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Freitag, 4. April 2014

unsympathisch

Ich sollte mich nicht irren.

Mir waren nicht nur diese starren Proportionen seines Gesichtes unsympatisch, dieser ausgewogene Bürstenhaarschnitt, dieser Gesichtsausdruck, der zwischen Unsicherheit und Brutalität schwankte, sondern mich störte auch, dass er einen SUV fuhr. Auf Statussymobole war er gepolt, wobei es sicherlich kritisch ist, alle SUV-Fahrer mit vorgefertigten Charaktertypen zu belegen. 

Er war eine seltsame Mischung aus preußischer deutscher Korrektheit und einer Regungslosigkeit, die ihn nur allmählich in eine ruckartige Bewegung versetzte. Ich hatte ihn nie lachen sehen. Wenn wir uns im Supermarkt über den Weg liefen, grüßte er nicht. Prinzipiell war dies nicht schlimm, denn es gibt keinen Zwang, dass mir alle Mitmenschen sympathisch sein müssen.

Eigentlich hatte ich auch keine Berührungspunkte mit ihm. Und eigentlich war es eine Frauenbekanntschaft und keine Männerbekanntschaft. Bestimmt drei oder vier Jahre hatten die Frauen sich nicht gesehen. Unvermitteltes Treffen vor der Raiffeisenbank, kurze Plauderei, Schnellabriss über Geschehenes. Meine Frau und ihre Bekannte hatten sich über unsere Kinder kennen gelernt, als diese während der Grundschulzeit miteinander spielten. Danach brach der Kontakt unter den Kindern ab, während sich die Frauen gelegentlich im Ort sahen und gerne miteinander quasselten.

Wir Männer sind eine Randerscheinung, wenn Termine der Kinder über die Frauen abgesprochen werden. Sie war nett, zuvorkommend, umgänglich, sympathisch, im Gegensatz zu ihrem Mann. Er arbeitete bei den Stadtwerken, leitete ein Team und war mächtig im Streß, auch an Wochenenden, wenn Leitungen entstört werden mussten. Der Streß hatte ihm so sehr zugesetzt, dass sein Magen rebellierte. Er verweigerte die Nahrungsaufnahme, so dass er nur noch wenige Brotsorten verdauen konnte.

Er litt. Die Phasen nahmen zu, dass er krank geschrieben war. Momentan war dies auch so, dass er häufiger krank geschrieben war, als dass er arbeitete. Sie litt genauso, sich um ihren kranken Ehemann zu kümmern. Selbst als ihr Ehemann noch gesund war, machte sie einen leidenden Eindruck, denn ihre Mutter war in einem dreißig Kilometer entfernten Pflegeheim untergebracht.

Persönliche Schicksale können tragisch und schlimm für alle Betroffenen sein. Diesmal kam es anders. Die Wendung war vollkommen unerwartet. Seine Mutter war gestorben. Einige Monate später erzählte er seiner Ehefrau von einem Gerichtstermin. Worum es ginge, fasste sie nach. Um Erbschaftstreitigkeiten. Ob sie ihm dabei helfen könne und mit seinen Geschwistern etwas klären könne. Nein, dies sei nicht nötig, er würde selbst mit seinen Geschwistern reden, um die Unstimmigkeiten zu bereinigen.

Dazu kam es nicht, denn seine Magenkrankheit fesselte ihn erneut an sein Bett. Also nahm sie Kontakt mit seinen Geschwistern auf, um die Meinungsverschiedenheiten wieder ins richtige Lot zu bringen. Es ging um 50.000 €. Ihr Mann hatte mit der Faust auf den Tisch gehauen. Kerngesund, war er mit einem Mal zu einem Energiebündel geworden. Er meinte es ernst, er zeigte Durchsetzungsvermögen und Entschlossenheit, die Euros brachten ihn in Fahrt. Solche Charaktereigenschaften hatte sie als Ehefrau nie kennen gelernt.

50.000 € forderte er von seinen Geschwistern, und die Klage hatte sein Rechtsanwalt bereits beim Amtsgericht eingereicht. Sie platzte aus allen Wolken. Ihr Mann war hartnäckig, unversöhnlich, stur, unzugänglich. Sich an den Vorgaben des Erbrechts orientierend, hatten seine Geschwister ein Angebot nach dem anderen gemacht, sich zu einigen, er hatte aber stets abgelehnt.

Sie fühlte sich wohl bei seinen Geschwistern, die vernünftige Menschen waren, mit denen sie reden konnte. Kleinigkeit für Kleinigkeit kochte hoch, was für ein Ekelpaket ihr Mann war. Weil ihr alles dermaßen unangenehm war, verschwieg sie gegenüber meiner Frau die meisten Begebenheiten. Mit einer Ausnahme: ihre Geschwister erzählten ihr von einem Kreditvertrag, den sie mit unterschrieben hatte. Ganz dunkel in den hintersten Zellen ihres Gehirns erinnerte sie sich, das da mal etwas war. Sie stellte ihren Mann zur Rede. Ja, den Kredit habe es gegeben. Aber er sei seiner Ehefrau gegenüber nicht verpflichtet, Rechenschaft abzugeben. Er sperrte sich. Was mit dem Geld geschehen war, blieb sein Geheimnis.

Das war der Anfang vom Ende. Das Vertrauen war futsch. Sie hatte sich getäuscht, wie abgebrüht er war und was für einen kalten und seelenlosen Typen sie geheiratet hatte. Nach mehr als zwanzig Ehejahren zog sie aus.

Sie darf sich auf einen langen Unterhaltsprozess einstellen. Sie jobbt nur auf 450 €-Basis und Unterhalt wird er nicht zahlen. Bereits im Vorfeld haben sich ihre Kinder darauf eingestellt, dass sie von ihrem Vater kaum finanzielle Unterstützung zu erwarten haben. Beide hätten gerne studiert. Aber sie haben es vorgezogen, finanziell abgesichert eine Ausbildung zu beginnen.

Der Abriss des Geschehenen war kurz, gelöst und unverkrampft. Die unsympathischen Begegnungen, an die ich mich erinnere, haben sich zu einem Ekelpaket entwickelt, um das wir alle einen weiten Bogen machen sollten.

Montag, 24. März 2014

Formlos (7) - Begegnung mit einem Hund

Friseurtermin. Zehn Minuten war ich zu früh – das war eher ungewöhnlich. Ich hockte mich hin, machte es mir auf dem Sitzelement aus Leder gemütlich. Die Blätter der Boulevardpresse, die sich auf der linken Seite stapelten,  ließ ich unbeachtet. Die schwere Eingangstüre war in ihren Eisenrahmen zurückgefallen. Ein Stimmengewirr kämpfte gegen einen Föhn, der aus Leibeskräften pustete, und Friseuse und Kundin schafften es irgendwie, sich zu entwirren und sich gegen die Lautstärke miteinander zu verständigen. Haare standen zu Berge und fügten sich danach in die Kunst einer Frisur mit wohl geformten Proportionen und einer vollendeten Schönheit, die beide, die Kundin und die Friseuse, mit einem zufriedenen Lächeln registrierten, als das Meisterwerk fertig war.

Ich beobachtete, nutzte den Freiraum, um die Fingerfertigkeit zu bestaunen, was Friseure tagtäglich leisten. Ihre Arbeit hatte objektiv einen Wert, und sie wussten, was sie mit ihrem Stehvermögen und mit ihrer Schere in der Hand am Ende des Tages geleistet hatten.  

Nebenher bemerkte ich, wie sich zwei Pfoten auf der Kante des Ledersitzes vorwärts tasteten. Schüchtern verharrten die Tatzen auf der Stelle, ein Kopf streckte sich in die Höhe, zwei Hundeaugen schauten mich voller Sehnsucht an. Sie durchbohrten mich mit ihrem Blick, so sehr hatten sie sich an meiner sitzenden Gestalt fest gehakt. Ich rätselte, war voller Skepsis, wusste nicht, ob ich hinschauen sollte, denn ich war auf Katzen gepolt und nicht auf Hunde.

Eine Katze hatte sich bei meinen Eltern stets zu Hause gefühlt. Über mehrere Jahrzehnte haben wechselnde Katzen meine Schwiegereltern begleitet. Nach langem Werben unseres kleinen Mädchens haben wir es seit einem Jahr geschafft, dass wir stolze Besitzer einer Katze und eines Katers sind. Das gibt unserem Leben einen zusätzlichen Schub an Lebensfreude, wenn sich unser Kater abends auf meinen Schoß setzt, wenn ich sein samtweiches Fell streichele, wenn er schnurrt, als ob er einen Motor einschalten würde, und wenn er wohlwollend seinen Schädel gegen meine streichelnde Hand reibt.

Nun also ein Hund. Mit Rassen kenne ich mich überhaupt nicht aus. Das war ein Pudel im Kleinformat. Die Ohren waren rund und hingen nicht herab. Das Fell war weiß, mager und lückenhaft, so als wäre ihm ein Stück  geklaut worden. Oder es war eine Katze im Großformat. Nase, Mund und Ohren lagen dicht beisammen, und der Körper war vielleicht doppelt so groß wie eine Katze.

Der Fehler im nächsten Moment war fatal, denn ich behandelte diesen Hund, der vor sich her schlummerte und wartete, dass etwas geschah, wie eine Katze. Ich streichelte sein Fell. Das hatte mit dem Fell einer Katze ungefähr so viel zu tun wie Helene Fischer mit AC/DC oder der TuS Königswinter-Oberpleis mit der Ersten Fußball-Bundesliga. Ich griff in eine gebürstete Masse hinein, die sich sträubte. Meine Hand rutschte über das Fell hinweg, und in diesem Moment verhielt sich der Hund sogar wie unser Kater, denn er sprang auf meinen Schoß, wie durch fremde Geisterhand gesteuert.

Er äußerte sogar sein Wohlbefinden, schnupperte, fing an zu lecken, genau in mein Gesicht hinein. Er fuhr nicht seine Krallen aus – so wie ich es von unseren Katzen kannte – denn er besaß keine. Was unseren Katzen die Krallen bedeuteten, das waren seine Zähne. Sein Mund öffnete sich, und stolz bleckte er sein Gebiß entgegen. In Zacken formierten sich seine Zähne nebeneinander, vier Augen standen sich frontal gegenüber.

Ich spürte Angriffslust in den schwarz getünchten Pupillen. Ich bin an Katzen gewöhnt. Mit Hunden verbinde ich einige negative Erlebnisse. Meine erste Freundin hatte einen winzigen Rehpincher, der mich permanent anbellte, so dass wir uns kaum unterhalten konnten. Viele Jahre später, lief mir beim Joggen ein Hund hartnäckig hinterher und zerriss mit seinem Gebiß meinen Trainingsanzug. Es stört mich heutzutage, wenn sich zwei Hunde begegnen und dann endlos und laut anbellen.

Seine Zähne bissen zu. Entschlossen, aber auch verspielt. Zuerst bissen sie sich zwischen meinen Fingern fest, kauten darauf herum, als wollten sie eine Wurst verspeisen. Die Bisse wurden härter, schmerzten aber nicht und wichen zurück. Ich war entsetzt. Weil ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte, kraulte ich vor lauter Verlegenheit seine schlappe Haut, die sein Fell sein sollte.

Der Hund hatte sich auf meinem Schoß eingenistet und knabberte an mir herum. Seine Zähne bissen in das hinein, was ihnen in die Quere kam. Nun war mein Pullover an der Reihe. Das Gebiß fraß sich in das rot-weiß-graue Muster hinein, drehte den Kopf nach oben, die Zähne rissen zwischen den Fäden des Pullovers herum. Das reichte. In diesem Moment hätte ich diese doppelte Katzengröße, die ein wild herum fressendes Monster war, in die Hölle gewünscht.

„Platz“ erlöste mich die Chefin des Friseur-Salons, die erst jetzt mitbekommen hatte, dass das Treiben ihres Vierbeiners eskalierte.

Der Hund gehorchte. Augenblicklich sprang er auf den Bistrot-Stuhl, blickte schüchtern wie ein Unschuldslamm und hockte sich auf seine Hinterpfoten. Der Schreckensmoment war verflogen, und nun sah er wieder so treu und so streichel-bedürftig wie unsere Katzen aus.

„Sie dürfen nicht anfangen, ihn zu streicheln. Dann werden Sie ihn nicht wieder los. Entschuldigung. Habe einen Moment nicht aufgepasst.“

Die Aufregung war vorüber. Wenn ich tiefere Einblicke in Vierbeiner habe, dann sind es Katzen. Und nicht Hunde.

Dienstag, 11. Februar 2014

Formlos (5) - Heimat


Ich war in dieser Gegend längst angekommen. Einhundert Kilometer entfernt aufgewachsen, stellte sich die Frage nicht, wo meine Heimat lag. Heimat, das war ein heterogenes Gebilde, das seine Kristallisationspunkte hatte, die mit einander verknüpft waren. Ein Netz, beweglich, anpassungsfähig, interkulturell, mit Wohlfühl-Faktor. Die Redensart „der Bauer klebt an seiner Scholle“ klang aus meiner Kindheit nach, denn, auf dem Land aufgewachsen, hatte ich zwar viel Natur und Naturverbundenheit kennen gelernt, aber auch eine gewisse Abgeschiedenheit vom Rest der Welt.

Was wäre eine Vernetzung ohne Mobilität ? In meinem Fall: mein Rennrad war der Idealzustand einer Mobilität, denn das Tempo war schnell, wie auf Samthandschuhen getragen, glitt ich durch die Natur, ich sprang von Ort zu Ort, Natur und Naturverbundenheit verschmolzen mit mir zu einer Einheit.

Der Moment, der das Erlebnis zu einem Höhepunkt führte, dauerte zehn Minuten. Es war die erste Rennradtour im neuen Jahr, die ich mit 45 Kilometern bewußt kurz ausgewählt hatte, um in den richtigen Tritt zu kommen. Den Rhein hatte ich überquert, und in Bonn-Oberkassel läutete ich die zehn Minuten totales Landschaftserlebnis ein.

Ende Januar, die Jahreszeit war ungewöhnlich für eine erste Rennradtour. Bitterkalt, weiß, schneebedeckt, Eis, rutschig, glatt, solche Winterstimmungen hatte ich vor einem Jahr gepostet. Nun war der Wind eine zahme Angelegenheit, er säuselte um meine Ohren. Mit gefütterter Fahrradjacke, Schal und Fingerhandschuhen trieb mich mein sportliches Outfit voran. Der blaue Himmel lächelte mich an. Schäfchenwolken ließen mich fast an den Frühling denken, wenn die Bäume und die Natur nicht so ratzekahl gewesen wären. Von Schnee oder Kälte war während des ganzen Winters keine Spur.

Zehn Minuten lang hieß es „bergauf“. Oder: treten, treten und nochmals treten. Ich übte, um mit Routine solche Anstiege zu bewältigen. Der Winter war eine Unterbrechung, weil ich drei Monate lang nicht mehr auf meinem Rennrad gesessen hatte. Mit dem Sport bin ich mit gewissen Unterbrechungen seit meiner Jugend groß geworden. Fußball-Spieler in der Kreisliga C, dann 15 Jahre lang Fußball-Schiedsrichter, danach Joggen, seit zehn Jahren Rennradfahren.

Ich schaute weg. Das gerade Band der Straße forderte meine geballte Kraft heraus. Nach vorne schauen, entmutigte mich, denn zu langsam, im gefühltem Schritttempo, kroch ich mitten ins Siebengebirge hinein. Ersatzweise verlor sich mein Blick auf dem Erdboden, wo die Schicht des Herbstlaubes noch dünner, noch schwächer, noch lebloser die Blässe des Januartages bedeckte. Ein Bachlauf fraß sich in das Erdreich hinein, kahles Buschwerk verhakte sich in der Leere. Das Licht des Januartages stand so schräg, dass die Sonnenscheibe hinter den Berghängen des Siebengebirges verschwand.

Das Kurvenschild flackerte am Straßenrand auf, meine Ausdauer arbeitete, meine Muskeln hielten durch. Eine scharfe Linkskurve, dann dieselbe Wendung nach rechts, es ging weiter bergauf. Noch einhundert Meter treten, die Gewißheit mobilisierte meine Kräfte, denn ich kannte die Strecke. Nach zehn Minuten hatte ich den höchsten Punkt erreicht. Geist und Körper befanden sich in einem Gleichgewichtszustand. Mein Blut pulsierte, in langen Zügen sog ich den Atem ein und aus.

Fortan rollte ich bergab. Meine Anspannung war wie verflogen. Ohne treten zu müssen, war der Übergang in den Ruhezustand grandios. Heimat braucht Konturen, Fixpunkte, positive Eindrücke, die sich wiederholen und haften bleiben. Ich könnte meinen, dass Heimat eine Suche nach den Gegensätzen ist. Aufgewachsen auf dem flachen Land, suche ich solche mittelgebirgshaften Landschaften. Flachland ist unspektakulär und entfaltet in Flußniederungen all seine Schönheit.

Und das Siebengebirge ? Der Ölberg, dieses dauerhafte Motiv, schraubte sich rechterhand in die Höhe. Von allen Seiten überragte er das Siebengebirge. Mit Weitblick, von der Kölner Bucht aus, vom Westerwald aus, von der Euskirchener Börde aus – oder auch von uns zu Hause aus – war er zu sehen. Er war mein eigenes Stück Heimat. Einhundert Kilometer entfernt aufgewachsen, vereinigte er die Schönheit der Mittelgebirgslandschaft mit meiner sportlichen Ausdauer.

Meine Geburtsstadt sehe ich nicht mehr allzu oft. Heimat ist kein fester Ort, sondern eine Vielzahl von Orten, wo sich Familie, Freunde, Gefühle, Erinnerungen und Geschehenes mit einander verbindet.

Mittwoch, 5. Februar 2014

Formlos (4) - Konrad-Adenauer-Brücke


Diesmal war es nicht der romantische Blick, der mich fesselte.

Dem Büroalltag entgegen schauend, fuhr ich mit dem Fahrrad durch die Rheinaue. Der Morgen kroch in die Wolkendecke hinein. Unter den Brückenpfeilern bog ich ab, der Radweg arbeitete sich die Anhöhe hinauf, schwenkte nach links und vereinigte sich auf der Konrad-Adenauer-Brücke mit der Autobahn A562. Auf sechs Spuren rauschte der Autoverkehr in den Tag hinein, hermetisch abgeriegelt durch eine Leitplanke, wo sich der Fahrradweg seinen eigenen Weg bahnte. Die Wellen des Rheins plätscherten. Abgrundtief unter der Brücke, kamen und gingen Schiffe. Flaggen, deutsche, niederländische, belgische, französische, schweizerische, wehten an den Heckseiten der Schiffe, schwere Motoren wühlten im Fahrwasser. Offen, weltoffen, war der Rhein ein Verkehrsweg verwandter und doch andersartiger Kulturen. Fremde aus vieler Herren Länder hatten den Rhein bereist, sie waren dem Rausch der Burgenromanik verfallen, Dichter und Denker hatte der Rhein inspiriert.

Feuerwehr, Polizei.

Wie in einem Nest, am Ende der Autobahnbrücke, standen sie in enger Formation. Das dauerte noch ein Stück, und daher gab ich mich meiner Stimmung hin, die mich in höhere Sphären hob. Dieser Augenblick auf der Autobahnbrücke kombinierte einzigartig die Fluss- und Berglandschaft. Ein paar Kilometer weiter, bog der Rhein nach rechts, krümmte sich sanft, und darüber baute sich die Kulisse des Siebengebirges auf. Ich hatte mir längst abgewöhnt, die Berge zu zählen, denn es konnten niemals sieben Berge sein. Je nach Blickwinkel, wechselte die Anzahl, und von dieser Position auf der Autobahnbrücke kam das Siebengebirge auf neun bis zehn Berge. „Sieben“ konnte für „Siefen“ stehen – das waren Feuchtgebiete längs Bachläufen, symbolisch für ein einheitliches Ganzes oder nach einer Sage haben Riesen sieben Berge angehäuft, um das Tal von den Fluten des Rheins zu befreien. Während die Namensherkunft ungeklärt war, musterte ich mit meinem Blick die Bergkette, die mich zu allen Tagesstimmungen hinriß. In Nebelschwaden versackend, von einem feuerroten Sonnenaufgang umhüllt, von Schönwetterwolken umkränzt oder vor nassen Regenwolken triefend, schaute ich stets gebannt auf diesen Fixpunkt.

Blaulicht flackerte.

Stau ? Ich riss mich aus meinen Träumen heraus, die ich auf dem Fahrrad viel intensiver erleben durfte als im Auto. Ich schaltete um vom romantischen Landschaftserlebnis auf einen Gefahrenpunkt, den ich in gebotener Langsamkeit zu passieren hatte. Der Autoverkehr floß. Feuerwehr und Polizei verengten die Fahrspuren, doch zwei anstelle drei Spuren reichten. Stadtauswärts dümpelte der Berufsverkehr vor sich hin, alles lief in ruhigen Bahnen. Unfall ? Die handelnden Personen waren merkwürdig. Ich vermisste einen aufsehenerregenden Unfall, Polizisten, die den Hergang des Unfalls auf einem Formular festhielten oder die versteinerten Blicke der beteiligten Autofahrer. Drei Feuerwehren und drei Polizeifahrzeuge hatten sich angestrengt gesammelt. Ihre Blicke konzentrierten sich auf einen leeren Merzedes, der bucklig war und auf sein hohes Alter stolz sein konnte. Vergeblich suchte ich nach einem Blechschaden. Dort war absolut gar nichts zu sehen bis auf die Gespräche, die zwischen Feuerwehr und Polizei ratlos umher irrten.

Weiter ins Büro.

Ich konnte keine endlosen Vermutungen anstellen, denn im Büro wartete meine Arbeit. Eine Zeitlang ging mir die Melodie von „Space Oddity“ von David Bowie durch den Kopf: wie der Major Tom durchs Weltall fliegt, wie die Funkverbindung zur Erde abreißt und wie er dazu verdammt ist, ohne Verbindung zur Außenwelt durchs Weltall zu geistern. Ohne direkten Rheinblick, genoß ich das letzte Stück ins Büro. Das Siebengebirge begehrte ein letztes Mal auf, als sich die Berge wie eine Festung über die Parklandschaft erhoben. Das war auf der Anhöhe am chinesischen Pavillon, der mit seinem neu gedeckten Dach noch gediegener wirkte. Im Rosengarten hatten einige welke Exemplare dem Winter getrotzt. Ich verließ die Rheinaue, mitten hinein in Bürotürme und frühere Ministerien, dessen Zaunanlagen die Eindrücke eines Hochsicherheitstraktes verliehen.

Selbstmord.

Zwei Tage später, als ich unsere Tageszeitung aufschlug, erfuhr ich, was geschehen war. Ein Autofahrer hatte mitten auf der Autobahn gestoppt, er war aus seinem Merzedes ausgestiegen und sich am Brückengeländer mit einem Seil erhängt. Als ich diese Zeilen las, war ich mehr als fassungslos. Ich war ganz dicht an den Abgründen einer Tragödie gewesen. 

Freitag, 24. Januar 2014

Formlos (3) - Schnellbus 55



Dass ausgerechnet Busfahrer übergewichtig sind, hält sich hartnäckig in meiner Erinnerung. Statistiken, wenn es sie gibt, werden das nicht beweisen können. Busfahrer ernähren sich genauso wie andere Berufsgruppen: es wird dicke und dünne geben, lange und kleine, dumme und schlaue und so weiter. Busfahrer essen nicht anders, trinken nicht anders, bewegen sich nicht anders, kurzum: biologisch unterscheidet sich ihr Körper nicht, wie viele oder wie wenige Kalorien ihr Körper verbrennt.

Trotzdem: zuletzt habe ich das lebendige Beispiel eines Busfahrers erlebt, dessen Gewicht ein Exempel statuiert hat. Wartezeiten sind öde, nutzlos, vergeudete Zeit. Die Muster des Wartens ähneln sich, wenn man mit dem Auto im Stau steht, wenn die Durchsage auf dem Bahnsteig eine Zugverspätung angekündigt hat oder, wie in meinem Fall, dass ich mitsamt den anderen Fahrgästen auf den Schnellbus 55 warte. Ein Lehrstuhl für Verkehrswissenschaften hat sogar an einer Universität kompliziert herum gerechnet, wie viel volkswirtschaftlicher Schaden in Euro entsteht, wenn Autofahrer im Verkehrsstau stecken bleiben.

Der ganz normale Büroalltag war vorbei, als die Prozedur des Wartens seinen Lauf nahm. Erst U-Bahn, dann Aussteigen, dann gemächlicher Fußweg. Ein kurzes Stück passierte ich die Grünanlage, die lang, geradlinig, entschlossen und mit schönem Blick auf das Poppelsdorfer Schloss zu lief. Der Fußweg knickte ab, ließ die barocke Pracht in der Ferne und ich näherte mich der Wartezone, dem Busbahnhof.

Busse kreisten umher, kurze Busse, Gelenkbusse, leere oder mit Menschen vollgestopfte Busse, von denen einer der Schnellbus 55 sein sollte. Erwartungsschwanger, kauerten die Fahrgäste vor sich her, blickten dumpf in den Feiertagshimmel, standen mit den Füßen wie festgewurzelt auf dem Bussteig. Dieser war nicht gerade eine Augenweide, weil er eine komplette architektonische Fehlplanung war und am Rande des Busbahnhofs Drogenabhängige in Scharen herum lungerten.

Heute hatten wir Glück, denn der Schnellbus 55 trudelte pünktlich ein. Minutengenau schob sich die Front des Busses vor die Kante des Bussteigs. Die Türen öffneten sich. Doch anstelle dass wir Fahrgäste einsteigen konnten, kam der große Auftritt des Busfahrers. Seine Sternstunde hatte geschlagen, als er ausstieg und die Türe von aussen wieder verschloss. Das irritierte uns, und unsere vereinigten Blicke hakten sich an dem Busfahrer fest, denn wir wollten eigentlich pünktlich einsteigen.

Den ließ alles kalt. Schwerfällig trotteten seine Schritte quer über den Busbahnhof. Seinen starren Körper schleifte er hinter sich her. Lahm wie eine Ente, konnte ihn niemand aus der Ruhe bringen. Er schaute nicht links, nicht rechts, und die fest gekrallten Blicke der Fahrgäste fragten sich, was er im Schilde führte. Ich dachte an die Anfangsszenen des Westerns „Spiel mir das Lied vom Tod“, in der die Bewegungen nur eine Spur schneller als der Stillstand waren. Die Handelnden konnten sich kaum aufraffen. Lethargisch waren die Abläufe. Langsamkeit wurde zum dominierenden Stilelement.

Die Umrisse, was er im Schilde führte, wurden klarer, als er den Glaskasten des gegenüberliegenden Kiosks erreichte. Der Anblick dieses Nestes, wo die Busse wild umher kreisten, war ohnehin deprimierend. Ruhelos, rastlos, schnell, anonym, auf einen Verkehrsknotenpunkt des öffentlichen Personennahverkehrs reduziert, war der Busbahnhof jeder Menschlichkeit entblößt. Grüne Flecken waren Fehlanzeige, die Augenblicke meiner Anwesenheit drückte ich schnell weg: ab in den Schnellbus 55, der mich in 30 Minuten nach Hause bringen sollte.

Als der Busfahrer aus dem Glaskasten des Kiosks heraustrat, wurde alles klar. Einen Pappbecher in der Hand, schlürfte er Kaffee in sich hinein. Und der Busfahrer hatte sich gedreht. Nun hefteten sich die Blicke der Fahrgäste auf seine Frontseite. Diese stand auf dem Präsentierteller. Theaterreif, wie auf einer Bühne, bewegte sich seine Gestalt zum Bussteig zurück. Zu einer Halbglatze hatte sich sein Haar gelichtet, klein und geduckt und kugelig war seine Gestalt zusammen geschrumpft. Je näher er zu unserem Schnellbus 55 zurück schritt, um so dominanter wurde sein Bauch.

Sein Übergewicht versteckte sich unter seinem blauen Winterpullover, der sich aufblähte. Die Fettmasse seines Bauches wabbelte hin und her, nahm die Form einer Kugel an. Auch hier bewahrte er diese unerschütterliche Ruhe, seine Fettmasse wurde zum Denkmal. Nicht viel hätte gefehlt, dann wäre sein nackter Bauch heraus gequollen, doch Hemd und Pullover schafften es, all diese Kubikzentimeter von Fett zu bedecken.

Häßlich und abstoßend kehrte er zu seinem Schnellbus 55 zurück. In unser aller gemeinsames Gedächtnis hatte er sich verewigt. Das ist schade für die Stadtwerke, dass der Eindruck entsteht, dass Busfahrer im Vergleich zu anderen Berufsgruppen übermäßig übergewichtig sind.

Der Busfahrer war eine Provokation. Zehn Minuten Verspätung hatte er uns Fahrgästen eingehandelt, weil er seinen wabbeligen Bier- oder Süßigkeiten- oder Freßbauch spazieren geführt hatte.  Dieser Moment, der sich zu zehn Minuten ausgedehnt hatte, habe ich in meinem Gedächtnis verewigt. Dass Busfahrer übergewichtig sind, daran werde ich mich wahrscheinlich bis zu meinem Tode erinnern.

Montag, 25. November 2013

Blue Monday

Eine Studie aus den USA brachte mich zuletzt ins Grübeln. Sie befasste sich mit dem Potenzial, sich selbst zu ändern, welches zweifellos in jedem Menschen vorhanden ist. Von Kopf bis Fuss sollte sich jeder Mensch selbst durchleuchten, wo die Dinge krumm und schief sind, wo sie auf den Kopf gestellt werden sollten. Ein Manager würde dies so formulieren, dass in einem Business Process Reengineering kein Stein mehr auf dem anderen stehen bleiben sollte. In einer Art von Selbstreinigungsprozess sollten die Dingen auf deren Sinn und Wertbeitrag hinterfragt werden.

Und die Studie aus den USA nannte auch die optimalen Zeitpunkt, damit zu beginnen: nämlich allwöchentlich jeden Montag. Wieso ? Die üblichen Anlaufschwierigkeiten gehen los, der Wecker schmeißt einen bereits zu Nachtzeiten aus dem Bett, es gilt die kuschelige Bettdecke loszulassen, das Frühstück fällt kurz und abgerissen aus, die aufmunternde Tasse Kaffee wird hastig herunter gekippt.

Jeder weist den Wochenbeginn mürrisch von sich fort. Der Tatendrang ist gebremst, die Sinnfrage drängelt sich kritisch in den Vordergrund. Wozu das Ganze ? Arbeitnehmer werden sich bald im Büro, in der Fabrik, auf der Baustelle oder sonstwo einfinden. Ich beziehe meinen eigenen Radikalansatz aus der Musik, in der die Montage so schlecht wegkommen, dass sie in Rebellion auszuarten drohen.
„I don’t like Mondays“, damit hatte es Bob Geldof in den 80er Jahren ganz weit nach oben geschafft. Seinem Unmut ließ er freien Lauf. Er posaunte „I want to shoot the whole world down“ hinaus und traf damit so sehr den Nerv der Bevölkerung, das er wochenlang auf Platz Eins der Hitparade stand.

Montage sind ein unbeschriebenes Blatt in der Woche, doch entgegen der Studie aus den USA will dies niemand als Chance begreifen, Änderungspotenziale aufzuzeigen.

Dass Skepsis angebracht ist, beweist ein anderer Montags-Hit, nämlich „Monday Monday“ von „The Mamas and the Papas“. Das Lied fordert mich sogar geradezu auf, vorsichtig mit beiden Füßen aus dem Bett aufzustehen, denn man weiß nie, was montags passieren könnte.

„Monday, Monday, can’t trust that day …
… oh Monday morning, you gave me the warning of what was to be.”

In demselben Stück könnte es noch schlimmer kommen:
„ …whenever Monday comes you can find me crying all of the time …”

Ich könnte so eine Art von Montags-Vorsätzen entwickeln, um mich selbst zu ändern. Ich könnte versuchen, die Dinge in positivem Licht zu sehen, denn Vorgesetzte und der Arbeitsalltag meinen es nicht immer schlecht mit mir. Doch so eine depressive Laune der Mamas und Papas färbt auf mich ab.

Die positiven Glückshormone des Wochenendes sind aus und vorbei, in der Arbeitswelt warte ich ab. In „Blue Monday“ von New Order finde ich meinen eigenen Rhythmus. Die Synthesizer bringen mich auf Trab. Das Klangbild ist noch jung in der beginnenden Woche, nicht euphorisch. Dann die Stimme, die sich nach langem Warten in die Melodie traut. Bloß nichts überstürzen. Geniale Gedankensprünge kommen nicht am frühen Montag Morgen, sondern irgendwann später, wenn ich nicht damit rechne. Die Stimme quält sich mehr dahin, wartet ab, obschon ein weitaus höheres Potenzial in ihr steckt. Mich Montags morgens anstrengen, kann unproduktiv sein, weil ich meine Hochlaufkurve der Kreativität noch nicht erreicht habe. Das ist so wie in der Automobilindustrie, wenn schlechte „Montags“-Autos produziert werden. Präzision und Gedankenschärfe müssen noch ausgereift werden.

Im Wochenverlauf wird alles besser werden. Niemand kann einhundertprozent Leistung an allen Tagen in der Woche rund um die Uhr erbringen. Ich erlaube mir diesen „Blue Monday“. Sollen all die anderen doch überlegen, wie sie sich in einer Art von Business Process Reengineering selbst verbessern sollen.




Montag, 28. Oktober 2013

Laubbläser

Der Herbststurm pustet und in den nächsten Tagen werden sie alle Hände voll zu tun bekommen. Das Laub wirbelt, sammelt sich auf Wegen, Bürgersteigen und Plätzen. Ich stapfe in die tiefe Masse von Blättern hinein, die sich meinen Schritten und Tritten in den Weg stellt.

Eines ist sicher: wenn sich denn in den nächsten Tagen der Sturm beruhigt hat, wird dieses zermürbende Geknarre und Geknattere der Laubbläser losgehen. Eigentlich hasse ich Lärm jeder Art. Von dem ich in den meisten Alltagssituationen – glücklicherweise - verschont bleibe. Es liegt jenseits meines Vorstellungsvermögens, wie das Leben in Autobahnnähe, entlang eines Bahndamms oder unter der Einflugschneise eines Flughafens aussieht. Längst wäre mein Schlaf-Wach-Rhythmus vollends aus den Fugen geraten. Ich würde den ganzen Tag mit Ohropax herum rennen. Ich wäre ein nervliches Wrack, das bei jedem Pieps-Ton zusammen schaudern würde.

Man sollte Laubbläser verbieten. Anders als der Lärm von PKW’s, Güterzügen oder Flugzeugen, dröhnt das Auf und Ab des Motorgeräuschs in den Ohren, das hohle Knattern unterdrückt alles. Messungen haben übrigens ergeben, dass Laubbläser mit über 100 Dezibel lauter als Preßlufthammer sein können.

Während ich Werkzeugen wie Sägen, Fräsen, Bohrmaschinen, Schleifmaschinen, Trennscheiben oder Preßlufthammern objektiv einen Sinn beimessen kann, vermag ich diese Sinngebung bei Laubbläsern nicht zu entdecken. Wenn alles klappt, sind Sägen, Fräsen, Bohrmaschinen, Schleifmaschinen, Trennscheiben, Preßlufthammer für einen Handwerker unverzichtbar, denn für einen Handwerker hat das, was er mit seinen Händen macht, von vornherein einen Sinn.

Bei Laubbläsern stimmt hingegen die Input-Output-Relation nicht mehr. Der natürliche Gang der Dinge soll weg-automatisiert werden. Maschine gegen Herbstlaub. Der Input ist ganz viel Lärm und ganz viel Herum-Geblase. Der Output ist ein bißchen mehr Schnelligkeit, um das Laub zusammen zu harken. Ich bedaure die Gartenarbeiter, die mit Ohrenschützern und so einem Ding in der Hand den ganzen Tag herum laufen müssen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie keinen Dachschaden abbekommen.

Dem Gesetzgeber kann man keinen Vorwurf machen, denn er hat auf solche heiklen Themen reagiert. Das Dickicht von gesetzlichen Vorschriften zum Lärm ist aber enorm. Das Bundes-Immissionsschutzgesetz benennt Fälle, für die Grenzen der Lärmbelästigung gelten. Die Geräte- und Maschinen-Lärmschutzverordnung gilt für bestimmte Gerätearten, die von Städten und Kommunen betrieben werden. Die Freizeit-Lärmrichtlinie betrifft Feiern in Nachbarschaften, in Vereinen oder auf Sportanlagen. Bei Musikveranstaltungen oder Open-Air-Konzerten gelten die Landes-Immissionsschutz-Gesetze.

Und der Laubbläser ? Er wird nicht aussterben. Die Menschheit wird sich wohl oder übel weiterhin mit ihm herum schlagen müssen. Dies besagt die Geräte- und Maschinen-Lärmschutzverordnung, die die Zeiten in Wohngebieten allerdings zwischen 9 und 13 Uhr sowie 15 und 17 Uhr begrenzt. Außer Laubbläsern gilt sie auch für Heckenscheren, Motorkettensägen, Rasenmäher oder Schredder. Das eine oder andere nervliche Wrack zur Herbstzeit wird in diesen Wohngebieten also unvermeidbar sein.

Dass der Laubbläser nicht aussterben wird, ist zudem zum Tummelplatz von Juristen geworden. Nicht zu Unrecht. Wenn Menschen in diese wabbelige Masse von Blättern, die nass werden kann, hinein stapfen, kann diese zu einem tückischen Gemisch werden. Sachbearbeiter in Städten und Kommunen dürften an Wahnvorstellungen leiden, falls Bürger auf öffentlichen Wegen auf nassem Herbstlaub ausrutschen und Regreßansprüche stellen. Ob Harke oder Rechen oder Laubbläser, ist den Juristen schlichtweg egal. Lärm, der manchen in die Irrenanstalt treiben kann, ist das geringere Übel als ein Sturz mit ungeahnten Folgen.

Immerhin: im Gegensatz zum Lärm von Autobahnen, Güterzügen oder Flugzeugen findet eine Dauerberieselung rund um die Uhr nicht statt. In aller Herrgottsfrühe wird man nicht aufgeschreckt. Abends kann man in Ruhe einschlafen.

Ich verfluche die schwäbischen Tüftler aus Metzingen bei Stuttgart, die 1975 den Laubbläser erfunden haben. So etwas wird zur guten deutsche Wertarbeit erklärt, bei denen die Firma ECHO-Motorgeräte Marktführer ist. Ich stutze, dass es die mir ansonsten sympathischen Schwaben sind, die solch einem Horror-Produkt auf die Beine geholfen haben.

Wie ich es mit den Laubbläsern in den nächsten Tagen und Wochen aushalten werde, weiß ich noch nicht. Ich werde mich verkriechen oder einsperren. Hoffen, dass die zeitlichen Begrenzungen eingehalten werden. Irgendwann sind auch die Schattenseiten des Herbstes vorbei.

Sonntag, 27. Oktober 2013

Joey & Alia (2)

Wie schnell die Zeit vergeht ! Ein halbes Jahr lang sind wir nun stolze Katzen-Besitzer. In diesen sechs Monaten haben sie sich gut eingelebt. Schlafplatz und Katzenklo haben wir vom Wintergarten in die Garage verlegt. Morgens und abends gibt es Nassfutter von Kitekat in der Garage zu fressen, als Zwischenmahlzeit Trockenfutter und „Leckerlis“. Morgens öffne ich die Garage und es geht ab in unseren Garten, wo sie sich ganzen Tag herum lümmeln (wenn es nicht total verregnet ist). Dort haben wir sogar kulinarische Genüsse zu bieten, denn im Komposthaufen und im Erdreich treiben Mäuse ihr Unwesen. Zum Abendessen kehren unsere Vierbeiner in die Garage zurück. Danach leisten sie uns im Wohnzimmer Gesellschaft.  Sie sind so neugierig, dass sie, wenn ich abends an meinem Laptop sitze, aufspringen, auf den Bildschirm schauen und mit ihren Tatzen mit der Tastatur spielen wollen. Ich kann erst dann ungestört auf meinem Laptop schreiben, wenn sie ihre Streicheleinheiten bekommen haben.



Das ist Joey, unser Kater, von dem ich wenige Fotos gemacht habe, da er vor der Digital-Kamera zurück schreckt.









Dafür habe ich Alia, unsere Katze, in verschiedensten Positionen erwischt.

Freitag, 11. Oktober 2013

Herbst


Der Herbst hatte gezögert. Über Wochen hinweg hatte er sich schwer getan, Fuß zu fassen inmitten der vom Sommer begrünten Landschaft. Der Altweibersommer wollte nicht weichen. Die Mittagssonne hatte soviel Wärme gespendet, als wäre ich in einer Wellness-Oase gelandet. Zaghaft hatten sich gelbliche und rötliche Verfärbungen in das Laub geschlichen. Silberweiden reckten ihr dichtes Blattwerk in die Höhe. Blasse Gelbtöne waren in Birken eine Randerscheinung.

Dann fiel der Herbst ein. Das war plötzlich, wie bei einem Motor, der durchstartet. Oder wie bei einer Rennradtour, wenn es nach einer Passhöhe steil bergabwärts geht. Eine zähe Wolkendecke hatte den Himmel verdunkelt. Leichtes Getröpfel hatte Donald Bäcker im ARD-Morgenmagazin vorhergesagt. Anfangs behielt seine Prognose Recht. Doch seine Prognose hatte den falschen Moment erwischt, als ich mich auf dem Trekking-Rad befand. Auf dem Nachhauseweg wurde aus dem leichten Getröpfel ein Netz. Die Regentropfen gewannen an Dichte, sie sponnen lange Fäden in diesem Netz und prasselten schließlich senkrecht und entschlossen herunter. Ohne Regenponcho, wurde aus dem leichten Getröpfel eine klatschnasse Angelegenheit.

Das war gemein. Verlegen blickte ich in den Trübsinn hinein, in den Regen, der die gelblich-rötlichen Farben des Herbstes verstärkte, in all diese Blässe, die die Baumgruppen über den Feldern verschwinden ließ. Der Regen hatte die Elstern auf den abgeernteten Maisfeldern vertrieben. Es sah so aus, als wäre der Sommer unwiederbringlich verloren gegangen.

Der Sommer war nur noch Rückblende, der Herbst schaute grimmig nach vorne. Nicht im Rheinland, sondern in der derben Schönheit Schleswig-Holsteins hatte Theodor Storm dazu gedichtet:

„Es rauscht, die gelben Blätter fliegen,
Am Himmel steht ein falber Schein;
Du schauerst leis und drückst Dich fester
In Deines Mannes Arm hinein.

Was nun von Halm zu Halme wandelt,
Was nach den letzten Blumen greift,
Hat heimlich im Vorübergehen
Auch Dein geliebtes Haupt gestreift.

Doch reißen auch die zarten Fäden
Die warme Nacht auf Wiesen spann –
Es ist der Sommer nur, der scheidet;
Was geht uns denn der Sommer an !“

Auch auf unseren Feldern rauschte er Wind. Stoßweise purzelten Blätter auf den Boden, wo sie sich sammelten und den Sommer abschoben in die Vergessenheit.

Klatschnasse Angelegenheit und reiches Farbenspektrum, das waren Gegensätze, die wunderbar miteinander harmonierten. Das bewunderte ich in den Vorgärten. Aufmärsche von Astern protzten in ihren lilanen Farbtönen. Reihen von Tagetes glänzten in purem Orange. Weniger prahlend, gesellte sich die gelb-orange Farbmischung der Anemonen dazu. Herbstfreuden besprenkelten die Vorgärten mit ihren rosanen Farbtupfern. Ich spürte die Regungen. Die Inspirationen des Herbstes waren geweckt worden. Die Melancholie war wie verflogen.

Der nächste Tag war mit Regenschauern durchsetzt. Donald Bäcker war im ARD-Morgenmagazin eigens in das Allgäu gereist, um den Wetterbericht bei Schneefall zu moderieren. Das war ihm hervorragend gelungen, denn auf 800 Metern Höhe schneite es tatsächlich. Nicht so bei uns. Es war stark abgekühlt, doch zwischen der Nässe von oben ließ sich auch die Sonne blicken.


Sie motivierte. Ich war im Herbst angekommen, der die Biergärten leer gefegt hatte. Spaziergänger hatten sich mit einem Regenschirm bewaffnet und trotteten an Pfützen vorbei, in denen sich die noch hängenden Blätter spiegelten. Es war eine seltene Erscheinung, dass der Posttower voller Romantik über dem Rhein von gold-gelb-grünen Blättern des Herbstes eingerahmt war. Selbst er inspirierte mich mit seiner nackten und klotzigen Erscheinung. So wie praktisch alle Farben des Herbstes.

Mittwoch, 31. Juli 2013

Urlaub auf Sparflamme

Sind wir so sehr gealtert, gesetzt oder antrieblos ? Die Entscheidung ist uns in diesem Jahr leicht gefallen, Urlaub auf Sparflamme zu machen. Keine Herumdiskutierei, wo wir Urlaub machen wollen, keine Herumtelefoniererei, welche Ferienwohnungen frei sind, kein Buchungsstress.

Die Weiterbildung meiner Göttergattin, die genau mit dem Ferienbeginn in NRW geendet hat, war ein echter Zeitfresser. Zu vieles ist liegen geblieben. Teile unseres Gartens sehen wie ein halber Urwald aus. Unser Vorgarten ist so überwuchert von Unkraut, dass er komplett neu gestaltet werden muss.

Mit Genuß habe ich Freitag und Samstag die Staumeldungen in meinen Ohren zergehen lassen. Auf der A61 vor der Ahrtalbrücke alles dicht. Bei der Rheinböllen 25 Kilometer Stau. Weiter südlich, wurden bei Karlsruhe genauso die 25 Kilometer Stau erreicht. Das Stauchaos war demgegenüber auf dem Kölner Autobahnring schon normal. Vor dem Kreuz Leverkusen ging gar nichts mehr, das Kreuz Heumar war dicht. Stoßstange an Stoßstange genauso vor dem Autobahnkreuz Aachen. Dieses gestreßte Studium der Staumeldungen konnte ich mir ersparen. Dies war bisweilen so kompliziert wie eine Doktorarbeit in Verkehrswissenschaften, bei Bruchsal oder bei Sindelfingen oder bei Ahrensburg oder bei Cloppenburg die Autobahn zu verlassen und über Bundesstraßen elegant die Staus so zu umfahren, dass wir wieder auf der richtigen Autobahn in der richtigen Richtung landeten.

Damit der Urlaub auf Sparflamme vor sich her köchelt, haben wir eine Angewohnheit beibehalten: wir schonen unser Auto, das 225.000 Kilometer auf dem Buckel hat, indem wir einen Leihwagen mieten und ganz viel durch die Gegend düsen können. Diesmal ist es ein schnittiger Opel Insignia, der beim Beschleunigen abzieht wie eine Rakete,  der sich butterweich schalten läßt und auf der Straße liegt wie ein Brett. Existenziell wichtig ist bei der momentanen Witterung, dass der Leihwagen den Luxus einer Klimaanlage hat, denn unser eigenes Auto verwandelt sich bei Hitzewellen in einen Backofen.

In der Nachbarschaft, an Elternstammtischen oder am Arbeitsplatz werden wir mit unseren Urlaubseindrücken nicht mithalten können. Phantasialand anstelle Mallorca, Rheinromantik anstelle Badebuchten auf Kreta, Maare in der Eifel anstelle Noblesse an der Côte d’azur. Dass es uns zu Industriedenkmälern im Ruhrgebiet zieht, dürfen wir wahrscheinlich niemandem erzählen. Urlaub und Ruhrgebiet ? Das ist geradezu provozierend und rebellisch, dies mit Sandstränden rund ums Mittelmeer gleichzusetzen.

Bodensee, Costa Brava und Ostsee – das war unsere letzten drei wunderschönen Urlaubsziele. Haben unsere Antriebe nachgelassen, für längere Zeit einmal im Jahr wegzufahren und viel schönere Gegenden kennen zu lernen ? Nun ist es soweit, dass wir keine Koffer packen müssen. All diese Mühsal entfällt, als Vorstufe dafür den Wäscheberg so zu erledigen, dass dieser in die Koffer hinein gezwängt werden kann. Wir brauchen keine Angst zu haben, dass wir etwas absolut überlebenswichtiges vergessen haben, so dass wir am Urlaubsort improvisieren müssen oder in einer Nacht-und-Nebel-Aktion überlebenswichtige Teile heran schaffen müssen. Dass die Ferienwohnung genau unseren Vorstellungen entspricht, was wir brauchen, darum brauchen wir uns ebenso nicht zu sorgen.

Urlaub auf Sparflamme. Wir erholen uns, indem wir nicht so richtig in Urlaub fahren. Ein paar Tage Legoland Günzburg, diese Tradition halten wir aufrecht. Bei exponierten Reisezielen werden die Urlaubsdiskussionen aus dem Ruder laufen. Andere machen eine Rundreise durch die USA. Oder eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer. Oder an den Stränden auf den Malediven. Oder nach Thailand. Zwischen den Weltbildern liegen Größenordnungen. Ich muss nicht die USA gesehen haben, weil mir nach den letzten Abhörskandalen die USA suspekt erscheint. Eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer wäre mir langweilig, weil ich immer nur das Meer sehen würde. Ähnlich langweilig wäre es mir auf den Malediven, weil dort ganz viel Meer mit viel zu wenig Land ist. Thailand könnte vielleicht sogar interessant sein, weil mir die boomende Wirtschaft ein Begriff ist. Trotz Thailand werden Urlaubsdiskussionen über derartige Urlaubszeile mich befremden. Kultur und Identität des Landes sind komplett anders, das Vergleichen und Abwägen zu Bekanntem gestaltet sich schwieriger.

Unabhängig vom Reiseziel, hat dies auch mit dem Anspruch des Urlaubers zu tun, was er erleben will. Viele Urlauber wollen etwas erleben, sie wollen Land und Leute kennen lernen, sie tauchen in die Faszination fremder Städte und Gegenden ein. Viele Urlauber wollen aber nichts erleben. Sie wollen ausspannen, abschalten vom Alltag, ihren Kopf freibekommen und die Seele baumeln lassen. In die Andersartigkeit fremder Kulturen einzutauchen, überfordert sie.

Beide Urlaubertypen haben ihre Daseinsberechtigung. Ob wir an der Ostsee, an der Costa Brava, am Bodensee oder zu Hause Urlaub gemacht haben, darüber werde ich mich auf Augenhöhe nur mit dem ersten Urlaubertypen unterhalten können. Dabei erwarte ich von dem anderen Urlauber, dass dieser ein Stück Abgedrehtheit mitbringt, um Rheinromantik oder die Eifelmaare als potenzielles Urlaubsziel zu begreifen.

Wir sind spontan, denken von einem Tag zum nächsten. Heute haben wir das Phantasialand in Brühl besucht. Solche Freizeitparks sind zwar nicht mein Ding, dem Rest der Familie hat es aber bestens gefallen. Wohin wir mit unserem Opel Insignia fahren, werden wir Morgen spontan entscheiden. In unserem Urlaub auf Sparflamme gibt es im Rheinland noch so viel schönes zu entdecken.

Samstag, 25. Mai 2013

Schulfest

Es gibt Tage, da fällt alles zusammen und alle wollen alles gleichzeitig machen. Pfarrfest plus Schulfest plus Firmung. Dabei hatte meine Göttergattin die Ehre, von unserer früheren Nachbarin als Firmpatin ausgewählt worden zu sein. Mit dem Pfarrfest hatten wir eigentlich nichts zu tun. Wir wussten kaum, wie wir alle Termine auf die Reihe kriegen sollten.

9.00 Uhr                 Friseurtermin Göttergattin
9.30 Uhr                 Kleine zum Klavierunterricht im Nachbarort bringen
9.45 Uhr                Göttergattin mit dem Auto vom Friseurtermin abholen
10.00 Uhr               Kleine vom Klavierunterricht abholen
10.15 Uhr               Schwiegervater bringt Göttergattin zum Berufskolleg (Informationsveranstaltung für Abendschule    
                             Wirtschaft)
10.30 Uhr               Einkäufe im Ort erledigen
11.30 Uhr               Fußweg zum Schulfest (Parkplätze werden allesamt belegt sein)
12.00 Uhr               Beginn Schulfest
                             Bin bis 13 Uhr eine Stunde lang für die Betreuung eines Spieles eingeteilt
16.00 Uhr               Ende Schulfest
16.30 Uhr               Rückkehr zu Hause
                             Göttergattin ist gegen 15 Uhr zurückgekehrt und hat weitere Einkäufe erledigt
                             Göttergattin kocht gemeinsam mit mir Gemüsesuppe, weil mir das Rezept nicht mehr geläufig ist
17.00 Uhr               Göttergattin zu unserer früheren Nachbarin fahren
18.00 Uhr               Firmgottesdienst
                             Gleichzeitig mit den Kindern zu Hause essen

Um einen Eindruck zu vermitteln, wie ausgefüllt der Tag war, habe ich einige Fotos vom Schulfest gemacht.


Dieses Plakat hat das Schulfest angekündigt.

  
Der Schulchor hat das Schulfest begonnen.


Das Spiel „Wattepusten“ durfte ich eine Stunde lang betreuen. Wattebüschel mussten in ein Tor gepustet werden.


Um 13 Uhr fand der sogenannte Sponsorenlauf rund um die Schule statt. Pro gelaufene Runde werden die Eltern im vornherein festgelegte Geldbeträge für einen guten Zweck spenden.





  
An Ständen waren reichlich Spiele aufgebaut, die die Schüler auf ihren Spielekarten eintragen ließen.


Als Rahmenprogramm wurden Tänze aufgeführt.


Eine Schülerband spielte auf den Rhythmen von Adele oder Justin Timberlake.

Donnerstag, 18. April 2013

Gutschein zum 50. Geburtstag

Gutschein (Endversion mit Textfeld)
Ich hatte mir es so einfach vorgestellt. Es sollte ein Gutschein für unsere beste Freundin werden. Zu ihrem 50. Geburtstag. Lokalhistorisch engagierte sie sich; sie bot Stadtführungen in ihrer Heimatstadt an. Daher hatten wir uns mit mehreren Freunden zusammengetan. Eine individuelle Führung – ohne andere Besucher – durch das unterirdische Köln wollten wir schenken.

Collagen in dem Bildbearbeitungsprogramm Picasa konnte meine Göttergattin mittlerweile im Schlaf zusammenstellen. Einige Male ordentlich im Internet gegoogelt – und im Handumdrehen war ein erster Entwurf des Gutscheins fertig. Genauso im Handumdrehen sollte es weiter gehen. Die Bilder auf dem Gutschein anders sortieren, Textfelder mit den Gratulanten einfügen, so sollte die Endversion des Gutscheins aussehen.

In Picasa legte ich los. Indem ich die Collage editierte, schob ich die Bilder hin und her. Dann Textfeld einfügen. Durch eine unsichtbare Hand erschien mittlerweile in Picasa alles in Englisch. „Picture borders“, „background options“, „draw shadows“, „Show capture“, ich wurstelte mich durch die englische Sprache. Ich probierte diese Menüs durch, ich fand aber kein Textfeld. Genauso erfolglos war ich, als meine Maus die gesamte obere Menüleiste durch forschte und in ihre Bestandteile zerlegte – wobei mich die englische Begriffswelt dauerhaft irriterte. Kein Textfeld ließ sich zum Leben erwecken. Ein letzter Aufschrei der Verzweiflung war, aus dem Textverarbeitungsprogramm Word ein Textfeld zu kopieren. Auch dieser Versuch misslang.

Was tun ?  Weil sich in Word unkompliziert Textfelder erzeugen lassen, kam meine Göttergattin auf die glorreiche Idee, all die Bilder nach Word zu kopieren. Als erstes den Hintergrund des Gutscheins, dann die Textfelder. Doch Bilder auf den Hintergrund des Gutscheins zu kopieren scheiterte, da die Bilder auf die Folgeseite rutschten und nicht auf den Gutschein. Es war zum Verrücktwerden. In dem Bildbearbeitungsprogramm Picasa konnte ich kein Textfeld erzeugen, während in dem Textverarbeitungsprogramm Word die Anordnung der Bilder spinnte.

Akte der Verzweiflung folgten. Ich durchsuchte all diese englisch-sprachigen Gebilde in Picasa wie bei einer Polizei-Razzia. Wild schob ich die Maus hin und her, klickte hier, klickte da. Ich berauschte mich an wunderbaren Variationen der Bildbearbeitung. Ein Textfeld ? Fehlanzeige. In Word beschwor ich Geister. Ich packte schwarze Magie aus. Ich redete auf das sich verschiebende Bild ein, das es bitte dort auf dem Gutschein landen sollte, wo es hin gehörte. Doch meine Zauberformeln taugten nichts. Halsstarrig weigerte sich Word, das zu tun, was ich wollte.

Gutschein (ohne Textfeld)

Ich fluchte vor mich hin:
„Ich krieg nen Affen …
… das kann doch nicht sein, dass das Programm so dumm ist …
… am liebsten würde ich das Laptop an die Wand schmeißen …“
Dem Wahnsinn nahe, hätte man  mich in diesem Moment glatt in ein Irrenhaus einliefern können.

Meine Göttergattin entgegnete:
„Stell Dich doch nicht so an. So wütend, wie Du da ran gehst, kann es nicht klappen.“

Darauf probierte meine Göttergattin es selber aus. Sie geriet in denselben Widersinn von Technik und Software. Die Feingestaltung des Gutscheins hatte sich zu einem Zeitfresser entwickelt, der fast zwei Stunden verschlungen hatte, ohne dass wir nennenswerte Fortschritte erzielt hatten. Fragezeichen standen meiner Göttergattin ins Gesicht geschrieben. Sie klickte hier, klickte da. Auch bei ihr wanderte hilflos und unsystematisch die Maus über den Bildschirm.

Ich war längst geistig weggetreten. Ich hatte resigniert vor diesem grauen Kasten der Software, der bockig war und mich nicht leiden konnte. Ich hatte zu träumen begonnen – von der nächsten Radtour, von einem leckeren Eis oder endlich einmal ausschlafen zu können.

Als ich wieder auf den Bildschirm schaute, sah ich, wie meine Göttergattin ein Texfeld nicht nach Picasa, sondern in den Gutschein in Word gezaubert hatte. Anschließend packte sie die Bilder an und schob diese bereitwillig in dieses Textfeld auf den Gutschein. Das war der Durchbruch. Meine Göttergattin hatte diesen Gordischen Knoten zerschlagen, der undurchdringlichen Welt der Rechnersoftware diejenige Form zu verliehen, die wir uns gewünscht hatten. Endlich erhielt unser Gutschein den letzten Feinschliff.

Ich traute kaum meinen Augen. Die Geburtstagsfeier konnte beginnen. Wir waren gespannt, ob und wie sich das Geburtstagskind über den Gutschein freuen würde.