Montag, 18. August 2014

mit dem Rennrad nach Kempenich

Kuh mit Deutschland-Fahne
„Diesen Moment einfrieren, besser kann es nicht sein“ lief im Radio rauf und runter, von morgens früh bis abends spät, von WDR2 bis SWR3, nachdem unsere Fußball-Nationalmannschaft den Weltmeistertitel geholt hatte. Fußball und Rennradfahren haben eines gemeinsam: die Erlebnisse sind für die Ewigkeit. Momente gehen über in Nachhaltigkeit, und selbst nach mehreren Jahrzehnten sind die Erlebnisse so präsent, als wären sie gestern geschehen. Dieses 1:0 von Mario Götze, als er den Ball mit der Brust annahm, ihn auf seinen linken Fuß abtropfen ließ, ihn mit der Fußspitze in das Tor beförderte, während der argentinische Torhüter ins Leere griff, dieser Moment ist ein Denkmal für alle Ewigkeit. Land, Leute, Städte, Landschaften, das ist die Substanz, aus der die Momente des Rennradfahrens geformt werden. Anstrengung und Leiden gehören dazu, genauso wie Glück und Freude, als Zutaten für eine Ewigkeit.

Das erste Stück führt mich diese Tour über dieselbe Strecke wie nach Sinzig, also Bad Godesberg, Pech, Schloß Gudenau, Arzdorf, Fritzdorf. Auf einem Obsthof, zwischen Reihen von Apfelbäumen, die mehr grün als rot sind, begegne ich der Unsterblichkeit des Fußballs: eine Kuh mit Deutschland-Fahne. Ja, diese Momente möchte ich gerne einfrieren. Wenn ich den vierten Stern auf meine Rennradtouren übertrage, ist jeder Moment einzigartig und nicht wiederholbar. Momente werden aber konserviert in der Erinnerung, und der Weg meiner Touren frischt neue Erlebnisse auf.

Weinberge am Stadtrand von Ahrweiler
Hinter der Fritzdorfer Mühle hinab nach Rengen, dann über die B266 ins Ahrtal. An der Brücke über die Ahr scheiden sich in Bad Neuenahr die Geister. Ich verlasse die Landstraße geradeaus nach Königsfeld und biege nach rechts ab. Ich folge dem Radweg entlang der Ahr bis Ahrweiler, stramm geradeaus, bis mir ein Stadttor von Ahrweiler vor die Nase gesetzt wird. Dort biege ich links ab, auf die Landstraße, wo der separate Radweg im Nichts endet, und ich folge der Beschilderung nach Ramersbach.

Der Anstieg nach Ramersbach ist übel. Kurzzeitig schaffe ich es, auf den fünften oder sechsten Gang in der kleinsten Übersetzung hoch schalten zu können, dann stoße ich in freies Feld hinein, und unvermittelt zieht der Anstieg erneut an. Kein Ende des Anstiegs in Sicht, nur die ersten Häuser von Ramersbach. Im zweit- oder drittkleinsten Gang kraxele ich hoch.

In Ramersbach mache in Bekanntschaft mit einer Kunstform, die sich im Rheinland weniger durchgesetzt hat: dem Jugendstil. Um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert wechselten die Stile in Kunst, Architektur und Design rasch ab. Klassizismus, Historismus, Jugendstil, Expressionismus, Bauhaus, Kubismus, das waren mehr Modeerscheinungen, die sich überlagerten, Gegensätze betonen oder ineinander übergingen. Im Fluß der immer schneller werdenden Zeit hatten um die Jahrhundertwende des 19. Jahrhunderts Künstler, Architekten und Kunsthandwerker genug vom Pomp der Gründerzeit, von schweren Möbeln und wuchtigen Prachtbauten. Stattdessen setzten sie auf luftige Linien, verspielte Schnörkel und fließende, schwingende Bewegung, deren Formen sie aus Blumen und Pflanzen, aus Blattwerk und Wurzeln in der Natur entnahmen.

Im deutschen Sprachraum verbreitete sich der Jugendstil in Wien, Berlin – und auch in Darmstadt. Ins Rheinland schwappte diese Strömung als „art nouveau“ um die Jahrhundertwende aus Frankreich ein.­ Die eleganten Formen fanden Eingang in die Schmuckkunst, in die Plakatmalerei, in die Gestaltung Pariser Metro-Stationen, in die Porzellanmalerei oder in die Gestaltung von Glasfenstern.



St. Barbara in Ramersbach; oben links Vorderfront, Mitte Gesamtbild,
unten Fenster mit Evangelist Matthäus; oben rechts Schild Bikerkneipe
 1738 gebaut, war die Pfarrkirche St. Barbara in Ramersbach sträflich vernächlässigt worden, so dass sie abgerissen werden musste. Die Pfarrei entschied sich für einen Neubau im Jugendstil, der 1908 fertiggestellt wurde. Wie aus einem Guß, umgarnen geschwungene und nicht überladene Formen nunmehr die Fassade, den Baukörper, die Fenster und die Inneneinrichtung, die mir leider vorenthalten bleibt, da die geschlossene Eingangstüre den Zutritt versperrt. Jedenfalls glaube ich am Kirchenfenster mit dem Evangelisten Matthäus dieses Spiel der Formen zu erkennen, die ein Spannungsfeld zwischen natürlicher Bewegung und Strenge ausfüllen.

Der Anstieg läßt nicht nach, und voller Freude registriere ich, dass mich eine Biker-Kneipe willkommen heißt. Auch Jürgen Klopp, der Meistertrainer von BorussiaDortmund, meint es gut mit mir. Der BVB ist zwar nicht mein Lieblings-Verein, aber  Jürgen Klopp lächelt mich an. Hinter einem weißen Fensterrahmen hat sich ein offizieller BVB-Fanclub, die „Ahrtal-Borussen“, eingenistet. Und meine Überzeugung trägt mich vorwärts, dass die BVB-Fans in Ramersbach auch meine Etappe durch die Berglandschaft der Eifel unterstützen.

endlich bergabwärts hinter Ramersbach
Das läßt mich hoffen, und prompt neigt sich das Höhenprofil der Landstraße hinter dem Ortsausgangsschild von Ramersbach abwärts, aber dies nur für ein kurzes Stück. Nachdem ich die Kerbe eines Baches überquert habe, zieht der Anstieg durch dichten Buchen- und Eichenwald wieder an.

Auf 550 Metern Höhe werde ich dann von dem kräftezehrenden Anstieg erlöst, der mit einer kurzen Unterbrechung fünfzehn Kilometer gedauert hat. Endlich. Der Weitblick ins Rheintal hinab ist genial, er entschädigt für die Strapazen des Anstiegs und sachte abwärts kann ich meinen Beinen eine Ruhepause gönnen.  Noch vier Kilometer sind es bis Kempenich, und dorthin verläuft eine scharfe Trennlinie. In der Bronzezeit wurden nördlich dieser Linie die Menschen in Urnen bestattet, südlich davon in Gräbern. Die Römer zogen hier eine Trennlinie zwischen Ober- und Niedergermanien, diese Provinzen wurden von Köln beziehungsweise von Trier aus regiert. Aus der Römerzeit fand man in dieser Gegend Altäre, die Grenzgöttern, den „fines“ geweiht waren. In der fränkischen Zeit bildete sich dieselbe Trennlinie. Nördlich davon siedelten die ripuarischen Franken, südlich davon die Moselfranken. Als das Imperium Karls des Großen zerfiel, wurde hier das Nachfolgereich in Nieder- und Oberlotharingien geteilt. Als das Rheinland im Mittelalter christianisiert war, begann nördlich hiervon das Herrschaftsgebiet der Kölner Erzbischöfe, südlich davon der Trierer Erzbischöfe.

Alte Handelsstraßen führen durch das Kempenicher Ländchen, das wahrscheinlich aus dem lateinischen Wort „campiania“, das heißt Ebene“, abgeleitet ist. Denn die Römer bauten ihre Straßen gerne über markante Höhenzüge, die sie von größerem Bewuchs freihielten, um Räuber und Wegelagerer erkennen zu können. Die römischen Straßenbauer befestigten bereits ihre Straßen mit grobem Steinschlag aus Basalt, der mit Lehm und Wasser verdichtet wurde. Waren wurden aus dem Hafen in Remagen entladen. Über Sinzig und Königsfeld wurden diese quer durch die Eifel gekarrt.

auf 550 Metern Höhe mit Blick ins Rheintal
Einen Kilometer parallel verläuft eine alte Römerstraße. Diese Technik der „wassergebundenen Straßendecke“ hat sich im Raum Königsfeld bis heute erhalten. Als das römische Reich erlosch, erhielt die Handelsstraße eine neue Bedeutung. Die Wälder standen voller kräftiger Buchen, und Köhler machten dieses Holz in ihren Meilern zu Holzkohle. So stößt man entlang der alten Römerstraße auf Waldlichtungen hier und da auf schwarzes Erdreich. In diesem Abschnitt heißt die alte Römerstraße nunmehr „Kohlstraße“. Als im Mittelalter die Überfälle zunahmen, wurde ein „Rabenköpfchen“ aufgestellt. Das war ein Galgen, der zum einen Räuber abschrecken sollte und zum anderen Reisende und Transporteure warnen sollte.

Mit dem Anstieg in den Knochen, habe ich mir längst in meiner Phantasie mehrere Gläser kühles und erfrischendes Bier in meinem Kopf ausgemalt. In Kempenich angekommen, suche ich vergeblich. Der graue Ton der Häuser verstärkt die Trostlosigkeit. Jalousien in Bäckereien sind herunter gelassen, die ungelenken Straßenführungen in dem Haufendorf verwirren mich, der Markt schrumpft zu einem winzigen Flecken zusammen, auf dem Kinder ihre Scooter hin- und herschieben. Ich erspare mir, alle Biegungen der Straßen restlos nach einer Gaststätte zu durchforschen. Von der Burg der Trierer Erzbischöfe, die um 1200 gebaut wurde, ist kaum noch etwas zu sehen, denn 1688 wurde sie von den Truppen des Sonnenkönigs Ludwig XIV. zerstört. Aber die Nutzung ist ungewöhnlich: 1822 wurden die Reste in ein Forsthaus umgebaut, zuletzt wurden Reitställe angebaut, die zu einem Pferdegestüt gehören.

Das hilft nichts. Das ist nicht immer organisierbar, dass ich an einem gemütlichen Flecken ein kühles Bier trinken kann, wenn der Durst am größten ist. Da ich keine Lust habe, auf einer Bank oder im Gras mein Mineralwasser zu trinken, radele ich weiter. Raus aus Kempenich, hinter der Ortsumgehung der B412 rechts nach Engeln. Und nachdem ich abgebogen bin, traue ich kaum meinen Augen. Vor mir biegt und windet sich die Straße auf freiem Feld fleißig die Straße hoch, hinauf zum Engelner Kopf. Ein letztes Stück Energie presse ich aus mir heraus, ich trete und erinnere mich an die alte Radfahrerweisheit: wo es den Berg hinauf geht, geht es auch wieder runter.

Ortsmitte Kempenich
Oben angekommen, lockt mich die Radwegbeschilderung. Ein Wirtschaftsweg biegt links ab von der Hauptstraße, quer durchs Feld, dann an einem Steinbruch vorbei, der markiert ist mit der Vulkanpark-Route. Gesteinsformationen aus Schieferplatten waren mir bereits in den Wäldern hinter Ramersbach aufgefallen. In diesem Bereich der Ost-Eifel gehen die Tourismus-Verantwortlichen nun themenbezogen und systematisch vor. Von Kruft bis Königsfeld, von Andernach bis Engeln, können Interessierte auf mehr als zwanzig solcherVulkanpark-Routen die Welt des Vulkanismus in der Ost-Eifel kennen lernen.

An dieser Stelle schiebt sich der Teerweg mitten durch eine Lavasandgrube hindurch. Während sich auf der rechten Seite die Bagger in das Vulkangestein hineinfressen, klafft auf der linken Seite das Loch einer riesigen Grube. Die Steine sind hier feingemahlen wie Sand: beim Ausbruch der Vulkane vor mehr als zehntausenden von Jahren wurden ungeheure Mengen an Bims und Asche dreißig Kilometer hoch in die Stratosphäre geschleudert, die dann die Landschaft bedeckten. Das können nicht nur große Felsbrocken sein, sondern auch erbsengroße Körner, sogenannte Lapilli, die dann im Straßen- oder Kanalbau verwendet werden, in Vorgärten oder als Streugut. Beim Hineinschauen in die Grube staune ich, wie unzählige helle und dunkle, breite und schmale, klare und undeutliche Schichten übereinander, gegeneinander und plötzlich versetzt zueinander verlaufen. Das Naturschauspiel der Gesteinsformationen ist subtil, fein und schön.

Einen Kilometer weiter fluche ich aber über das Vulkangestein. Der asphaltierte Weg endet und setzt sich als Waldweg fort. Mit meinem Rennrad holpere ich über ein Schotterbett aus groben und feinen Steinen, bergabwärts bin ich kaum schneller als Fußgängertempo, glücklicherweise ohne Panne.

Als ich den Waldrand erreiche, werde ich für diese Unannehmlichkeiten entschädigt. Ich rolle abwärts, runde Strohballen scharen sich auf einem abgeernteten Getreidefeld zusammen. Das ist traumhaft, ich denke an Rapunzel, die jeden Moment ihr Haar herunterlassen könnte. Der Bergfried der Burg Ölbrück schraubt sich mit seinen 34 Metern Höhe nach oben. Sein Beiwerk sind Ruinen, und, typisch für diese Gegend, steht die Burg felsenfest auf einem echten Vulkantrichter. Mich holt die Grenzlage wieder ein. Die Burg gehörte mit kurzen Unterbrechungen den Kölner Erzbischöfen, jenseits in Kempenich begann das Herrschaftsgebiet der Trierer Erzbischöfe. Die Parallelen zwischen Ölbrück und Kempenich sind verblüffend, denn die Jahreszahl der Zerstörung ist fast identisch: 1688 Kempenich und 1689 Ölbrück. Die Franzosen müssen also wie die Vandalen gewütet haben. Um 1700 wurde der Bergfried wieder aufgebaut, doch bis in die Gegenwart bestimmen Wechselfälle das Schicksal der Burg.
Burg Ölbrück

1956 kaufte ein Düsseldorfer Architekt die Burg. Die Burg sollte soviel Profit wie möglich erwirtschaften. 1972 legte er Pläne vor, die Burg zu einer edlen Wohnimmobilie mit Restaurant, Schwimmbad und Tiefgarage umzubauen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits übernommen, denn alleine die Instandhaltung des Bergfrieds und die Absicherung der inneren und äußeren Burgmauer, was zu den Bedingungen für die Baugenehmigung gehörte, verschlangen Unsummen. Als sich der Düsseldorfer Architekt mit eine Million DM verschuldet hatte, wurde die Burg zwangsversteigert. Dies scheiterte aber, da niemand das Mindestgebot von 1,3 Millionen DM zu zahlen bereit war. Danach verfiel die Burg. Mauern brachen zusammen, Zinnen stürzten ab, die Plattform auf dem Bergfried wurde unbegehbar. Die Rettung kam 1999, als das Land Rheinland-Pfalz Gelder zur Sanierung der Burg zur Verfügung stellte, unterstützt von Spenden aus der Bevölkerung und von Unternehmen. Aus Burg Ölbrück ist nun eine Erlebnislandschaft geworden, die auf zehn Stationen so manches aus ihrer eintausendjährigen Burgengeschichte erzählt.

Über freiem Feld düse ich weiter steil bergab. Erst kommt der Ort Hain, wo ich immer geradeaus fahre, dann nach einem Kilometer Oberzissen. Dort folge ich der Hauptstraße und erreiche, nachdem ich den Brohlbach überquert habe, im Tal die Landstraße L111. Während ich am Vorfahrtschild warte, bemerke ich, dass ich genau an der richtigen Stelle stehe. An der Straßenecke befindet sich eine Gaststätte, die Schnellimbiss, Biergarten und Bikertreff zugleich ist. Das ist die ersehnte Abkühlung von innen. Willenlos, sackt mein Körper auf einem Plastikstuhl in dieser Ruhepause zusammen.

Autobahnbrücke A61 bei Niederzissen
Mit neu aufgetankter Energie kann ich also wieder losradeln. Ich brause vorbei an der Schmalspur-Eisenbahn, die von Brohl am Rhein nach Engeln führt und als „Vulkan-Express“ Ausflugstouristen magnetisch anzieht. Dass das Unikum einer Schmalspur-Eisenbahn gebaut wurde, ist der Verhandlungstaktik der Gemeinden zu verdanken. In der Normalspur hätten die Grundstückseigentümer enteignet werden müssen, während sie in der Schmalspur-Variante Eigentümer von Grund und Boden bleiben durften. Verständlicherweise lehnten die Grundstückseigentümer dankend ab, so dass dieses Unikat einer Schmalspur-Bahn entstand, welches den Transport von Vulkangestein zum Rhein sichtlich erleichterte.

Erst Oberzissen, dann Niederzissen, die Landstraße folgt dem Verlauf des Brohlbaches. Kelten und Römer siedelten im Brohltal, das belegen Funde von Äxten und Beilen aus der keltischen Zeit. Reste von Wasserleitungen, Heizungsanlagen, Krüge, Scherben, Statuen von Göttern fand man aus der Römerzeit. Wo der Wortstamm „Zissen“ herkommt, darüber ist viel spekuliert worden. Viele Theorien verweisen auf die Kelten. „Zissen“ bedeutet  so viel wie „rückwärts vom Rhein gelegen“ oder auch schweigen, verbergen, zurückhalten. Erstmals urkundlich erwähnt wird Zissen im 9. Jahrhundert.

Niederzissen, in direkter Nähe zur Autobahn A61, ist Sitz der Verbandsgemeinde Brohltal, mit Industriegebieten am Ortsrand. Dass der größte Flecken in dieser Verbandsgemeinde aufstreben und wachsen will, spüre ich am Ortsbild. Die Brohltalstraße windet sich an gleichförmigen Häusertypen vorbei. Fachwerkbauten, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben, sind verschwunden. Hier und da heben sich Gebäude ab, die aus schweren grauen Basaltquadern gemauert sind.

Ortskern von Waldorf
Als ich die ferne Autobahnbrücke der A61 erblicke, biege ich nach links ab auf die Waldorfer Straße, die zum nächsten Ort, nach Waldorf führt. Und ich erschrecke, denn, wie mit dem Lineal gezogen, steigt die Straße an. Gefühlt, sind das mindestens 10% Steigung. Eine weitere Route des Vulkanparks biegt ab, während ich mich geradeaus den Berg hoch quäle. Das ist der Bausenberg, der meinen Puls in die Höhe treibt. Ihn könnte man als Hausvulkan von Niederzissen beschreiben. Auf 22 Stationen kann der Wanderer den Vulkankrater erklimmen, der einzigartig ist, in seiner Hufeisenform, und dazu uralt nach seinem Ausbruch vor 150.000 Jahren.

Es kursiert sogar die Sage, dass ein Drache vom Bausenberg sein Unwesen getrieben hat. Er tötete Menschen und verbreitete Angst und Schrecken. So sollte ihm die einzige Tochter des Ritters von Ölbrück geopfert werden. Eines Abends klopfte ein unbekannter Reiter am Burgtor von Ölbrück an und bat um Einlaß. Der Schreckenstag der Opferung nahte. Als der wutschnaubende und feuerspeiende Drache erschien, stemmte sich der unbekannte Reiter ihm entgegen, kämpfte mit seinem Schwert, stach in eine schwache Stelle des Drachen hinein. Ein giftiger Blutstrahl schoß hoch hinauf, der Drache bäumte sich auf, sein Kampf mit dem Tod war kurz. Das Volk jubelte, und auf die Frage, wer er sei, antwortete der Unbekannte, er selbst sei der Heilige Georg, der Drachentöter. Danach verschwand er und wurde nie mehr gesehen.

Felder vor Sinzig
Oben angekommen, biege ich links ab, die Landstraße verläuft parallel zur Autobahn, bis sie unter einer Brücke hindurch nach rechts abknickt. Felder öffnen sich, Streuobstwiesen, Waldstücke in kleinen Parzellen, Strauchwerk, alleinstehende Kastanienbäume. Bachläufe haben sich tief in diese Gartenlandschaft eingegraben, so dass die Straße mit 8% Gefälle ins Tal hinab stürzt. Waldorf, der nächste Ort, überrascht in vielerlei Hinsicht. Die Reihenfeldergräber aus dem 7. Jahrhundert, die aus der Frankenzeit ausgegraben worden sind, sind dieselben wie diejenigen der Merowinger in Nordfrankreich. Dort hatte der Volksstamm der Wallonen gesiedelt, so dass man vermutet, dass die gemeinsame Vorsilbe „Wal“ ein Indiz dafür ist, dass die Wallonen eine Kolonie in Waldorf gegründet haben. Und noch etwas überrascht: Fachwerkhäuser lösen den Grundton der Gebäude in grauem Vulkangestein ab, und das in üppiger Anzahl. Wie geleckt, sind die Balken in sattem Rot gestrichen. Die Waldorfer tragen übrigens den Spitznamen „Möbbesköpp“, da sie einen zähflüssigen Sirup aus Birnen und Äpfeln herstellen, der „Möbbes“ genannt wird.

Direkt links im Ort, folge ich der Beschilderung nach Sinzig. Abermals geht es bergauf, auch hier mindestens gefühlte 10% Steigung. Die letzten Ausläufer der Eifel stressen sichtlich meine Kondition. Oben angekommen, präsentiert sich dieselbe Gartenlandschaft von Streuobstwiesen. Vor Franken, dem nächsten Ort, wiederholt sich das Spielchen. Das Hochplateau steckt voller Einkerbungen, tief geht es den Berg hinab, dann wieder hinauf. Auf dem letzten Stück nach Sinzig kann ich mich etwas erholen, denn sechs Kilometer lang purzelt die Straße ins Tal.

An der Stadtmitte von Sinzig fahre ich vorbei, weiter nach Remagen. Dort biege ich an der großen Kreuzung vor dem Bahnhof unter die Eisenbahnbrücke ab ins Zentrum. Einmal links, einmal rechts am Bahnhof vorbei, wieder links durch die Fußgängerzone, wieder rechts durch eine enge Gasse, dann bin ich am Rhein. Aber der Weg ist egal. Ich kann auch unter die Eisenbahnbrücke immer geradeaus zum Rhein fahren. Viel wichtiger ist das Brauhaus Remagen. Dort hocke ich mich auf der Rheinpromenade hin. Ich trinke zwei große naturtrübe Gläser Bier. Sie schmecken vorzüglich, nicht nur weil sie aus der hauseigenen Brauerei sind, sondern auch, weil die letzten Steigungen in meinen Knochen stecken. Ich muss meine Beine baumeln lassen. Meinem Gesäß tut das weiche Sitzkissen sichtlich gut.

in Remagen am Rhein

Wie gut, dass die restliche Strecke von 20 Kilometern flach ist. Meine Tritte sind schwerer geworden. Sachte rolle ich vorwärts, immer den Rheinradweg entlang, bis zum Alten Zoll.

Strecke (92 Kilometer):


Höhenprofil:



Kommentare:

  1. Danke, für diesen ausführlichen Post, der mir gaaaanz viel Freude bereitet hat. Auch, weil ich einen Teil der Strecke gut nachvollziehen konnte, nämlich die an der Ahr entlang. Ich weiß, wie gebirgig es dort ist, deshalb ziehe ich meinen Hut vor deiner Kondition! LG Martina

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  2. hallo,
    klasse bericht, gefällt mir, allerdings fährst du immer auf der asphaltierten straße (im autoverkehr?).

    ich weiss, was steigungen sind, habe hier genügend davon, aber mit einem guten rädle geht das schon und
    vielleicht auch bald mit einem ebike, das mir im moment aber noch zu teuer ist.

    ich habe morgen meine tour vom sonntag in meinem blog.
    wenn du mal gucken möchtest.
    habe ich nicht gelesen, oder hast du die kilometer nicht geschrieben und welche zeit?
    ich habe einen guide, der das immer ganz genau wissen will. :-))
    lieben gruß eva

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  3. Lieber Dieter, es ist immer wieder schön, dass du mich auf Ausflüge in die Bonner Umgebung mitnimmst, in der ich früher so gerne unterwegs war. Mit der Olbrück verbindet mich Einiges. Als junge Lehrerin habe ich einmal zusammen mit meinem Mann und einem befreundeten Paar einen wunderschönen Betriebsausflug für meine damalige Schule mit der Olbrück als Ziel organisiert. In 4 Gruppen mussten die Kollegen sich zur Burgruine durchschlagen ( unter anderem auch vom Bausenberg aus ) und dabei unterwegs verschiedene Aufgaben lösen. Schon das Vorbereiten hat viel Spaß gemacht, mussten doch alle Strecken selbst erwandert werden. Die Hintergründe des Zerfalls des Turmes im letzten Jahrhundert kannte ich nicht, habe aber Verbindungen zu Leuten, die sich um die Instandsetzung verdient gemacht haben. Ich sollte wohl mal wieder hin - danke für die Anregung wie für den ganzen Eifel - Report!
    Herzlichst
    Astrid

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  4. Lieber Dieter,
    wie immer eine sehr interessante Beschreibung deiner Tour.
    Ich folge dir gern, wenn auch nicht per Rad. Aber diese Orte
    sind mir alle aus meiner Jugend bekannt.
    Einen guten Wochenstart wünscht
    Irmi

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  5. Siehste....das Lied sagt mir gar nix :-)))) Von daher habe ich deinen Bericht genießen können und danke auch für die schönen Impressionen die du mitgebracht hast.

    Wie gut das es noch schönere Tage gibt, so brauchst du deine Touren ja noch nicht einmotten und aufs nächste Jahr verschieben.

    Hab eine schöne Woche und herzliche Grüsse

    N☼va

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  6. Ein sehr schöner Bericht, mußte gerade lachen,
    weil in unserem Nachbardorf auch jemand solche Kühe stehen hat
    und sie mit der Fahne und allerhand WM Gedöns geschmückt hatte.
    Als ich nach dem Sieg ein paar Bilder machen wollte,
    war sie leider schon abdekoriert.
    Viele Grüße
    Nähoma

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  7. Hallo Dieter,
    die Mischung ist es, zwischen Streckenbeschreibung, eigenem Erleben, Geschichte, regionalen "Leckerbissen", Architektur, Gaumenfreuden uvm, die Deine Radfahrwelt für jeden anderen ebenso lesenswert macht.
    Es ist eine Lesefreude auf diese Weise dabei zu sein.

    Grüße von der Ostseeküste
    Beate

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  8. Hallo Dieter,
    das liest sich wirklich so, als würdest du die Momente nie vergessen.
    Man reist eben doch bewusster als mit dem Auto und fühlt die Straße,
    VG
    Elke

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  9. Hatte die letzten Wochen leider kaum Zeit. Umso mehr habe ich heute deinen Bericht genossen. Wie immer sehr lehrreich und mit schönen Fotos untermalt. Danke
    Gruß vonner Grete

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  10. Ahhh, Ramersbach kommt auf die "to-see-Liste", ich liebe Jugendstil über alles! Auch wenn die Kirche für Jugendstil doch sehr trutzig aussieht.
    Burg Ölbrück...noch nie gehört. Achja, so eine Burg kann wirklich sehr geldfressend sein. Die Sage macht die Burg gleich doppelt spannend.
    Und Dein Bericht hat mich wieder daran erinnert, dass einst gute Lieder zu nervenden Wehklagen werden können ;-).

    Ganz viele liebe Grüße!!!

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  11. Sieht ziemlich anstrengend aus, das Höhenprofil, 14 km fast nur bergauf!

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  12. Es liest sich wieder alles so locker und leicht ... :-)
    Ich finde es immer interessant was beim Radfahren alles siehst und erkundest.
    Hat wieder Spaß gemacht zu lesen.

    Lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  13. Ein Paradeblog ueber eine Paradetour!

    Ich wollte zwischendurch immer nach Karte fragen, dann kam sie eben doch noch.

    Einfach toll, wie du diese Tour beschreibst, Geschichte, Sehenswuerdiges und Geographe und Geologie miteinschliesst und ueberhaupt einen aeusserst interessanten Artikel schreibst.

    Meinen herzlichen Dank. Ich werde mir diese Gegend noch genauer aus Buechern, Google und Google Earth zusammensuchen muessen. Einfach Klasse!

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