Donnerstag, 1. Dezember 2011

Theater van het sentiment 17.11.1973


Abends auf dem Sessel die Beine hochlegen. Kein Fernsehen, sondern Radio hören. Zum Glück gibt es Internet-Radios, mit denen man Sender aus der ganzen Welt hören kann. Hängen geblieben war ich in den Niederlanden – Radio 2. Die Sendung hieß „Theater van het sentiment“, sie dauerte 3 Stunden und befasste sich mit einem bestimmten Datum – an diesem Datum gab es eine Zeitreise x Jahre zurück in die Vergangenheit. Am 17. November führte die Zeitreise in das Jahr 1973, also 17.11.1973.

Ende 1973, da war ich 14 Jahre alt, ich ging in das Gymnasium in Erkelenz in die 9. Klasse. Diese nannte sich damals Untersekunda, Freunde hatte ich kaum. Mit Höhen und Tiefen bewegte ich mich durch die Unterrichtsfächer, meistens im 2er- oder 3er-Notenbereich.

Die Sendung begann mit den Stücken: „Flashback“ von Paul Anka und „Sorrow“ von David Bowie. Ende 1973 hatte ich mir in meinem Kinderzimmer meine eigene Welt aufgebaut, die hermetisch abgeschlossen war und zu einem großen Teil aus Musik-Hören bestand. Ich hörte WDR2 oder BFBS, doch die Musik auf Hilversum3 – ich wuchs 4 Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt auf – war einiges besser, rockiger, leidenschaftlicher, temperamentvoller. Endlos ließ ich mich berieseln, ich schrieb die englischsprachigen Texte mit, ich entwickelte mich zu einem Hitparaden-Sammler. Mit meinen Phantasien und Gedanken tauchte ich in diese Welt ab.

Es liefen “Goodbye Yellow Brick Road” von Elten John und “Mind Games“ von John Lennon, Who’s that Lady von den Isley Bothers und Harmony von Ray Connor. Der Moderator Cobus Bosscha leitete zum Motto dieses Abends über: die insgesamt 7 autofreien Sonntage in den Niederlanden. 1973, nach der anti-arabischen Haltung der Europäer im Jom-Kippur-Krieg, den Israel gegen Ägypten gewann, wurden die europäischen Staaten mit einem Öl-Embargo abgestraft, so dass Benzinknappheit herrschte.  In Deutschland waren es 4 autofreie Sonntage, in den Niederlanden waren es 7. Zuhörer konnten sich melden und ihre Geschichten erzählen, die sie an den 7 autofreien Sonntagen erlebt hatten. Solche Remember-Sendungen gibt es heutzutage auch auf deutschen Radiosendern – aber bei weitem nicht so dicht, zentriert auf ein Motto und mit eigenen Hörererlebnissen wie in „Theater van het sentiment“.

Nach den Stücken „Whos’s that Lady“ von den Isley Brothers und „Harmony“ von Ray Connor meldeten sich die ersten Hörer und erzählten ihre Geschichten: Die Leere der Straßen hatten sie durchweg positiv in Erinnerung. Man fuhr auf Rollschuhen, auch die Fahrradfahrer konnten sich mit aller Begeisterung auf den Straßen austoben. Größere Gruppen von Reitern auf Pferden nutzten die leeren Straßen. In Gelderland hatte man Rundwanderungen ausgeschildert. Ausgangspunkte der Wanderungen waren Ausflugslokale oder Pfannkuchen-Restaurants, die mit Sonderangeboten lockten. Nach der Wanderung kehrte man in eines der Cafés oder Restaurants ein, und dort war es rappelvoll und gemütlich.

Ob mit oder ohne Auto, auf die Gestaltung der Sonntage hatte dies bei uns zu Hause keinen Einfluss. Ende 1973, das war noch die Phase, in der mein Bruder und ich jeden Sonntag Nachmittag mit unseren Eltern spazieren gehen mussten. Diese Spaziergänge habe ich in unendlich verbohrter und langweiliger Erinnerung. Das war meistens immer dieselbe Runde durch den Wald hinter unserem Dorf. Die einzige Abwechslung beim Spazierengehen war, dass wir nicht die Runde durch den Wald, sondern durch die Felder drehten. Wenn wir einmal ganz ausnahmsweise mit dem Auto wegfuhren, dann wiederum, um spazieren zu gehen. (Anmerkung: meine Eltern muss ich entschuldigen, denn in der Ferienzeit haben wir auch einiges unternommen). Diese exzessiven Spaziergänge sollten aber 1974 ein Ende finden,  denn dann begann ich Fußball zu spielen und die Sonntage wurden fortan über den Fußball festgelegt.

Die Stücke „Angie“ von den Rolling Stones und „Just you and me“ von Chicago leiteten zum damaligen politischen Tagesgeschehen über. In Griechenland herrschte eine Militärdiktatur, und im November 1973 gab es, ausgehend von der Universität in Athen, Studentenunruhen gegen die Militärdiktatur. Diese wurde mit Panzern niedergeknüppelt, wobei es 23 Tote gab. Der damalige niederländische Auslandskorrespondent in Greichenland beschrieb, was er damals erlebt hatte. Nach diesen Unruhen wurde 1974 die griechische Militärdiktatur gestürzt. Fast zeitgleich stürzten 1974 bzw. 1975 die Militärdiktaturen in Portugal und Spanien. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, dass in Südeuropa bis vor 36 Jahren Diktaturen fest etabliert waren.

Ich öffnete einen Valpolicella, goß in das dickbauchige Weinglas ein, der Rotwein zerlief zwischen meiner Zunge. Ich hörte „The Joker“ von und „Down by the Lazy River“ von den Osmonds. Auf dem Gymnasium hatte ich Ende 1973 einen Durchhänger. In den zentralen Fächern Englisch und Mathematik kam ich schlecht mit den Lehrern klar, schlimm war auch mein Klassenlehrer in Deutsch und Sport. Er war ein Giftzwerg, klein, schmal, mit einem Seemannsbart wie Captain Ahab. Bevor er Lehrer war, war er Zeitsoldat bei der Bundeswehr gewesen. Dies prägte seinen Stil, denn es wurde wenig diskutiert, sondern angeordnet. Was wir im Unterricht lasen, damit wusste ich überhaupt nichts anzufangen – wie etwa „Der Jasager und der Neinsager“ von Bertolt Brecht, „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller oder „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann. Bei dem letzten Stück ordnete er an, dass wir alle ins Theater gehen mussten. „Die Ratten“ wurde gerade im Mönchengladbacher Theater aufgeführt. Er dämpfte über mehrere Jahre hinweg mein Interesse an deutscher Literatur. Erst in den 80er Jahren fand ich wieder Zugang zur deutschen Literatur. Aber noch heute liegen mir z.B. französische Autoren wie Camus oder Balzac näher wie Goethe oder Schiller.

Die nächsten Stücke waren „Photograpes and Memories“ von Jim Croce, „Wovoka“ von Redbone, „Wonderful“ von Colin Blunstone. Diese Stücke wurden weder damals bzw. werden weder heute in einem deutschen Radio-Sender gespielt. Was in niederländischen Radiostationen gespielt wurde, wurde zu Beginn der 70er Jahre von Piratensendern wie Radio Veronica, Radio Noordzee oder Mi Amigo beeinflusst – vor allem mit den rhythmusbetonten und aggressiveren Elementen britischer Rockmusik. Dazu kam eine vielfältige Musikszene in den Niederlanden mit Gruppen wie Shocking Blue, Golden Earring oder Jan Akkerman, die sich im Vergleich zu damaligen Deutsch-Rock-Gruppen viel stärker etablieren konnten. Die Musikprogramme auf niederländischen Sendern sind damals und heute vielfältiger, tendenziell rockiger und weniger vom Mainstream der Hitparaden bestimmt. Daher ist die Schnittmenge, welche Musik auf den deutschen Sendern wie WDR, SWR und HR zu hören ist, eher klein.

Nach den Stücken „I’m the one“ von den Who und „The Day that Curly Billy shot down Crazy Sam McGhee“ von den Hollies hörte ich zu, was weitere Hörer an den autofreien Sonntagen Ende 1973 erlebt hatten. Ein Blinder berichtete, dass die Welt einen vollständig anderen Klang annahm. Die stillen Momente nahmen zu, und Störgeräusche wie den Autoverkehr brauchte er nicht mehr herauszufiltern. Was er wahrnahm, wurde reiner, seine Sinnesorgane fanden sich besser zurecht. Irgendwo mitten in den Niederlanden fand an einem Samstag eine Beerdigung statt. Die Verwandtschaft verteilte sich aber in alle Ecken der Niederlanden. Viele versäumten es oder schafften es nicht, die Sondergenehmigungen einzuholen. Manche nahmen ein Taxi, manche die Eisenbahn, und manche kamen sogar erst an, als die Beerdigung bereits vorbei war. In einer Familie entspannten sich die Wochenenden. Etwa 100 km entfernt wohnten die Schwiegereltern, die in einem festgelegten Zeitrhythmus besucht werden mussten. Streitsituationen und Spannungen fielen weg, die Familie konnte unbeschwerter die Wochenenden genießen.

Es folgten „Lyrics“ von Kajak, „Helen Wheels“ von den Wings und „Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd, danach weiteres Tagesgeschehen vom November 1973. Kaffee aus Angola wurde boykottiert, um über die Röstereien und Konzerne faire Preise für das Entwicklungsland zu erzielen. In Amsterdam wurden große neue Museen eröffnet – das nationale Schifffahrtsmuseum und das van Gogh-Museum. Im Fußball gab es das entscheidende Qualifikationsspiel Niederlande gegen Belgien. 0:0 endete das Spiel, und die Niederlande konnten dank des besseren Torverhältnisses an der Fußball-WM in Deutschland 1974 teilnehmen.

Dann eine überraschendes Variante der Musik: Boudewijn de Groot mit „Parijs, Berlijn, Madrid“. Er sang auf niederländisch, spielte als Liedermacher lediglich auf der akustischen Gitarre. Er sang, dass er in Madrid noch ein paar Schuhe stehen hatte, in Paris ein Korb voll Wäsche mit seinem Lieblingshemd drin und in Berlin einen Koffer. Also musste er zu diesen Hauptstädten reisen, um seine Dinge zusammen zu sammeln. Mit dem Zug fuhr er zu seinem Ziel in Madrid, und davor sammelte er seine persönlichen Dinge in Berlin und Paris ein. 

Ik heb nog twee schoenen in Madrid
Waarvan een paar dat me prima zit
En soms denk ik, ik neem de trein
Om weer eens in Madrid te zijn ...

Auf Niederländisch, lief mir dieses Stück den Rücken herunter. Wort für Wort ließ ich auf mich wirken. Das Wechselspiel zwischen harten und weichen Lauten im Niederländischen wirkte intensiv. Das Stimmungsbild war sehr dicht, wie seine persönlichen Sachen von Hauptstadt zu Hauptstadt reisen.

Ich trank einen tiefen und langen Schluck Rotwein, währenddessen klang die Radiosendung aus mit den Stücken „Love my Music“ von Loggins & Messina, „D’yer Maker“ von Led Zeppelin und „Rambling Man“ von den Allman Brothers. Der Moderator Cobus Bosscha hatte mich mitgerissen, auch er hatte seiner Begeisterung vollen Lauf gelassen, in dem er einzelne Musikpassagen aus voller Brust mitgesungen hatte. Die Sendung mit dem Tag 17.11.1973 habe ich mir in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen und in meinen Erinnerungen herumgeschwelgt.

Für diejenigen Blog-Leser, die die Ausdauer gehabt haben, dieses lange Machwerk von Text durchzulesen: Sie können hineinhören in das auch in Deutschland bekannte Stück aus November 1973: Sebastian von Cockney Rebel:


Dienstag, 29. November 2011

Hänneschen

Unsere Wege kreuzten sich kurz, genau gesagt, zwischen den Straßenbahnhaltestellen Köln-Deutz und Heumarkt. Auf der Deutzer Brücke schauten wir auf das Postkarten-Panorama von Köln: im Mittelpunkt der Kölner Dom mit seiner alles überragenden Größe; davor, nicht weniger beeindruckend, St. Martin mit seinem viereckigen Kirchturm; im Vordergrund ankerten die Ausflugsschiffe der Köln-Düsseldorfer.

Nachdem einige Fahrgäste in Köln-Deutz ausgestiegen waren, hatte sich eine Frau neben unsere Kleine gesetzt. Ihre dunkelbraunen Augenbrauen hoben sich scharf von ihrem grauen, kurzen Haar ab. Unvermittelt wanderte ihr Blick zu unserer Kleinen hinüber.
„Schöne Haare hast Du“ sagte sie zu unserer Kleinen und meinte ihre beiden sorgfältig geflochtenen Zöpfe.
„Ich gehe schon in die Schule.“
„Unsere Tochter ist schon groß. Sie studiert in Köln. Und was machst Du in Köln ?“
„Ich gehe ins Hänneschen Theater.“
„Was wird dort gespielt? Ein Weihnachtsmärchen ?“
„Ja“. bestätigte unsere Kleine.

Am Heumarkt, aus der Straßenbahn ausgestiegen, verloren sich unsere Wege. Die Frau traf eine andere Gruppe, blieb an der Haltestelle stehen und quasselte. Wir schoben uns über den Heumarkt. Über den Weihnachtsmarkt mit den Freßbuden und dem Kinder-Riesenrad, bis wir am Hänneschen-Theater ankamen. 

Vorhang auf, hieß es um 15 Uhr. Hänneschen und Bärbelchen fegten über die Bühne, und schnell entwickelte sich der bodenständige, Kölsche Humor: Tünnes mit seiner behäbigen und langsamen Art, Schäl auf seinen eigenen Vorteil achtend und Intrigen suchend, Speumanes mit seiner vom Spucken durchdrungenen Sprache. Schnell krümmten wir uns vor Lachen. Dabei zeichnete sich in Knollendorf eigentlich eine Katastrophe ab. Sonne und Mond spielten verrückt und gingen auf und unter, so wie sie lustig waren. Wenn die nächtliche Ruhe fehlte, hatte niemand mehr Lust, Weihnachten zu feiern. Die Eule Eulalia wies Hänneschen und Bärbelchen den Weg in den Himmel, wo die Engel und der Weihnachtsmann genauso beim Geschenke-Einpacken durcheinander gerieten. Sie gaben Bärbelchen und Hänneschen den entscheidenden Tipp: beim Eremiten Pendulus stand eine Wetteruhr, die bestimmt verrückt spielte. Wieder auf der Erde angekommen, fanden Hänneschen und Bärbelchen gemeinsam mit dem Sternenputzerengelchen Blinki in einem Waldstück Pendulus. Tatsächlich, im Uhrwerk der großen Wetteruhr hatte sich ein Mäusenest eingenistet, und nachdem die Mäusefamilie befreit war, zeigte die große Wetteruhr wieder die richtige Uhrzeit. In Knollendorf gingen fortan Sonne und Mond wieder zur richtigen Zeit auf, und es konnte Weihnachten gefeiert werden.

In Knollendorf versammelten sich alle um den großen Weihnachtsbaum und sangen ein Weihnachtslied:

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ist geboren:
Freue, freue dich, o Christenheit!

In diesem Moment war die Vorweihnachtszeit bei mir angekommen. Das war rührend gespielt, eine schöne Geschichte, und im Theater sang eine überwältigende Anzahl von Besuchern mit. Ab diesem Moment würde ich mit einem anderen Blickwinkel über Weihnachtsmärkte gehen, nicht nur diese Ansammlung von Freßbuden oder die Warteschlangen vor den Glühweinständen sehen. Ich spürte, dass sich etwas in meinen Inneren regte, zu so einer Art von Kern des Weihnachtsfestes zu gelangen.

Als wir das Hänneschen-Theater verließen, turnte unsere Kleine prompt auf dem Millowitsch-Denkmal herum. Wir holten sie wieder herunter, damit nichts schlimmes passierte, ihr linker Arm war ja schließlich schon in Gips. Wir erzählten ihr von Willi Millowitsch. Dass er nicht mehr lebte und ein bekannter Kölner Volksschauspieler war. Kölsche Identität, ein Kölner Original. Wir schlenderten weiter, und mit der Straßenbahn ging es nach Hause zurück.

Montag, 28. November 2011

Advent, Advent, die erste Kerze brennt ...

Wenn ich auf das Kerzenlicht schaue, habe ich ein mulmiges Gefühl, eine Ungewissheit und Anspannung, vieles kreist um die nächsten Wochen bis Weihnachten.

Was alles zu erledigen ist. Jedes Jahr lerne ich aufs Neue, dass die Anzahl von Erledigungen und Besorgungen in der Vorweihnachtszeit explodiert. Wunschzettel und Weihnachtsgeschenke schreiben wir als Liste herunter und haken diese ab. Die Weihnachtsfeiern, an denen wir gerne teilnehmen, häufen sich: mit der Tanzgruppe unserer Kleinen in Köln-Porz; in Köln mit den Arbeitskollegen, dann noch mit einem früheren Arbeitskollegen; mit dem VHS-Kurs in Siegburg; Adventsbasar in der Grundschule. Bei der Weihnachts-Deko habe ich jedes Jahr das Problem, sie zeitnah an der richtigen Stelle aufzuhängen. Je mehr sich Weihnachten nähert, um so mehr knubbeln sich die Aufräum- und  Putzaktionen. Von der vielbeschworenen Besinnlichkeit in der Adventszeit vermag ich wenig zu spüren. Zeit, um beispielsweise über den Bonner Weihnachtsmarkt zu bummeln, müssen wir uns freischaufeln.

Den Überblick behalten. Damit wir einen vernünftigen Weihnachtsbaum bekommen, der nicht krumm und schief ist, der weder zu hoch noch zu klein ist, der nicht schon nach ein paar Tagen Berge von Nadeln verliert. Damit die Kinder einen Adventskalender haben und etwas vom Nikolaus geschenkt bekommen. Damit die Situation ausbleibt, dass wir Heiligabend eine halbe Stunde vor Geschäftsschluss noch in einer Buchhandlung ein fehlendes Weihnachtsgeschenk abholen müssen. Bis zum Weihnachtsfest, da müssen wir noch so manches organisieren, disponieren, regeln, besorgen, machen, tun.

Dieses mulmige Gefühl, das mich beim Brennen der ersten Kerze überfällt, wird spätestens mit der Bescherung vorbei sein. Schenken und beschenkt werden, das haben wir in jedem Jahr gerne gemacht. Und wir haben uns dabei glücklich gefühlt. 

Sonntag, 27. November 2011

16 Beutel Plätzchen


… haben wir für den Mondorfer Weihnachtsmarkt gebacken, für den Stand des Fördervereins für integratives Wohnen.

Wir haben beschlossen, dass in diesem Jahr 16 Beutel reichen. Der Freitag lag quer, war mit unserer Kleinen vollgequetscht: morgens in die Kinderklinik nach St. Augustin, gebrochenen Arm neu eingipsen, nachmittags zum Adventsbasar in die Grundschule, abends klagte sie über Schmerzen.

Wir sind nicht mehr so verbissen wie in den vergangenen Jahren. Letztlich kommen die Plätzchen meinem Schwager Udo zugute, über den Förderverein, der finanziell Anschaffungen und die Unterkunft im Behindertenwohnheim unterstützt. In anderen Jahren hatte es werktags schon mal abendfüllende Aktionen gegeben: Backblech für Backblech hatten wir in unseren Ofen geschoben, und wir hatten so viel Teig vorbereitet, dass dies Zeit kostete, bisweilen bis Mitternacht. Danach war ich so aufgedreht, dass ich noch 1-2 Glas Wein trank, zur Arbeit musste ich am nächsten Morgen um 6 Uhr aufstehen, mein Rhythmus war danach durcheinander geraten.

Heute, an einem Samstag um die Mittagszeit, haben wir in entspannter Atmosphäre Plätzchen gebacken. Etwa 3 Stunden lang haben wir gebacken, Backblech für Backblech in unserem Ofen. Unsere Kleine hat beim Backen sogar geholfen: den Schwengel an unserem Fleischwolf hat sie gedreht, gestaunt hat sie, wie das Spritzgebäck die geribbelte Form gebildet hatte, als alles am anderen Ende des Fleischwolfs herausglitt. Und ganz groß schauten ihre Kinderaugen, als wir die goldbraun gebackenen Plätzchen aus dem Backofen herausgenommen haben. Als die 16 Beutel fertig waren, haben wir uns noch eine Tasse Kaffee getrunken.

In den nächsten Wochen, da werden bestimmt nochmals Plätzchen gebacken, nämlich für uns selbst. Und ein Haufen, so groß wie 16 Beutel, wird da bestimmt ausreichen ….

Donnerstag, 24. November 2011

Niedrigwasser auf dem Rhein

Nach verrichtetem Tagewerk hat sich die Sonne zurückgezogen. Auf der Rheinuferpromenade kriecht eine Gruppe von Rentnern auf ihren Fahrrädern vorwärts; ohne zu treten, lassen sie ihre Beine baumeln und den Tag ausklingen. Ein Spaziergänger lässt die Szenerie auf sich wirken: über das Geländer gebeugt, in der herunterhängenden Hand eine Zigarette, pustet er in langen Stößen den Zigarettenqualm aus dem Mund. Auf dem anderen Rheinufer mischt sich ein zarter Schleier von Himmelsrot in das gedämpfte Himmelsblau hinein.

Seit Monaten hat es nicht mehr geregnet, und der Rhein zeichnet nur noch eine schmale Fahrrinne. Den Möwen ist das egal. Sie ziehen ohnehin ihre Kreise. Sie staksen mit ihren schmalen Beinen im Wasser herum, flattern auf und ballen sich zu großen Schwärmen zusammen, um sich anschließend auf die Hungersteine zu verteilen, die aus dem Rhein herausragen. Die Hungersteine scharen sich bisweilen zu regelrechten Inseln zusammen und haben sich im Rhein fest etabliert.

Gelassen und mit Demut fließt der Rhein dahin. Die Wellen treiben ihr Spiel auf kleinerem Raum; Uferpartien haben sich in das Flussbett hineingeschoben. Der zurückgedrängte Rhein schafft neue Räume für Aktivitäten. Ein Hund genießt es, über die holprigen Steine laufen zu können. Am Rhein angekommen, rekelt er seinen Kopf ins Wasser hinein und schüttelt ihn aus wie einen nassen Schwamm. Sein Herrchen stolpert über die Steine hinterher, er pfeift, der Hund gehorcht. Dann nimmt der Hund wieder seine Spur auf, immer den Rhein entlang ....

Mittwoch, 23. November 2011

1 €-Krimi

Meine Frau hatte mir aus einem Räumungsverkauf in der Bonner Fußgängerzone einen Kriminalroman mitgebracht; bei der Räumung waren nur noch kümmerliche Restposten übrig geblieben; 1 € kostete der Kriminalroman.


Der Kriminalroman spielt in Havanna. Die Lösung des Falls und die Suche nach dem Mörder habe ich beim ersten Lesen nicht verstanden, weil der Roman permanent überladen ist mit lauter Abscheulichkeiten, Hässlichkeiten und Brutalitäten. Der Roman beginnt mit einer Szene, dass ein Grab geöffnet wird, in dem drei Leichen voller Maden und Insekten nur so wimmeln und der Leichengestank alles überlagert. Die Brutalitäten setzen sich fort, wie gemordet wird: ein Mordopfer wird mit einem Buschmesser zerlegt, die Knochen frisst anschließend der Hund; einem anderen Mordopfer wird die Kehle durchgeschnitten, zusätzlich die Zunge abgeschnitten, die dann mittels einer Stecknadel auf die Brust geheftet wird.


Beim zweiten Lesen habe ich festgestellt, dass die Lösung des Falls eigentlich einfach ist. Der frühere Mafia-Boss Alex Varga, der den Fall recherchiert, besitzt eine leere Grabstätte, die außer ihm niemand kennt. Dort werden drei Leichen gefunden. Dank seiner früheren Kontakte recherchiert er in der Drogen- und Prostituiertenszene und wird fündig: ein Spanier und ein Gehilfe mit seiner Schwester vertreiben Drogen in die USA. Als sie ihre Abnehmer mit gestreckten Drogen von schlechterer Qualität betrogen haben, werden sie von Hintermännern ihrer Abnehmer ermordet. 


Trotz – oder vielleicht gerade wegen – all der Abscheulichkeiten, Hässlichkeiten und Brutalitäten ist die Sprache griffig und anschaulich. Die Sprache gleitet zwar allzu oft in eine milieubehaftete Fäkaliensprache ab, doch insgesamt ist sie authentisch, dicht, intensiv; der Roman ist kurzweilig und gut zu lesen.

Im Vorwort betont Amir Valle, dass der Kriminalroman auf wahren Begebenheiten beruht. Und das ist das eigentlich schlimme, dass die Zustände in Kuba – insbesondere in Havanna – katastrophal sind. Er beschreibt, dass Häuser einstürzen, weil Geld zum Renovieren fehlt und dass Menschen unter diesen eingestürzten Häusern begraben werden. Straßen sind zu einem großen Teil unpassierbar, weil sie voller unreparierter Schlaglöcher sind. In den Gefängnissen bricht die Wasserversorgung immer wieder zusammen, so dass die sanitären Anlagen eine einzige Kloake sind. Er beschreibt, dass Drogenhandel und Prostitution der einzige nennenswerte Wirtschaftsfaktor sind, weil es ansonsten keine überlebensfähigen Industrien gibt. Amir Valle beschreibt zudem – unabhängig von der Lösung seines Falls – innerhalb der Drogen- und Prostituiertenszene eine Vielzahl von Morden, die ich nicht gewagt habe zu zählen. 


Beim Lesen des Romans ist mir bewusst geworden, dass der Quantensprung in die Karibik mit der Nischenexistenz von Kuba nicht meine Welt ist. Bei Kriminalromanen bin ich bodenständiger, etwa bei Jacques Berndorf in der Eifel oder bei Henning Mankell in Schweden. Valle hat dieses Buch 2003 geschrieben. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit sich seitdem der Kubas Steinzeit-Kommunismus geöffnet hat und der Bevölkerung vielleicht Perspektiven geboten werden können.

Dienstag, 22. November 2011

Udos Geburtstag

… haben wir in diesem Jahr das dritte Mal bei uns zu Hause gefeiert, seitdem wir in unser größeres Haus umgezogen sind. Udo, mein Schwager, ist geistig behindert, er wohnt in einem Wohnhaus für Behinderte, in der Behindertenwerkstatt montiert er Lampen.
 
Es war gegen 15 Uhr, als Udos Geburtstagsgäste hereintrotteten, einer nach dem anderen. Alleine oder zu mehreren wurden sie von ihren Eltern gebracht – wobei sich die Eltern abgesprochen hatten, wer wen mit welchem Auto mitnahm und wer wen zurückbringen würde. Im Flur begrüßten sie sich, im Wohnzimmer sammelten sie sich, wo Udo seine Geschenke auspacken durfte: eine große Kaffeetasse, einpackt in Klarsichtfolie mit Sternchenmuster, ein Duschgel mit Granatapfel-Extrakten, ein Deodorant, ein dunkelrotes Sweat-Shirt, Gutscheine und vieles mehr. Udo strahlte.

Seine Geburtstagsgäste, die Udo eingeladen hatte, kannten sich über verschiedene Behinderten-Treffen. Alle waren Mitte 40 und hatten sich über Jahrzehnte hinweg zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengeschlossen. Gegenseitig luden sie sich zu den Geburtstagen ein, einmal monatlich wurde gekegelt. Weitere Aktivitäten koordinierten die Kirchen – das waren unsere Kirchengemeinde und unsere Nachbar-Kirchengemeinde. Viele Ehrenamtliche halfen mit. Sie organisierten feste Behinderten-Kreise, Besichtigungen von Museen, Schiffstouren, Besuch der Karl-May-Festspiele, Ausflüge ins Phantasialand und vieles mehr ….
 
Das gemeinsame Kaffee-Trinken ging los. Mit einer blütenweißen Tischdecke gedeckt, an jedem Platz ein bemalter Nikolaus aus Holz mit einem Säckchen voll Süßigkeiten, bot unser Wintergarten ausreichend Platz für die insgesamt 9 Geburtstagsgäste.
 
Zögernde und schleppend entwickelte sich die Kommunikation, denn die Behinderung bremste mitunter das Ausdrucksvermögen und die Sprache. Sätze waren unvollständig oder abgehackt. Einige mussten mehrfach ansetzen, um einen Satz auszusprechen. Daher wurde viel ohne Worte kommuniziert. Blicke wanderten durch den Wintergarten und fanden sich zusammen. Manche tippten ihren Nachbarn an, dass sie dawaren. Gesichter lächelten und fühlten sich wohl. Und natürlich war der Käsekuchen und die anderen Kuchensorten bestens gelungen und Kaffee und Kakao schmeckten ebenso.
 
Der Gesprächsstoff, über den geredet wurde, ähnelte sich ohnehin. Heute Abend spielte der FC Bayern gegen Borussia Dortmund, das Topspiel der Fußball-Bundesliga. Konnten die Dortmunder die Bayern stoppen ? Mönchengladbach spielte gegen Bremen. Konnten die Gladbacher ihre Erfolgsserie fortsetzen ? Viele Geburtstagsgäste gingen fleißig ins Kino und waren mit den neuesten Filmen auf dem Laufenden. Fluch der Karibik lief heute Abend im Fernsehen, und viele freuten sich, diesen Kinofilm im Fernsehen schauen zu können.
 
Gegen 16 Uhr klingelte das Telefon. Das Wohnhaus am Deich, in dem außer Udo auch Linda wohnte, meldete sich. Linda saß dort bereits seit einer Stunde und wartete darauf abgeholt zu werden. Bei der Organisation, wer wen zu Udos Geburtstag mitnahm, war sie offensichtlich vergessen worden. Der Kommentar des Wohnhauses war: „Das muss wohl ein Missverständnis sein …“. Schnellstmöglich holte ich Linda und ärgerte mich, dass sich niemand im Wohnheim darum gekümmert hatte..
 
Wie ein solcher Geburtstag gestaltet werden konnte, dazu waren infolge des Grades der Behinderung die Möglichkeiten etwas eingeschränkt. Im letzten Jahr hatten wir eine Nachtwächterführung in Stadt Blankenberg organisiert. Das liegt etwa eine halbe Autostunden von uns entfernt und eine Bekannte von uns hatte die Nachtwächterin mit Hellebarde und Laterne gespielt und hatte alle im Dunkeln durch das mittelalterliche Städtchen geführt. In diesem Jahr war Udo zu lange unentschlossen, so dass ein DVD-Film-Nachmittag die einfachste Variante war. Udo hatte sich für Avatar entschieden.
 
Unser Wohnzimmer hatten wir zu einem Heimkino umfunktioniert. Voran der Flachbildschirm unseres Fernsehers, Udos Geburtstagsgäste gruppierten sich um Couch, Sessel und Einzelstühle, die in zwei Reihen aufgestellt waren. In der hintersten Reihe gesellte ich mich dazu. Sogleich legte Stefan los: „Avatar ist eine der besten Filme, die David Cameron gedreht hat“ kommentierte er. Avatar sei noch besser wie Titanic, was er auch gedreht hatte. „Auch Peter Jackson ist ein toller Regisseur“ fügte Stefan hinzu. Peter Jackson hatte King Kong gedreht. Stefan überraschte mich, dass er bei Kinofilmen Kenntnisse hatte, die meine eigenen bei weitem überragten. Stefan hatte Down-Syndrom und war gegenüber den anderen Behinderten ein Phänomen. Er las Zeitung, konnte lateinische Zaubersprüche aus Harry Potter korrekt wiedergeben, in der Behindertenwerkstatt hatte er einmal über 700 Meter Kabel ermittelt, die pro Tag zur Lampenmontage gebraucht wurden. Da fehlte nur ein winziges Quentchen, um ihn als „normal“ oder „nicht behindert“ einstufen zu können. Schade, dass er nicht mit den fortgeschrittenen Therapien unserer heutigen Zeit heranwuchs, denn mittlerweile schafften es sogar Behinderte mit Down-Syndrom zu studieren …
 
Der Film war vorbei, und in unserem Wintergarten wurden Frikadellen mit Nudel- und Kartoffelsalat aufgetischt. Alle ließen es sich ordentlich schmecken,. Udo und Andreas genossen dazu ein Weizenbier aus einem hohen, schlanken 0,5 Liter-Glas. Alle blickten naxch vorne auf die nächsten Feiern. Vor Weihnachten knubbelte sich alles. Weihnachtsfeiern gab es in den Behindertentreffs, in der Behindertenwerkstatt, im Kegelclub und im Behindertenwohnheim. Geburtstage kamen erst im März nächsten Jahres. Eine Adventsfahrt auf dem Schiff fand leider nicht statt, weil sich zu wenige Interessenten gefunden hatten.

Udo grübelte herum, wie sich wohl die nächste Woche gestalten würde. Das Wohnheim hatte für ihn Urlaub angemeldet, weil sie Plätzchen backen wollten. Das war im letzten Jahr schon einmal so: Udo hatte auch eine Woche Urlaub, aber nur an einem Tag wurden Plätzchen gebacken. Die restlichen Tage saß Udo auf seinem Zimmer herum, ohne dass sich jemand aus dem Wohnheim um ihn gekümmert hätte. Würde dies in diesem Jahr wieder so verlaufen ?

Gegen 19.30 Uhr trudelten die ersten Eltern ein, um ihre Kinder abzuholen. Schade. Die Abschiede kleckern sich so dahin. Umarmungen beim Abschied. Die Gesichter strahlten und sie schwärmten von dem schönen Nachmittag. Sie freuten sich auf das gemeinsame Wiedersehen. Bei einer der zahlreichen Weihnachtsfeiern. Oder im nächsten Jahr beim nächsten Geburtstag
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