Donnerstag, 14. November 2013

Mechthild von Sayn

Ein handfester Krach ebnete den Weg zur Macht. Kaiser Heinrich der VI. war gestorben, und Staufer und Welfen zankte sich darum, wer als Nachfolger zum Kaiser des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation gekrönt werden sollte. Dies bestimmte die Kirche. Der Erzbischof von Köln entschied sich für den welfischen Kandidaten, so dass Otto von Braunschweig am 12. Juli 1198 in Aachen zum Kaiser gekrönt wurde. Doch der Kölner Erzbischof ließ sich auf der Nase herum tanzen und krönte sechs Monate später den Staufer Philipp von Schwaben in Aachen zum König.

Es krachte in der Kirche. Diese Kehrtwendung war ein Skandal und landete beim Papst Innozenz. Es geschahen Dinge, die selbst dem heutigen Bischof Tebartz-von Eltz erspart blieben, denn der Kölner Erzbischof Adolf Otto IV. wurde abgesägt und abgesetzt. Papst Innozenz besetzte den Bischofsstuhl mit der Konkurrenz südlich des Machtbereichs der Erzbischöfe, das waren die Grafen von Sayn bei Neuwied. Bruno von Sayn - übrigens der Reliquiensammler in meinem Post "Straße der Reliquien" - wurde Erzbischof von Köln.

Schillernde Frauengestalten sind selten in der Geschichte, insbesondere im dunklen Mittelalter, das von Kaisern und Grafen und Rittern und Bischöfen beherrscht wurde. Frauen versanken in der Bedeutungslosigkeit. Die Ehe von Mechthild von Landsberg mit Heinrich III. von Sayn war ein Kalkül der Macht. Mechthild von Landsberg, geboren um 1200, aus Thüringen stammend, brachte umfangreiche Besitztümer und Burgen ihres Vaters im Rheinland mit in die Ehe. Burgen, Höfe, Güter, Ackerland, Grundherrschaften, Verpachtungen, Lehen: gemeinsam mit dem Kölner Erzbischof desselben Adelsgeschlechtes entstand nach ihrer Hochzeit 1215 ein Herrschaftsbereich, der von Köln aus bis in die Eifel, das Bergische Land und den Westerwald reichte. Es war ein zusammenhängendes Gebiet, welches jahrhundertelang vorher und nachher in sich verfeindet und zersplittert war. Diesen Deal hatte der Papst höchst persönlich eingefädelt.

Der Zeitpunkt, als Mechthild von Landsberg beziehungsweise Sayn zur schillernden Frauengestalt wurde, war traurig, denn ihr Ehemann Heinrich III.  starb 1246. Ihre Ehe war kinderlos, und als Witwe und Gräfin durfte sie den umfassenden Herrschaftsbereich managen.

Sie wuchs an ihren Aufgaben. Landesherren und Vögte waren ihr untergeordnet. Das waren die Burgherren, die strategisch bedeutende Burgen wie Blankenberg über dem Siegtal, die Löwenburg im Siebengebirge oder Hachenburg im Westerwald verteidigen mussten. Amtssiegel, das Justizwesen sowie Gefängnisse und Strafvollzug unterstanden ihr. Aus ihrem umfassenden Immobilienbesitz warfen Höfe, Güter und Ackerland Erträge ab. Kämmerer verwalteten Einnahmen und Ausgaben, der zehnte Anteil wurde als Steuer abgeführt. Die Winzer ließen per Schiff ihren Wein nach Köln transportieren und dort verkaufen. Da es im tiefsten Mittelalter noch keine einheitliche Währung gab, durfte Mechthild von Sayn die Herausforderung bewältigen, alle Waren- und Geldflüsse über eine Vielzahl von Währungen abrechnen zu dürfen.

Natürlich gab es Neider, die Mechthild von Sayn ihre Machtfülle nicht gönnten. Andere Grafen fechteten die Erbfolge an, dass sie Alleinerbin nach dem Tod ihres Ehegatten war. Ihre drei Neffen wurden als alternative Erben ins Spiel gebracht. Doch auch sie taktierte. 1250 gewann sie Verbündete in Köln. Mit dem Kölner Kurfürsten Konrad von Hochstaden schloss sie einen Vertrag, dass das Erzbistum Köln nach ihrem Tod die Burgen Altenwied, Neuerburg, Rennenburg und Altwindeck erben sollte. Es war vor allem der Kölner Erzbischof Bruno von Sayn, der die Belange Mechthild von Sayns durchsetzte. So beschwerte sich Graf Dietrich von Kleve beim Papst über ihre Verschwendungssucht, doch Erzbischof Bruno lenkte ein, dass die Finanzen in Ordnung seien.

Klug und gebildet, war sie Bestandteil der höfischen Kultur des rheinischen Hochadels. Sie verkehrte rege mit Dichtern und bedeutenden Denkern des Mittelalters im Rheinland. Ihre Kontakte mit Cäsarius von Heisterbach und Albertus Magnus sind belegt. Dass sie Thomas von Aquin kannte, gilt als wahrscheinlich. Mittelhochdeutsche Dichtung interessierte sie leidenschaftlich, denn sie kannte den Dichter und Minnesänger Reinmar von Zweter.

Ihre Verbindung zum Erzbischof Bruno von Köln hielt bis zu ihrem Tode. Mit 82 Jahren wurde sie steinalt und überlebte ihren Ehegatten um 38 Jahre. 1246 gründete sie in Köln nahe der heutigen Severinsbrücke das Kloster „Maria im Spiegel“ – auch genannt „Sion“, abgeleitet von „Sayn“. Dort verbrachte sie ihre letzten Lebensjahre und starb 1285.

Montag, 11. November 2013

graue Überraschung in der Fußgängerzone

Meist war es der gewohnte Alltagstrott. Morgens schritt ich durch die Fußgängerzone, Passanten schauten anonym vor sich hin, Geschäfte und Ladenlokale sehnten den Tag herbei, es war noch still. Kunden rieselten in Bäckereien hinein, verpflegten sich mit ihrer Vormittagsration und stierten draußen auf eine grinsende Gestalt, die mit „BUL Shoes“ auf einer Werbetafel ein perfektes Gehvergnügen versprach. Kram, Nippes, Billigware, Dies und Das, emotionslos rauschten die Warenauslagen an mir vorbei. In Erwartung des bevorstehenden Tages dümpelte mein Gefühlspegel auf einem niedrigen Niveau. Mal sehen, welche Überraschungen der Tag zu bieten haben würde. Meine Gedanken waren so sehr in die Ferne gerückt, als würde ich meine eigene Mondlandung planen.

Als ich die Metalltafel erreichte, wo 1967 das erste Stück Fußgängerzone gebaut worden war, kam die Überraschung. Wie angegossen steckten sie in ihren tadellosen und sauberen Uniformen. Die beiden Burschen waren so jung, als ob sie gerade erst die Schule beendet hatten. Die aschgraue Farbe der Uniformen stach in der Morgenfrühe heraus. Die Jungs mit den butterweichen Gesichtszügen, ihrer festgepflanzten Haltung und ihren suchenden Blicken waren markant. Mit ihren Schiffchen, den kurzgeschorenen Haaren und den nach oben gerichteten Ohren war die Zuordnung klar: Bundeswehr.

Was hatte die Bundeswehr in der Fußgängerzone zu suchen ? Einsam und alleine ? Ich rätselte, verlangsamte meinen Schritt. Sie kamen mir verloren vor, herum irrend, als wüssten sie nicht, wo sie ihren Platz in der Kaserne hätten. Der Fluß der Passanten nahm keine Notiz von ihnen.

Als ich auf den Marktplatz strebte, entwickelte sich eine ungeahnte Dynamik, denn sie schritten auf mich zu. Ihre Schüchternheit wandelte sich in eine Unerschrockenheit.

Zielgerichtet sprachen sie mich an: „Wollen Sie etwas für die Deutsche Kriegsgräberfürsorge spenden ?“

Normalerweise war ich gewarnt, je mehr sich die Vorweihnachtszeit näherte. Es war nicht Ostern, Muttertag, Pfingsten, Christi Himmelfahrt oder Fronleichnam, sondern das Weihnachtsfest, welches das allumfassende Fest der Liebe war. Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung war in der Vorweihnachtszeit besonders hoch. Als rational denkendes Wesen klopfte ich ansonsten im Vorfeld ab, für was ich spenden wollte. Teilweise grenzten die Spendenaktionen an Nötigung, wenn wir Weihnachtskarten von karitativen Organisationen zugesandt bekamen und dann um Spenden gebeten wurden.

Die harmlos aussehenden Jungs von der Bundeswehr, die ich mir nicht im Kampfanzug vorstellen konnte, warteten, ihre Blicke kreisten, ihre Spendendose zeigte nach unten. Sie rührten sich nicht. Zwischen ihrem glatten Kinn und ihrer fein rasierten Haut verzogen sie keine Miene.

Ich hätte vorbeigehen können, ohne dass sie mir nach geschaut hätten. Wahrscheinlich waren sie sich ihrer Mission auch bewusst, dass man sie auf den allgemeinen Spendenzug gesetzt hatte und dass sie sich nicht wehren konnten mitzufahren. Vielleicht waren sie auch froh, dass sie dem Drill in der Kaserne nicht ausgesetzt waren. Anstelle Befehl und Gehorsam konnten sie nun die Zeit auf irgendeinem Fleck in der Fußgängerzone totschlagen.

Ich grübelte. Mit Soldatenfriedhöfen verband ich vieles. Ich hatte sie in Flandern, in der Picardie, in der Champagne, in Lothringen und zuletzt auch in Königswinter gesehen. Sie hatten mich sehr bewegt. Sie waren Mahnung und Symbol, dass sich Kriege zwischen europäischen Staaten hoffentlich niemals wiederholen sollten.

Ich war keinen Moment unentschlossen. Ich spendete. Ein Euro wanderte in die Spendendose. War es nicht eine höhere Aufgabe, sich um die Toten der beiden Weltkriege kümmern ? Die beiden nickten zufrieden, wünschten mir einen schönen Tag. Ich entschwand in der Flüchtigkeit des Marktplatzes. Abseits der Marktstände verschwammen die Laufwege der Passanten. Die Ornamentik des Rathauses drückte auf den Marktplatz. Die Monumentalität des Platzes brachte mich einen Moment lang aus meinem Alltagstrott.

Hinab in die U-Bahn. Ich hatte ein gutes Gefühl, gespendet zu haben. 

Sonntag, 10. November 2013

was aus Schlecker geworden ist

Fälle wie in Stetten auf der Schwäbischen Alb haben wir im Rheinland nicht. Dort hatten sich die Schlecker-Frauen mit den Einwohnern des Dorfes zusammen getan. Alle wollten die Erhaltung der Schlecker-Filiale. Unter neuem Namen betrieben die Frauen das Geschäft als Genossenschaft weiter. Die Banken spielten mit. Das ist eine der ganz wenigen Beispiele, dass die Schlecker-Pleite ein gutes Ende genommen hat. Bei uns im Rheinland blieb den Schlecker-Frauen nur der Gang zur Arbeitsagentur. Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht, denn ich kenne keine frühere Mitarbeiterin persönlich. Etwas mehr als ein Jahr liegt die Pleite nun zurück. Einige Schlecker-Frauen werden Hartz IV beziehen (das womöglich nicht soviel niedriger liegt als ihr früheres Gehalt), andere werden einen neuen Job gefunden haben. Ich habe einen Streifzug gemacht durch frühere Schlecker-Filialen in unserer Nähe, was aus ihnen geworden ist.



In unserem Ort hat man sich für eine Radikallösung entschieden. Der XXL-Markt wurde abgerissen und dort entstehen Wohnungen, und zwar in lukrativer Lage am Damm nicht unweit vom Rhein.


Im Nachbarort steht das Ladenlokal leer.


In dem zugeklebten Fenster spiegelt sich ein Kleinwagen.


Alle Vermietungsaktivitäten sind fehlgeschlagen.


Unbeirrt verläuft das Muster der Pflasterung vor dem blauen Schriftzug der Marke „Schlecker“.


Durch einen Spalt des zugeklebten Fensters kann ich auf stehen gelassene Regale schauen.




In einem Bonner Stadtteil hat längst ein asiatischer Billigmarkt eröffnet. Handel, Supermärkte, Discounter, Drogerieketten sind so schnelllebig, dass nichts beständiger ist als der Wechsel.

Samstag, 9. November 2013

Tanken für 1,45 €

Die Überraschung kam schleichend. Wochen- und Monatsentwicklungen hatten die Preise stabilisiert. Die Preise drückten sogar nach unten, so dass der Spritpreis mit 1,43 € für Super E10 in der letzten Tagen einen Tiefpunkt erreichte.

Die Fahrt zur Zapfsäule wird daher zum freudigen Ereignis, das die Haushaltskasse schont. Einmal volltanken, damit es sich lohnt. Ich tanke am Supermarkt um die Ecke, wo der Sprit ein oder zwei Cent billiger ist als sonstwo, und ich denke effektiv nicht über die Tankerei nach. Unser Auto hat Durst. Und ich denke auch ansonsten nicht nach, wenn ich Mineralwasser trinke oder sonstwie meinen eigenen Durst lösche. Tanken ist also eine Art von Instinkt, den Drang nach Mobilität zufrieden zu stellen.

Weite Teile unserer Bevölkerung sind vom Auto abhängig, was zum Teil von der Politik bewusst so gewollt ist. Die Republik ist mit Autobahnen zugepflastert. In ländlichen Gebieten ist nichts mit öffentlichem Personennahverkehr. Die Entfernungen zu den Arbeitsplätzen werden immer länger. Dieses Auf und Ab der Spritpreise kenne ich, seitdem ich Auto fahre, wobei die Tendenz der Spritpreise nur eine Richtung kennt: nach oben, phasenweise sogar steil nach oben. Ich sollte also zufrieden sein, dass die Spritpreise eine Abwärtsbewegung gefunden haben und die Fahrt zur Zapfsäule mir nicht mehr die Tageslaune vermiest.

Der Spritpreis zu einem Mythos geworden. Nicht nur wir als Autofahrer, sämtliche Industriestaaten hängen am Tropf der Öl-fördernden Staaten. Unsere Autos saufen Sprit. Öl ist bequem. Den Zapfhahn in den Tank halten, voll tanken, Auto anlassen, Gas geben, losfahren. Industriebetriebe, Logistik, Arbeitsplätze, was wir privat zu erledigen haben, wir haben uns in diese Sackgasse von Öl und Auto gefahren. Und was regenerativ ist, steigt zwar, ist aber bezogen auf die gesamte Ölfördermenge immer noch Kleckerkram.

Peak Oil, dieses Gespenst, ab wann es mit der weltweiten Ölförderung abwärts geht, treibt seit den 70er Jahren sein Unwesen. Schon 1971 hatte der Club of Rome in seinem Bericht zu den Grenzen des Wachstums ermahnt, dass die Ölvorkommen endlich sind und bald zur Neige gehen würden. In den Folgejahren irrten sich Zukunftsforscher und Geologen permanent. Ungefähr im Zehnjahresrhythmus verschob sich der Zeitpunkt des Peak Oil. Zuerst wurde diser Zeitpunkt Mitte der 70er Jahre vermutet, dann Mitte der 80er Jahre und so weiter. Neue Ölquellen unter dem Meer, im Urwald, unter Sümpfen, unter Permafrostböden oder im Eis wurden entdeckt. Der Entdeckergeist der Menschheit hält dagegen. Ihr Glaube, dass Ölquellen nicht versiegen, ist nicht zu brechen. Menschliche Rationalität gegen die Gegebenheiten der Natur. Nun sind wir in immer waghalsigere Dimensionen von Ölfeldern vorgedrungen. Ölsande, Ölschiefer, tiefste Meerestiefen, ewiges Eis. Niederländische Greenpeace-Aktivisten haben die Russen eingekerkert, weil sie gegen die Ölförderung in der Antarktis protestiert haben. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, wann die ersten Ölbohrungen auf Mond und Mars stattfinden und wann mit Raumschiffen das Öl auf die Erde transportiert wird.

Ich tanke. Der Zähler der Tankuhr dreht sich. Bei einem Spritpreis von 1,45 € registriere ich zufrieden die Gemächlichkeit der Umdrehungen. Der 40 kW-Motor unseres VW Vento hat sich ausgeruht. Matt dämmert die silbrige Motorhaube gegen den wolkenverhangenen Himmel.  Reste von zerquetschten Insekten kratzen auf der Windschutzscheibe. Vier Räder mit schmutzig grauen Felgen haften auf dem Boden.

Der Ölpreis ist auch ein Stück Magie. Griechenland spart nicht. Es reicht aber der Wille aus, sparen zu wollen, um den Euro-Kurs in die Höhe zu treiben. Abgerechnet wird in Dollar, so dass der Spritpreis sinkt. Andere Magier wenden Taschenspielertricks an und spekulieren. Mit den Sägezahnkurven der Ölpreisentwicklung läßt sich Geld verdienen. Diese Magier wirbeln den Ölpreis durcheinander, so dass dieser nichts mehr mit Angebot und Nachfrage zu tun hat.

Die Visionen, wie es mit knapper werdendem Öl weitergeht, sind ständig über den Haufen geworfen worden. Mein Szenario, dass die ganze Weltwirtschaft bei einem explodierenden Ölpreis abstürzt, hat sich nicht bewahrheitet. Glücklicherweise. Um Öl sind Kriege geführt worden:  „kein Blut für Öl“ – ich erinnere mich noch lebhaft an all die Demonstrationen und Plakate 1991, als der irakische Diktator Saddam Hussein die Ölquellen Kuweits einkassiert hatte. Und es gibt sogar Visionen eines Dritten Weltkrieges, wenn die arabischen Staaten die Ölförderung als Waffe einsetzen.

Tatsache ist, dass es bisher mit Öl weiter gegangen ist. Politiker denken zu kurz, wenn sie den Bürgern weismachen wollen, dass alles in Ordnung ist und dass die Märkte alles richtig zurecht rücken. Ein Spritpreis von 1,45 € ist sogar schlecht, weil Elektroautos oder andere Mobilitätsvarianten unrentabler werden.

Das Brummen der Zapfsäule ist verstummt, ich verschließe den Tankdeckel, ich latschte in den Glaskasten, wo ich meine Tankrechnung bezahlen darf. Danach starte ich, ich trete das Gaspedal, der Motor steckt voller Tatendrang. Ich starte durch und mache mir keine Gedanken darüber, wie hoch der Spritpreis in den nächsten Tagen sein wird.

Mittwoch, 6. November 2013

Straße der Reliquien

Viktorschrein Xanten
Sie kamen aus dem fernen Afrika und marschierten über die Alpen an den Rhein. Das römische Reich war multi-kulturell, vermischte die Völker des damaligen Weltreiches und schuf nicht nur in der Armee, sondern auch in den Städten ein einheitliches Ganzes. Dem Rhein drohte Gefahr, die römische Provinz Niedergermanien hatte um Hilfe gerufen. Diesmal probten keltische Barbaren, die Bagauden, den Aufstand.

Soldaten aus dem Mittelmeerraum formierten sich, darunter 6.000 Legionäre aus dem fernen Theben in Ägypten. Bunt zusammengewürfelt, zusammengeschweißt durch ihre Disziplin, erreichte die Viel-Völker-Armee den Rhein und sollte für klare Verhältnisse sorgen. Es kam aber zum Eklat: der Heerführer Mauritius übte eine kollektive Befehlsverweigerung; seine Soldaten widersetzten sich, als getaufte Christen aufständische Christen töten sollten. Ende des 3. Jahrhundert kam es zu Massakern an Christen. Die Legionäre marschierten von Römerlager zu Römerlager und schafften es nebenher  irgendwie, die keltischen Bagauden zu beseitigen.

Die Massaker an Christen schrieben Weltgeschichte. Im Mittelalter, als sich die Kirche als Struktur und Ort des Gottesdienstes herausgebildet hatte, brauchte sie Heilige. Das waren die Märtyrer, die Jahrhunderte zuvor entlang der Römerstraße getötet worden waren. Diese dienten als Aushängeschild, hatten Vorbildfunktion, zogen die gläubigen Christen an. Dabei entwickelte sich zeitgleich mit Heiligsprechungen eine Reliquienkult, der nicht viel älter war als das Christentum selbst. Bereits im Jahr 156 wurde der Bischof Polykarp aus Smyrna in  Kleinasien in Rom verbrannt, weil er sich weigerte, das Christentum zu verleugnen. Bezogen auf Polykarp, wird erstmals wird im Brief an die Epheser der Reliquienkult erwähnt: „So sammelten sie seine Gebeine auf, die wertvoller waren als kostbare Steine und besser als Gold … die Knochen waren Sitz des Lebens und Voraussetzung für die Wiedergeburt …“

Ungefähr ab dem Jahr 800, erreichte der Reliquienkult auch das Rheinland. Dabei ist die Straße der Reliquien keine touristische Straße, wie man ansonsten die romantische Straße in Franken oder die Deutsche Weinstraße in der Pfalz kennt. Die Straße der Reliquien beschreibt vielmehr die Marschrichtung der Legionäre von Römerlager zu Römerlage, insbesondere von den Castellen Bonna (Bonn) und CCAA (Köln) nach Colonia Ulpia Traiana (Xanten).

Das Christentum steckte noch in seinen Anfängen. Nachdem die Römer die Christen gnadenlos verfolgt hatten, duldete Kaiser Konstantin in seinem Edikt von 313 das Christentum. Die Thebäer aus Ägypten hatten sich taufen lassen, während die römische Armee ein Gemisch aus Heiden und Christen darstellte. Die Einstellung der Christen, Konflikte friedlich zu lösen, unterlief die Eroberungsstrategie der Römer, die in Gewaltausbrüchen an Christen mündete.

Christliche Märtyrer wurden zu Heiligen. Deren Gräber wurden geöffnet, Leichname wurden geborgen. „Sie fanden alles glückliche und beste, das in der Erde beigesetzt war … mit Leichtigkeit hoben sie ihn aus der Erde, am ganzen Körper unversehrt, mit allen Gliedern versehen, so dass nicht ein Haar an seinem Haupte fehlte …“ so beschreibt der Bischof von Eichstätt im Jahr 777 die Graböffnung des Wynnebald von Heidenheim.

Im Rheinland ranken sich Mythen und Legenden um die thebäische Legion. Die Gräber von Märtyrern aus Nordafrika wurden geöffnet. Sie waren in der Nähe von frühchristlichen Kapellen begraben, die Vorläufer waren für bedeutende spätere Kirchenbauwerke. In Bonn waren es Cassius und Florentius, die unter der heutigen Münsterkirche begraben waren. Über dem Grab des Kölner Märtyrers Gereon wurde die spätere romanische Kirche St. Gereon gebaut. Der Xantener Dom entstand über dem Grab des Heiligen Viktor. Die Gräber wurden in Xanten im 9. Jahrhundert, in Köln und Bonn im 12. Jahrhundert geöffnet. Die sterblichen Überreste wurden später in Reliquienschreinen aus Gold aufbewahrt.

Im Rheinland boomte ein regelrechter Reliquien-Tourismus. Es waren nicht nur verweste Leichen von Heiligen, die als Körper von Kopf bis Fuß in den Reliquienschrein wanderten, sondern auch Teile. So wird von der Heiligen Elisabeth von Thüringen berichtet, dass ihr der Schädel abgetrennt wurde; dieser wurde mit einem eigenen Kopf-Reliquiar verziert, während ihr übriges Skelett in einem Reliquienschrein aufbewahrt wurde. Wie in der heutigen Gerichtsmedizin, wurden Leichen seziert. Zähne wurden herausgebrochen, Knochen oder Finger abgetrennt. Wie Schmuck wurden Reliquien am Körper getragen, in Reliquienkästchen, Kapseln zum Umhängen oder in Schnallenreliquiaren. 

Den Kölner Erzbischof Bruno (gestorben 965) hatte die Sammellleidenschaft gepackt. Er sammelte Reliquien und fromme Gegenstände aller Art, stellte sie in seinen Kirchen aus. Von überall her pilgerten die Menschen zum Wallfahrtsort Köln. Die Tradition der Reliquienverehrung hat sogar bis heute nicht nachgelassen. So wird der Viktorsschrein in Xanten alle 25 Jahre geöffnet, der Zustand der Reliquien wird geprüft und in einer Urkunde dokumentiert. In der sogenannten Viktorstracht wird der Reliquienschrein feierlich durch die Stadt getragen.

Die bedeutenden Reliquienschreine im Rheinland fußen auf der thebäischen Legion. Und die Afrikaner aus Ägypten haben nicht nur mit ihren Reliquien ihre Spuren hinterlassen. Mohrenstraße heißt eine Straße in der Kölner Innenstadt. Neben dem Heiligen Gereon wurde Gregorius Maurus als thebäischer Legionär ermordet. Das Wort „Mauren“ für Nordafrikaner hat daher seinen Ursprung. Gregorius Maurus steht mit seiner Figur in St. Gereon. Pechschwarz ist seine Hautfarbe.

Es ist eine der ältesten Zeugnisse deutsch-afrikanischer Geschichte.

Montag, 4. November 2013

Monatsrückblick Oktober

Im Fernsehen
Über Altersvorsorge und Riester-Rente habe ich mittlerweile drei Posts geschrieben, da dieses Thema ein Dauerbrenner ist. Nun hatte Peter Zwegat, der eigentlich bei RTL bekannt ist für seine Sendung „Raus aus den Schulden“, dieses Thema aufgegriffen. In dieser Spezialsendung durchleuchtete Peter Zwegat bei einem jungen Ehepaar sowie einem mittelalten Ehepaar mit zwei Kindern, inwieweit diese sich um ihre eigene Altersvorsorge kümmern. Die Betroffenen stuften ihre eigene Altersvorsorge zwar als wichtig ein, taten aber kaum etwas dafür. Bei dem jungen Ehepaar waren es persönliche Wünsche, die sie sich erfüllten, bei dem mittelalten Ehepaar fehlte effektiv der finanzielle Spielraum. Der Ehemann meinte, er könne seine Kinder nicht zum Dauerverzicht anhalten, um für die Altersvorsorge einen höheren Betrag zurück zu legen. Dass der Staat fordert, dass jeder einzelne einen Eigenanteil an der Altersvorsorge erbringt, dazu meinte Peter Zwegat, dass der Staat seine Bürger buchstäblich im Regen stehen lässt. Der Staat hat zwar die Riester-Rente eingeführt, am Markt gibt es aber insgesamt 10.000 (!!!!) Altersvorsorge-Produkte. Daher sind die Bürger hilflos Banken und Versicherungen ausgeliefert. Mit verdeckter Kamera wurden Beratungsgespräche von Versicherungsvertretern in den Wohnungen der beiden Ehepaare gefilmt und objektiv durch eine Verbraucherberaterin bewertet. Immer wieder wurde auf Altersvorsorge-Produkte beraten, die in bezug auf den gewünschten Vorsorgezweck ungeeignet waren. Peter Zwegat wagte die pessimistische Prognose, dass sich die Altersarmut durch das Verschieben der gesetzlichen Altersvorsorge auf den Bürger verschlechtern wird.

Bloggerin in der Tageszeitung
Die Bloggerin Tinny Mey hatte ein ungewöhnliches Erlebnis, als sie mit ihrer selbst gestrickten und gehäkelten Stoffpuppe „Fritz Kalle Kolores“ (kurz: FKK) durch ihre Heimatstadt radelte. Fritz Kalle Kolores, der nicht viel kleiner als Tinny war, fiel mit seinem heraushängenden Geschlechtsteil auf. Tinny samt FKK erweckten die Neugierde des vorbeikommenden Lokalreporters, der fleißig fragte. Er fragte so viel und so lange, bis er eine Geschichte von Tinny und Fritz Kalle Kolores beisammen hatte. Den Zeitungsbericht könnt Ihr bei Tinny nachlesen.

Endstation Nippes und Mord in Altwindeck
Als ich früher Arthur Conan Doyle oder Agatha Christie oder Georges Simenon oder Patricia Highsmith oder Jacques Berndorf gelesen hatte, war ich ein begeisterter Krimi-Leser. Die Begeisterung hat etwas nachgelassen, weil ich gezielt Bücher lese, die in irgendeinem Zusammenhang zu meinen Blog-Themen stehen. Und über Verbrechen und Morde habe ich relativ wenig geschrieben. Wenn ich Krimis lese, dann sind es Regional-Krimis, die im Rheinland spielen. Endstation Nippes spielt im Drogen-Milieu, in dem Kinder von Drogenabhängigen, die in Pflegefamilien leben, sexuell mißbraucht werden. Eigentlich ein ekelhaftes Thema, vor dem ich abschrecke. Die Autorin Ingrid Strobl beschreibt den Fall aber dermaßen authentisch, ohne dass ich emotional hinunter gezogen werde, dass ich kaum aufhören konnte zu lesen. Genauso authentisch beschreibt sie den Kölner Stadtteil Nippes oder das Eigelsteinviertel. Dann hatte Marita in ihrem Blog Werbung für die Lesung „Mord in Altwindeck“ von Guido M. Breuer gemacht. Ich hatte eine Zeit lang überlegt, nach Altwindeck zu fahren, ich habe es dann aber doch nicht geschafft. Wie Ihr bei Marita nachlesen könnt, war die Lesung etwas enttäuschend, da der Autor die örtlichen Gegebenheiten in Altwindeck nicht authentisch beschrieben hat. Zudem war der Krimi war mit 54 Seiten zu kurz und hatte ein offenes Ende. 

Genoveva von Brabant
… zieht ihre Kreise. Während meiner Rennradtour von Koblenz nach Sinzig hatte ich in Mayen innegehalten, wo Genoveva von Brabant ursprünglich hätte enthauptet werden sollen. Beim Besuch bei meinen Eltern habe ich zuletzt erfahren, dass Genoveva von Brabant sogar Bestandteil unserer Familie geworden ist. Und zwar wusste ich von meiner Oma (gestorben 1987), dass die in den 50er Jahren Theater gespielt hat. Eine Rolle hat sie dabei über Jahre hinweg gespielt: das war Genoveva von Brabant. Ich gehe gerne, aber leider viel zu selten ins Theater. So wie ich meine Oma kennen gelernt habe, wird sie mit viel Dramatik und hohem Einfühlungsvermögen Genoveva von Brabant gespielt haben. Schade, dass ich dies nicht erleben konnte.

Sonntag, 3. November 2013

Lehrpfad der Jahresbäume

1951 entstand in der UNO die Idee, einen Weltfesttag des Baumes einzurichten. Als am 25. April 1952 der damalige Bundespräsident Heuss im Hofgarten einen Ahorn-Baum pflanzte, wurde in den Jahren danach der 25. April zum Tag des Baumes. Um den Nachhaltigkeitsgedanken zum Ausdruck zu bringen, ist es seit 1989 zur Tradition geworden, in der Rheinaue Jahresbäume neu zu pflanzen. Diese sind in der Rheinaue zu einem Lehrpfade der Jahresbäume zusammengefügt. Auf diesem Lehrpfad habe ich Gelegenheit, meine mangelhaften Botanikkenntnisse etwas aufzubessern. Eine Auswahl der Jahresbäume möchte ich Euch gerne zeigen.


Baum des Jahres 1990 war die Buche.


1991 war die Sommerlinde an der Reihe.


Die Hainbuche (1996) hat schon jede Menge Laub verloren.


Die braunen Blätter der Roßkastanie (2005) haben dem Herbst noch getrotzt.


Der Berg-Ahorn (2009) steht ebenfalls ziemlich kahl da.


Nicht nur Laubbäume, sondern mit der gemeinen Kiefer (2007) sind auch Nadelbäume Baum des Jahres geworden.


Die Sandbirke (2000) rahmt den Posttower im Hintergrund ein.


Unauffällig am Wegesrand ist der Baum Jahres 2002, der Wacholder.


Am Teichufer kommt die Silberweide (1999) prächtig zur Geltung.


Esche (2001, links) und Stieleiche (1989, rechts) rahmen als mächtiges Paar den Weg ein.


Die Schwarzerle (2003) wächst genau am Rheinufer.