Donnerstag, 18. Juni 2015

Reinhard Selten, der Nobelpreis und das Gefangenen-Dilemma

Fast hätte er seinen Nobelpreis verpasst. Als die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften am 11. Oktober 1994 die Namen der Wirtschafts-Nobelpreisträger bekannt gab, war Reinhard Selten beim Einkaufen. Da die Ära der Mobilfunkkommunikation noch nicht angebrochen war, kam der Professor der Bonner Universität ahnungslos nach Hause. Ein Pulk von Journalisten belagerte sein Haus in Königswinter-Ittenbach. „Ich gratuliere Ihnen“, sagte ein Reporter, worauf Selten ratlos antwortete „Wozu ?“ Danach kümmerte sich Selten zuerst darum, seine Einkäufe sicher ins Haus zu bringen. Erst als die Journalisten ihm in sein Haus folgten und sich nicht abschütteln ließen, realisierte Selten, was in diesem Moment geschehen war.

Reinhard Selten, 84 Jahre alt, ist bislang der einzige Deutsche, der sich mit der Auszeichnung eines Nobelpreises für Wirtschaft schmücken kann. Nachdem er an den Universitäten in Berlin und Bielefeld gelehrt hatte, führten ihn 1984 seine Wege an die Universität Bonn. Den Nobelpreis erhielt er auf seinem Spezialgebiet, der Spieltheorie. Um spieltheoretische Situationen in volkswirtschaftlichem Sinne handelt es sich genau dann, wenn mehrere in Konkurrenz stehende Entscheidungsträger an übergeordneten Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Dabei ähneln die Mechanismen denjenigen von Gesellschaftsspielen, wenn in die eigenen Handlungsweisen die Überlegungen und die Strategien der Mitspieler einzubeziehen sind. Es kommt zu Interaktionen zwischen den Spielern, wobei jeder Spieler seine eigenen Entscheidungspräferenzen hat und sein eigenes Spielergebnis zu maximieren sucht.

Selten hat den Menschen als „homo oeconomicus“ durch leuchtet, wie er mit seinen eigenen Nutzenpräferenzen als rationaler Entscheider wirklich tickt. Wichtig ist das volkswirtschaftliche Gesamtergebnis, und zwar als Konglomerat eines Gesamtnutzens, wenn man die Nutzen der einzelnen Beteiligten aufsummiert.

Dieser Gesamtnutzen kann auch suboptimal sein, das zeigt das Beispiel des Gefangenen-Dilemmas. Angenommen sei die Situation, dass zwei Komplizen eine Bank überfallen haben. Nach ihrer Flucht werden sie in demselben Fluchtfahrzeug ohne das erbeutete Geld von der Polizei geschnappt. In separaten Verhören haben die beiden Bankräuber die Alternative, entweder die Tat zuzugeben oder diese zu leugnen. Geben sie die Tat zu, müssen sie mit einer Gefängnisstrafe von 3 Monaten rechnen. Leugnen sie die Tat, dann müssen sie wegen Kleinkriminalität aus den vergangenen Monaten eine Geldstrafe von 500 Euro zahlen. Gibt aber ein Bankräuber den Raub zu und der andere leugnet diesen, dann verlängert sich die Gefängnisstrafe ohne Geständnis für den zweiten Bankräuber auf 6 Monate. Diese Konstellation ergibt den schlechtest möglichen Gesamtnutzen, nämlich 9 Monate Gefängnis, obschon der eine Bankräuber sich nach besten Kräften bemüht hat, seinen eigenen Nutzen zu optimieren.

Spieltheoretische Ansätze lassen sich auf Verhandlungssituationen übertragen. So taktiert Griechenland in der Euro-Krise, indem es versucht, ein Optimum für das eigene Land bei maximalen Schulden herauszuholen, während es mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Weltwirtschaft herum spielt. Ein Herr Weselsky schafft es, ein Maximum für die kleine Klientschaft der Lokführer heraus zu holen, während der Schaden durch stillstehende Güter- und Personenzüge für die Volkswirtschaft immens ist. In der Energiewende läuft so manches durcheinander, weil die Entscheidungsbedarfe über die gesamte Energiepolitik hinweg hoch sind. Gaskraftwerke, die gebaut worden sind, werden nicht genutzt. Bei Rekordminustemperaturen im Winter 2012/2013 stand  das Stromnetz vor dem Zusammenbruch, weil zu viele Kraftwerke abgeschaltet worden waren. An einer anderen Front kämpft Bayern dafür, dass alle neuen Hochspannungstrassen, die Windenergie von Nord nach Süd befördern sollen, über Baden-Württemberg an Bayern vorbei laufen sollen. 

Solche Schieflagen eines Gefangenen-Dilemmas sollten vermieden werden. In der Ökonomie nennt man das Optimum, wenn sich aus der Summe der Einzelnutzen ein optimaler Gesamtnutzen gibt, ein sogenanntes Nash-Gleichgewicht.

Seltens Ansätze, ein Gefangenen-Dilemma in ein Nash-Gleichgewicht zu überführen, mögen trivial klingen: der Mensch ist nicht nur ein Konstrukt aus mathematischen und ökonomische Modellen, sondern er zeigt auch Gefühle, Einsichten, Erfahrungen, Vernunft, Urteilsvermögen, individuelle Verhaltensweisen beziehungsweise alles, was die Persönlichkeit des Mensch prägt. Selten hätte auch Immanuel Kant aus seiner Kritik der praktischen Vernunft zitieren können: „ … die Idee des Ganzen richtig zu fassen, und aus derselben alle jene Teile in ihrer wechselseitigen Beziehung auf einander, vermittelst der Ableitung derselben von dem Begriffe jenes Ganzen, in einem reinen Vernunftvermögen ins Auge zu fassen.“ In Seltens Theorien optimieren sich die Nutzen der einzelnen Individuen über Bestandteile von Vernunft, so dass automatisch die optimierten Nash-Gleichgewichte entstehen.

So banal und alltäglich diese Gedanken klingen: der Nobelpreis wurde vergeben, weil Selten ein eigenes Laboratorium für volkswirtschaftliche Experimente an der Universität Bonn aufgebaut hat, das Bonn-Econ-Lab. In dem Laboratorium geht es hoch mathematisch her: spieltheoretische Entscheidungssituationen werden simuliert, die Beteiligten werden festgelegt, der Mensch als rationaler Entscheider wird in Frage gestellt, indem Stufen der Rationalität eingeführt werden. Verhaltensweisen wie Fairness, Uneigennützigkeit, Hedonismus, Statusüberlegungen, Neid und vieles mehr können modelliert werden.

Zum Beispiel wurde das Problem einer Währungsunion experimentell dargestellt. Selten simulierte eine Währungsunion in einem Zwei-Länder-Modell, indem er die Situation mit und ohne Währungsunion darstellte. Ausgewählte Teilnehmer schlüpften in die Rolle der Regierungen und der Zentralbanken, andere spielten Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Unternehmen. Entscheidend war die Rolle der Zentralbanken, auf stabile Wechselkurse zu achten. Wenn dies der Fall war, ließen sich keine Unterschiede zwischen den Situationen mit und ohne Währungsunion nachweisen. Wenngleich umstritten ist, die verhaltensökonomischen Ansätze auf die komplexen Gebilde von Volkswirtschaften zu übertragen, haben sich solche Experimentallabore durchgesetzt. So gibt es in Europa 61 solcher Laboratorien, in Amerika sind es 69.

Reinhard Selten gibt sich bodenständig und bescheiden. Im Siebengebirge ist er gerne mit bequemem Schuhwerk und mit Wanderstöcken unterwegs. Seine Nobelpreismedaille steht in seinem Büro hinter ein paar Aktenordnern, ohne dass er diese an einem feierlichen Platz aufgehängt hat. Man kennt ihn in Königswinter-Ittenbach. Ob mit oder ohne Nobelpreis, das ist ihm egal.

Kommentare:

  1. Lieber Dieter,
    danke für diesen stimmmungsvollen Bericht. Du hast sehr gut
    recherchiert und uns Reinhard Selten nähergebracht. Ich muss
    gestehen, dass man sich nicht sehr oft an ihn erinnert.
    Einen angenehmen Abend wünscht dir
    Irmi

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  2. Lieber Dieter, du hast mich heute in eine Welt geführt, in der ich mich nicht so zuhause fühle! Doch ich gestehe, ich habe deinen Post mit sehr großem Interesse gelesen - vieles war Neuland. Heute habe ich es betreten! Danke dafür! LG Martina

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