Donnerstag, 17. November 2011

durch die Grafschaft nach Rheinbach

Nein, sie wollten mich nicht hereinlassen. Gerne wäre ich den Weg hinab geschlendert, doch ein Traktor passierte die Hofmauer; Arbeiter beluden den Anhänger mit Herbstlaub und abgesägten Ästen. Ein Schild mit der Aufschrift „Durchfahrt verboten, Privatgelände“ signalisierte mir, dass ich stehen bleiben musste.

So konnte ich das Schloss Gudenau nur von der Ferne aus betrachten. Die Größe der Wasserburg war mit ihren vier Türmen imposant. Verdeckt durch Hecken, Mauern und dem hohen Dach eines einstöckigen Wohnhauses, konnte ich die Großzügigkeit der rückwärtigen Gartenanlage nur erahnen. Dort wäre aber Platz gewesen für barocke und geometrisch perfekte Gartenanlagen – ähnlich wie in Brühl oder in Benrath bei Düsseldorf.

Ich hatte Lust auf eine etwas längere Radtour, sozusagen zum Jahresausklang. Die Tage wurden zunehmend kürzer, dunkler und kälter. Und tief in den November hinein, wurde es entweder vom Büro aus oder von zu Hause aus schwieriger, solche zeitlichen Freiräume zu organisieren.

Eine weniger ambitionierte Tour mit nicht allzu vielen Höhenmetern hatte ich mir diesmal ausgewählt. Ein ordentlicher Anstieg von Pech nach Villip, knackig und kurz der Anstieg hinter Gudenau, dahinter öffnete sich der Blick über die Grafschaft bis ins Ahrtal hinein. Schräg herabhängend schien die Sonne an diesem spätherbstlichen Tag, und sie blendete so sehr, dass die entgegenkommenden Autos wie graue Mäuse im prallen Licht der Straße vorbeihuschten.

Die Grafschaft, das war ansonsten eine Ansammlung von Dörfern ohne nennenswerte Akzente, wenn ich mit dem Auto auf der A61 zwischen den Kreuzen Meckenheim und Bad Neuenahr dahinrauschte. Beim Fahrradfahren zeigte die Landschaft nun ihre Konturen: Ich hatte den Eindruck, dass die Dörfer fast nur aus Bauernhöfen bestanden. Manche luden zum Einkaufen ein, die Hofläden waren geöffnet, an den Toren lockten Äpfel oder Kürbisse. Wenn die Tore offenstanden, sah ich einen beachtlichen Maschinenpark – Traktor, Mähdrescher, Egge, Kartoffellegemaschine und vieles mehr. In der Grafschaft kamen nicht mehr allzu viele Höhenmeter zusammen. Das Gelände buckelte sich, Felder, Apfelbäume und Waldstücke wechselten sich ab, Ausblicke und Perspektiven veränderten sich ständig.

Gelsdorf: Vor dem Ort stapelten sich, fast so lang wie ein Sportplatz, die Zuckerrüben und warteten auf ihren Abtransport. Die Hauptstraße führte an der Kirche vorbei. Ich hielt an, und der Kirchturm erinnerte mit seinen Bruchsteinen an Kirchen, wie ich sie in den Ardennen oder in der Eifel gesehen hatte. Und die Eifel lag ja ungefähr einen Steinwurf von Gelsdorf entfernt, nämlich direkt dort, wo die Autobahn auf der B257 endete. Auf dem Erinnerungskreuz vor der Kirche las ich die Jahreszahl 1848. Ein Herr Fasbender – möglicherweise der damalige Pastor von Gelsdorf – war in diesem Jahr in einem Grab vor der Kirche beerdigt worden.

Kurz hinter Gelsdorf verließ ich Rheinland-Pfalz und kehrte nach NRW zurück. Meckenheim und Rheinbach, das waren die nächsten Städte. Der Rückenwind unterstützte mich, das Gelände war nun flach wie ein Brett, so dass ich auf der B266 so richtig Gas geben konnte. Zwischen Altendorf, Ersdorf und Wormersdorf wieder dieses sorgfältig gepflegte Landschaftsbild. Plantagen von Apfelbäumen, die abgeerntet waren und an denen noch das bunte Herbstlaub klebte. Dazwischen Obsthöfe, in denen nach der Apfelernte alles erledigt war. In dieses Landschaftsbild mischten sich zunehmend Baumschulen mit ihren schnurgeraden und genau ausgezirkelten Baumreihen hinein. Ich kam mir vor wie in unserem eigenen Garten zu Hause: Da hatte alles einen Plan, was wie angebaut wurde, jeder Quadratmeter wurde genutzt, insgesamt ein strukturiertes und vielschichtiges Bild.

In Rheinbach musste ich mich durch weite Flächen von Neubau- und Industriegebieten hindurch kämpfen. Wie Kopien in die Landschaft geklatscht, reihten sich linkerhand weiß gestrichene Doppelhaushälften aneinander. Rechterhand stocherte ich in der Gesichtslosigkeit des Industriegebiets herum: die Baumärkte OBI und Fassbender & Tenten reckten ihre Logos in den Himmel, an Handelsketten wie HIT oder Handelshof wehten Fahnen. Im Zentrum von Rheinbach gönnte ich mir dann einen Kaffee. In einer Bäckerei lümmelte ich mich an einem Stehtisch herum; ein Mann, dürr wie eine Bohnenstange, stopfte neben mir einen Stück Sahne-Nuss-Kuchen in sich hinein.

Auf dem Heimweg warf ich auf der der Autobahnbrücke bei Peppenhoven einen Blick zurück: zögernd sank die Sonne auf die Hänge der Eifel herab, in vielleicht einer halben Stunde würde sie untergehen. Ihre Sonnenstrahlen wärmten kaum noch und ließen einen  Hauch von Winter aufkommen. Und wenn ich zu Hause ankommen würde, würde es bereits dunkel sein.

Mittwoch, 16. November 2011

St. Martin

Man rutscht da so herein. So wie bei einer dienstlichen Besprechung. Der Termin wird abgearbeitet, man kommt und geht wieder auseinander. Die Gesichter sind austauschbar, das Thema vorgegeben und sinnvoll wäre auch irgendein Ergebnis. Mit dieser inneren Einstellung ließ ich den St. Martins-Zug in Rheidt auf mich zukommen.

16.45 Uhr Treffen auf dem Schulhof. Gegen 16 Uhr stand unsere Kleine mit ihrer Laterne auf dem Flur. Die Laterne, die sie in der Schule gebastelt hatte, war schlecht zusammengeklebt, so dass der kugelförmige Lampenschirm hin- und herbaumelte. Schlimmstenfalls hätte die Laterne durch die brennende Kerze in Flammen aufgehen können. Ich bemerkte dies erst, kurz bevor wir das Haus verließen. Ich war genervt und in einer hastigen Aktion klebten wir den Lampenschirm mit jede Menge Klebstreifen fest. Unserer Kleinen war dies egal. Aus voller Brust sang sie:

Ich geh mit meiner Laterne
Und meine Laterne mit mir
Da unten leuchten die Sterne
Da oben leuchten wir ….

Ich verspürte eine innere Unlust, diesen Termin wahrzunehmen. Zudem sah ich die Adventszeit mit den sich anhäufenden Terminen auf uns zukommen. Zeit würde uns jetzt und in den nächsten Wochen an allen Ecken und Enden fehlen.

St. Martins-Zug. 16:45 Uhr auf dem Schulhof. In diesem Jahr nahm unsere Kleine das erste Mal am St. Martins-Zug durchs Dorf teil, nachdem sie in die 1. Schulklasse eingeschult worden war. Mit der Masse von Kindern glich der Schulhof einem Ameisenhaufen. Trotzdem fand unsere Kleine rasch ihre beste Freundin aus ihrer Schulklasse; ihre Schwester und ihren Vater hatte sie mitgebracht. Die Kinder sammelten sich bei ihren Klassenlehrerinnen, die Schilder mit den Klassenbezeichnungen in die Höhe hielten. Bevor es losging, hielt die Rektorin eine Ansprache, die sie wahrscheinlich im Jahresrhythmus routinemäßig abspulte, was aber im allgemeinen Lärm unterging. Schließlich spielte am Ausgang des Schulhofs eine Musikkapelle, und die Schulklassen setzten sich in chronologischer Reihenfolge vom vierten bis zum ersten Schuljahr in Bewegung.

Im Mittelpunkt stand das St. Martins-Feuer, das hinter dem Werth, einem Rheinarm, in etwa 60 bis 70 Metern Entfernung loderte. Die Kinder bewegten sich in Trippelschritten vorwärts, sie staunten und waren beeindruckt. Von der wohligen Wärme des Feuers ließen sie sich ergreifen. Die Flammen schossen in die Höhe und ergossen sich in den Himmel. Hinter dem Rhein war die Sonne längst abgetaucht, und in der beginnenden Nacht war es so gut wie stockfinster.

Der Zug der Laternen bildete ein ständig wechselndes Farbenspiel. Senkrecht hochgehalten an ihren Holzstöcken, zeigten die Kinder stolz ihre Laternen. Die Papierkugeln mit ihren aufgeklebten Papierstücken schillerten vor Farbenpracht. Das Lichterspiel variierte mit dem Zugweg: am Ende des Rheinarms machten alle Laternen eine Kehrtwendung, dann ging es über den Damm, über dessen hohe Betonmauer der Blick zum Feuer zurückschwenken konnte. Der Zug bog nach rechts in eine Gasse ab, in dessen Verengung das Farbenspiel an Dichte und Glanz gewann. Die Lieder der beiden Musikkapellen rissen nicht ab. Sie spielten: „Ich geh mit meiner Laterne“ … „ Im Schnee da saß ein armer Mann„…. oder „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterrne ….“ Der Zug schob sich durchs Dorf und die meisten Kinder sangen fleißig mit.

Ich war gerührt vor soviel Tradition, die ich ansonsten vermisste: ein Gefühl von Geborgenheit, Gemeinschaft und Geselligkeit, und das zusammen mit all den Kindern. Und an einer Straßenecke zeigte sich schließlich der St. Martin: er war ein gut aussehender Nachfolger des heiligen Martin von Tours, saß rittlings auf seinem Pferd, über seine Hände hatte er weiße Handschuhe übergestreift, silbrig schillerte der Helm auf seinem Kopf. Und sein roter Mantel, den er zu teilen bereit war, hing von seinen schmalen Schultern herunter.

Doch wer gedacht hatte, dass alles vorbei war, nachdem die Kinder in die Schule zurückgekehrt waren und ihren Weckmann bekommen hatten, der sah sich getäuscht. Nun ging erst richtig los. Es wurde geschnorzt. Mit ihrer besten Freundin und ihrer älteren Schwester zog unsere Kleine los. Zuerst war der Pastor an der Reihe, der in diesem Jahr keine selbst gebackenen Plätzchen verteilte, sondern „normale“ Süßigkeiten. „Ich geh mit meiner Laterne …“ sangen sie los, und der Pastor sang voller Begeisterung mit. Danach orientierten sich die Kindern an den Häusern, an denen die Außenbeleuchtung oder andere Lichtquellen brannten – Lichter in Stehlampen oder Tonkürbissen. Unser Rückweg führte quer durchs Dorf, so dass jede Menge St. Martins-Lieder gesungen werden mussten.

Zu Hause angekommen, hatte unsere Kleine einen ganzen Beutel von Süßigkeiten eingesammelt. Gummibärchen, Schokolade, Plätzchen, Lutscher, Bonbons in unterschiedlichen Variationen und Geschmacksrichtungen. Sie schüttete alles auf dem Tisch in unserer Essecke aus und stand staunend davor. War das schön ! Anschließend ging es in Bett, denn nach so einem langen Fußweg war unsere Kleine erschöpft, platt und müde.

Ich musste mir selbst eingestehen, dass ich völlig daneben gelegen hatte, den St. Martin in dieselbe Kategorie geschoben zu haben wie meine dienstlichen Besprechungen. Auch ich brauche etwas bodenständiges und verwurzeltes, nicht nur diesen irrsinnig schnellen Flug unserer Zeit mit diesen Veränderungsprozessen, Anpassungen und Flexibilitäten. Mittendrin brauche ich auch etwas, das bleibt: beispielsweise ein St. Martin  – mittlerweile ist er fast 1.700 Jahre alt ….

Freitag, 11. November 2011

Morgenstimmung über dem Siebengebirge



Soeben hat die Sonne den Kampf gegen die zähe Nebeldecke gewonnen. Über dem Siebengebirge, das sich schemenhaft und unscharf abhebt, ist sie aufgegangen. Auf den zappelnden Wellen des Rheins spiegelt sich das Sonnenlicht und erzeugt ein Lichterspiel, in das sich die Uferpromenade der Rheinaue hineinbiegt ...

Donnerstag, 10. November 2011

Reifenwechsel

Ihr Arbeitsplatz war wie ein kleiner Kasten, dort, wo die Aufträge der Reifenwerkstatt angenommen wurden. Während die Kunden es sich im Vorraum an einem Tisch mit Stühlen und Zeitungen bequem machen konnten, quetschte sich ihr Arbeitsplatz zwischen eine brusthohe Empfangstheke und der dahinterliegenden Wand.

Vor dem Beginn der winterlichen Jahreszeit hatte ich mich entschieden, die beiden abgefahrenen Vorderreifen unseres metallic-farbenen VW Vento durch zwei neue zu ersetzen. Das Reifenprofil der beiden Hinterreifen war noch ausreichend tief, so dass dies günstiger war als vier neue Winterreifen.

Ich musste warten. Die Büroangestellte, eine Frau mit Lockenkopf im mittleren Alter, die sich ihren Stress nicht anmerken ließ, führte ein schier endloses Telefonat. Ich konnte Gesprächsfetzen heraushören: „Mindestens zwei Tage Lieferfrist …. wir können nur das Notrad montieren … jetzt ist eine Stoßzeit, in der alle ihre Winterreifen montieren lassen wollen … wir tun aber unser allerbestes, um unsere Kunden zufriedenzustellen … „. Als das Gespräch beendet war, musste ich die beiden vor mir wartenden Kunden abwarten. Beim nächsten Kunden blätterte sie schier endlos in ihrem DIA A 4-Notizblock herum, denn die Einträge, Vorbestellungen und Aufträge füllten Dutzende von Seiten. Ein PC mit Flachbildschirm stand zwar seitwärts von ihr, aber offensichtlich fand sie sich besser ihrer der Zettelwirtschaft zurecht. Der nächste Kunde merkte an: „Zwei Tage sind gut, in einer anderen Werkstatt hätte ich 14 Tage warten müssen“. Auch beim nächsten Kunden tat sie ihr bestes.

„Aha, Typ Goodyear 4 Seasons 164,“ bestätigte sie, als ich ihr meinen kleinen Notizzettel hingehalten hatte, auf dem Reifentyp und Preis in blauer Kugelschreiberschrift notiert waren. „Die Ganzjahresreifen sind da“. Gleichzeitig trat der Chef herein. Ich hatte ihn schon zuvor bewundert, wie er trotz seines massigen Körpers und seiner breiten Gestalt wie ein Wirbelwind durch die Werkstatt flitzte. Zielgerichtet schritt auf mich zu, den Notizzettel nahm er mir aus der Hand. Einsilbig deutete er mir zu: „Kommen Sie“. Wie mit dem Lineal gezogen, durchkreuzte er die Werkstatt von einem Ende zum anderen und meinte: „Nach dem Transporter“. Dabei hatte er seinen Kopf in einer knappen Bewegung zu mir zurück gedreht, wandte sich dann wieder ab und verschwand unverdrossen durch eine Türe im hinteren Teil der Werkstatt, der durch eine Wand abgetrennt war.

So stand ich da und wartete wieder. Transporter ? Tatsächlich, auf dem Parkplatz draußen entdeckte ich einen weißen 3,5-Tonner von Citroen, über dessen Seitenteile sich die blauen Schriftzüge einer Sanitärfirma erstreckten. Drinnen war auf der einen Hebebühne gerade war ein Mondeo aufgebockt. Der Kofferraum stand offen und vier Reifen in weißen Plastiktüten schauten heraus. Auf der anderen Rampe wartete ein Fiat Punto darauf, in die Höhe gewievt zu werden.

„Geben Sie mir Ihren Schlüssel ?“ tauchte unvermittelt ein hoch aufgeschossener Monteur mit kahlgeschorenem Kopf vor mir auf, nachdem der Mondeo seine vier neuen Winterreifen bekommen hatte. Ich war etwas verwundert, wieso ich meinen Autoschlüssel hergeben musste. Doch als er unseren VW Vento auf die Hebebühne bugsierte, wurde mir klar: das Manöver erforderte eine Menge Geschick und Präzision, denn die Fläche zum Drauffahren war schmal und stieg fast im Winkel von 45 Grad an. So war nun endlich unser Auto mit dem Reifenwechsel an der Reihe.

Eine zeitlang tat sich nichts, bis zwei Monteure fast so schnell wie sie gekommen waren, wieder mit den abmontierten Vorderrädern durch die Türe im hinteren Teil der Werkstatt verschwanden.

Ich erwartete, dass die Vorderreifen montiert würden, doch anstatt dessen schritt der Monteur mit dem kahlgeschorenen Kopf aus dem hinteren Teil der Werkstatt geradewegs auf mich zu und signalisierte:
 „Ihr Reifenprofil an den hinteren Reifen ist unregelmäßig. Haben Sie beim Fahren davon etwas bemerkt ?“ Ich war irritiert, beim Autofahren war mir nichts aufgefallen. „Sollten die Reifen hinten auch noch gewechselt werden ?“ fasste ich nach und dachte an eventuelle zusätzliche Kosten. „Nein, nur dann, wenn man es beim Fahren bemerkt. Sie haben ein sogenanntes Sägezahnprofil, weil die Reifen nicht einmal jährlich von vorne nach hinten und umgekehrt gewechselt worden sind.“ Das war typisch für mich, nämlich  meine Schludrigkeit, Schlamperei oder Vergesslichkeit, wenn ich an etwas denken muss und wenn etwas mit zusätzlichen Kosten verbunden ist. Normalerweise stand ich zu meiner Art, dass nicht alles haargenau und korrekt sein musste. Doch diesmal ärgerte ich mich. „Es gibt Autos, da kann dieses Sägezahnprofil ein Rubbeln oder Vibrieren erzeugen, wobei der das Wort „kann“ betonte. Man glaubt, auf den Reifen eines Traktors fahren …“ setzte er hinzu. Nein, so etwas war definitiv nicht der Fall, und ich beruhigte mich.

Wie aus dem Nichts erschienen aus dem hinteren Teil der Werkstatt wieder die Arbeiter, beladen mit zwei auf Felgen montierten und aufgepumpten Vorderreifen. Ein paar routinierte Handgriffe, herumpustend und mit metallischen Preßschlägen verrichtete der Schlagschrauber seine Arbeit. Abschließend fuhr der Monteur unseren VW Vento nach draußen und ich bekam den Schlüssel zurück.

Auf der Rückfahrt nach Hause war die Fahrt wieder ganz normal. Ruhig glitt das Auto mit seinen neuen Vorderreifen durch die Landschaft dahin. Das Sägezahnprofil war zahm, und ich dachte auch an die verausgabten 170 €, was nun ein weiteres Loch in unsere leere Haushaltskasse reißen würde.

Dienstag, 8. November 2011

Sonnenaufgang über Vilich



Endlich ! Heute bin ich seit mehreren Wochen wieder mit meinem Trekking-Rad zur Arbeit gefahren. Die Kette war durchgerissen, die Zahnkränze hinten und vorne mussten erneuert werden. Während der Herbstferien war nun mein Trekking-Rad repariert worden.

In unaufhaltsamen Tempo ist der Herbst fortgeschritten. Stetig, mit der Mechanik eines Uhrwerks, hat der Wind in den vergangenen Wochen die Blätter fortgeweht. Nur noch zaghaft hängt das Laub zwischen den Bäumen. Die Blätter sammeln sich am Rand des Fahrradwegs und häufen sich zu einer zentimeterdicken Schicht an.

Die Sonnenauf- und -untergänge sind für mich zu dieser Jahreszeit der Höhepunkt des Tages. Nebelschwaden noch über der Sieg. Wie ein zäher Schleier klebt der Nebel auf dem Wasser und verschwindet hinter dem Ufer unversehens. Zwischen den Bäumen dann ein erstes vorsichtiges Heraustasten der Sonne. Ein Stück weiter, hinter der Autobahnbrücke, ist sie über Vilich aufgegangen. Kräftig hebt sich ihre knallig gelbe Scheibe von den Feldern ab, über die sich noch zarte Dunstschwaden verirren. Die Häuser von Vilich verlieren sich in der Ferne. Nur der weiße Kirchturm sticht als markanter Punkt heraus. Blaß und leer wirken die ansteigenden Hänge des Siebengebirges im Hintergrund. Ein Panorama, das mich antreibt in den beginnenden Tag hinein.

Weiter den Rheindamm entlang, wo sich die aufgegangene Sonne zwischen den Häusern in Schwarzrheindorf versteckt. Ab ins Büro. Werde ich nach der Arbeit auch einen solchen schönen Sonnenuntergang erleben können ? Wenn ich rechtzeitig das Büro verlasse …. schau’n wir mal …..




Donnerstag, 10. März 2011

Wochenrückblick KW9

Soll doch mal jemand behaupten, Deutschland sei eine Servicewüste. Dass den Firmen die Kunden egal sind. Jedenfalls belieferte uns Bofrost Gemüse und Fisch, beides tiefgefroren. Beim Abrechnen lief in unserem Wohnzimmer der Fernseher; soeben war zu Guttenberg zurückgetreten, und hierüber wurde berichtet. Sowohl der Fahrer von Bofrost wie I waren durch diese überraschende Neuigkeit offensichtlich abgelenkt worden. Als der Fahrer unser Haus verlassen hatte und mit seinem Transporter weggefahren war, fiel I auf, dass er sich beim Wechselgeld verzählt hatte: er hatte uns 1 € zu wenig herausgegeben. Daraufhin reklamierten wir abends per e-Mail bei Bofrost, dass wir noch 1 € zu bekommen hätten. Bofrost reagierte prompt. Die e-Mail war an den zuständigen Fahrer weitergeleitet worden, und am nächsten Tag plante er uns auf seiner Fahrtroute ein. Die fehlenden 1 € gab er uns zurück, und der Fahrer entschuldigte sich für sein Versehen. Das ist Kundenorientierung !

Bereits seit längerer Zeit beginnt unsere Waschmaschine, ihren Geist aufzugeben. Unser Hauptproblem ist, dass unsere Wäsche gar nicht mehr so richtig sauber wird. Da wir in unserem Haushalt mittlerweile 24 Jahre Wäsche waschen und erst unsere zweite Waschmaschine von der Marke AEG besitzen, hatten wir beschlossen, uns eine neue Waschmaschine zu leisten. Um uns zu informieren, hatten wir einen Testbericht von der Stiftung Warentest downgeloadet mit dem Ergebnis, dass eine Waschmaschine des Typs AEG L74650H unsere Wunschvorstellung ist. Im Vorfeld hatten wir im Internet die Preise miteinander verglichen: auf 599 € pendelte sich der Preis ein -  u.a. bei Online-Shops von Neckermann oder Otto. Unterstützend dazu ließen wir uns in einem Fachgeschäft auf der anderen Rheinseite beraten. Der Typ AEG L74650H kostete dort auch 599 €; es gäbe aber neuere, bessere, effizientere, umweltfreundlichere, energiesparendere Modelle, beriet uns der Verkäufer. Was natürlich teurer war: 1.099 €. Die 1.099 € begründete der Verkäufer durch höherwertige Leistungen. So ein höheres Fassungsvermögen (9 kg anstelle 6,5 kg, was für einen 5 Personen-Haushalt eher angemessen ist). Oder ein nahezu verschleißfreier Motor. Oder auch eine Wasser- und Energieregulierung, wenn die Waschmaschine nicht voll beladen ist, was sich auf die Wasser- und Stromrechnung auswirkt. Wir mussten unser Vorhaben Waschmaschine neu durchdenken, fuhren auf unsere Rheinseite zurück und googelten abends im Internet googeln. Die Typenbezeichnung der 1.099 €- Waschmaschine ? Hatten wir nicht notiert. Wir suchten auf der Homepage von AEG. Zu viele Rubriken bei Waschmaschinen und zu viele Modelle. Dann suchten wir bei AEG nach 9 kg und Energiesparen: kein Ergebnis. Danach 9 kg als Suchbegriff: 8-9 Waschmaschinen erhielten wir als Suchergebnis, aber keine davon mit Energiesparen. Hätten wir uns doch auf der anderen Rheinseite den Typ notiert. So richtig wissen wir jetzt auch nicht weiter.

Beim Bauernhof an der nächsten größeren Straßenkreuzung sind die Bäume gefällt worden. Der Bauernhof steht auf einem großen Grundstück, vielleicht so groß wie ein halbes Fußballfeld. Zu unserer Straße hin war das Grundstück umgeben von einer Baumreihe, die bestimmt 20 m lang war. Das war eine Sorte von Lebensbäumen in einem blassen, stellenweise auch kräftigen Grün. Dicht an dicht hatten sie in der Reihe zusammengestanden, in der Höhe hatten sie die umliegenden Häuser überragt. Nackt und ohne diese Fülle an Grün wirkt dieser Kahlschlag nun wie ein Schock. Anstatt dessen kann man nun unbedrängt auf das Äußere der Hofanlage schauen. Doch was man ansonsten mit einem Bauernhof verbindet, wie etwa Tierhaltung oder die Bewirtschaftung fruchtbaren Bodens, findet man dort nicht. Der Außenbereich ist zum überwiegenden Teil mit Wiese bedeckt, und alle 2-3 Meter verlaufen parallel zueinander Zaunreihen. Aber was sollen sie einzäunen ? Mittendrin sind allenfalls 2 oder 3 Ponys zu erkennen, ansonsten überwiegt die Leere, nichts wird im Außenbereich des Bauernhofs genutzt. Somit wirkt die Szenerie nach der Baumfällaktion reichlich trostlos und verlassen, obschon auf dem Bauernhof ein Verkaufsstand ist, und obschon dieser wohl auch mehr oder weniger gut frequentiert wird. I meint, die Bäume wären wohl krank gewesen, daher hätten sie gefällt werden müssen. Wegen Unfallgefahr usw. Nun liegen die gefällten Bäume auf dem Boden und warten auf den Abtransport. Mit den abgesägten Baumstämmen, deren glatte Schnitte sauber und professionell aussehen, fühlte ich mich in eine fremde Welt versetzt. Mir erscheint dieser Bauernhof wie ein Bündel von Widersprüchen. Einerseits zieht es den Menschen ins Grüne, in die Natur. Andererseits stört das Grün, es wuchert zu sehr, es wird krank und muss beseitigt werden. Einerseits strebt der Mensch nach Harmonie, nach Idylle. Andererseits wird diese Harmonie aufgerissen, der Mensch entartet und entfremdet diese Natur. In dieser entarteten Welt bin ich noch nicht angekommen.

Donnerstag, 3. März 2011

Letzter Februartag

Besprechung bis 17.30 Uhr. 17.45 Uhr mit dem Fahrrad nach hause. Der Himmel war unstrukturiert, die Wolkendecke aufgerissen, und vorsichtig neigte sich die Sonne auf die Hänge des Kottenforstes. Ich genoss den letzten Februartag. Es war noch hell. Die Veränderung von Anfang Februar zu Ende Februar war gravierend, denn Anfang Februar war es um diese Uhrzeit noch dunkel gewesen. Ich spürte einen Motivationsschub. Im Dunkeln hatte ich mich eingeengt gefühlt, mich durch beleuchtete Pfade hindurchtasten zu müssen und kaum Details erkennen zu können. Ich passierte die wuchtigen Gebäudekomplexe des Bildungsministeriums mit ihren 10 Geschossen.

Über die Max-Löbner-Straße in die Rheinaue.

Die Luft war abgekühlt, und das kahle Astwerk verweilte in den Bäumen. Doch langsam stimmte sich die Rheinaue auf den Frühling ein. In den Haselnusssträuchern hingen die Blütenkapseln wie kleine Fähnchen herunter. Frisch aufgesprossen und in dezentem Grau kündigten die Blütenkapseln der Weidenkätzchen einen ersten Hauch von Frühling an. Vor dem Rhein erste Triebe in den Pappelreihen, noch zögernd zwischen den Asten verharrend.

Über die Konrad-Adenauer-Brücke auf die andere Rheinseite.

Dort stiegen die bewaldeten Hänge des Ennert an, noch durchdrungen vom Tageslicht. Die Felspartien zwischen den Hängen des Siebengebirges schillerten in ockernen Farbtönen. Glatt, streng und kühl, krümmte sich das futuristischen Glasdach des Hotels am Bonner Bogen zum Rhein hin. Jogger kamen mir auf der Brücke entgegen und nutzten die längere Tageszeit. Manche trugen sogar T-Shirts mit kurzen Ärmeln, die an vergangene Marathon-Läufe in Köln oder Bonn erinnerten.

Ein Linksschwenk, dann den Rhein entlang Richtung Beuel.

Zwischen dem Posttower, dem Langen Eugen und Baukränen würde die Sonne in Kürze am Horizont entweichen. Ein helles und weiches Rot spiegelte sich im Rhein. Ein Containerschiff erzeugte ein Wellenspiel von einem Rheinufer zum anderen Rheinufer. Ich genoss den Motivationsschub. In einigen Wochen würde ich mit voller Pulle in den Frühling hineinstarten.