Donnerstag, 26. Juni 2014

mit dem Rennrad nach Eitorf

Rhöndorf, Kapelle
Manchmal bin ich träge, wenn ich meine Touren auswähle. Ich greife auf Touren zurück, die ich kenne und die ich häufig gefahren bin. Und die landschaftlich so schön sind, dass sie mich jedes Mal aufs neue überwältigen. Die Streckenführung kenne ich wie im Schlaf, auf jeder Tour entdecke ich neue Details. Die Eindrücke bleiben haften und sind so frisch, als hätte ich mich neu verliebt. Die Tour nach Eitorf ist eine solche Tour. Zudem bietet sie  einen weiteren Vorzug: sie entspricht ziemlich genau meinem Leistungsvermögen. Achtzig Kilometer gehen an meine Leistungsgrenze, dazwischen eine Pause in Eitorf. Und auf der zweiten Hälfte, in der die Anstiege im Siegtal zahm sind, werden meine Beine schwer.

Doch zunächst muss ich das Rheintal verlassen und die Höhenzüge des Siebengebirges hinauf steigen. Alter Zoll, über die Kennedybrücke nach Beuel, den Radweg immer den Rhein entlang, Königswinter, in Rhöndorf halte ich mich links zur Hauptstraße, dann rechts, geradewegs nach Bad Honnef, wo mich die protzige Villen am Straßenrand entzücken, am Kurviertel vorbei, an der Fußgängerzone vorbei, dann links. Geradeaus folge ich der Beschilderung nach Aegidienberg, hinter dem Ortsausgangsschild und dem Sportplatz zieht die Steigung an. 5,8 Kilometer kurvenreiche Strecke liegen vor mir, dies verspricht das Straßenschild. Das Versprechen ist voller Spannung. Aus einer zugewucherten alten Fabrik ragt ein Schornstein heraus, Graffitis leuchten in prallem Blau auf einer Verteilstation der Stadtwerke Bad Honnef, das Jagdhaus Schmelztal unterstreicht seine Bedeutung mit einem Hirschgeweih an der Fensterfront. Die 5,8 Kilometer kurvenreiche Strecke rauschen wie im Traum vorbei, ich trete im mittleren Gang, der Anstieg ist nicht allzu bissig, so dass ich meine Kräfte einteilen kann. Hinter einer Kurve mit einem Wanderparkplatz zieht der Anstieg auf seinem letzten Stück an, der Wald geht in Wiesen über, die ersten Häuser von Aegidienberg rücken in Sichtweite.

5,8 Kilometer kurvenreiche Strecke
Aegidienberg ist einzigartig, was die Logistik des Rennradfahrens betrifft. Am Kreisverkehr, in Ortsrandlage, befindet sich nämlich ein Fahrradgeschäft, das reichlich Rennräder anbietet. Schlauch, Mantel, Werkzeug, gerne habe ich mich dort mit allem nützlichen versorgt, um Pannen gewappnet zu sein.

Am Kreisverkehr halte ich mich rechts, ich trete gemächlich, aber es geht immer noch den Berg hinauf. An der nächsten großen Ampel biege ich nach links ab, ich folge der großen Welle des Autoverkehrs, der auf die Autobahnauffahrt der A3 zustrebt. Ein, zwei, drei Kreisverkehre reihen sich in Rottbitze aneinander. Discounter und Handwerksbetriebe zerstreuen sich am Waldrand. Nachdem der Troß der Autofahrer auf die Autobahn eingebogen ist, folge ich der Straße geradeaus und kann ich in aller Ruhe genießen, wie es bergab geht. Zufrieden schaue ich nach vorne, wie sich der gerade Strich der Straße nach unten zieht. Großzügig breitet sich ein Streifen von Gras am Straßenrand aus, dahinter stemmt sich all die Wucht des Mischwaldes in die Höhe.

Nachdem ich die Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz überquert habe, öffnet sich das Gelände. Ich bin in der Musser Heide angelangt. Ich biege nach links ab Richtung Buchholz und ich bin entzückt, welch ein großer Blütenteppich auf der Wiese blüht, eine Sinfonie in Farben. Und es ist merkwürdig, dass dieses Farbenmeer gar nicht weit weg von einem Flugplatz liegt, der sanft eingebettet ist zwischen Siebengebirge und Westerwald. Den Flugplatz sind die Nationalsozialisten schuld. Fluglärm brauche ich keinen zu fürchten, denn lautlos betreiben Segelflieger dort ihren Freizeitsport.

Musser Heide
„Muss“ leitet sich von „Moss“ ab, was so viel wie Moor bedeutet. Davon bin ich nicht weit entfernt, denn auf der Asbacher Hochfläche breitet sich tatsächlich das Natuschutzgebiet „Buchholzer Moor“ as. Das Gelände, nass, landwirtschaftlich nicht nutzbar, nur Fichten, Kiefern oder Heide können dort wachsen, bebauten die Nationalsozialisten 1935, oder vielmehr das Luftgaukommando in Köln. Der Flughafen hatte die Besonderheit, dass er vom Feind nicht erkannt werden sollte. So wurde ein Wohnhaus, ein Geräteschuppen und eine Scheune auf dem Flugplatz stehen gelassen. Sogar Vieh wurde in einem Stall gehalten, während die Hangars den Formen der Scheune angepaßt wurden. Sorgfältig ging man auch mit einer Kapelle um, die abgetragen wurde und jenseits der Landstraße wieder aufgebaut wurde. Nach Kriegsende ging ein Teil des Flughafens in den Besitz der Bundeswehr über, die hinter dem Segelflugplatz Munitionsdepots unterhält.

An der nächsten Querstraße halte ich mich weiter in Richtung Buchholz und biege nach rechts ab. Seicht rolle ich den Berg hinunter, während sich Buchholz mit dem markanten weißen Kirchturm nähert. Pfusch am Bau wurde betrieben, als die Kirche 1862 gebaut wurde. Der Sand aus den Sandgruben bei Buchholz enthielt Salpeter, so dass der Mörtel mit der Zeit zerbröselte und die Kirche einzustürzen drohte. Es führte kein Weg daran vorbei, dass die Kirche abgerissen werden musste. Dem neuen Kirchtrum, der 1971 gebaut wurde, sieht man sein junges Alter nicht an. Ich hätte ihn glatt in das Mittelalter eingeordnet.

Kirchturm in Buchholz
Hinter Buchholz geht es mal rauf, mal runter, aber alles in Maßen. Wallroth und Oberscheid heißen die nächsten Dörfer. Die Höhen des Westerwaldes waren stets dünn besiedelt, das war schon bei den Römern so. Auf der rechten Rheinseite hausten die wilden Germanen, und diese mussten sich die Römer vom Leib halten. Daher waren die Höhen des Westerwaldes eine Art Pufferzone, in der sie alle Ansiedlungen gnadenlos nieder brannten, die ihnen in den Weg kamen. Umgekehrt versuchten sie, die germanischen Stämme für sich zu gewinnen und in ihren Römerstädten anzusiedeln. Die Römer gingen, die Franken kamen. Diese bauten ihre Behausungen in den fruchtbaren Tälern der Pleis, Sieg oder Wied, aber nicht hier auf der Höhe. Hinter Oberscheid besticht der Fernblick in seiner Klarheit und ich schaue vorläufig ein letztes Mal auf das Siebengebirge zurück.

Ich kreuze die Bundesstraße B8, die früher als Handels-, Heer- und Poststraße quer durch den Westerwald bis nach Leipzig führte. Nicht weit von dieser Kreuzung wurde eine der größeren Schlachten des Rheinlandes geschlagen, die 1796 als „Schlacht von Kircheib“ bekannt wurde, kaum Eingang in die Geschichtsbücher fand, aber dafür um so blutiger endete. Im Zuge der französischen Revolution verlangten Preußen und Österreich von Frankreich, dass der abgedankte Sonnenkönig Ludwig XIV. wieder als Alleinherrscher eingesetzt werden sollte. Preußische und österreichische Truppen griffen Frankreich an, als die Regierenden dies ablehnten. Daraufhin schlugen französische Truppen zurück, sie drangen ins Rheinland ein, sogar bis auf die rechtsrheinische Seite. Nahe der B8 richteten die Franzosen ein Feldlager für 20.000 Soldaten ein, das sie mit Schutzwällen und Schützengräben befestigten.  Im Morgengrauen des 19. Juni 1796 kam es zu ersten Gefechten, als österreichische Truppen, die mit 14.000 Soldaten weit unterlegen waren, das französische Lager angriffen. Die Österreicher sollten dennoch die Franzosen eine vernichtende Niederlage beibringen, weil ein Späher die Stärke des österreichischen Heeres falsch einschätzte. Er meldete seinem Brigadegeneral 35.000 österreichische Soldaten, die das Lager von beiden Richtungen der Heerstraße umgaben. Der Brigadegeneral kommandierte daher nur die Hälfte seiner Soldaten auf die Höhen von Kircheib, wo die Österreicher sie auf dem karg bewachsenen Gelände zuerst mit Kanonen beschossen und dann mit ihren Bajonetten aufspießten. 2.500 französische Soldaten wurden getötet, aber nur 500 österreichische.

letzter Blick auf das Siebengebirge im Hintergrund
Hinter der Kreuzung kann ich meine Beine baumeln lassen, denn bis Eitorf kann ich zehn Kilometer mitreißende Abfahrt genießen. Ich bin überwältigt, wie die Straße sich windet, biegt, krümmt, Schlangenlinien zieht, die Undurchdringlichkeit des Waldes aufreisst. Ich radele vorbei an sonnenbeschienen Wiesen, dem glucksenden Eip-Bach und Tannen, die in den Himmel ragen. Meine Glücksgefühle nehmen kein Ende, bis ich den Ortseingang von Eitorf erreiche. Der Kraftaufwand ist mäßig, ich muss wieder in die Pedale treten, ich fahre in Eitorf hinein über die Asbacher Straße. Graue Mietskasernen am Waldrand sind so platt, dass sie mich an Bauten in der früheren DDR erinnern. Fassaden aus rostbraunen Ziegelsteinen bröckeln. Ich rumpele an einer Baustelle vorbei. Beschaulichkeit sieht anders aus.

Der Marktplatz im 1960er-Jahre Stil gehört nicht gerade zu den Top-Sehenswürdigkeiten, doch ich habe mich an Eitorf gewöhnt, vielleicht, weil es nicht abgedreht ist und authentisch wirkt. An dem Rathaus, einem phantasielosen Zweckbau, ist die Fensterfront so grau wie die heruntergelassenen Jalousien. Auf dem Marktplatz muss ich mich an parkenden, suchenden und herumkurvenden Autos vorbei wursteln. Zu Fußball-WM-Zeiten gelingt es der einen oder anderen Deutschland-Fahne, die Häuserfronten aus der Umklammerung der Eintönigkeit zu befreien.

Die Ruinen des Marktplatzes haben die Eitorfer in einem schwarzen Viereck verewigt. Das sind schwarze Pflastersteine, deren Formen ein Viereck zeichnet, das wiederum an die Umrisse des einstigen Kirchturms erinnert. 1144 wurde die „villa Eythorp“ in einer Urkunde des Stiftes Bonn-Vilich erstmals erwähnt, fast zeitgleich wurde um 1150 wurde die romanische Kirche fertiggestellt. Dreißigjähriger Krieg, Pfälzischer Erbfolgekrieg, Spanischer Erbfolgekrieg, Siebenjähriger Krieg, bis in das 18. Jahrhundert hinein waren große Teile des Rheinlandes wie ausgemergelt, ausgelaugt und verödet. Hinzu kam, dass Eitorf inzwischen zum Herzogtum Berg gehörte, welches von Düsseldorf aus regiert wurde. Weit entfernt von der Hauptstadt, schwand das Interesse der Herzöge. So kam es, dass zwar Handwerker aus Eitorf die Wände des Mittelschiffes neu vermauerten. Die Regierung in Düsseldorf zahlte ihnen aber keinen Lohn, weil sie ihre eigenen Architekten hatte, und diese suchten sich wiederum ihre eigenen Handwerker aus.

So verfiel die Kirche und wurde schließlich so baufällig, dass sie nicht mehr benutzt werden konnte. 1889 wurde ein Neubau südlich des Marktplatzes beschlossen. Beim Bau der neuen Kirche wurde das Kirchenschiff der romanischen Kirche abgetragen, während der Turm stehen blieb. Dieser behauptete seine Stellung, ohne  einzustürzen. Das blieb so bis zu den Geschehnissen des 17. März 1945.


Eitorf - Rathaus (oben) und Marktplatz (unten)
Eitorf hatte es in seinen letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs übel erwischt. Die militärische Lage war hoffnungslos. Am 7. März 1945 hatten die Alliierten bei Remagen den Rhein überschritten. Truppen und Panzer wälzten sich durch das Siegtal voran, zum Durchmarsch nach Westfalen. Das Ende kam mit Schrecken, denn die militärischen Befehlshaber richteten ihren Terror nun gegen die eigene Bevölkerung. So befahl Himmler Ende März 1945, alle männlichen Einwohner in Häusern zu erschießen, die dem Feind eine weiße Fahne zeigten. Der Oberbefehlshaber West im Rheinland, Walter Model, konkretisierte diesen Befehl: „Alle, die abseits ihrer Einheit auf Straßen, in Ortschaften, in Trossen oder Ziviltrecks, auf Verbandsplätzen, ohne verwundet zu sein, grundlos angetroffen werden und angeben, noch versprengt zu sein und ihre Einheit zu suchen, sind standrechtlich abzuurteilen und zu erschießen". Selbst in dieser aussichtslosen Lage teilte er dem Führer mit: „Der Sieg der nationalsozialistischen Idee steht außer Zweifel, die Entscheidung liegt in unserer Hand.“

Diese Botschaft hatte Wurzeln geschlagen und war im Siegtal angekommen. Bei Merten und Eitorf hatten sich Widerstandsnester „deutscher Ritterkreuzträger“ gebildet, die den Glauben an den Nationalsozialismus hochhielten und bis zur letzten Patrone kämpften. Diese letzten Widerstandskämpfer schafften es, dass die Schlacht um Eitorf sich achtzehn Tage lang in die Länge zog – sie begann am 21. März und endete am 7. April. Zweimal wurde Eitorf bombardiert, darüber hinaus lag sie unter Dauerbeschuss von schwerem Artilleriefeuer, unterstützt von Jagdbombern. Erst nach zähen Häuserkämpfen eroberten die Alliierten die Stadt. Während des Luftangriffs versank der alte Kirchtum am 17. März 1945 in Schutt und Asche, so wie der Marktplatz und weite Teile der Stadt. In der Nachkriegszeit beschlossen die Verantwortlichen der Stadt, den Turm nicht wieder aufzubauen und ihn in den schwarzen Viereck zu verewigen.

Pause an der Imbissbude
Da die einzige Gaststätte am Marktplatz mit Außengastronomie um die Nachmittagszeit geschlossen ist, muss ich mich noch ein Weilchen abstrampeln. An der nächsten großen Kreuzung biege ich links ab, ich folge dem Hinweisschildern in Richtung Hennef. Nach einem Kilometer ist es soweit, denn ich mache am Straßenrand Pause. Die beiden Flaschen Pils, die ich in einem Imbiss trinke, vollbringen eine Wohltat, denn sie sind erfrischend kühl. Geruhsam lasse ich den Straßenverkehr vorbei rauschen. Ich schaue die Anhöhe hinauf, die ich bald hoch schleichen werde.

Man könnte fragen, wieso ich mir die Landstraße L333 durch das Siegtal antue. Auto drückt sich an Auto, Stoßstange an Stoßstange. Glücklicherweise ist die Richtung Hennef deutlich weniger frequentiert wie diejenige Richtung Eitorf. Anfangs war es ein Stück Bequemlichkeit, weil ich immer nur geradeaus fahren wollte. Nun sind es die Kurven und Schleifen, die die Sieg zieht und denen die Landstraße folgt. Vor allem sind es diejenigen Abschnitte – bei Merten und hinter Bülgenauel – an denen die Straße zwischen der Sieg und den Felswänden regelrecht eingequetscht wird. Ruhig, seicht und glatt, schimmert die Wasseroberfläche der Sieg zwischen Buschwerk hindurch. In schmalen Ritzen fällt das Sonnenlicht auf die Straße,  während die Felswände senkrecht auf der anderen Seite empor steigen und auf deren Spitze hartnäckiges Strauchwerk die Stellung hält. Und bei Bülgenauel traue ich kaum meinen Augen, wie der schroffe Felsen von einer Burgruine gekrönt wird: das ist Blankenberg, in seiner Wortentstehung hieß der Flecken „auf dem blanckenberge“, dies bestätigte jedenfalls der Kölner Erzbsichof Philipp von Heinsberg 1171. Ich schaue aus dem Tal auf die in luftiger Höhe hängende Ruine, die schwindet, je mehr die Straße auf die Felspartie zuläuft.

Felsen auf der Landstraße L333
Ich wundere mich, dass all die Rheinromantiker und Literaten es im 19. Jahrhundert bis an die Ahr und in die Eifel geschafft haben, aber kaum ins Siegtal. Die spröde Schönheit beeindruckt, die harten Konturen des Geländes reißen mit. Die Ruhe, die das gemächliche Flußbett der Sieg vermittelt, steht der Schönheit der Flußtäler auf der anderen Seite des Rheins um nichts nach.

Man könnte das Siegtal als Geheimtipp bezeichnen. Ferdinand Freiligrath oder Karl Simrock, Clemens Brentano oder Gottfried Kinkel, all diese Rheinromantiker, die von Burg zu Burg wanderten, schafften es nicht vom Rhein an die Sieg. Ernst Moritz Arndt, der den Rhein, das Ahrtal und die Eifel in- und auswendig gekannt haben muss,  widmet in seinen Wanderungen gerade eine schlappe Seite der Sieg: „Die Gegend an der Sieg ist überhaupt merkwürdig genug, zuerst durch ihre vortrefflichen Wiesenbewässerungsanstalten, und weil ihre Berge den besten Stahl Deutschlands liefern.“

Stahl ? Hüttenwerke liegen an der anderen Ecke der Sieg, bei Siegen, und anstatt dessen betrete ich Neuland. Ich teste den Siegtalradweg. Im Siegtal rühren die verantwortlichen Tourimus-Manager fleißig die Werbetrommel. Die Anzahl der Übernachtungen steigt. Wanderer locken sie mit dem Natursteig Sieg. Von Windeck bis zur Mündung in den Rhein begleitet ein durchgängiger Radweg die Sieg. Am ersten Sonntag im Juli geht dann das große Event für Fahrradfahrer los – „autofreies Siegtal“. Ich war nie da, vor allem die S-Bahn-Züge müssen vollgestopft sein mit Fahrradfahrern, haben Freunde uns erzählt.

die Sieg - einfach schön
Ich mag es ruhiger, so wie heute, und an den ersten Häusern von Hennef-Stein folge ich dem Fahrradsymbol des Siegtalradweges, nach wenigen Metern biege ich wieder links ab. Ich bin gelandet in der Abgeschiedenheit von Feldern. Anfangs gleitet der Fahrradweg auf einem gut befestigten Schotterweg dahin, der nach der nächsten Querstraße auf einen Teerweg wechselt.

Ich bin nicht immer ein Freund von Radwegen entlang von Flüssen, weil sie manchmal in Zickzack-Form verlaufen, Umwege produzieren, am Wochenende bei schönem Wetter zu stark frequentiert sind oder auch an manchen Stellen als Feldweg für Rennradfahrer ungeeignet sind. Hier an der Sieg läßt es sich gut aushalten. Ich halte Blickkontakt mit dem Fluß, der sich durch sein Bett windet, träge und mit einem Schuß Leichtigkeit. Ich lasse mich tragen von der Stimmung, bemerke am Rande, dass das Tal breiter wird, während Kleckse von Häufchenwolken den Sonnenschein nicht trüben. Und beiläufig bemerke ich ein anderes Hindernis: zwischen den flach auslaufenden Mittelgebirgsrändern weht der Wind zwar nicht stramm, aber unentwegt aus Nordwest. Ich spüre ihn, wie er sich meinem Körper entgegen stellt. Einige Reserven muss ich aus meinen Beinen heraus holen, meine Tritte werden schwerfällig. Ich radele durch bis zum Ziel, das beschließe ich.

Hinter Weldergoven biege ich ab, ich fahre quer durch Hennef, die Frankfurter Straße entlang, dann nach Geistingen, am Kreisverkehr rechts, an der Ampel vor der Mundorf-Tankstelle links, immer geradeaus bis zum Ortsausgangsschild, vorbei an der Bauschuttdeponie in Niederpleis, in Stoßdorf folge ich der Fahrradbeschilderung zurück an die Sieg, in Friedrich-Wilhelms-Hütte wechsele ich über die Brücke auf die andere Seite der Sieg, weiter die Sieg entlang bis zur Autobahnauffahrt Bonn-Beuel, nach Schwarz-Rheindorf, wieder zurück zum Alten Zoll.


Strecke (84 km):


Höhenprofil:


Link nach www.gpsies.com

Kommentare:

  1. Auch wenn mir jetzt unglaublich die Beine schmerzen, weil ich eine solche Strecke einfach nicht gewöhnt bin ;-) -
    ich habe jede Minute genossen!! Danke für diese tolle Radtour mir dir! LG Martina

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  2. Lieber Dieter,
    mit großem Interesse habe ich Deinen Beitrag gelsen- kenn ich doch die Eckpunkte und Stationen die in Deinen Scgilderungen vorkommen. Es muss ein gutes Stück Arbeit für Dich gewesen sein - und damit meine ich nicht nur die Steigungen Deiner Strecke! Du hast gut recherchiert, was Eitorf betrifft. Eitorf, eher ein großes Dorf, hatte viel Industrie, allem voran die "Schoeller-Wolle", die Fa. Boge, heute Sachs, die Arzneifabrik Krewel-Meuselbach um nur einige zu nennen. Und ich möchte noch anfügen, dass Eitorf zwei Bombenteppiche erlebt hat, die Toten wurden von der Bevölkerung, meistens den Frauen, in den Turm gebracht. Mein Vater stammt aus Eitorf. Mit in die Ehe (1957) hat er ein Gedicht über den alten Turm gebracht, was genau dieses schreckliche Vorkommen und die Bombadierung des alten Marktfleckens thematisiert. Das gerahmte Gedicht mit einer Coloration hängt noch immer im Haus meiner Mutter oben im Flur. Mein Vater, Jahrgang 1927, war der jüngste Jahrgang der eingezogen wurde und musste 1945 für die Flak vor Dresden "seinen Mann stehen"... als er nach dem Zusammenpferchen im Auffanglager Remagen nach Hause kam und Eitorf in Schutt und Asche sah, hat er geweint ( zu Fuß von Remagen nach Eitorf, vesteht sich). Das alles hat er mir öfters erzählt. Im Hause meiner Mutter schlummern noch die Bücher, die ein sehr umtriebiger Eitorfer Heimatforscher meist erst in 80er Jahren geschrieben hat, das dicke Buch der Eitorfer Kriegschronik, zum Beispiel.

    Dein Post hat mich emotional sehr berührt, es ist seltsam, lieber Dieter, diese mir bereits erschlossenen Begebenheiten hier zu lesen.
    Ich glaube ich muss spätestens morgen mir das Bild mit dem alten Turm noch mal anschauen.
    Danke für den Post.

    Liebe Grüße
    Marita

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    1. Hallo lieber Dieter,
      klar, ich kenne den Heimatforscher.Wie gesagt, die Werke von ihm wurden gesammelt, die Schrift über den alten Turm auch.
      Am Marktplatz in Eitorf steht quasi frontal vor der Turmmarkierung noch ein Haus aus Vorkriegszeiten... das war mal ein Hotel- alle andere Gebäude typisch Nachkriegszeit, eben sehr rational.
      Blankenberg ist auch mal ein Familienausflug wert, aber nicht am Wochenende, zu überlaufen. Hat einen wunderbaren Charme und ist nicht so komerziallisiert wie z. B. Ahrweiler, was aber auch viel größer ist. Ich war vor drei Wochen in Blankenberg, mit der Kamers natürlich, an einem Donnerstag.
      LG Marita

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    2. Und noch etwas fällt mir ein:
      Das mit den zwie Bombenteppichen auf den Ort Eitorf, eine Stadt war und ist es ja nicht,
      ist schon sehr interessant. Warum gerade Eitorf so stark bomadiert wurde, kann ja nur mit den oben geschilderten Werken zusammenhängen... aber da gibt es verschiedene Theorien. Berichte ich Dir im August.

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  3. Da hast du aber mal wieder eine toll Tour gemacht, Dieter und die war echt anstrengend.:-)
    Deine Berichte sind immer wieder spannend zu lesen.:-)

    Liebe Abendgrüße schickt dir
    Christa

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  4. also wenn ich Radrennfahrerin wäre, würde ich deine tollen Beschreibungen alle ausdrucken und nachfahren.
    So fahre ich halt am pc mit ... macht auch immer wieder großen Spaß :-)

    lieber Wochenendgruß von Heidi-Trollspecht

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  5. Das schöne ist man lernt Orte und Landschaften kennen von denen man nie zuvor hörte bzw. da war.
    Deshalb ist es immer wieder toll deine Touren virtuell mitzuradeln.
    Lieben Gruß, Michaela

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  6. Hallo Dieter,
    nicht immer kommentierend, jedoch immer mitlesend bemerke ich, dass Du seit geraumer Zeit nichts mehr geschrieben hast. Ich hoffe, Du hast Urlaub oder "nur" keine Zeit oder bist so intensiv in Deinem Garten beschäftigt. Ich mache mir vorläufig nicht allzugroße Gedanken :-). Bis dann

    Beate

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  7. Hallo Dieter,
    ich habe lange nichts Neues von Dir bemerkt - ich hoffe, es ist alles in Ordnung ...
    Alles Gute
    Wolfgang

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