Donnerstag, 4. September 2014

mit dem Rennrad über den Wiedtalradweg nach Asbach

Jagdhaus im Schmelztal
Die Zeiten waren unruhig, die Schmach der Niederlage nach dem Ersten Weltkrieg saß tief, Reparationszahlungen in einer ungeheuren Größenordnung drückten, die Alliierten hatten das Rheinland besetzt. Kaum zu glauben, dass 1923 Separatisten im Rheinland einen eigenen Staat gründen wollten. In der Zwischenkriegsphase war die Weimarer Republik so labil, dass die französischen Besatzungsmächte zusahen und die Separatisten gewähren ließen.

Eigene Geldscheine waren druckfrisch, als die Rebellen in Aachen, Koblenz und Duisburg die Rathäuser stürmten, die Bürgermeister heraus schmissen und die grün-weiß-rote Fahne der Rheinischen Republik hißten. Sie drangen ein, plünderten, beschlagnahmten Lebensmittel und Fahrzeuge, verteilten Flugblätter. Nachdem sie am 12. November 1923 in Bad Honnef die Rheinische Republik ausgerufen hatten, marschierten die Truppen weiter ins Schmelztal hinein und nisteten sich im Jagdhaus zum Schmelztal ein. Streng abgeschottet muss es dort zugegangen sein. Die Fenster wurden verriegelt, eine Geheimgesellschaft tagte. Ausgewählte Zwischenmänner nahmen Kontakt auf, Netzwerke von Guerilla-Kämpfern wurden aktiviert, freiwillige Kämpfer für die Rheinische Republik wurden rekrutiert. Die Gemeinschaft schwor sich ein auf die Revolution, die das ganze Rheinland überrennen sollte.

Vom Alten Zoll aus fahre ich los, zunächst derselben Strecke folgend wie auf der Tour nach Eitorf. Also den Rhein entlang, Bonn-Oberkassel, Königswinter, Rhöndorf, ich verlasse den Radweg entlang der Straßenbahnlinie 66, rechts unter die Autobahnbrücke, geradeaus über Rhöndorf nach Bad Honnef. Das Fahrrad schiebe ich durch die Fußgängerzone, dann nehme ich durch das Schmelztal denselben Weg, den einst die Separatisten genommen hatten.

Nachdem das Verkehrsschild die 5,8 Kilometer kurvenreiche Strecke angekündigt hat, erspähe ich das Jagdhaus im Schmelztal vor einer langgezogenen Linkskurve. Die Rebellion der Rheinländer war durchaus von langer Hand geplant. Es war Konrad Adenauer in seiner eigenen Person, der 1919 eine Rheinische Republik forderte, als er alle Parteien in Köln zu einem Gipfeltreffen zusammenrief. Mit dem Ersten Weltkrieg waren Preußen und der Kaiser untergegangen. Also wurde eine junge neue Rheinische Republik gefordert, als nach Westen gerichteter Staat, wie einst der Rheinbund unter Napoleon. 1923, als die Alliierten das Rheinland besetzten, erreichten die Nachkriegswirren einen Höhepunkt.

Pferdekoppel
Die Separatisten marschierten bis zum Jagdhaus am Schmelztal. Im Rücken des Jagdhauses plätschert ein Bach, und von Revolte ist längst nichts mehr zu spüren. Verbleichte Schilder „Club nur für Paare“ lassen erahnen, dass das Haus als Lokalität genutzt worden ist, in dem die Lust von meinem Begriffsverständnis meilenweit entfernt war.

Meine Lust, sie bezieht sich auf den Anstieg in das Siebengebirge hinein, läßt mein Herz höher schlagen. Kurven inspirieren, sie hemmen nicht, sie heben mich auf höhere Ebenen, in satten Portionen wirken die Eindrücke. Keine stationäre Radaranlage kann mich stören, keine Geschwindigkeitsbeschränkung mich bremsen – denn so schnell brause ich sowieso nicht dahin. Ganz gemächlich arbeite ich mich hoch. Je schärfer die Kurve sich dreht, um so mehr wechseln die Momente der Landschaft, die Blickwinkel zwischen Bäumen und Blattwerk hindurch verändern sich ständig. Das letzte Stück nach Aegidienberg kriecht steiler an, Wiesen öffnen sich, der dichte Mischwald endet. Einstweilen ist in Aegidienberg der Anstieg zunächst geschafft.

Die Separatisten waren zu Fußunterwegs, weitgehend auf derselben Strecke, die ich mich auf dem Rennrad hoch gearbeitet habe. Auf nach Aegidienberg. Dort hatte sich allerdings Widerstand formiert, da deren Treiben allen ungeheuer vorkam. Auf den Höhen des Siebengebirges hatte eine Bürgerwehr, die Waffen organisiert hatte, eine zwölf Kilometer lange Abwehrfront gebildet. Diese ging am Nachmittag des 15. November 1923 in Stellung. Die Separatisten kamen aus den Wäldern gekrochen, auf das freie Gelände vor Aegidienberg. Eine kurze Zeit wartete die Bürgerwehr, dann rief einer das Kommando „Feuer“. Und die Bürgerwehr schoß mit allem, was sie hatte. Die Separatisten flohen, kehrten kurz zurück und wurden danach nie wieder gesehen. Danach fand die Bewegung der Separatisten ein rasches Ende, da die anderen Alliierten Besatzungsmächte – Amerikaner und Engländer – solche Bewegungen nicht befürworteten.

Am Kreisverkehr in Aegidienberg biege ich nach rechts ab, seicht und ohne Anstrengung schaffe ich es den restlichen Berg hinauf. Diesmal biege ich an der großen Ampel nicht nach links in Richtung der Autobahn A3, sondern geradeaus. Schlagartig beruhigt sich der Verkehr. Gemütlich rolle ich vorwärts, vorbei an Waldstücken. Dann kommen Einfamilienhäuser, freistehend, jedes für sich anders, großartige Anwesen, hier und da Fachwerk, an anderer Stelle haben die Bauherren den Stil norddeutscher Gutshöfe ins Rheinland kopiert.

bei Hollerbach
Die Straße wird schmaler, Wege knicken ab, ohne Beschilderung. Ich muss fragen. Prinzipiell ist der Weg egal, denn ich muss sowieso ins Tal hinunter und dann den Berg wieder hinauf. Rechts dreht der Weg nach Vettelschoß, links nach Windhagen. Die goldene Mitte ist richtig, meinen die älteren Herrschaften, die ich befragt habe, und ab der Talsohle käme ich sozusagen wie im Schlaf nach Neustadt an der Wied.

So ist es denn auch. In Hollerbach, im Tal gelegen, halte ich mich erst links und hinter einer umgebauten Scheune, die noch wie ein Provisorium aussieht, nach rechts. Mit schlafwandlerischer Sicherheit holt mich die nächste Steigung wieder ein, die mich mächtig ins Schwitzen bringt. Dieses Auf und ab prägt sich als Charaktereigenschaft des Westerwaldes ein, und wenn ich denn Steigungen suche, kann ich reichlich davon haben.

Auf der Höhe angekommen, überfliege ich diese Abwechslung aus Bergen und Tälern. Die Einschnitte kommen mir nicht allzu tief vor, dafür ziehen sich Steigungen und Abfahrten ordentlich in die Länge. Wieder geht es hinab ins Tal, Kurven werfen mich in dichten Nadelwald hinein, erst kommt das Hallerbachtal, dann das Wiedtal. Zwei Brückenbauwerke dominieren dieses Flußtal. Im ICE sitzend, muss die Fahrt über die Hallerbachtalbrücke, mit einem Kilometern Länge das längste Brückenbauwerk auf der ICE-Strecke, das Fahrgefühl einer Achterbahn vermitteln. Von Köln aus kommend, schießt der ICE mit 280 km/h über die Höhen des Siebengebirges, stürzt mit 4% Gefälle im Tunnel ins Tal hinunter und verschwindet anschließend in demselben Irrsinnstempo im nächsten Tunnel. So viel technische Meisterleistungen, das liegt außerhalb der Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. Wäre in diesem Moment ein ICE vorbei gerauscht, hätte mir der Augenblick kaum eine Chance gelassen, ihn in seiner Flüchtigkeit zu bemerken.


Brückenbauwerke (ICE-Strecke, oben, und Autobahnbrücke A3, unten)
Die Geschichte der nächsten Brücke, der Autobahnbrücke A3 von Köln nach Frankfurt, die ich zwei Kilometer weiter erreiche, liegt etwas weiter zurück, nämlich in die ungeliebte Zeit des Nationalsozialismus. Diese erließen am 27. Juni 1933 auf Weisung Hitlers ein „Gesetz über die Errichtung eines Unternehmens Reichsautobahnen“.  Die Planungen der heutigen A3 von Köln nach Düsseldorf hatten bereits in den 1920er Jahren begonnen, am 22. Oktober 1936 wurden dann die Planungen auf dem Teilstück von Rottbitze nach Dierdorf aufgenommen, am 20.September 1939 wurde dieses Teilstück fertiggestellt. Basaltlava aus der Mayener Gegend wurde mit Zügen herangekarrt, um die Brücke aus Steinquadern massiv und unzerstörbar zu mauern. Den Kriegszeiten entsprechend, rollten danach fleißig Militärlastwagen und Panzer über die Brücke. Das vorübergehende Ende der Brücke kam kurz vor Toresschluß des Zweiten Weltkrieges. Nicht nur der Krieg an für sich, sondern auch die Zerstörung der Autobahnbrücke war ein Akt der Sinnlosigkeit. Am 15. März 1945 hatten  amerikanische Truppen die Höhen des Westerwaldes hinter Linz erreicht, einen Katzensprung vom Wiedtal entfernt. Bereits am 11. März hatten die deutschen Truppen einen Befehl erhalten, die Autobahnbrücke zu sprengen. Zuerst verzögerten sie die Antwort, warteten ab, doch je näher der Feind heran rückte, um so zweifelhafter erschien ihnen die mutwillige Zerstörungsaktion. Die alliierten Truppen drangen in West-Ost-Richtung vor, die Autobahn verlief aber in Nord-Süd-Richtung. Strategisch machte die Stoßrichtung von Nord nach Süd keinen Sinn, da sich die Truppenbewegungen in Flußtälern abspielten, das waren die Sieg, die Wied und die Lahn. Und die verliefen in West-Ost-Richtung. Es fehle an Sprengstoff, so zögerten die Soldaten die Sprengung hinaus. Die Antwort der Obersten Heeresleitung aus Berlin kam prompt, wieviel Sprengstoff denn vorhanden sein und wieviel Sprengstoff noch benötigt würde, gekoppelt mit dem Hinweis, dass bei Befehlsverweigerung die standrechtliche Erschießung drohe. Zwei Tonnen Sprengstoff seien vorhanden und acht Tonnen würden benötigt, so antworteten die Soldaten, wobei sie sich den Hinweis erlaubten, dass sie viel dringender Munition und Waffen benötigten, um sich gegen den heran marschierenden Feind zu verteidigen. Am 17. März staunten die Soldaten nicht schlecht, als der Sprengstoff geliefert wurde. Die viel dringender benötigten Waffen fehlten aber. Sie sprengten die Brücke, und danach nahm das allgemeine Befehlschaos in den letzten Kriegswirren seinen  Lauf. Die Division, im Auflösungszustand begriffen, wurden danach an die Ostfront abkommandiert.

Das Stück Wiedtal ist kurz und intensiv. Die Fahrradbeschilderung kündigt 2,9 Kilometer Radweg bis Neustadt an der Wied an. Springkraut hat mit einem lilanen Blütenteppich das Ufer erobert, danach verwirrt der Verlauf des Radwegs, denn er knickt erst nach links ab, dann nach rechts ab, umkurvt einen stehen gebliebenen Brückenstumpf, der gar keine Funktion mehr hat, und landet dann wieder auf der Hauptstraße. Als der Radweg von der Straße aus nach links abschwenkt, wird der Verlauf klarer. Es ist ein Bahntrassenradweg, anfangs asphaltiert und dann auf ordentlich befestigtem Untergrund gut mit dem Rennrad befahrbar. Zwischen Strauchwerk und Geäst schillert der klare Wasserspiegel der Wied hindurch. Auf ebenem Niveau rolle ich gemächlich dahin, entspanne meine Tretmuskeln, folge der ausholenden Schleife, die die Wied zieht, schaue auf Einzelgehöfte, die müde vor gemähten Wiesen daher schlummern.

Vor einem Tunnel, in dem es rabenschwarz wird, verläßt der Radweg die Bahntrasse. Wie anderenorts in der Gründerzeit, waren die ersten Züge auf der Bahnlinie mit einem brausenden Hurra gefeiert worden. 1912 wurde die Bahnlinie eingeweiht, und liebevoll nannten die Westerwälder ihren Zug „Waldi“. Dabei hatten die Bewohner des Wiedtals nicht unbedingt damit gerechnet, dass dem Wiedtal eine Eisenbahnverbindung beschert würde, denn die Höhenunterschiede waren gewaltig. Die Eisenbahn verband Linz mit Altenkirchen, und von Linz aus dem Rheintal mussten 290 Meter Höhenunterschied bewältigt werden, was nur mit Zahnraddampflokomotiven gelang.



Impressionen auf dem Wiedtalradweg
Die Bahnlinie spielte auch in den Wirren der Separatistenbewegungen eine Rolle. In den Morgenstunden des 15. November 1923 war ein Telefonanruf in Neustadt an der Wied eingegangen, dass die Separatisten von Bad Honnef aus über das Siebengebirge bis nach Asbach vorstoßen wollten. Die Honnefer erzählten, sie hätten am eigenen Leib erlebt, dass es keine Heilsbringer einer freien Rheinischen Republik wären, sondern plündernde Horden und Räuber. Bald läuteten in allen Kirchen die Glocken, kampfbereite Bürger brachten Waffen und Schrotflinten mit. Vom Bahnhof Neustadt an der Wied ging es mit der Eisenbahn durch das Wiedtal weiter nach Unterelsaff, wo sich weitere Bürger sammelten, Verteidigungspläne schmiedeten und nach Bad Honnef marschierten, um den Separatisten die Stirn zu bieten. Dort vereinigten sie sich mit den Aegidienbergern zu der zwölf Kilometer breiten Front.

In Neustadt an der Wied sprühen Jugendliche voller Tatendrang und bugsieren ihre Sporträder, Mountain-Bikes und Trekkingräder über die Fußgängerhängebrücke, schiebend. Behutsam tasten sie sich vorwärts, denn die Überfahrt verengt sich, Fahrradreifen rumpeln über Holzbohlen. „Da kommt noch eine komplette Schulklasse“ warnt mich der Lehrer, und meine Wartezeit steigt, die Schüler tropfen einzeln oder in Grüppchen heran, manche huschen anschließend in Windeseile vorbei. Der Lehrer am Schluß der Kette von Fahrradfahrern nickt wohlwollend, klemmt sich an die Meute der Schüler, lächelt mich an und bedankt sich für die Warterei.

zwischen Neustadt a.d. Wied und Asbach
Von Neustadt an der Wied sehe ich praktisch nichts, denn ich biege direkt links ab über die Wiedbrücke, lasse den Ortskern rechterhand liegen, dann direkt wieder rechts auf die Hauptstraße in Richtung Altenkirchen, nach 50 Metern wieder links. Ich biege ab auf die Nebenstraße in Richtung Bühlingen. Der Anstieg ist giftig, gefühlt sind das mindestens 10%. In Bühlingen, einem Ort mit unsystematisch dahin gewürfelten Häusern, atme ich all die Verlassenheit und Seelenruhe des Westerwaldes ein. Es geht weiter aufwärts, aber sachte, vorbei an Pferden, die gleichgültig in die buckelige Landschaft hinein schauen.

Einige Kilometer weiter, lande ich auf der Hauptstraße von Neustadt an der Wied nach Asbach. Auto quetscht sich an Auto, doch das halte ich aus. Den Berg runter vor Asbach, dann bergauf, und ich wundere mich, was für ein Einkaufszentrum sich am Ortsrand von Asbach eingenistet hat, dessen Größenproportionen aus dem Ruder gelaufen sind. Gibt es so viel Kaufkraft auf dieser dünn besiedelten Hochfläche, wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen ?

Ich steuere über die Hauptstraße, die geradewegs durch den Ort verläuft. Brav, ordentlich und unauffällig fügt sich das Ortsbild zusammen. Spektakuläre Bauwerke vermisse ich, aber immerhin: die Pfarrkirche St. Laurentius beeindruckt mit ihrem wuchtigen Westwerk. Dem romanischen Baustil zuzuordnen, erinnert der nach Westen gerichtete Turm und das Eingangsportal in Ansätzen an größere Dome in Deutschland, wenngleich einige Größenordnungen kleiner. Am Marktplatz mache an einem Eiscafé Pause, wo es sich trotz der befremdenden Kombination von schattigen Platanen, die die Pfarrkirche umgeben, und einem nüchternen Klotz aus Beton und Glas, in dem die Raiffeisenbank untergebracht ist, gut aushalten läßt.

St. Laurentius in Asbach
Sieht man davon ab, dass Neustadt an der Wied im Tal liegt und Asbach auf der Höhenzügen des Westerwaldes, so haben die beiden Orte vieles gemeinsam. 1180 erschienen die beiden Orte erstmals in denselben Güterverzeichnissen der Siegburger Abtei, 600 Jahre lang bestimmten die Grafen von Wied die Geschicke. Gleichzeitig waren beide Orte eng verbunden mit den Kölner Kurfürsten, da diese mit dem Tod von Mechtild von Sayn, das war 1291, von ihnen verwaltet wurden. Beide Orte sind nicht gerade mit touristischen Sehenswürdigkeiten gespickt, außerdem hatte der Zweite Weltkrieg deutliche Spuren der Zerstörung hinterlasssen.

Dass die Bomben von der Pfarrkirche St. Laurentius nur die beiden Seitenflügel und den Glockenturm verschont hatten und dass um diese Ruinen herum eine neue Kirche gebaut werden musste, sieht man dem Gotteshaus nicht an. Mit ihrem zartgelben Anstrich wirkt die Kirche homogen wie aus einem Guß, so als hätte sie ihre Entstehungszeit um 1200 überdauert.

Aus dieser Zeit stammt noch der Glockenturm, der im Mittelalter nicht nur eine religiöse Bedeutung hatte. „Ind wysten den hohen clockschlag ind dye gantze heirlichkeit hoe ind nedergerichte ind alle gebot und verbot … „ so heißt es auf einer Inschrift der Grafen von Wied aus dem Jahr 1403 auf Schloss Altenwied, das liegt im Wiedtal nicht unweit von der Autobahnbrücke A3 entfernt. Es war Mechthild von Sayn, die die Hohe Gerichtsbarkeit für Raub und Mord auf den „Spillhügel“ von Asbach verlegte. Es bedarf nur wenig Phantasie, dass an diesem grausigen Ort ein Galgen oder Folterinstrumente ihr Werk verrichteten, um die Strafe zu vollziehen. Wenn das Gericht ein Urteil gesprochen hatte, dann erschallte der „Clockschlag“ in alle Ferne und weit in die Lande hinaus. Die Grundsätze des „Landrechtes“ im Kurkölnischen Amt Asbach aus dem 15. Jahrhundert dokumentieren dies.

Bahnhof der Bröltalbahn in Asbach
Ich drehe zurück auf die Hauptstraße, fahre ein Stück ortsauswärts, nach einhundert Metern biege ich rechts ab auf die Bahnhofstraße, bis ich einen Kilometer später doch etwas entdecke – eine Touristenattraktion im Kleinen. Es sind die Überbleibsel einer Schmalspurbahn mit Lokschuppen, Bahnhof und Gleisen, die einst Asbach mit Hennef verbunden hatte. Güter und kaum Personen wurden befördert, denn Ziel der Bahnstrecke waren Steinbrüche, die der Basalt Lava AG gehörten und sich als riesige Löcher in die Landschaft fraßen. Die Menschen dachten vielleicht ökologischer, denn all die Steine aus den Steinbrüchen wurden nicht auf LKWs verfrachtet, die dann die Straßen verstopften, sondern auf die Schienen. Das Schienennetz war weitflächig, verband unter anderem Waldbröl, Bonn-Beuel, Siegburg, Aegidienberg und Asbach, und das auf einer Schmalspurbahn. In den 1960er Jahren fuhr der letzte Zug, und dann wurden die Gleise abgerissen - oder zurückgebaut, wie es vornehmer heißt. Sonntags kann man auf dem Asbacher Bahnhof sogar Dampflokomotiven bestaunen.

An der nächsten Krezung fahre ich links, dann gelange ich auf die Durchgangsstraße. Am Ortsende von Asbach fahre ich in Richtung Bad Honnef weiter. Ich bin angenehm überrascht, dass die Straße entlang eines Bachlaufes bergab führt. Ich lasse mich hinab tragen, bis die Straße nach zwei Kilometern in Kurven das Profil wechselt und den Berg hoch geht. Der Anstieg ist nicht spektakulär, er will aber nicht enden und meine Beine werden schwerer. Waldstücke wechseln mit Wiesen ab, freistehende Gehöfte säumen den Straßenrand. An der Musser Heide, die diesmal kein Blütenteppich belegt, biege ich rechts ab nach Königswinter, den Sauerbruch mit der Buchholzer Moorfläche lasse ich rechts liegen, dann biege ich nach einem Kilometer erneut nach links ab.

In Richtung Königswinter komme ich an dem Munitionsdepot der Bundeswehr vorbei, ein letzter seichter Anstieg, dann können meine müden Knochen aufatmen, denn es geht nur noch bergab. Ich lasse meine Beine baumeln, vor Eudenbach grüßt mich linkerhand die gigantische Kulisse des Siebengebirges. Das Ortsbild von Eudenbach ist nichts besonderes, angegraute Hausfassaden unter weißem Putz, die neuromanische Kirche in einem bleicheren Weiß, hier und da werden Häuser mit heruntergelassenen Rolläden zum Verkauf angeboten.

Blick auf das Siebengebirge bei Eudenbach
Und doch lassen mich die Separatisten nicht locker. Als sie zwischenzeitlich nach Aegidienberg zurückkehrten, nahmen sie Geiseln, die dann befreit wurden. Anschließend flohen die Separatisten und wurden nie mehr gesehen. Bei der Befreiungsaktion kam der Eudenbacher Wilhelm Staffel ums Leben. Ihm zu Ehren findet sich in der Ortsmitte von Eudenbach ein Denkmal.

Die restliche Strecke zum Alten Zoll zurück wähle ich die bequeme Variante: so weit es geht bergab oder flach. Ab Eudenbach fahre ich stets geradeaus, nach zwei Kilometern geht es munter bergab, bis an die große Kreuzung mit Ampel vor Oberpleis. Dort halte ich mich rechts, fahre weiter über die Umgehungsstraße von Oberpleis, die einen breiten Seitenstreifen zum Rennradfahren bereithält. Dieser verschwindet ab Uthweiler, und abermals folge ich der Route immer geradeaus, bis Niederpleis, auf separatem Radweg . In Niederpleis fahreich links, folge der Beschilderung nach St. Augustin,. Dort fahre ich an der großen Kreuzung links hinter die Straßenbahnlinie, zu der parallel ein Radweg verläuft.


Diesem folge ich mit kurzen Unterbrechnungen bis zum Alten Zoll, dabei kann ich in Bonn-Beuel über die alte Trasse der Bröltalbahn radeln.


Strecke (80 Kilometer):



Höhenprofil:


Kommentare:

  1. Eine interessanter Bericht zu dem Ausflug.

    Gruß
    Noke

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  2. Hallo Dieter,

    nachdem ich viele Rennrad-Kilometer "mitgeradelt" bin, hätte ich doch eine Frage, die mich schon länger bewegt. Wie ergibt sich eine derartige Genauigkeit der Streckenbeschreibung? Ich gehe von mir aus (natürlich) und bemerke, es ist schwer im Nachhinein alles so deutlich präsent zu haben.
    Dem künftigen Buch wünsche ich herzlich, dass es sehr viele Enthusiasten findet, die den eindrucksvollen Beschreibungen folgend, Deine Heimat auf dem Rad "erobern".

    Gruß
    Beate

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  3. hallo dieter,
    eine schöne und interessante strecke und der konny kommt auch vor. ein mann, den ich sehr verehre und ich neulich - doch wirklich - entsetzt war, dass man ihn heute nicht mehr kennt. den 1. bundeskanzler der bundesrepublik, ich verstehe es nicht.
    aber zur strecke zurück. 80 kilometer mit dem höhenprofil und dann noch so eine exakte beschreibung. wie lange warst du unterwegs. ok für 80 km mit berg ca. 4 - 5 stunden reine fahrzeit schätze ich mal, wenn ich von mir ausgehe.
    aber dann noch diese exakte beschreibung. da mußt du ja einen ganzen tag unterwegs gewesen sein.
    o.k. mein guide macht das mit dem cyclemeter, aber der wäre wirklich zu faul, das genau niederzuschreiben. alle achtung sage ich da. aber wenn mann ein buch schreiben will, muß man das ja auch exakt widergeben.
    prima.
    mit lieben grüßen eva

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  4. Etwas zur Geschichte - viel zur Landschaft - tolle Aufnahmen - ein ausführlicher Reisebericht!!
    Meeehr kann man nicht erwarten!!! Vielen Dank für deine Mühe und diesen Post! LG Martina

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  5. Kann mich den Worten von Martina nur anschliessen und abschliessend noch sagen dass ich es immer bewundernswert finde so viele Kilometer mit einem Rad zu fahren. Du hättest hier wahrscheinlich auch deine wahre Freude.

    Saludos

    N☼va

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  6. Schön, wieder etwas von dir zu lesen! Habe deine Post schon etwas vermisst und mir ein bisschen Sorgen gemacht ( bin allerdings sehr mit mir selber beschäftigt und kriege anscheinend nicht alles mit. Buch???)
    Liebe Grüße
    Astrid

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  7. deine Texte sind schon etwas Besonderes - die Beschreibung der Fahrradfahrt - und dann die Verbindung zur Vergangenheit - alles auf dem gleichen Weg - in der gleichen Gegend - nur zu unterschiedlichen Zeiten. Faszinierend.

    Lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  8. Lieber Dieter,
    eine sehr geschichtsträchtige Radeltour auf den Spuren von Separatisten und durch verschiedene andere wild bewegte Zeiten war das! Bei mir im Blog geht's derzeit auch ein wenig historisch zu, allerdings beschränkt sich die Historie eher auf das optisch Erlebbare... und die Fahrzeuge, die darin vorkommen, sind keine Zweiräder... ;o)
    Ganz herzliche rostrosige Weekendgrüße von der Traude :o)
    ♥♫♫♥**♥♫♫♥**♥☂✿☼☂✿☼♥**♥♫♫♥**♥♫♫♥

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  9. lieber dieter,
    ich bin auch zufrieden mit meinen post. Du mußt nur eines bedenken, das ist ein brisantes Thema (gerade zu dem Outfitpost) das guckt der eine oder andere weibliche blogger schon öfterst rein, wer hat einen kommentar geschrieben, wie hat sie geantwortet usw. usw.
    da rauschts im bloggerwald, da werden mails geschrieben und und und.
    beim "buchrollenpost" habe ich verlinkt zum creadienstag und da kommt auch ne ganze menge zusammen, weil jeder user das bild sieht und schwupps klickt und schon gibt es wieder einen klick mehr.
    wenn ich eine fahrradtour oder eine besichtigung oder sogar einen opernbesuch als post veröffentliche, ist die ressonanz auch nicht groß,
    weil das weitaus nicht so interessant ist.
    ich werde demnächst mal meinen opernbesuch als post schreiben, da kann ich dir heute schon sagen, dass das weniger als 200 blogger gelesen haben, wenn überhaupt..

    meine besichtigungstouren usw. das haben auch nicht viele blogger gelesen, für mich aber auch interessant. vieles kommt halt durch eine verlinkung das ist ganz klar.
    die "Bärengeschichte" heute brachte bis jetzt nur ca. 100 aufrufe. Du siehst, das ist immer eine sache, was ist interessant und was nicht.
    ich bringe demnächst auch einen kulturellen anderen beitrag und auch hier wird das interesse auch weniger sein.

    lieben gruß eva

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    1. was vergessen, wie immer

      dann kommt noch hinzu, dass viele leser einfach nur bilder sehen wollen und wenig lesen.
      ich wurde sogar schon gerügt, ich würde zu viel schreiben.
      jennifer hat neulich auch geschrieben, dass sie lieber bilder anschaut, als denn zu lesen.
      es kommt wirklich immer drauf an.
      ich lese gerne bei dir, vor allem eben auch, weil ich auch sehr gerne und viel radle und ich bin auch gespannt auf
      die jetzt kommende wieder größere tour.
      lieben gruß eva

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  10. Aus diversen gründen komme ich in der letzten zeit nicht zum blog-lesen, doch Dein thema sprang mir eben ins auge, habe ich doch über 20 jahre im (mittleren) Wiedtal gewohnt, eine wirklich wunderschöne gegend. Da hattest Du ja mal wieder ganz schön zu strampeln ;)
    Liebe inselgrüße u. ein schönes wo.ende,
    Bine

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