Sonntag, 19. August 2012

Wochenrückblick #33


37 Grad
Heute war bei uns im Rheinland der heißeste Tag des Jahres. Wie haben wir es bei der Affenhitze ausgehalten ? Morgens im Haus alles durchgelüftet, damit noch ein bißchen Kühle in die aufgeheizten Räume eindringen kann. Ab mittags haben wir unser Wohnzimmer hermetisch abgeriegelt. Rolläden zum Wintergarten heruntergelassen, zur Straße genauso, Türe zum Flur offen gelassen, damit ein wenig kühle Luft aus dem Keller hochsteigen kann. Mitten im Wohnzimmer surrte unser Ventilator, der in Dauerbetrieb war. Wenn wir nachmittags nach draußen gegangen sind, traf uns die Hitze wie ein Schlag. Das war wie ein Backofen. Zeitweise hat unsere Kleine im Plantschbecken herumgeplantscht. Ich habe mich gerne in ihre Nähe gewagt, denn dann hat sie mich nass gespritzt.

80. Geburtstag meines Vaters
Letzten Sonntag hat mein Vater seinen 80. Geburtstag gefeiert, wobei er all meine Tanten und Onkel eingeladen hatte. Mit Ausnahme einer Tante, die vor 1 ½ Jahren an Krebs gestorben ist, leben diese alle noch. Mit Erstaunen haben wir festgestellt, welches hohe Alter alle erreicht haben. Auf dem Foto sind mein Vater und seine beiden Brüder zu sehen (81 bzw. 75 Jahre). Zwei weitere Geschwister, eine in Bayern wohnende Schwester (75) und eine weitere Schwester (wohnt an der Mosel; es besteht nur sporadischer Kontakt zu ihr), waren nicht gekommen. Nebenher haben wir festgestellt, dass vier der fünf Geschwister bereits Goldene Hochzeit gefeiert haben. Herzlichen Glückwunsch !



Im Fernsehen
In der Sendung „Abenteuer Forschung“ ging es um die knappe Ressource Wasser. Bei diesem Thema neige ich zur Bequemlichkeit, weil Wasser in unserem eigenen Lebensraum nicht knapp ist. Wenn irgendwo Wasser am anderen Ende der Welt knapp ist, argumentiere ich gerne stümperhaft: „Das Wasser kommt doch aus der Wasserleitung … „ In der Sendung wurde der Wassernotstand in zwei kritischen Ländern gezeigt, an die ich mich düster erinnerte. Erstens der Jordan. Er ist der Grenzfluss zwischen Jordanien und Israel. Beide Länder entnehmen ungehemmt Wasser für die Trinkwasseraufbereitung und für die Landwirtschaft, so dass der untere Flusslauf bis zu 98% ausgetrocknet ist. Das zweite Beispiel, nicht ganz so weit weg von unserer Haustüre, war Spanien. Rund 40% Spaniens (vor allem Zentralspanien und die Mittelmeerküste) sind von der „desertificacion“ (Wüstenbildung) betroffen. Verursacher sind eine intensive Landwirtschaft in Flusstälern, Waldrände und auch der Tourismus – wenn Hotelanlagen Trinkwasser verbrauchen, wenn Swimming-Pools befüllt werden müssen oder Golfplätze bewässert werden müssen. Bei solchen Themen ist es ein wenig so wie mit Kriegen in entfernten Ländern: je weiter entfernt, um so oberflächlicher ist unsere Wahrnehmung. Aufmerksamkeit wird erst dann erregt, wenn es uns doch – direkt oder indirekt – betrifft.

Berührungsängste
Ich meine, dies wäre ein spezifisch deutsches Problem. Menschen schieben sich auf Distanz. Möglichst nichts miteinander zu tun haben. Zuletzt habe ich zwei Situationen erlebt, die in eine andere Richtung gingen. Die erste war in der S-Bahn auf dem Weg nach Köln. Sonntags Nachmittags war die S-Bahn mehr oder weniger menschenleer. Ein Mann, etwas jünger wie ich, stieg ein, ich saß alleine auf einer Vierer-Bank, die Vierer-Bank gegenüber war noch frei. Der Mann sah mich an und meinte „wir haben die merkwürdige Angewohnheit, alleine sitzen zu wollen … darf ich mich zu Ihnen setzen ?“. Klar, ich bejahte. Danach kamen wir ins Gespräch und unterhielten uns über Bahnfahren, über Olympische Spiele und über Bahnverbindungen von Köln nach London. Die zweite Situation: bei der Rennradtour in der vorletzten Woche saß ich auf dem Marktplatz in Ahrweiler alleine am Tisch und trank mein Weizenbier. Da kam die Kellnerin ganz schüchtern zu mir, sie fragte und entschuldigte sich gleichzeitig: „Es geht leider nicht anders, kann sich dieses ältere Ehepaar an Ihren Tisch setzen ?“ Klar, auch hier bejahte ich. Wir kamen ins Gespräch, dabei stellte sich heraus, dass die alte Dame in einem Ort nur 15 Kilometer entfernt von mir aufgewachsen war. Zu Hause ist dies vom Prinzip her ähnlich. Alles ist Privatsphäre. Möglichst hohe Mauern um sich herum aufbauen, damit andere nicht hinein sehen können. Ich habe den Eindruck, dass der englische Philosoph Hobbes mit seinem Ausspruch „homo homini lupus“ den Kern getroffen hat: „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“. Menschen wollen sich aus dem Weg gehen. Es herrscht wohl dieses negative Menschenbild vor, dass Begegnungen mit anderen Menschen nicht werthaltig sind, dass es verlorene Zeit ist. Diese beiden Begegnungen haben mir gezeigt, durchaus offener auf andere Menschen zuzugehen.

Song der Woche
Seit längerer Zeit habe ich zuletzt wieder in die niederländischen Radiosendung „Theater van het sentiment“ hinein gehört. Das ist eine dreistündige Radiosendung, in der Musik, Tagesgeschehen und Geschichten zu einem bestimmten Datum aus der Vergangenheit erzählt werden. In der letzten Woche ging es um den 16. August 1975. Der Moderator Marc Spakenburg erzählte, dass an diesem Datum zum 700. Stadtjubiläum erstmals die Sail Amsterdam stattfand. Ein Hörer, der damals dabei war, berichtete am Telefon, wie stolz er gewesen war, Segelschiffe wie die Amerigo Vespucci, die Alexander von Humboldt oder die Oosterschelde erlebt zu haben. Die Musikstücke erreichten ihren Höhepunkt, als „Autobahn“ von „Kraftwerk“ gespielt wurde. Kraftwerk hatten damals eine neue Musikrichtung aus rein elektronischer Musik geschaffen. Sparsam, auf ein Minimum reduziert, untermalten ihre Stimmen diese rein künstlichen Klänge. Emotionslos, brachten sie damit eine technische Kälte zum Ausdruck, weg von der Jahrtausend alten Maxime „der Mensch ist das Maß aller Dinge“ hin zu einem maschinen-gesteuerten Menschen. In „Autobahn“ hört sich genial an, wie Motorengeräusche imitiert werden und wie die Monotonie einer Fahrt auf der Autobahn in eine durchaus vielschichtige und variierende Klanglandschaft umgewandelt wird.




Samstag, 18. August 2012

im Drachenfelser Ländchen

Meine Rennradtour in der vorletzten Woche hat mich durch das Drachenfelser Ländchen geführt. Hinter Godesberg ist die Straße zunächst steil angestiegen, dann moderat, stetig den Berg hinauf. Das Drachenfelser Ländchen verdankt seinem Namen den Herren vom Drachenfels, die 1402 ihren Herrschaftsbereich auf linksrheinisches Gebiet ausweiteten. Durch den Rhein getrennt, steigen die Berge nicht so spektakulär an wie das Siebengebirge auf der anderen Rheinseite. Mit dem Rennrad bin ich knapp unterhalb des Hohenbergs geradelt. Mit 263 Metern ist dies die höchste Erhebung.



Der Ausblick auf das Siebengebirge auf den anderen Rheinseite ist gigantisch.



Sonnenblumenfelder wachsen am Straßenrand.



Ein Traktor besteht vollständig aus Stroh.



Ein Blickfang ist von weitem die weiße Kugel des FGAN (Forschungsgesellschaft für angewandte Naturwissenschaften), die zur Universität Bonn gehört und die militärisch genutzte Radarsystem beherbergt.



An einem Wegekreuz habe ich mein Rennrad abstellen können.

Hinter dem Drachenfelser Ländchen verläuft die Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz. Dieser Verlauf entstammt noch den Herrschaftsverhältnissen im 15. Jahrhundert. Hinter dem Drachenfelser Ländchen begann das Gebiet der Grafen von Neuenahr. Damals wie heute gehören diese Orte zur "Grafschaft".

Mittwoch, 15. August 2012

Urlaub am Bodensee - Teil 3

7.  Immenstaad


Die Hütten des Dorfes ragten aus dem See heraus. Damit das Hochwasser sie nicht überschwemmte, baute man sie auf mannshohe Stelzen. Stege bildeten ein verzweigtes Netz: vom Ufer zu jeder einzelnen Hütte. Die Bewohner verkehrten mit Einbaumbooten auf dem See. Sie waren Jäger und Sammler, ernährten sich vom Fischfang. Für Getreideanbau war das unwegsame Gebiet um den See zu feucht, für Viehhaltung genauso.

So ungefähr war Immenstaad in der Bronzezeit besiedelt worden, das war vor 2000 Jahren. Freilich: bekannter sind die Pfahlbauten in Unteruhldingen, die zuletzt zum Weltkulturerbe ernannt worden sind. 1983 wurde in Immenstaad auch ein Pfahlbaufeld entdeckt, wodurch sich die Indizien verdichteten, dass die Vorfahren Immenstaads in der Bronzezeit sich genauso niedergelassen haben, wie man es sonst in Unteruhldingen besichtigen kann.

Urkundlich erstmals erwähnt wird Immenstaad 1094, als Herzog Welf IV. von Bayern dem Kloster Weingarten – ungefähr dreißig Kilometer entfernt - bedeutende Güter in Immenstaad schenkte. Da zu feucht, zu unwegsam, abseits der Handelsrouten, strategisch unbedeutend, hatten zuvor die Römer einen weiten Bogen um den Bodensee gemacht. Dies änderte sich, als germanische Volksstämme die römischen Besatzer aus Mitteleuropa vertrieben. In Süddeutschland waren dies die Alamannen. Wohl um 600-700 gründeten die Alamannen das heutige Immenstaad, dessen Namen mit Landestelle (Staad) des Fürsten Immo gedeutet wird.

Von der Bronzezeit über den Verkehr von Lastenseglern im Mittelalter bis zum heutigen Tourismus hat der See eine zentrale Bedeutung. Zwischen der Anlegestelle, der Uferpromenade und der Bachstraße, der Verlängerung der Anlegestelle, spielt sich heutzutage das maßgebliche Touristenleben ab. Man bummelt, flaniert, ist in Urlaubsstimmung, schaut in Geschäfte hinein, bevölkert Garten-Cafés, wechselt die Uferperspektiven, um den See in ständig neuen Variationen zu erleben.

Wenn sich das Kursschiff nähert, knistert es in mir voller Spannung. Der weiße Anstrich wirft fahle Muster auf die Oberfläche des Sees, die Umrisse des Schiffes verblassen in der Morgensonne. Ich lese „Bregenz“, dessen Buchstaben sich scharf am Bug zeichnen. Die Wellen formieren sich unaufgeregt. Der Wind streichelt das Wasser. Beschaulichkeit spannt sich auf bis zum Schweizer Seeufer.

Mit dem Schiff den Bodensee erkunden, das bedeutet, vom See aus die Breitseite an Landschaft kennen zu lernen. Entdeckung der Langsamkeit – so hatte Traude (Rostrose) einmal formuliert. Oder Entschleunigung – als Gegenbewegung zu Komplexität, multi-tasking, Technokratie, immer schnelleren Reaktionszeiten. Später, Richtung Hagnau und Meersburg, kleckert das Seeufer vorbei, im Zeitlupentempo. Nichts überstürzen. Das Panorama der Landschaft wechselt krass, doch in Ruhe kann ich mir all die mit Liebe in die Landschaft gezeichneten Details anschauen.


Als das Schiff zuvor den Immenstaader Anlegesteg verlassen hat, der mit 100 Metern der längste im gesamten Bodenseeraum ist, lasse ich die Kulisse von Immenstaad passieren. Vom Schiff aus betrachtet, ist dies vor allem eine Kulisse aus Ferienhäusern, die dicht an das Seeufer heranrücken und mal mehr, mal weniger Seeblick erhaschen. Dabei habe ich im Ort gelernt, dass Immobilien ein lukratives Geschäft sind. Das ist brav, artig, hübsch dekoriert, alleine die Kirche St. Judokus aus dem 15. Jahrhundert sorgt für eine historische Umgebung. Der dreieckige Kirchturm überragt den Ort. Die Mauern der Kirche erstrahlen in einem satten Weiß, so wie die übrigen Hausfassaden.


Dann, kurz vor dem Ortsende, schiebt sich eine Landzunge in den See hinein. Liegewiesen erstrecken sich bis zu einem gläsernen Kasten davor: das Aquastaad. 


Für mich bedeutet dies Badespaß zu jeder Jahreszeit, bei Sonnen- und bei Regenwetter, im Sommer wie im Winter, bei Hitze und bei Kälte. In dieser Badelandschaft haben wir uns alle gerne getummelt. 1983 hat man übrigens an dieser Stelle im See das Pfahlbautenfeld entdeckt. Steine geleiten die Badegäste in den See hinein. Baden im Bodensee, das ist ein Stückchen Meer, welches von den fernen Stränden des Mittelmeers herbei gezaubert wird. Palmen und Bananenstauden – die Vegetation liegt gar nicht so weit weg vom Mittelmeer. Doch der Weg in den  See ist steinig, die Sandstrände sind nicht bis hierhin transportiert worden. Meine Füße meckern, denn bis in den See müssen sie sich über Buckel von Steinen quälen.

Schwimmen, segeln, rudern, wandern, angeln, walken, Inline-skating, man ist hier aktiv in Immenstaad. Wie anderenorts am Bodensee, ist Immenstaad von sanftem Tourismus durchdrungen. Klötze von Ferienhaussiedlungen sind hier nicht zu sehen. Es werden keine Busladungen von Touristen ausgekippt. Massenanziehende Attraktionen wird man hier vermissen.

Radfahren habe ich bei den Aktivitäten noch nicht aufgezählt, denn Fahrradfahrer können sich wie im Paradies fühlen. Neben der Schifffahrt gibt es nicht schöneres, als den See mit dem Fahrrad zu erkunden. Das Netz an ausgeschilderten Fahrradwegen ist ausgezeichnet. Es gibt  einen durchgängigen Radweg, der ab dem Ortsende durch Weinberge führt. Ab Hagnau begleitet der Fahrradweg sogar das Seeufer. Wir hatten die Strecke früher einmal bis Überlingen geschafft, ohne Autoverkehr, auf separaten Radwegen, der See einen Steinwurf entfernt.

Tourismus, Weinbau, Obstanbau, Dornier-Werke, diese Elemente prägen Immenstaad. Die Umgehungsstraße trennt ungefähr die Domänen des Weinbaus und des Obstanbaus. Auf einem Apfel- und Weinspazierweg kann man beide Domänen erkunden. Hinauf auf den Hochberg, das ist ein 454 Meter hoher Aussichtspunkt.


Von dort aus kann der Blick die Fülle der Landschaft auskosten. Die Schattierungen der Schönheit entspringen im See, wo die Sonne im Wellenspiel glitzert, die Schönheit wandert über Weinberge, wo sich Reihen von Rebstöcken über Hügel schwingen, so weit das Auge reicht. Hinter der Trennlinie der Umgehungsstraße ergreift die Schönheit die Apfelbäume, wo Ende Juli die ersten Äpfel bereits geerntet worden sind. Waldstücke runden am Horizont die Gesamtkomposition ab, wo sie als Zickzacklinie zerlaufen.

Obst vom Bodensee – das ist ein Markenzeichen für die gesamte Region. Mittwochs Morgens ist Markttag, da wird Obst aus der Gegend verkauft. Gleich zwei Stände mit dicken, roten Äpfeln, die einen anlachen, stehen im Zentrum. Ich beiße in die Sorte „Elstar“ hinein. Der Apfel schmeckt saftig, süß, zerläuft auf der Zunge. Außerdem kann man an vielen Ecken Hochprozentiges kaufen: Obstler, Himbeergeist oder Kirschwasser. Denn so mancher Obsthof beherbergt eine Obstbrennerei. Doch da kann ich leider nicht allzu viel mitreden: bei Bier oder Wein endet meine Leidenschaft für einen guten Tropfen.


Ein Stück weiter, kurz vor dem Anlegesteg, kommt südländisches Flair auf. Eine Bühne, auf der Veranstaltungen im Freien stattfinden. Zugehört habe ich, als die Band „Route 66“ gespielt hatte. Das war Jazz vom feinsten. Wie „Tuxedo Junction“ von Glenn Miller. Das Grundmotiv des Orchesters, das auch wenigen Akkorden bestand, zog sich in die Länge durch Soloeinlagen. Vor allem der Saxophonist pustete fleißig in sein Instrument ein. Bei den Soloeinlagen war zwischendurch der Keyboarder an der Reihe, später die Trompete, so ging es reihum, und mit all den Soli und Grundakkorden hätte das Stück eine Ewigkeit dauern können, ohne jemals langweilig zu werden. Das war stundenlang Unterhaltung vom feinsten, bis wir irgendwann zurückdrehten in unsere Ferienwohnung.




An allen Ecken vom Tourismus geprägt, hat Immenstaad keine so schöne Altstadt wie Meersburg oder Überlingen zu bieten. Aber Immenstaad ist harmonisch. Fachwerkbauten treten nicht geschlossen auf, sondern als einzelne Episode. Das älteste Haus, das Haus Michael, wurde 1461 erbaut. 2001 renoviert, erhielt es 2003 den Denkmalschutzpreis. Weisheiten und Sprüche unter dem Gebälk regen zum Nachdenken an:

Nicht jeder ist seines Glückes Schmied. Vertrauen entsteht durch eingehaltene Versprechungen. Vermehren durch teilen. Der Mensch denkt er lenkt. Respektiere das Ende.

Unwillkürlich fällt man ins Grübeln und Philosophieren. Perla hat Haus Michael von innen kennen gelernt und bericht darüber in ihrem Blog.


 Daneben hauchen weitere Fachwerkbauten dem Ort Leben ein. Das Schwörerhaus, in dem einst Wein gekeltert wurde, stammt aus dem Jahr 1578. Besonders schön restauriert wurden im Ortsteil Kippenhausen das Haus Montfort und das Café Puppenhaus, die beide aus dem 18. Jahrhundert stammen. In Haus Montfort ist ein kleines Museum untergebracht. Im Café Puppenhaus konnte man bis vor einigen Jahren ein Puppenmuseum besichtigen.

In der Alten Vogtei, die 1732 erbaut worden war, haben wir in unserem Urlaub gerne gegessen. In dezenten roten Fliesen führt eine Treppe hinab. Im Gewölbekeller, der in der Form eines Rundbogens gemauert ist, fühlt man sich einige Jahrhunderte zurück versetzt.  Obschon die Preise ein leicht angehobenes Niveau haben, ist die Küche hier – wie zum Beispiel auch in dem gegenüberliegenden Lokal „Zum Hirschen“ – exzellent. Beim Essen bin ich stock-konserativ-schwäbisch oder badisch: ich esse Käsespätzle oder Maultaschen. Die Spätzle sind frisch zubereitet, die Zwiebelschmelze ist knusprig, die Portionen sind üppig. Und ein Müller-Thurgau aus Hagnau oder Meersburg rundet dieses Essen ausgezeichnet ab.

Hier in Immenstaad haben wir genossen, was es bei uns im Rheinland nicht gibt: eine regional-typische Küche. Hausgemachte Semmelknödel, Felchenfilet oder Rinderleberle. Auch die Gastronomie hat uns in den Himmel des Bodensees emporsteigen lassen.

Montag, 13. August 2012

Essen - Zeche Zollverein


Hans, unser Führer, hatte keine Ader für Bergarbeiterromantik. Er fühlte mit den Bergarbeitern. Unter welchen Arbeitsbedingungen sie hatten schuften müssen. Welchen Ermüdungszustand sie tagtäglich überfiel. Und wie selbst in jüngerer Zeit – bis zur Stilllegung 1986 – die Gesundheit der Bergarbeiter so angegriffen wurde, dass deren Lebenserwartung nicht zum besten bestellt war.

Etwa 15 Besucher scharten sich zusammen. Unsere Führung begann an der Hochglanzseite der Zeche Zollverein – dem Blick auf die Doppelbock-Fördertürme. An einem verkleinerten Modell erläuterte uns Hans, wie riesig die gesamte Zechenanlage war – das war ungefähr die Ausdehnung einer Kleinstadt. Die Zeche Zollverein hatte ursprünglich aus fünf Einzelzechen bestanden – deren Fördertürme zum Teil bis heute erhalten sind. Anstatt dessen wurde die Kohleförderung neu konzipiert – als Zentralförderanlage. 1930 neu gebaut, galt die Zeche damals mit einer Förderung von 12.000 Tonne Kohle täglich als eine der modernsten in Europa. Hans betrachtete dies weniger als technische Meisterleistung, sondern als Rationalisierungsmaßnahme: 800  von 7.000 Arbeitern wurden durch die zentrale Förderung eingespart. Ende 30, machte Hans den Eindruck, als sei er selbst das Opfer einer Rationalisierungsmaßnahme geworden.

Als Hans uns die Waschkauen in dem Modell zeigte, stieß er uns auf ein weiteres Problem, was mit der Größe des Geländes zu tun hatte: Wegezeiten. Die Waschkauen lagen irgendwo im Zechengelände verstreut, bestimmt drei Kilometer von der eigentlichen Förderanlage entfernt. Und diese Wegestrecke musste lange, lange Zeit zu Fuß bewältigt werden. Wegezeiten sind in der modernen Bürowelt Arbeitszeiten. Diese Wegezeiten, die eine Stunde dauern konnten, waren dann Arbeitszeit. Je nachdem, wie lange die Schicht dauerte, brachte so mancher Kumpel seinen Schlafsack mit und übernachtete gleich am Arbeitsplatz.

Hinein ins Herz der Kohleaufbereitung. In einem Seitengebäude führten Treppenstufen auf Eisenrosten schier endlos in die Höhe, bis knapp unter die Höhe der Fördertürme.

Dort wurden kleine Waggons voller Kohle ausgespuckt. Diese rollten, unter Ausnutzung des Gefälles abwärts. In mehreren Bearbeitungsstufen wurde Kohle von schlechterer Qualität aussortiert. Bei der Führung hatte man Wert auf Anschaulichkeit gelegt. So konnten wir einige Waggons voller Kohle bestaunen, wir konnten hineingreifen und tasten, wie leicht die Kohle war. Dabei lernten wir den Unterschied zwischen Steinkohle und Braunkohle kennen. Braunkohle hat einen höheren Wassergehalt, so dass die CO2-Emissionen bei Braunkohlekraftwerken Spitzenwerte erreichen – sie sind also noch klimaschädlicher als Steinkohlekraftwerke.

Das Herz des Bergarbeiters in der Brust, blühte Hans auf. Schienenwege verzweigten sich, Waggon an Waggon reihte sich aneinander. Was uns Besuchern verrostet und angestaubt vorkomme, sei geradezu sauber, wie geleckt. Damals habe der Kohlestaub die Luft so sehr durchdrungen, dass man quasi sein Hand kaum noch vor den Augen sehen konnte. Hans wurde zynisch, als er meinte, eine Staublunge würde sich erst relativ spät entwickeln. Einiges später als 18 Monate. Gehörschäden oder Taubheit stelle sich nach 18 Monaten ein. Dazu spielte er uns den Lärmpegel von Förderbändern, Hebeanlagen, Maschinen, Kompressoren, Druckluftaggregaten vor. 80 Dezibel hämmerten ins Ohr – das war so viel wie auf einer Autobahn.

Hans führte uns auf verschlungenen Pfaden. Verwinkelt, ging es unter Rohrysteme hindurch, deren Durchmesser so dick und schwer war wie ein Sumo-Ringer. Wir bewegten uns auf tonnenschweren Eisendecken, die zwischen rostbraunen Ziegelsteinmauern endeten. Querelemente spannten eine Hallenkonstruktion aus Stahl auf, zwischen der Förderbänder noch ein Stockwerk höher führten. Unter der Decke hing ein Gewirr aus Stromkabeln, fest zusammengebunden, bis die Leitungen unsichtbar unter der Bodenplatte verschwanden. Wir schauten hinauf auf Gitterroste mit Geländern, die sich in luftiger Höhe zwischen Kesseln erhoben. In einer Ecke stapelten sich Eisenträger auf Waggons. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Fülle der technischen Anlagen nahm kein Ende.



Anschaulich ging es weiter. Nun waren Werkzeuge an der Reihe. Als Hans den Presslufthammer in die Hand nahm, griff er fest zu. Seine Nickelbrille rutschte die Nase herunter. Sein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „Hard Rock“ knitterte sich zwischen seinem super-schlanken Bauch zusammen. Anschließend durften wir das Gerät in die Hand nehmen, womit die Kohle unter Tage abgebaut wurde. Mit dem Presslufthammer geschah dies bis in die 50er Jahre. Danach wurden die Abbauverfahren unter Tage automatisiert.

Als ich den Presslufthammer in die Hände nahm, kam mir das Gewicht unglaublich vor. Der war etwa so schwer wie ein Sack Kartoffeln. So etwas den ganzen Tag in den Händen zu halten, lag außerhalb meines Vorstellungsvermögens. Hans erzählte, dass die Bewegungsabläufe beim Abteufen noch differenzierter zu sehen waren. Es wurde den ganzen Tag gehämmert. Hände und der Bewegungsapparat schlugen den ganzen Tag hin und her, das Vibrieren übertrug sich auf den ganzen Körper. Wenn die Schicht vorbei war, hatten die Bergleute Probleme, das Zittern wieder loszuwerden. Dieses Zittern wurde dann zum Begleiter des restlichen Abends. Kritisch war dies beim Abendessen, wenn Hände zitterten. Der Körper konnte dann das Essen mit Gabel oder Löffel nicht mehr koordinieren.

Die Tage des Presslufthammers waren gezählt, als die Kohle unter Tage mit Fräsen abgebaut wurde. Dies geschah vollautomatisch, wobei aber der Anteil der nicht verwertbaren Kohle stieg. Während der Bergmann im Flöz die Qualitäten der Kohle erkennen konnte, wurde nun alles abgebaut. Dadurch musste ein weiterer Sortiervorgang hinzugefügt werden. Nachdem in einer maschinellen Grobsortierung die bessere Kohle herausgelesen wurde, musste in der Lesehalle aus der besonders staubigen, feinkörnigen Kohle der letzte Rest der besseren Kohle herausgesucht werden – sozusagen als hartnäckige Detektivarbeit. Einem Arbeiter kam die Lesehalle einer Strafkolonie gleich. Nur besonders dumme oder ungeschickte Arbeiter wurden in die Lesehalle versetzt. Oder Arbeiter, die auf einem anderen Arbeitsplatz irgendeinen Bock geschossen hatten. Heutzutage wären solche Arbeitsplätze eine Domäne von Leiharbeitern aus aller Welt, denn das Lohnniveau lag dort nur bei ca. 40% im Vergleich zu anderen Arbeitsplätzen. Von der Lesehalle war mittlerweile nichts mehr zu sehen, denn die Anlagen waren abgerissen worden. Die Räumlichkeiten waren nun zu Veranstaltungsräumen umgebaut worden.

Kurz bevor wir die Innenräume der Zeche verließen, blickten wir auf einen festen Punkt, der Bestandteil jeder Zeche war: die Heilige Barbara. Als Heilige aus dem 3. Jahrhundert und als Schutzpatronin gegen plötzlichen und unvorhersehbaren Tod thronte sie an der Wand. Zwischen erbleichten Ziegelsteinen breitete sie ihre Arme aus. Inmitten des viereckigen Raums, der ungefähr so groß wie eine Kapelle war, kam sogar Besinnlichkeit auf.

Wie bei seinen übrigen Erzählungen, dachte Hans in eine andere Richtung. Er hielt inne, dachte nach unter seinem lichten Haar, in das sich Geheimrats-Ecken hinein gemogelt hatten. Nicht die Heilige Barbara, sondern die Heilige Maria Cron sei der eigentliche Schutzpatron der Bergleute gewesen. Trinkhallen gebe es im Ruhrgebiet an jeder Ecke. Davon in vielfacher Bestückung rund um Zechenanlagen. Sich dort nach der Schicht zu treffen, sei Tradition gewesen. Die kaum zu überbietende Kameradschaft unter Bergleuten habe dort ihren Ursprung gehabt. Und so mancher Bergmann habe gerne einen über den Durst getrunken. Alkoholismus sei ein Grundproblem gewesen, welches man nie in den Griff bekommen habe.

Bei unserem abschließenden Gang auf die Aussichtsplattform auf der Kohlenwäsche erfuhren wir etwas, was wie Herz und Seele im Ruhrgebiet zusammengehört: Bergleute und Fußball. Die Veltins-Arena des FC Schalke 04 lag in Blickweite, ebenso das Fußballstadion von Rot-Weiss Essen. Als Urzelle des Fußballs betrachtete Hans den VfL Bochum. Unter anderem von Bergleuten war der VfL Bochum bereits 1848 gegründet worden – als Turnverein. 1911 fand sich eine eigene Fußballabteilung zusammen. Die Tradition des VfL Bochum reiche somit deutlich länger zurück wie etwa diejenige des FC Schalke 04 oder des BVB Borussia Dortmund.

Die Führung näherte sich dem Ende. Der Blick über die Zeche Zollverein, nach Gelsenkirchen, Oberhausen, Mülheim an der Ruhr und Essen war grandios. Nebenher hatten wir erfahren, dass dies die einzige Zeche im Ruhrgebiet war, die ein Industriedenkmal war und dessen frühere Produktionsanlagen man besichtigen konnte.

Was für ein ereignisreicher Nachmittag !

Sonntag, 12. August 2012

Wochenrückblick #32


Edgar Allan Poe

In meinem Blog vom 27. März hatte ich beschrieben, dass Edgar Allan Poe einer derjenigen Autoren ist, den ich mit Genuss gelesen habe, nachdem meine Lehrer es während meiner Schulzeit im Deutschunterricht nicht geschafft haben, mein Interesse an Literatur zu erwecken. In dieser Woche habe ich es geschafft, nochmals Edgar Allan Poe zu lesen, und zwar drei Erzählungen, die unter dem Buchtitel „Detektivgeschichten“ zusammengefasst sind. Zwei davon sind Kriminalromane nach heutigem Verständnis, die mir nicht wirklich gefallen haben. Verglichen mit zeitgenössischen Kriminalautoren – wie etwa Jacques Berndorf oder Henning Mankell – liegen Welten dazwischen, nicht nur weil die Handlung vor mehr als 150 Jahren spielt. Zu sehr durchdringt mich Poe mit Mathematik, Wahrscheinlichkeitstheorie, Physik, Logik, Schlussfolgerungen, Deduktion, Beweisführung, heute würde man sagen: kriminaltechnische Ermittlungsarbeit und Tätersuche. Ständig in einem logischen Denkgerüst gefangen zu sein, hat meine Freude am Lesen gedämpft. Es kam keine Spannung auf, obschon die erste Kriminalgeschichte (Doppelmord in der rue morgue) eigentlich erstaunliches zu bieten hatte: ein Orang-Utan hatte gleich zwei Morde begangen. Die dritte Geschichte „Der Goldkäfer“ konnte mich danach entschädigen. Die hatte nichts mehr mit Mord zu tun, sondern war in die Kategorie „Mystery and Imaginiation“ einzuordnen – so wie ich es in Anlehnung an Alan Parsons Project in meinem Blog vom 27. März genannt hatte. Der Goldkäfer – ein Scarabäus - hatte einen Panzer, der wie Gold schillerte. Sein Besitzer machte einen verwirrten bis wahnsinnigen Eindruck und brach mit einem Freund und einem freigelassenen Sklaven spontan zu einer Schatzsuche auf. Dabei führte er einen Goldkäfer in einem großen Kasten vor sich her und benutzte ihn als Wünschelrute, um einen vergrabenen Schatz zu finden. Tatsächlich fanden sie einen Schatz:
„ Im nächsten Augenblick lag ein Schatz von schier unschätzbarem werte gleißend vor uns. Als die strahlen der Laternen in das Loch fielen, blitzte von einem wirren Gehäuf aus Gold und aus Juwelen ein Glitzern zu uns herauf, das unsere Augen förmlich blendete.“
Das war die Kategorie „Mystery and Imagination“, die ich beispielweise aus den Erzähungen „Der Untergang des Hauses Usher“,  „Ein Fass Amontillado“ oder „Der Rabe“ kennen gelernt hatte. Das war auch ein Stück aus „Die Schatzinsel“, die ich von Stevenson gelesen hatte. Diese Erzählung hatte mich fasziniert. Weitere Erzählungen von E.A. Poe werden sicherlich irgendwann wieder auf meiner Leseliste stehen.

Müde
Nachdem mir in der vorletzten Woche die Bohnenernte aus den Ohren heraus gekommen ist, hatte ich in dieser Woche Probleme, mit meinem Arbeitsrhythmus klar zu kommen. Es machte sich Erschöpfung breit. 5 Uhr aufstehen, abends total aufgedreht, die restliche Familie in Ferienstimmung, kaum vor 24 Uhr ins Bett. Insbesondere nachmittags knickte meine Konzentration ein, ich hätte so ins Bett fallen können. Ich hatte im Büro Schwierigkeiten, Thema für Thema abzuarbeiten. Abends, zu unsäglichen Zeiten, mobilisierte ich wieder Reserven und war aufgedreht und hellwach. Auch diese Fülle an Gedanken, Ideen und Kreativität, war wie weggeblasen. Insbesondere auf dem Fahrrad, auf dem Weg vom und ins Büro, kam mir alles monoton vor. Nichts veränderte sich, jeden Tag dieselbe Strecke, selbst bei Variationen der Strecke sah ich nichts Neues. Ich bekam kaum Anstöße für Ideen. Ich hatte sogar einen stechenden Schmerz in der Hüfte, so dass ich mich zum Teil kaum bücken konnte.

Mit dem Rennrad unterwegs
Seitdem mein Urlaub begonnen hatte, hatte ich mein Rennrad nicht mehr angerührt. In dieser Woche war es dann das erste Mal soweit. Dienstag eine kleine Runde übers Siebengebirge (40 km), Donnerstag eine lange Runde bis Ahrweiler (70 km). Dabei hatte sich sogar das seltene Gefühl eingestellt, dass ich einen inneren Schweinehund überwinden musste, dass ich keine so richtige Lust hatte, obschon das sonnige Wetter dazu einlud. Die lange Runde bis Ahrweiler: ja, es kam schnell Begeisterung auf, im Drachenfelser Ländchen der Blick auf das Siebengebirge. 



Auf dem Höhenzug hinter Werthhoven der gigantische Blick ins Ahrtal bis weit in die Eifel hinein. Dann die super-tolle Abfahrt bis ins Ahrtal hinein. Ahrweiler, zwei Weizenbier am Marktplatz trinken, die Sonne lachte vom Himmel. Dann Ahrtal bis Dernau. Bei der schwierigen und langen Steigung aus dem Ahrtal heraus tankte ich Kondition, das klappte so wie immer, die Ermüdung fehl am Platze. Dabei wieder dieser wunderschöne Blick aus dem Ahrtal heraus, bevor die Straße in Richtung Grafschaft abknickte, wobei ich das Ahrtal mit der Fülle seiner Weinberge von oben aus bestaunen konnte. 



Dann, in Grafschaft, zwischen Vettelhoven und Gelsdorf, kam die Herausforderung: ein strammer Gegenwind blies mir ins Gesicht. Und das schlimme war: bis nach Hause kamen nur noch Felder, kein Wald, bis auf die Wellen des Kottenforstes flach wie ein Brett. Sonst versuchte ich so etwas bei meinem Touren zu vermeiden, indem ich die Strecke so wählte, dass ich auf der Hinfahrt Gegenwind hatte und auf der Rückfahrt Rückenwind. Der Wind blies nun aus Nordwest. Da ich mir den Gegenwind für die restliche Strecke nicht antun wollte, habe ich eine andere Streckenvariante gewählt. Ich habe gedreht, bin Richtung Godesberg gefahren. Es folgten zwei längere Anstiege, bis ich eine lange Abfahrt hinab ins Rheintal genießen konnte. Den Rhein entlang, pustete mir der Gegenwind wieder mit der bleiernen Schwere entgegen. Zu Hause war ich platt. So etwas habe ich bei dieser Strecke, die eigentlich zu meinem Grund-Repertoire gehört, lange nicht mehr erlebt. Immerhin: der stechende Schmerz in der Hüfte war danach wie verfolgen.

Olympische Spiele in London
Nachdem ich in der vorletzten Woche nicht ferngesehen habe, ist in dieser Woche der Fernseher in üblichem Umfang – also ein Stück weniger wie Dauerberieselung – gelaufen. Also haben wir zeitweise auch die Olympischen Spiele gesehen. Mit Interesse habe ich Tischtennis oder auch das Mountainbike-Rennen der Frauen über 30 km gesehen. Tischtennis, das waren pfeilschnelle Ballwechsel, ein irres Reaktionsvermögen, wahnsinnige Schlagvariationen, Spinns, Drills, Schmetterbälle, es war mitreißend, wie die Ballwechsel hin- und hergingen. Das Mountainbike-Rennen, das ging über Steine und Felsen, eine enorme Geschicklichkeit und ein enormes Stehvermögen wurde abverlangt, dazu Tempowechsel, wenn egradeaus beschleunigt werden musste, dann drehen, wenden, stoppen, wieder beschleunigen. Dazu fand ich die Landschaft mit Felsen und der Fahrstrecke, die eher Trampelpfaden folgte, wie ein Landschaftspark dekoriert. Die restlichen Wettkämpfe ? Es gibt Schulfächer, die haben für den Rest des Lebens einen nachhaltigen negativen Eindruck hinterlassen. Dazu gehört Sport – namentlich Leichtathletik. Kugelstoßen. Ehrlich gesagt: bis heute finde ich, dass dies eine Sportart für Doofe ist. Einen irre schweren Gegenstand, mit dem man nichts zu tun haben will, möglichst weit wegwerfen. Das erinnert mich zum Beispiel daran, wenn ich in unserem Garten eine dicke, fette Schnecke entdecke, die soeben unseren Salat zerfressen hat. In einem Wutanfall schmeiße ich sie in den Himmel so weit weg, dass niemehr Schnecken in unserem Garten auftauchen mögen. Klar, zum Kugelstoßen gehört viel Athletik, Bewegung, Anspannung, Kraft und Konzentration. Aber die Bewegung verfliegt in Sekunden – und danach ist alles vorbei. Weitsprung, Hochsprung, Stabhochsprung, Hammerwerfen, Diskuswerfen, Hundertmeterlauf, die Bilder der Athletik flammen kurz auf und verschwinden danach in der Vergänglichkeit. Schwimmen oder Turnen – seit meiner Schulzeit verbindet mich nichts mit diesen Sportarten. Als schöne Athletik und Ausdauer und Übung und Disziplin verflüchtigen sie sich, für mich sind sie nichts als eine Eintagsfliege. Sport hat mir in meinem Leben immer sehr viel bedeutet. Und ohne Sport wäre ich nicht dorthin gekommen, wo ich mich heute befinde. Aber ohne Höchstleistungen. Ich habe mich eher gefühlt wie der Nigerianer beim Olympischen Ruderwettkampf. Ruderer sind im Niger Exoten. Bei den Vorausscheidungen kam er – meilenweit abgeschlagen – als letzter ins Ziel. Aber er jubelte. Er genoß den Beifall der Zuschauer und er genoß es, dabei gewesen zu sein. Er dürfte sich wahrscheinlich so gefreut haben wie so mancher andere Athlet über eine Goldmedaille.

Bildbearbeitungsprogramm
Manchem Blog-Leser ist es vielleicht aufgefallen, dass ich mittlerweile Collagen in meine Bebilderung eingebaut habe. Collagen waren mir bereits längere Zeit in anderen Blogs aufgefallen. Die Abfolge von Bildern konnte dadurch noch strukturierter, feingliedriger, schöner, übersichtlicher, wirksamer gestaltet werden. Ich verwende Picasa von Google. Solche Collagen eröffnen mir nun auch ungeahnte Möglichkeiten der bildlichen Darstellung. Ich bin aber auch auf Blogs gestoßen, deren bildliche Darstellung noch weiter geht, wie z.B.  5 Bilder in einer Collage, wobei ein Bild genau in der Mitte steht. Oder z.B. dass Gesichter oder KFZ-Kennzeichen inkenntlich gemacht werden können. Oder z.B. dass das „C“-Zeichen für Copyright mit Blogbezeichnung hinterlegt werden kann. Es wäre schön, wenn Ihr mir mitteilen könntet, welche Bildbearbeitungsprogramme Ihr verwendet, ob diese kostenlos sind bzw. wie teuer diese Programme sind, sowie welche weiteren Gestaltungsmöglichkeiten diese Programme außer Collagen bieten.

Gestaltung des Wochenrückblicks
Praktisch jede Woche stelle ich mir die Frage, ob ich Themen für den Wochenrückblick habe, welche Themen dies sind und ob diese Themen auch Leser interessieren. Weil ich letztlich Themen finde, komme ich Woche für Woche zu der Erkenntnis, dass ein solcher Wochenrückblick Sinn macht und dass ich ihn nicht einstampfen sollte. Dabei habe ich den Wochenrückblick als eine Rubrik „Sonstiges“ definiert, die nicht in die längere Form meiner übrigen Blogs hinein passt. Um Themen für meine Blogs zu finden, sammle ich alle meine Ideen für potenzielle Blogs und schreibe sie auf. 



Diese Ideen entstammen eigenen Beobachtungen, was ich erlebt habe oder was ich andere habe erzählen hören. Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Radiosendungen – der Fundus ist eigentlich unendlich groß, ich muss es lediglich danach filtern, ob es erzählbar ist und ob ich Botschaften formulieren kann, die beim Leser ankommen könnten. Im Wochenrückblick landen im Endeffekt diejenigen Themen, die kürzer formuliert werden können. Wie in den übrigen Blogs – stellt der Wochenrückblick auch eine Dokumentation für mich selber dar, was geschehen ist, um es festzuhalten und nicht an das Vergessen-Werden zu übergeben. 

Freitag, 10. August 2012

amerikanischer Soldatenfriedhof in Henri-Chapelle / Belgien

Hinter der deutschen Grenze in Belgien angekommen, schwingt sich eine Landschaft aus Wiesen und Hecken über die unbewaldeten Höhen der Ardennen. Bei Henri-Chapelle, etwa 20 km westlich von Aachen, folgt die Straße einem Höhenzug, der sich über tief eingeschnittene Täler erhebt. Dann, linkerhand, weht auf einer Aussichtsplattform die amerikanische Flagge. Rechterhand, durch viereckige Säulen hindurch, öffnet sich der Blick auf die Einöde von weißen Kreuzen, so groß wie mehrere Fußballfelder. Diese gehören zu einem amerikanischen Soldatenfriedhof.



Die Kolonnade empfängt den Besucher.


In der Gedenkhalle werden die Verläufe der Schlachten gezeigt.





 Jedes Kreuz trägt den Namen des gefallenen Soldaten und seine Herkunft im Bundesstaat der USA.


Am 28. September 1944, kurz nach der Befreiung, wurde der Grundstein für den Soldatenfriedhof in Henri-Chapelle gelegt. Beigesetzt sind dort amerikanische Soldaten, die bei der Eroberung Belgiens gefallen sind. Am 21. Oktober konnte nach 6-wöchiger Schlacht Aachen erobert werden. Danach folgte die Ardennen-Offensive, in dessen Folge sich die gegnerischen Truppen 6 Monate lang aufrieben. Die bei dieser Schlacht gefallenen Soldaten sind dort ebenfalls beigesetzt. Der Soldatenfriedhof ist Mahnung, Erinnerung an eine schreckliche Geschichte, die sich nicht wiederholen soll. Nichts ist schlimmer, als dies verdrängen oder vergessen zu wollen.

Donnerstag, 9. August 2012

Urlaub am Bodensee - Teil 2


4.  Rheinfall Schaffhausen

Die Schweiz war mir schon immer suspekt. Eine Insellösung in Europa. Ganz anders wie die Niederlande oder Belgien, wo man ohne Zollkontrolle so eben über die Grenze huschen konnte. Wo hinter der Grenze alles lässiger wurde, das Treiben auf den Straßen einfacher und leichter. Dann erinnerten wir uns an einen Faktor 1,5: bei unserem letzten Bodensee-Urlaub hatten wir auf der anderen Seite des Sees in Romanshorn in der Schweiz das 1,5-fache wie in Deutschland gezahlt. Das war in einem Restaurant, in dem wir gerade ein paar Kleinigkeiten gegessen hatten, um den schlimmsten Hunger loszuwerden.

Auf dem Weg zum Rheinfall in Schaffhausen. Bietingen - das war das letzte Kaff vor der Grenze, bevor die Straße von einem Tunnel verschluckt wurde und dahinter der Zoll auf uns wartete. Ein LIDL mit einer Bäckerei und einer Metzgerei erlöste uns, denn unsere Vorräte in der Ferienwohnung waren nahezu aufgebraucht.

Wir deckten uns mit Mineralwasser ein. Äpfel und Bananen. Waffeln und Kekse. Ich orderte eine ganze Packung frisch gebackener Croissants zu 35 Cent das Stück. Dann breiteten wir uns in unserem geräumigen Leihwagen aus, wir stopften unseren LIDL-Proviant in uns hinein, bevor hinter dem Tunnel die Schweiz auf uns wartete.

Am Grenzübergang. Die beiden Zöllner mit ihren Uniformen aus einem steifen und angestrengten Blau  gestikulierten, diskutierten miteinander, winkten vorbei, stoppten, griffen wahllos Autofahrer heraus. Auf dem Parkplatz sichteten wir ein herausgewinktes Auto, dessen Kofferraum geöffnet war und das mit den Blicken des Zöllners in Einzelteile zerlegt wurde.

„Was führen Sie mit ?“
„Lebensmittel von LIDL … die haben wir kurz vor der Grenze eingekauft.“
„Wohin fahren Sie ?“
„Zum Rheinfall nach Schaffhausen.“
„Und anschließend ?“
„In unsere Ferienwohnung zurück.“
„Schönen Tag.“

Wahrscheinlich war es weniger meine Verdacht erregende Erscheinung, die dem Zöllner den Anlaß für das Gespräch lieferte, sondern meine erhöhte Sitzposition in dem Leihwagen, so dass wir uns auf Augenhöhe begegneten.

Die Vororte von Schaffhausen, ein Tunnelsystem, das sich wie ein Schweizer Käse in die Stadt gegraben hatte. Wir bogen ab, und im nächsten Ort waren die Bürgersteige aufgeräumt. Sauberkeit und Ordnung kamen mir suspekt, ja, sogar steril vor.

Der Rheinfall tobte in der Ferne. Parken. Hin, in einem der auf den Massenbetrieb abgestellten Boote den Rheinfall konsumieren, zurück in die Ferienwohnung – ein solches Erlebnis, das nur sekundenweise aufflammte und dann wieder weg war, das wollten wir nicht.

Zu Fuß wollten wir den Rheinfall erkunden. Die Rheinpromenade entlang, dann über Treppen hoch bis zu einer Aussichtsplattform.

Auf dem Weg dorthin lernten wir, dass wir mit unserer bösen Vorahnung Recht behalten hatten: die Preise für Snacks lagen in dem stark frequentierten Restaurant noch höher wie der Faktor 1,5. Die Preise waren eine Unverschämtheit – verursacht auch durch den direkten Blick auf den Rheinfall.  


Wir setzten unseren Spaziergang zum Rheinfall fort. Unterwegs konnten wir uns aus einer angemessenen Entfernung distanzieren zu dem wohl organisierten Massenbetrieb, der mit eigenen Nummerierungen und Farben die Routen der Boote auseinanderhielt: eins und gelb für eine Felsenfahrt, zwei und rot für eine Fahrt zur gegenüberliegenden Seite des Rheinfalls, vier und blau für eine kleine Rundfahrt, fünf und lila für eine Tour „Hören und staunen“. Es möchte mich bitte niemand fragen, was mit der Nummer drei los war.

Das Treppensteigen war gar nicht mal so anstrengend. Auf dem Weg zum Rheinfall plätscherte ein Mini-Wasserfall neben den scharf gezeichneten Betonstufen, der Ablenkung und Entspannung zugleich war. Ein steiles Stück Teerweg, kurz und heftig. Wieder Treppenstufen – und schon befanden wir uns auf der Aussichtsplattform.

Die volle Breitseite des Rheinfalls stand uns gegenüber. Das Wasser stürzte in die Tiefe hinab. Die Gischt war eine weiße, wabbelige Masse, energiegeladen, die wirbelte, in den Abgrund schoß und feinste Wassertröpfchen bis zu uns herüberwehte. Wir rümpften unsere Nasen, hielten uns am Geländer fest, demütig vor so viel Urkraft in der Natur, die sich hier nach Herzenslust austobte. In flacherem Ufer auslaufend, gönnte sich der Rheinfall direkt unter unserer Aussichtsplattform eine kurze Ruhephase, bevor er hinter einer Baumgruppe mit derselben atemberaubenden Leidenschaft abstürzte. In diese Moment waren wir froh, nicht in einem der Boote zu sitzen, denn sie drehten wieder ab, verschwanden, und der Rheinfall war nichts als eine kurze Episode. Wir konnten aber stehen bleiben, stundenlang, wenn wir gewollt hätten, das Brausen des Wasserfalls um uns herum und die unaufhörliche Bewegung, die Verwandlung in einen reißenden Strom. Nur die beiden Felsen in der Mitte hielten dagegen. Unumstößlich, reckten sie ihre Zacken in die Höhe. Graue Felsen stemmten sich gegen die Wassermassen. Auf der Spitze des einen Felsens wehte der rote Tupfer der Schweizer Flagge.


Bestimmt eine halbe Stunde ließen wir das Panorama auf uns wirken. Zurück zu unserem Auto, wo uns eine weitere Schweizer Eigenart erwartete. Das Parkticket bezahlen. Der Automat war nichts besonderes und hätte genauso in Köln, Bielefeld oder Berlin stehen können. Aber beim Einwerfen der Münzen war er starrsinnig: CHF. Für Schweizer Franken. An die Bequemlichkeiten des Euros gewöhnt, hatten wir kein Geld gewechselt. Doch, er nahm auch Euro. Die uns bekannten Euro-Münzen waren ein Stück weiter unten abgebildet, obschon beim Einwerfen der ersten Ein-Euro-Münze das CHF-Symbol nicht verschwand. Da der Automat nicht weiter reagierte, schloss ich, dass er Euros akzeptierte. Ich warf eine weitere Ein-Euro-Münze hinein, bis ich las, dass das Parken 6 CHF kostete. Ratend, wieviel Euro 6 CHF waren, schmiss ich fleißig weitere Euro-Münzen hinein. Bei sechs Euro war Schluss und der Automat spuckte mein Parkticket wieder aus. Sechs Euro Parkgebühr, das war ganz schön happig.

Wieder zurück nach Deutschland. Im nächsten Vorort von Schaffhausen stellte ich erstaunt fest, dass es in der Schweiz noch O-Busse gab, also Busse, die mit Strom aus einer Oberleitung fahren. Bei uns kann ich mich nur ganz düster an meine Kindheit zurückerinnern, dass es solche Busse in den 60er Jahren in Mönchengladbach gab.

Bei der Durchfahrt über die Grenze ging es diesmal lässig zu. Die deutschen Zöllner hatten die Hände in die Hosentasche gesteckt und winkten alles durch. 

5.  Kinderbauernhof

Wir haben den Kinderbauernhof „Reutemühle“ besucht, der hinter Überlingen im Hinterland des Bodensees liegt. In den Ställen des Gehöfts hausten Pferde und Kühe. Hinter dem Hof reihte sich Gehege an Gehege. Es gab ganz viel zu erkunden. Wege und Trampelpfade wurden länger und länger. Das Gelände war so weitläufig, dass wir uns wie in einem Zoo fühlten.








Ich habe viel gelernt. Dass es nicht nur Gänse gibt, sondern Graugänse, Kaisergänse, Streifengänse, gelbe Baumgänse oder Kanadagänse. Nicht weniger vielfältig ging es bei Ziegen und Schafen weiter: Quessant-Schafe aus der Bretagne, Walachen-Schafe, Moorschnucken, Romanov-Schafe, Coburger Fuchsschafe, Rave-Ziegen, Antwerpener Bart-Ziegen, Pfauenziegen, Angora-Ziegen grasten auf den Weiden. Natürlich ließ sich so manches Tier auch streicheln. Selbstverständlich waren auch Haustiere dabei. Katzen wohnten in einem eigenen, richtig großen Haus. Meerschweinchen gesellten sich zu Schildkröten und wurden mit Salat gefüttert. Der Tag auf dem Kinderbauernhof war ein unvergessliches Erlebnis.

6.  Leihwagen von Europcar

Es war ein Ladenlokal wie jedes andere. Auf der Straße hinter dem Hauptbahnhof von Friedrichshafen wechselten Wohnhäuser und Büros. Schnörkellos, im 50er-Jahre-Stil, setzte alleine ein wuchtiger, dreigeschossiger Bürokomplex Akzente, der sich vom blassen Eindruck der übrigen Straße abhob. Wahrscheinlich hätte ich mich dumm und dusselig gesucht, wenn nicht das grüne, viereckige Schild mit dem Schriftzug „Europcar“ selbstbewusst den Bürgersteig überragt hätte.

An die Rezeption. Lamellen dämpften das kräftige Sonnenlicht, das durch die Glasfront herein fiel. Eine Klimaanlage sorgte bei der Hitze für erträgliche Temperaturen.
„Sie stehen hier im absoluten Halteverbot.“
„Weiß ich. Ich kenne mich hier Friedrichshafen nicht aus, wo Sie Ihre Wagen stehen haben.“
„Geben Sie uns den Schlüssel, das machen wir für Sie …
… vollgetankt ?“
„Ja.“
„Zufrieden ?“
„Klar. Ist jedes Mal ein schönes Gefühl, mit einem 9-Sitzer fahren zu können.“
„Prima. Die Abrechnung schicken wir Ihnen nach Hause.“

Der Mitarbeiter mit der hohen Stirn verabschiedete uns in akzentfreiem Hochdeutsch.

Seit 2003 disponieren wir unsere Urlaube so, dass wir uns ein ausreichend großes Auto mieten. Zu Hause fahren wir einen VW Vento, dessen Kofferraumgröße für unsere Belange zu Hause genügt. Ein Urlaub soll stressfrei beginnen, vor allem beim Einpacken von Koffern und sonstigen Utensilien, was wir alles im Urlaub brauchen, ins Auto. Daher mieten wir ein Auto mit einer entsprechenden Größe, speziell für den Urlaub.

Wir kennen sehr viele Freunde, die besitzen einen Van und benötigen die Größe nur für den Urlaub oder zwei bis dreimal jährlich, wenn etwas Sperriges im Baumarkt eingekauft wird. Die übrige Zeit des Jahres fahren sie mit einem leeren, übergroß dimensionierten Auto durch die Gegend. Und das kostet. Gebraucht, vielleicht zwei bis drei Jahre alt, zwanzig- bis dreißigtausend Kilometer gefahren, geht unter 25.000 € kaum etwas. Erstens müssen diese finanziert werden und zweitens werden diese wieder aufgezehrt, wenn der Wagen gefahren wird. Eine Nutzungsdauer von 15 Jahren angenommen, verliert ein solcher Van jährlich rund 1.600 € an Wert. Demgegenüber verliert unser VW Vento, den wir gebraucht für 4.000 € gekauft hatten, jährlich 280 € an Wert. Was so eine Finanzierung von 25.000 € kostet oder welche weiteren variablen Kosten entstehen (Inspektionen, Reparaturen … ), habe ich nicht einmal betrachtet .

Ein Leihwagen kostet bei Europcar:


Preis inklusive ADAC-Rabatt 10%

1 Woche
2 Wochen
VW Touran (oder Opel Zafira … )
255 €
495 €
VW Sharan
375 €
740 €
VW Caravelle (9 Sitzer)
495 €
986 €

Die Leihwagen sind flammneu, von innen wie geleckt. Da nicht verfügbar, haben wir sogar oftmals eine noch größere Klasse zur Verfügung gestellt bekommen. Ausland ist auch unkritisch: im letzten Jahr sind wir mit einem 9-Sitzer bis nach Spanien an die Costa Brava gefahren. Wir finden, dass sich ein solcher Leihwagen bei einmal Urlaub im Jahr dicke rechnet.

Mit insgesamt sechs Personen waren wir in diesem Jahr mit einem Merzedes Benz Vito (9 Sitzer) unterwegs. Abholung in Bonn, sechs Tage Nutzung, Rückgabe in Friedrichshafen. Danach waren wir eine Woche mit dem Schiff am Bodensee mobil. Zur Rückfahrt erneute Anmietung in Friedrichshafen.

Welchen Wagen-Typen uns Europcar im einzelnen zur Verfügung stellt, das ist jedes Mal ein prickelndes Gefühl. Anspannung, auch ein bisschen Nervosität ist dabei. Wie kommen wir mit der Bedienung klar ? Die PKW-Typen sind schon einmal anders: Volkswagen, Merzedes Benz Vito, Opel Zafira, Renault Scenic … Wo sich welche Instrumente befinden, damit sind wir früher oder später klar gekommen. Eine besondere Herausforderung mit einem besonders tollen Fahrgefühl sind jedes Mal die 9-Sitzer. In diesem Jahr sollte unsere Ferienwohnung für einen gewissen Nervenkitzel sorgen.

Die 9-Sitzer sind groß und haben Volumen. Das merkt man beim Einparken, Wenden, Drehen, an engen Stellen. Zum Teil muss man höllisch aufpassen, nirgendwo anzuecken. Unsere Ferienwohnung befand sich in einem von zwei großen Ferienhäusern, die insgesamt aus 19 Ferienwohnungen bestanden. Wer mit dem Auto anreise, bekam einen eigenen Parkplatz mit einer eigenen Nummer zugeteilt. Wie der Zufall es wollte, lag unser Parkplatz genau am anderen Ende des Hofes. Und der Weg dort hin war nicht unspannend. So wie die anderen Parkplätze bestückt waren, mussten wir mit unserem Merzedes-Benz Vito zunächst an einem feuerroten Ford Fiesta vorbei, auf dessen Fahrradträger sich an manchen Tagen Mountainbikes in die Hofzufahrt hineinschoben. Es folgte ein Ford Galaxy, der mit seinem klotzigen Volumen nur eine enge Gasse zum Zugang zur Rezeption ließ. Manchmal war nur noch eine handbreit Luft zwischen einem Regenfallrohr an der Hauswand und dem Seitenspiegel. Dann kam eine Drehung nach links um 90 Grad, anschließend dieselbe Drehung nach rechts. Linkerhand parkte des öfteren ein Merzedes mit einem Steilheck, der dem Inhaber der Ferienwohnungen gehörte. Bei dem gegenüberliegenden Ferienhaus, in dem wir übrigens mit einem wunderschönen Seeblick wohnten, war auf Geranienkübel zu achten, die ungefähr auf Dachhöhe unseres Leihwagens vom Balkon herunterhingen. Zudem wucherte von der Ecke des Ferienhauses irgendeine rankende Pflanze herunter, die wir jedes Mal streiften. Dabei war nicht genau abmessbar, was noch rankendes Gewächs war und wo die Häuserwand begann. Die sich anschließende Hoffläche war unkritsch mit Ausnahme eines Fahrradgepäckträgers, der zu einem Ford Mondeo gehörte und von dessen Heck aus in den Hof hineinragte. Das war genau die Stelle, an der ich unseren Merzedes Benz Vito drehte, um rückwärts in unseren Parkplatz einzuparken. Für das Drehmanöver suchte ich mir dann das Auto vor oder hinter dem Ford Mondeo, um für die Rückwärtsfahrt das Lenkrad einzuschlagen. Dafür musste ich aber schärfer rückwärts drehen, um genau den richtigen Winkel zu justieren, um rückwärts unsere Parklücke zu finden. Der Einparkvorgang war übrigens noch das einfachste Manöver, denn wir waren mit zwei Familien angereist und hatten zwei Parkplätze direkt nebeneinander. Wenn ich eingeparkt hatte, war ich jedes Mal in Schweiß gebadet. Ich nutzte aber die allgemeine Weisheit, dass sich Menschen kaum verändern. Daher veränderten sich die Parkpositionen der einzelnen Autos auch kaum. Schritt für Schritt, Auto für Auto, lernte ich mit den Tücken der Hofeinfahrt umzugehen.

Als wir bei Europcar den Wagen für die Rückfahrt abholten, war ich nicht mit dabei. Als der Rest meiner Familie zu Hause angekommen war, bin ich vor Neid erblasst. Das muss ein wunderschönes Fahrvergnügen gewesen sein. Wir hatten einen VW Sharan reserviert. Bekommen hatten wir einen VW Multivan. Der war so groß wie der VW Caravelle (oder der Merzedes Benz Vito). Mit Ledersitzen. Mit einem kleinen Tisch in der Mitte. Mit Navigationsgerät. Am Sonntag habe auch den VW Multivan fahren können – wir haben einen Ausflug gemacht. Das war ein himmlisches Gefühl.