sich die Verluste so sehr an, dass in 2006 der Gerling-Konzern an den Talanx-Versicherungskonzern mit Sitz in Hannover verkauft wurde.

In Gerling-City, das nun Gerling-Viertel hießt, darf nun unter der Regie des Talanx-Konzerns wieder fleißig umgebaut werden. Diesmal geht es um mondäne Eigentumswohnungen für den besonders gehobenen Lifestyle. Geräuschlos gehen diese Umbauten natürlich nicht vonstatten. Lange Zeit wurde vor Gericht gestritten, dass die Höhe der Wohnbauten die Traufhöhe des Hauptschiffes der romanischen Kirche St. Gereon von 22,50 Meter nicht überschreiten darf. Ja, sie darf diese Traufhöhe um 2 Meter überschreiten, hat zuletzt das Oberverwaltungsgericht entschieden. Der Umbau kann also voranschreiten.

Kommentare:

  1. interessanter Artikel!
    jetzt habe ich gerade Gerling quartier in die google maschine geschmissen - und bin durch das neu geplante Quartier spaziert ...

    lieber Gruß von heidi-Trollspecht

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  2. Hallo Dieter, vielen Dank für diesen spannenden und umfangreichen Artikel. Mit der Kölner Stadtgeschichte kenne ich mich leider (noch) wenig aus. Daher war es umso interessanter zu lesen.

    Es ist schon verrückt, was eine Stadt für diverse Unternehmen tut und ihre eigenen Bürger zugunsten derer vertreiben will. Viele denken da echt zu kurzfristig. Auf der anderen Seite muss sich eine Stadt auch den Bedürfnissen der Zeit anpassen....

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  3. Interessanter Post! Heisst es nur im Volksmund "Gerling-City" oder hat er tatsächlich diese offizielle Ehrung von Köln erhalten? Ich hätte von dir nie gedacht, dass du dich von der Hausbesetzerszene angezogen fühlen/ sympathisieren würdest. Durch die Salamitaktik des Versicherungskackers war sein Verhalten vermutlich ein wenig voraussehbar. Gut, dass er dann an seinem Rückversicherungsgeschäft eingegangen ist, womit ich nicht das Attentat am 11.09. gutheißen möchte. Ich bin auch der Meinung, dass es extrem gegen die Menschenwürde geht, Leute aus ihren Wohnungen zu vertreiben - egal ob es durch Mieterhöhungen oder Räumung von Besetzern in zuvor leerstehenden Häusern geschieht. Auch finde ich, dass im Grundgesetz ein Recht auf Wohnen mit eigenem Mietvertrag fehlt. So etwas wie auch eine Arbeitsstelle, die einem wirklich zustehen sollte und an der man sich verwirklichen kann, anstelle vom Unternehmer verbraucht und verheizt zu werden. Auf der Cuvrybrache wohnen ja nun auch Menschen in Zelten, und in Berlin gibt es definitiv nicht genug Wohnraum für Niedrigverdiener und H4-Empfangende. Bei uns steigt die Obdachlosigkeite zusehends an.
    Du kannst deine Maus bei mir auf das Bild schieben. Dann erscheint ein gelber Kasten mit einem Text (title). Darin stehen immer ein paar erläuternde Worte zu dem Foto. Deshalb wusste Christa von der Planung, ein Einkaufszentrum auf das Gelände zu bauen. Der Plan ist aber lange vom Tisch. Geld hängt trzd an dem Streit, und der Staat schützt das Kapital, denn Allgemeinwohl lässt sich so oder auch anders definieren.
    Schön, dass du gesund, munter und blogmotiviert aus dem Urlaub zurück bist. Deine Kommis hatten mir schon gefehlt. hihi
    Viele Grüße aus Berlin,
    Wieczorama (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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