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Donnerstag, 6. November 2014

Stadtführung durch Maastricht / Niederlande

"Maastrichter Geist"
Der Geist, so schien es, schwebte in einer höheren, spirituellen Sphäre. Doch dann wandte er sein Gesicht nach vorne, das einen seltsam zweideutigen Gesichtsausdruck verriet, fröhlich und gleichzeitig starr, bierselig und gleichzeitig verschmitzt, launisch und gleichzeitig bodenständig. Die Starrheit der Körperhaltung gipfelte im Gesäß, das der Geist leicht nach hinten schob. Gleichgültig lastete das Gewicht auf den Oberschenkeln, die der Geist auseinander spreizte.

Der Geist, in dieser Skulptur zum Menschen geworden, machte seine Wendungen und Verbiegungen in dem Straßendreieck, genau vor der Stokstraat, der Edel-Einkaufsmeile in der Maastrichter Altstadt, wo die höchsten Ladenmieten in den Niederlanden erzielt werden. Zu einer Führung hatte sich unsere Gruppe versammelt.Yvonne, unsere Führerin, wohnhaft zwanzig Kilometer weiter in Richtung Aachen, suchte Nebenpfade, um sich den Einkaufsscharen an diesem verkaufsoffenen Sonntag zu entziehen. In fast akzentfreiem Deutsch erzählte sie uns jede Menge über die Niederländische Grenzstadt, in der wir uns mit dem südländisch angehauchten Lebensgefühl mehr in Belgien als in den Niederlanden fühlten.

Ich hatte das bereits in Venlo in den Niederlanden gesehen, dass Skulpturen den Charakter der Einwohner beschrieben. Der Maastrichter Geist, so erzählte uns Yvonne, lebt aus seiner Zweideutigkeit. Nach vorne, mit dem zugewandten Gesicht, war er nett, freundlich, er lachte gerne und schilderte alles in den schönsten Tönen. An seinem Hinterteil ärgerte er sich, er redete schlecht, verwandelte sich in ein Gespenst und nahm dabei all seinen Mitmenschen ins Visier, deren Nase ihm nicht passte. Das kannte ich irgendwo her, dachte ich, und ich hätte so manchen Rheinländer aufzählen können, dessen Charakter ganz ähnlich gestrickt war.

Yvonne erzählte so manche Anekdote, und das war die Form einer Stadtführung, wie ich sie mochte. Kein Abriß von Zahlen, Daten, Fakten, mit denen wir zugeschmissen wurden. Die Entstehung des Namens „la poterie“, das war das Café an dem Straßendreieck, war eine solche Geschichte. Maastricht war keine Stadt des Adels, mit pompösen Palästen oder prunkvollen Residenzen, sondern eine Arbeiterstadt. Die Infrastruktur war zurück geblieben, so die Wasserversorgung, die an dieser Stelle bis in die 1960er Jahre über Bottiche geschah. Bottich heißt auf französisch „poterie“, daher das Café „la poterie“. Der Wandel von der Arbeiterstadt zu der kalksteingrauen, herausgeputzten Innenstadt war geradezu fulminant, was wir an der Stokstraat leibhaftig bestaunen konnten.

Regenguss an der Maaspromenade
Yvonne hatte es nicht leicht, Regengüsse, die mit trockenen Phasen abwechselten, in unseren Laufweg einzuplanen. Anfangs legte sie unsere Strecke unter die Bedachung des Mosae-Forums, wo sich die Karnevalsprinzen zwischen den Bodenplatten verewigt hatten. An der Maaspromenade, wo die Uferstraße durch einen Tunnel verlief, wurde es kritisch, als der Regen nieder prasselte, bis wir uns unter die Marktschirme eines Cafés retten konnten. Dort erzählte sie uns aus der Römerzeit.

In den Niederlanden hatten sich die Historiker gezankt. Sie stritten sich um die Brücke, die die Römer auf dem Weg von Niedergermanien nach Gallien gebaut hatten. Das war kurz vor Christi Geburt. „Maas“ hieß auf Lateinisch „mosae“, daher nannten die Römer ihre Brücke „mosae ad trajectum“,. Im 2. Jahrhundert entstand ein Römerlager, samt einer kompletten Römerstadt. In dessen Mauern befanden sich auch Thermen und Bäder, die wir im weiteren Verlauf in den Kellerräumen des Derlon-Hotels auf dem Onze-Lieve-Vrouwe-Plein bestaunen durften.

Später wurde aus „mosae ad trajectum“ die mittelalterliche Stadt „Maastricht“. In Nijmegen hingegen siedelten die Römer früher, genau gesagt, im Jahr 5 nach Christus. Entscheidet die Brücke oder das Römerlager, wer sich als die älteste Stadt in den Niederlanden bezeichnen darf ? Uneinig, schmücken sich sowohl Maastricht wie Nijmegen mit dem Titel der ältesten Stadt der Niederlande. Wenn man freilich noch weiter in Urzeiten zurückblickt, sollte die Entscheidung eindeutig sein. In Steinbrüchen südlich von Maastricht wurde man im 18. Jahrhundert fündig. Das Skelett eines Dinosaurus wurde freigelegt. In Maasnähe entdeckt, nannte man diese Gattung „mosasaurus“.

Beim Gang entlang der mittelalterlichen Stadtbefestigung mussten wir die Regenschirme aufspannen, auf einem kurzen Stück, bis uns Yvonne elegant in eine alte Wassermühle lotste, das war die „Bisschopsmolen“. Das war ungefähr der einzige Ort, wo ihre Deutschkenntnisse versagten. „Spelt“, Brot wurde mit „spelt“ gebacken, aber sie wusste nicht, was „spelt“ auf Deutsch hieß. Roggen, Weizen, Gerste, in Ko-Produktion nannten wir deutsche Wörter für Getreidearten, sie übersetzte ins Niederländische, bis jemand „Dinkel“ nannte, das war „spelt“ auf Niederländisch.

Stokstraat
Draußen drehte sich das Wasserrad der Mühle, es tröpfelte wieder von oben, und dann bezog Yvonne ein Stadttor ein, damit wir trocken blieben, die „helpoort“. Unwillkürlich ging mir das Lied „Highway to Hell“ von AC/DC durch den Kopf, was auch passte, weil der drohende Feind oder eine Belagerung eines Stadttores schnell zu einer Hölle machen konnte. „Hel“ heißt auch auf Niederländisch Hölle, kommentierte Yvonne, so dass die Bedeutung eines „Höllentors“ nicht abwegig sei. „Hel“ sei aber Dialekt, erklärte Yvonne, der hier in Maastricht ungefähr so ausgeprägt sei wie in Deutschland der Bayrische Dialekt im Bayrischen Wald. “Hel“ bedeute in diesem Zusammenhang „leicht abschüssig“, und tatsächlich deutete der Verlauf des knüppelharten Kopfsteinpflasters ein seichtes Gefälle an.

Dieser Verlauf mündete im Jeker-Viertel. Das war ein ruhiges, geschlossenes, gemütliches Wohngebiet innerhalb der Stadtmauern, in dem früher Gerber und Handwerker tätig waren. In einigen Gebäuden war die Universität Maastricht untergebracht, so die Universitätsbibliothek. Nicht weit weg war das Naturhistorische Museum, in dem der „mosasaurus“ zu bestaunen war.

Es passte zwischen all den sorgfältig erhaltenen, liebevoll restaurierten, steingrauen oder weißgestrichenen Ziegelsteinfassaden, dass der Begründer der ersten niederländischen Denkmalstiftung, das war die „stichting erfgoed“, aus dem Jeker-Viertel in Maastricht kam. Im Vergleich zu deutschen Städten war die Ausgangssituation hervorragend. Als die Alliierten Truppen im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland zurollten, konzentrierten sich die deutschen Truppenbewegungen auf Aachen, das mit Mann und Maus und bis zur letzten Patrone verteidigt werden sollte. Maastricht lag außerhalb dieser Truppenbewegungen, so dass die Alliierten am 16. September 1944 kampflos und ohne nennenswerte Kriegsschäden in Maastricht einmarschieren konnten. So findet sich in Maastricht eine solche geschlossene Altstadt, wie man sie sonst selten vorfindet.

Bisschopsmolen
Schon in den 1950er Jahren verankerte die „stichting erfgoed“ den Begriff des nationalen Kulturerbes tief im Bewußtsein der Niederländer, wozu auch historische Gebäude, Orts- und Stadtkerne zählten. Dieser Begriff wurde streng ausgelegt, wenn es um den Abriss von Gebäuden ging. In festgelegten Orts- und Stadtbereichen musste der Erhaltung von Gebäuden dem Abriss Vorrang eingeräumt werden. Wir Deutschen zeigen da offensichtlich mehr Ignoranz, denn an manchen Stellen wird bisweilen alte, schöne, reich verzierte Bausubstanz mit bürgerlichen Fassaden, Stuckarbeiten oder vorspringenden Erkern abgerissen, was das Zeug hält.

Yvonne war stringent dahin gehend, uns über Skulpturen das Wesen der Maastrichter Einwohner nahe zu bringen. Auf dem Marktplatz war es das „mooswief“ gewesen, die die Marktfrau auf dem Wochenmarkt verkörperte. Sie wurde zur Legende und sogar 1953 zum Denkmal. Die Marktfrauen kamen aus dem Umland von Maastricht, karrten Obst und Gemüse heran, darunter Kohlgemüse. Das heißt im Maastrichter Dialekt „moos“, woraus das „mooswief“ wurde. Wenn der Markt vorbei war, deckten sich die Marktfrauen mit Kolonialwaren ein, also Kaffee, Tee, Kakao oder Tabak. Und so kamen die Marktfrauen schwer bepackt zum Markt und sie verließen ihn nicht weniger schwer bepackt. Daraus entstand dann die Form der etwas schwergewichtigen Marktfrau auf dem Sockel des Denkmals. Lustig und wie im Rheinland geht es um die Karnevalszeit in Maastricht zu. Wenn bei uns Weiberfastnacht die Frauen die Herrschaft übernehmen, dann regiert in Maastricht das „mooswief“. Und es beschließt auch den Karneval. Wenn bei uns im Rheinland der „Gnubbel“ in der Nacht zum Aschermittwoch verbrannt wird, dann ist es in Maastricht das „mooswief“.

Ezelmarkt
Mittlerweile hatte die Sonne den Regen vertrieben. Schatten fielen auf moosbewachsene Gemäuer im Jeker-Viertel. Auf dem Ezelmarkt schillerte die Bronzeskulptur des Esels wie Gold im Sonnenlicht. Der Esel posierte dort, obschon er eigentlich eine Lüge war. Auf dem Ezelmarkt wurden nie Esel verkauft, sondern die Wortherkunft „eselen“ hatte mit der Tuchherstellung zu tun. Damit aus Fasern von Flachs und Leinen ein Textilgewebe wurde, musste darauf unter fließendem Wasser eingedroschen werden. Diesen Arbeitsgang bezeichnete man in Maastricht als „eselen“. Gerade wegen des Widerspruchs und weil der Esel treffend den Charakter der Maastrichter Bürger beschreibt, wurde 1975 die Bronzeskulptur des Esels aufgestellt. Die Maastrichter sind für ihre mediterrane Lebensart bekannt, die sich den Maßstäben der Produktivität entzieht. Hier ist man träger als in den übrigen Niederlanden, und die Entschleunigung in den Cafés überzieht die Stadt wie ein unsichtbarer Film.

Zum Schluß führte uns Yvonne zum Mittelpunkt Maastrichts, das war der Vrijthof. In der St. Servatius-Kirche befand sich das Grab des Heiligen Servatius, das aus dem Jahr 386 datierte. Das Grab des Heiligen Servatius zog Schare von Pilgern an, und Anfang August versammelten sich auf dem Vrijthof ganz andere Pilgerscharen: Open Air trat André Rieu auf – er war ein Massenphänomen.

Ganz zum Schluß führte uns Yvonne durchs Fegefeuer. In der Reformation wurde weder geplündert, noch Gläubige anderer Konfession hingerichtet, noch tobten sich Bilderstürmer in Kirchen aus. Auf dem Vrijthof stehen bis heute zwei Kirchen, die eine wurde in der Reformation katholisch, die andere wurde protestantisch. Und zwischen den beiden Kirchen gingen die Menschen durch das Fegefeuer, wobei der Religionsfrieden gewährt blieb.

St. Servatius-Kirche
Begeistert, verabschiedeten wir uns ganz zum Schluß von Yvonne. Ich mache sonst keine Werbung in meinem Blog. Aber wer Interesse hat: eine deutsch-sprachige Führung bei www.maastrichtexcursies.nl lohnt sich. Ich hatte Kontakt per E-Mail unter info@maastrichtexcursies.nl aufgenommen (Hinweis: Kontaktaufnahme auf Englisch ist hilfreicher als auf Deutsch).

Montag, 30. Dezember 2013

zwarte Piet

Quelle: www.wikipedia.de
Selten kaufe ich mir in Deutschland niederländische Zeitungen und genauso selten höre ich Nachrichten auf Radio 2 Niederlande, so dass ich von alledem nichts mitbekommen hatte. Nun verschlägt es mir die Sprache. Erst Dieter Nuhr hatte mich auf die Spur gebracht. In seinem Jahresrückblick 2013 fiel das Wort „zwarte Piet“, das er im Zusammenhang mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit erwähnte. Es klingt unglaublich, dass der Nikolaus in den Niederlanden mit seinem Begleiter – dem schwarzen Peter oder „zwarte Piet“ - Diskussionen bis in die höchsten Ebenen der Politik ausgelöst hat. Das klingt traurig, ist aber wahr.

Der „zwarte Piet“ ist, wie das Wort verrät, schwarz. So wie bei uns in Deutschland der Knecht Ruprecht den Nikolaus begleitet, macht dies in den Niederlanden der „zwarte Piet“. Die Legende entstand im 19. Jahrhundert, dass er durch die Schornsteine in die Häuser eindrang, wobei er alles sah, was die Kinder trieben. Daraufhin beschenkte der Nikolaus die Kinder, wenn sie brav waren. Umgekehrt sollte der „zwarte Piet“ die Kinder bestrafen, wenn sie zu viel Unfug getrieben hatten.  Seitdem die Niederländer ihn  kannten, hat Piet eine schwarze Hautfarbe und als Autorität ist er ein unumstößliches Denkmal.. Der „zwarte Piet“ ist sogar wichtiger als der Weihnachtsmann, weil man sich in den Niederlanden allgemein am Nikolaus-Abend viel mehr beschenkt als an Weihnachten.

Genau 150 Jahre, nachdem die Sklaverei in den niederländischen Kolonien abgeschafft worden ist, rechnen die Schwarzen nun mit der Sklaverei ab. Jahrhundertelang sind Staaten wie Frankreich, England und auch die Niederlande durch den Sklavenhandel reich geworden. Entschädigungszahlungen an die früheren Kolonien sind aber nie geflossen.

Nun muss der „zwarte Piet“ dafür herhalten. Das Verbot der Sklaverei ist ganz hoch in der UN-Menschenrechtskonvention verankert. Die früheren Kolonien der Niederlande, Surinam und die Antillen, sowie andere Staaten in der Karibik, haben die Höhe ihrer Entschädigungsansprüche formuliert und wollen diese – ähnlich wie bei Völkermord – vor dem internationalen Gerichtshof einklagen.

Dabei haben die karibischen Staaten Rückenwind durch die jamaikanische UN-Menschenrechtskommissarin Verene Shepherd bekommen, die europäische Traditionen hinsichtlich rassistischer Tendenzen untersucht hat. Dabei ist sie auf den „zwarte Piet“ gestoßen, der schwarz und rassistisch und diskriminierend ist. Der „zwarte Piet“ solle bitte künftig ein Weißer sein oder der Nikolaus solle ohne den „zwarte Piet“ die Kinder beschenken. Gemessen an der Position des „zwarte Piet“ in den Niederlanden, wäre dies ungefähr so, als wolle man in Deutschland den Nikolaus abschaffen. Wie zu erwarten, war der Widerstand in den Niederlanden riesig. So wurde in Facebook eine Aktion „Pietitie“ gestartet, in der 1,6 Millionen Niederländer beim „zwarte Piet“ „Gefällt mir“ angeklickt hatten. Gleichzeitig haben die Niederländer eingeleitet, dass der "zwarte Piet" als immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO anerkannt wird. Zähneknirschend hat das UN-Menschenrechtskommissariat den „zwarte Piet“ in diesem Jahr geduldet.

Doch im nächsten Jahr wird das Spielchen aufs Neue losgehen, dann vermengt mit möglichen Schadensersatzansprüchen der karibischen Staaten aus der Sklaverei, die dementsprechend höher oder niedriger liegen können.

Fassungslos schaue ich auf die Dinge, die in unserem westlichen Nachbarland abgehen. Doch so riesig weit sind wir in unserem Ländle von diesen Verhältnissen nicht entfernt. Dass „Negerküsse“ seit längerer Zeit „Mohrenköpfe“ heißen – ist ein harmloses und berechtigtes Beispiel. Aktuell ist das „Zigeunerschnitzel“ an der Reihe, das nach dem Willen der Sinti und Roma „Schnitzel mit Balkan-Soße“ oder sonstwie heißen soll, aber bitte nicht den Volksstamm der Zigeuner diskriminieren soll.

Niederländische Verhältnisse herrschten bei dem, was der Buchautorin Sarah Kuttner passiert war. Bei einer Lesung las sie aus einem Kinderbuch vor, in dem sie beschrieb, wie gerne sie als Kind mit einer Negerpuppe spielte. Ein Schwarzer war bei der Lesung anwesend, der die Bezeichnung „Negerpuppe“ rassistisch fand.  Er alarmierte die Polizei, die Sarah Kuttner festnehmen wollte.

Sie erschien, wollte Sarah Kuttner in Handschellen abführen, doch soweit kam es nicht. Mit dem Wortlaut der UN-Menschrechtskonvention hätte es aber anders kommen können.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Stoffmarkt in Venlo (4)

Sie polterte daher.

 „In Deutschland wäre so etwas verboten … der ADAC kontrolliert so etwas … die 50 Cent sind eine Unverschämtheit … „

Sie meinte die Toiletten neben dem Aufzug des Parkhauses Nolensplein, die ihr zu verdreckt waren. Ihr hochroter Kopf ereiferte sich in Erregung. Die Toilette im Parkhaus war aber höchst praktisch, denn auch unsere Blase drückte. Also testeten wir allesamt die Toiletten. Darunter waren zwei Frauen und unsere Kleine, die nichts zu beanstanden hatten. Auch ich konnte nicht klagen: das Urinalbecken auf der Herrentoilette samt Waschbecken waren tadellos sauber.

Abgeschreckt durch den deutschen Wesenszug der Nörgler und Meckerer, schätzten wir uns glücklich, in dem Parkhaus Nolensplein einen der kostbaren Parkplätze ergattert zu haben. Das Parkhaus lag zentral, und am Ausgang fielen wir regelrecht in den Stoffmarkt hinein.


Es war unser vierter Stoffmarkt-Besuch in Venlo in den Niederlanden, so dass Venlo zu einer Art von Tradition geworden war. Gewohnheiten und Fixpunkte hatten sich bei den vorherigen drei Malen herauskristallisiert: Stoffmarkt – wobei der Umfang der eingekauften Stoffe im Zeitverlauf nachgelassen hatte -, Fritten essen, Einkaufsbummel, Zeitung kaufen, die 2 Brüder von Venlo und einiges mehr ...

Venlo war ein Kompromiß, aber ein guter. Ich bedauerte, dass Stoffmärkte uns in keine anderen sehenswerten niederländischen Städte führten: Maastricht oder s’Hertogenbosch kamen in der Stoffmarkt-Agenda nicht vor, der Stoffmarkt in Roermond fand gleichzeitig mit demjenigen in Hennef statt, Delft oder Alkmaar lagen unerreichbar weit im Kernbereich der Niederlande.

Also Venlo, das sich wahrscheinlich durchgesetzt hatte, weil der Einkaufstourismus aus dem nahen Rhein- und Ruhrgebiet blühte. WES, KR, MG, KLE, DU, BO, E: deutsche Autokennzeichen bevölkerten die Tiefgarage, und auch jenseits der Tiefgarage dominierte in Venlo die deutsche Sprache.

Das nahm ich als gegeben hin. Einkaufen dient der Völkerverständigung. Wenn der Kunde König ist, schauen die Einzelhändler nicht auf die Nation. Grenzstädte sind offen gegenüber fremdartigen kulturellen Einflüssen. Umgekehrt waren für mich die Einkaufsscharen von Belgiern und Holländern in Aachen selbstverständlich. Schweizer und Franzosen hatte ich bei unseren Besuchen in Freiburg als Bereicherung empfunden. Aber nirgendwo in den Grenzregionen in Deutschland waren mir Einkaufstouristen aus den Niederlanden, aus Belgien, Frankreich oder der Schweiz als Nörgler und Meckerer aufgefallen.

So hangelte uns unsere Neugierde durch die Fixpunkte der Fußgängerzone.

Die heutigen Fritten im Imbiß „Big Snack Parade“ waren lecker, aber steigerungsfähig. Der Geschmack nach frischen Kartoffeln drang durch, hätte aber intensiver sein können. Die Frittenbuden in Venlo waren denjenigen in Belgien hoffnungslos unterlegen. Die Ansammlung von Frittenbuden, die mit „friet uit verse aardappelen“ lockten, kam mir sogar unkontrolliert vor. Zweimal hatten wir bei unseren Stoffmarkbesuchen nach Restaurants gesucht, doch das Angebot war dürftig (wobei das Preis-/Leistungsverhältnis stimmte). Immerhin: zwischen der Qualität der Fritten in Venlo und in Deutschland lagen Lichtjahre; Loempia, Saté oder Kroket, die Imbisskulturen in Deutschland und den Niederlanden waren komplett anders geartet.

Meine Göttergattin kaufte eine hübschen Mantel mit geschwungenen, kreisförmigen Mustern. Ich kam mit der Tageszeitung „De Volkskrant“ auf meine Kosten und schmökerte in dem Buchladen  herum, während die Damen den einzigen Lego-Shop in den Niederlanden besuchten.

Normalerweise hätte ich Venlo als Konsum-Terror abgetan. In regelmäßiger Frequenz gibt es einmal monatlich in großen niederländischen Städten verkaufsoffene Sonntage. In Deutschland lockt mich kein einziger verkaufsoffener Sonntag hervor, wenn ich meine Rückstände der nicht gelesenen Tageszeitungen aufarbeite. Anders in den Niederlanden.

Wollt ihr den totalen Krieg ? Diese Rede von Josef Göbbels, die 1943 gehalten wurde, dröhnt in meinen Ohren. Wollt ihr den totalen Konsum ? So könnte man in Venlo formulieren. Die Ekstase der Einkaufsmassen ergießt sich im Warenhaus „2 Brüder von Venlo“. Die Kulturen von Deutschen und Niederländern definieren sich einheitlich über Prozentschilder und Rabattschlachten. Wir werden überrollt von Einkaufswagen. Kaffee und Zigaretten locken. Während in Deutschland Türken für überquellende Einkaufswage herhalten müssen, sind es in Venlo die Deutschen selbst. Konsumgewohnheiten verschieben sich. „Geiz ist Geil“ hat längst  in Venlo Einzug gehalten.



Die Niederländer profitieren auch von Gesetzgebungen und krummen Steuerregelungen, die der preisbewußte Konsument geistesgegenwärtig durchdringt. So das Dosenpfand. Wir deckten uns ein mit Paletten von Coladosen. 9,60 € für 24 Coladosen, das war unerreichbar. In den Niederlanden war die grüne Bewegung zwar stark, Regelungen über das Dosenpfand waren den Niederlanden erspart geblieben. Es darf fleißig Cola (oder Fanta oder Sprite) aus Dosen getrunken werden und ohne Pfand in Mülleimern entsorgt werden. Ein ungeheures Gefühl der Freiheit. Seitdem ich die Niederlanden in den 80er Jahren kennen gelernt habe, war es für mich ein Land ohne Schranken und voller Freiheit.

Bei Bezahlen an der Kasse beobachteten wir deutsche Kunden, die ins Leere liefen. Ein-und-zwei-Cent-Stücke hatten die Niederländer abgeschafft, während die Schwellenpreise erhalten blieben. 19,99 € kostete die Ware. Die deutschen Kunden bezahlten mit 20 € und bekamen keinen Cent zurück.

Die Erregung konnte ich nachvollziehen. Sie nörgelten und meckerten und  verwiesen darauf, dass nichts mehr Bestand hatte. Deutsche können bohren und nerven und ihren Standpunkt behalten.  Wahrscheinlich sehnten sie sich nach dem guten alten Kaiser Wilhelm zurück, auf den noch Verlass war.

Sonntag, 14. Juli 2013

Maastricht

Die Rennradtour über die Mergellandroute habe ich genutzt, um mich vom Hauch der südlichsten Stadt der Niederlande – Maastricht – verzaubern zu lassen. In Maastricht ticken die Uhren anders als in den übrigen Niederlanden. Ein südländisches Flair kommt auf, denn in Maastricht ist es drei Grad wärmer als im Rest des Landes. Mit den übrigen niederländischen Städten hat Maastricht nichts gemein. Das Stadtbild ähnelt eher demjenigen von Aachen oder Lüttich als demjenigen von Den Haag, Amsterdam oder Utrecht. Wer den Maastrichter als Holländer bezeichnet, dem drohen böse Blicke, denn Maastricht ist von den Kernprovinzen Noord- und Zuid-Holland fast 200 Kilometer entfernt.


Als Römerstadt hieß Maastricht „Mosae ad trajectum“. Das bedeutet „Brücke über die Maas“. Die St. Servaasbrug liegt nicht unweit dieser Brücke, von der keine sichtbaren Überreste erhalten sind.


Der Vrijthof mit der St. Servatiuskirche ist eine der beiden zentralen Plätze.



Maastricht ist die niederländische Stadt mit den meisten Cafés.


Bei meiner Rennradtour bin ich in einem Café am Marktplatz eingekehrt.


Zuerst Fritten essen an einem Snack, an dem mir die Fritten in einer Tüte auf einem Tablett serviert wurden.


Dann trinke ich ein Trappistenbier.


Dabei lese ich niederländische Zeitungen.


In meinem Rücken kann ich in das Café hinein schauen.


Alle halbe Stunde ertönt das Glockenspiel am Rathausturm.

Donnerstag, 7. März 2013

Stoffmarkt in Venlo (3)

Wir mussten umdisponieren, denn die Anzeige „VOL“ signalisierte uns mit der roten Digitalanzeige, dass das Parkhaus am Nolensplein besetzt war und uns nicht herein ließ. Wir kurvten einmal um den Kreisverkehr. Anstatt dessen fanden wir am Rande des Julianaparks einen Parkplatz. Ein Kirchturm im Zentrum, der uns bekannt vorkam, lag in Sichtweite. Folglich war die Fußgängerzone zum Greifen nahe.

So lernten wir Venlo aus einer anderen Perspektive kennen. Auf dem Weg in die Fußgängerzone ging es militärisch zu. Wir schritten über den Arsenaalplein. Im zweiten Weltkrieg zerstört, stand auf diesem Fleck tatsächlich ein Munitionsdepot, in dem bis 1867 Waffen gelagert wurden. Das Parkhaus, das heute an der Stelle des Munitionsdepots steht, lässt nichts mehr von der militärischen Vergangenheit erahnen. Paradoxerweise hat aber die 1617 gebaute Minderbroederskerk etwas damit zu tun. In der napoleonischen Zeit, als überall Kirchen und Klöster säkularisiert wurden, nutzten die Franzosen diese wuchtige Kirche aus Backstein ab 1796 als Kaserne. Erstaunlich, dass selbst nach dem Ende der napoleonischen Ära bis 1913 die Nutzung als Kaserne andauerte. Kaserne, Munitionsdepot, Hospital, Pferdeställe für die Kavallerie, in der Tat wir bewegten uns auf einem umfangreichen früheren Militärgelände.

Die Minderbroederskerk wird heute nicht mehr zweckentfremdet genutzt. Anders als in Deutschland, wird in den Niederlanden, wo man keine Kirchensteuer kennt, das religiöse Leben durch die Eigeninitiative von Christen aufrecht erhalten. Unabhängig von den offiziellen Lehren des vatikanischen Konzils, gründete 1965 ein Pfarrer aus Venlo eine Jugendbewegung (daher „Jongerenkerk“). Diese Jugendlichen, die heute längst erwachsen geworden sind, bilden dort einen religiöse Gemeinschaft und kümmern sich schwerpunktmäßig um Obdachlose und Flüchtlinge und managen Projekte in der Dritten Welt.

Wie gewohnt, war der Stoffmarkt an Auswahl kaum zu überbieten. Kissen, Applikationen, Kurzwaren, Knöpfe, Aufnäher, Reißverschlüsse, Leinen, Wolle, Garn, Kissen, Gardinen, Tischdecken, Schnittmuster, Bettfedern – es gab dort rundum alles zu kaufen, was mit Nähen zu tun hatte. Diesmal hielten wir uns zurück. Meine Göttergattin kaufte jede Menge zinnoberroten Stoff und Vliess zum Aufbügeln. Ich genoss das bunte Treiben auf dem Stoffmarkt. Anstatt in Bändern, Knöpfen, Reissverschlüssen oder Applikationen herum zu wühlen, schritten wir wieder in die Fußgängerzone zurück.

Zeit fürs Mittagessen. Ich musste mich der Mehrheit beugen, die im Restaurant „Prins Bernhard“ essen wollte, wo wir vor einem Jahr schon einmal gespeist hatten. Ungemütlich und rappelvoll war es. Aber der Pfannkuchen mit Zwiebeln, Speck, Champignons war klasse gemacht. Und mit 47,50 € für vier Personen konnten wir über die Preise nicht meckern.

Gemeinsam mit dem Stoffmarkt war verkaufsoffener Sonntag. Auch hier musste ich mich der Mehrheit der Frauen beugen. Zubehör und Accessoires bei Bijou Brigitte: die Damen betrachteten ausgiebig Ohrringe, unser kleines Mädchen zog reihenweise Sonnenbrillen in knalligen Farbtönen an, die Damen ergötzten sich an Armbändern und Broschen. Sie bewunderten die Variationen von Haarspangen. Die Motive der Halsketten – Kreuze, Eulen oder Skorpion – reizten sie besonders. An den Ringen konnten sie sich nicht satt sehen. Das Stöbern nahm kein Ende. Als Mann war ich da schon ein wenig genervt. Schließlich kauften wir unserem kleinen Mädchen eine Halskette. Nach solch einem ausdauernden Herumstöbern ohne eine Kleinigkeit den Laden zu verlassen: das wäre eine Provokation gewesen.

Idealer zum Bummeln war die Klaasstraat. Sie hatte für jeden etwas zu bieten und wir konnten uns aufteilen. Zuerst kam ein Bekleidungsladen – dort fühlte sich meine Göttergattin sauwohl. Kurz darauf folgte der einzige Lego-Shop in den Niederlanden – unsere beiden Mädels tauchten in die Steine ab, die die Welt bedeuteten. Ein paar Häuser weiter kam eine Buchhandlung – wo ich mein eigenes Reich vorfand. Ich studierte die niederländischen Bestsellerlisten und blätterte in den Büchern herum. Jan Brokken, Thijs Slegers, Erik Valeur, in deren Büchern ging es um den zweiten Weltkrieg, die Macht des Fußballs und um sieben Kinder, die nacheinander zur Adoption frei gegeben wurden. Das eine oder andere Buch hätte mich sicherlich interessiert, doch ich entschied mich komplett anders. Im Schaufenster hatte ich eine Stadtwanderung durch Venlo gesehen.

Bei unserem dritten Stoffmarktbesuch in Venlo hatte ich ausgeblendet, dass siebzig Prozent der Einkaufsbummler Deutsche waren. Ich schaute nicht nur auf das Rathaus und die protestantischen, „Nederlands hervormeerde“ Kirchen, sondern auch auf das übrige Stadtbild, dessen Aussehen durchaus niederländisch und nicht deutsch war. Als ich zu Hause in die Stadtwanderung hineinsah, war ich erstaunt, wie wenig wir bislang von Venlo gesehen hatten. Viele Sehenswürdigkeiten lagen am Rande oder in Seitenstraßen des Zentrums. Vom Nolensplein am Rathaus vorbei waren wir die Einkaufsmeile in Venlo entlang gebummelt. Jodenstraat, Kwartelenmarkt oder Rosarium hatten wir nicht gesehen – in Venlo gab es also weitaus mehr zu erkunden.

Ich freue mich auf den nächsten Stoffmarkt in Venlo. Schön, dass es solchen familiären Erlebnisse gibt. Und schön ist, dass es solche Städte wie Venlo gibt, die für jeden etwas zu bieten haben.

Montag, 4. Februar 2013

de ramp

Quelle: Wikipedia

Ich habe mich selber hereingelegt. Ich ärgere mich, dass ich in der letzten Woche die Überschrift „Umweltkatastrophe“ benutzt habe. Heute schreibe ich erneut über eine Katastrophe. Dabei fällt mir auf, dass Katastrophen in den Medien inflationär vorkommen. Fast kommt es mir vor, als würde nur noch über Katastrophen berichtet. Kriege, Überschwemmungen, Hurricanes, Taifune, Dürren, Hungerkatastrophen, Erdrutsche, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Flugzeugabstürze und so weiter. Informationen sind ein globalisiertes Gut, und an irgendeiner Ecke unserer Welt geschieht immer eine Katastrophe, über die in den Medien und in den Nachrichten berichtet werden kann. So stumpft der Mensch ab – Katastrophen werden zu einem fiktiven Gebilde, das einen kurz berührt, wahrscheinlich auch sehr intensiv, das dann aber verdrängt werden kann, weil es nicht vor der eigenen Haustüre, sondern in einer komplett anderen Ecke unserer Welt geschehen ist.

Die Niederländer haben ein eigenes Verhältnis zu Katastrophen. Für unser westliches Nachbarland gibt es nur eine einzige Katastrophe, die sämtliche anderen Katastrophen in den Niederlanden überragt. Dies erklärt auch das Wort. „De ramp“ nennen sie ihre nationale Katastrophe. „Ramp“ bedeutet Katastrophe, die Vorsilbe „de“ entspricht dem deutschen Artikel „die“. Folglich gibt es in den Niederlanden nur „die“ Katastrophe und keine weitere, die gleichrangig zu betrachten ist.

Die Katastrophe ereignete sich vor fast genau 60 Jahren, am 1. Februar 1953. Sie weist einige Parallelen zur Hamburger Sturmflut am 17. Februar 1962 auf, allerdings in einer vollkommen anderen Größenordnung.

Am 31. Januar 1953 bildete sich am Rande eines Tiefdrucksystems über Skandinavien nördlich von Schottland ein Randtief, das sich rasch verstärkte und über die Nordsee zur Deutschen Küste zog. In der Nacht zum 1. Februar 1953 wurde aus dem Randtief ein Schnellläufer, der sich zu einem Sturmtief und dann einem Orkantief entwickelte. An der niederländischen Küste tobte sich ein Orkan bis zu Windstärke 12 aus, von denen Böen eine Windgeschwindigkeit bis zu 144 km/h erreichten.

Deiche haben die Geschichte der Niederlande wie bei keinem anderen Volk geprägt. Bis weit ins Mittelalter hinein waren weite Teile der Niederlande eine unwegsame Sumpf- und Moorlandschaft, so wie sie der Römer Plinius beschrieben hatte. Im Mittelalter schichteten die Bewohner in Friesland und in Groningen Erdhügel auf, auf denen sie Kirchen bauten. Dort suchten sie Schutz vor dem Wasser. Aus den Erdhügeln wurden Deiche, die Menschen gruben Kanäle, Windmühlen leiteten Wasser in die Kanäle hinein, aus der Sumpf- und Moorlandschaft wurde fruchtbares Ackerland. Wasser und Deiche – sie sind das prägende Element der Niederländer. Durch Deiche sind die Niederländer unabhängig geworden – 1648 wurde der 80-jährige Freiheitskrieg gegen die Spanier gewonnen, weil Landflächen mit Hilfe eines ausgeklügelten Deichsystems gezielt unter Wasser gesetzt werden konnten.

Im zweiten Weltkrieg hatten die deutsche Armee die Deiche bombardiert. Die Schäden waren behoben worden, doch bereits während des zweiten Weltkrieges hatte die oberste niederländische Deichbehörde – der rijkswaterstaat – auf den sanierungsbedürftigen Zustand hingewiesen. Nach Ende des zweiten Weltkrieges investierte die Niederlande vorhandene Gelder in die Poldergewinnung. Die Deiche wurden nicht generalüberholt, sondern mit Betonmauern erhöht.

Dies sollte sich am 1. Februar 1953 rächen. Ähnlich wie bei der Hamburger Sturmflut, kam die Katastrophe mitten in der Nacht. Die Wellen wuchsen in Vlissingen bis auf 4,55 Meter über Normalniveau an und unterspülten viele Deiche. Um 3 Uhr brachen die ersten Deiche in Zeeland bei Oude Tonge, Overflakkee, Kortgene und Kruinigen. Weitere Deichbrüche folgten in Noord-Brabant, in Zuid- und in Noord-Holland. In der Nacht und in den Morgenstunden des 1. Februar 1953 brachen alleine in der Provinz Zeeland Deiche an 589 Stellen. Längs der niederländsichen Küste, waren Deiche auf einer Länge von 187 Kilometern zerstört worden.

Im Morgengrauen vermittelte das Tageslicht einen ersten Eindruck vom Umfang der Katastrophe. Weite Teile Zeelands waren ein einziges Wassermeer, aus dem Hausdächer, Kirchtürme und die Flügel von Windmühlen heraus ragten. Rund ein Viertel der Niederland liegt unterhalb des Meeresspiegels, so dass weite Teile der Kernprovinz Holland und der westliche Teil von Noord-Brabant überflutet wurden. Einzige Ausnahme blieb das Gebiet um Rotterdam und Den Haag.

Die betroffene Bevölkerung konnte nur aus der Luft oder über Boote versorgt werden. Mit dem Gang der Gezeiten wich am 1. Februar tagsüber die Flut wieder zurück, in den Abendstunden und in der Nacht stieg sie aber wieder an, und zwar bis zu 5 Metern.

Die Menschen harrten auf Dächern aus. In den Morgenstunden des 1. Februars hatte die niederländische Regierung bereits den Notstand ausgerufen. Armee und Katastrophenschutz waren rund um die Uhr im Einsatz. Belgische, französische, englische und amerikanische Soldaten halfen genauso.

1.835 Tote war die verheerende Bilanz, dazu Sachschäden in Millionenhöhe, Obdachlose, ertrunkene Tiere.

Quelle: Tourist-Information Zeeland
Ähnlich wie bei der Hamburger Sturmflut, wurden die Ereignisse in mehreren Fernsehdokumentationen sorgsam aufbereitet. Alljährlich ist der 1. Februar in den Niederlanden ein nationaler Gedenktag. Läßt sich so die eine Katastrophe heraus filtern, die wirklich eine Katastrophe ist ? Ich denke ja, denn bei dem Umfang dieser Katastrophe werden viele Niederländer noch Bekannte oder Verwandte kennen, die davon betroffen waren. Diese Katastrophe war Auslöser für den Delta-Plan, das gesamte  Deichsystem an der niederländischen Küste neu zu bauen. Technische Denkmäler des Deichbaus sind so entstanden. Neeltje Jans ist eine künstlich angelegte Insel, die den „zeeuwsen“ (seeländischen) Inseln vorgelagert ist. Neeltje Jans ist eine viel besuchte Touristenattraktion und Mahnmal an die Katastrophe zugleich. Die Sturmflutwehr mit hydraulisch absenkbaren Toren kann bei einem heranziehenden Super-Orkan in einer Stunde das gesamte Oosterschelde-Gebiet komplett abriegeln. Dem Super-Orkan Kyrill hat Neeltje Jans jedenfalls stand gehalten. Wasser und Deiche – in diese Ur-Elemente tauchen die Niederländer ab. Damit sich die eine einzige Katastrophe nicht wiederholt. 

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Stoffmarkt in Venlo (2)


Als wir das Parkhaus unter dem Nolensplein verließen, fühlten wir uns in die Zeit des Golfkrieges versetzt. Panikkäufe. Angst vor Versorgungsenpässen. Supermärkte wurden ratzekahl leer gekauft. Menschen schoben vollbeladene Einkaufswagen zu den Aufzügen, die zu den unteren Parkdecks führten. Paletten von Getränkedosen stapelten sich in einem der Einkaufswagen.

Hinter der gläsernen Ausgangstüre spazierten wir geradewegs in den Trubel des Stoffmarktes hinein. Venlo, die Stadt und der Stoffmarkt hatten so überzeugend geklungen, dass die Bekannte A. uns begleiten wollte. Ihren Mann interessierte so etwas nicht. War ich ein Unikat ? Als Mann auf einem Stoffmarkt ? Bunte Märkte reizten mich, auch, wenn dort Stoffe verkauft wurden. Ich fand, dass sie durch die Farben und vor allem die Muster noch an Lebendigkeit gewannen. Also hinein in den Stoffmarkt. Und ich fand es schlichtweg schön, wenn meine Götter-Gattin Einkaufstaschen oder Karnevals-Kostüme oder Vliess-Shirts nähte.

Bereits im März hatten wir den Stoffmarkt in Venlo besucht. Kissen, Applikationen, Kurzwaren, Knöpfe, Aufnäher, Reißverschlüsse, Leinen, Wolle, Garn, Kissen, Gardinen, Tischdecken, Schnittmuster, Bettfedern – das Warenangebot quer über den Nolensplein glänzte vor Vielfalt. Die beiden Frauen wussten, was sie suchten. A. wollte eine Patchworkdecke und eine Tischdecke nähen. Sie kaufte so viel Vliess-Stoff, dass die dicke Plastiktüte überquoll und ich zwischendurch den Berg von Plastiktüten im Auto deponieren musste. Meine Göttergattin wollte die Serienproduktion von Einkaufstaschen fortsetzen. Sie achtete auf den Preis. Stoffe in dezentem Lila mit weißen Punkten, orange-weiß-braun gestreift, orange-weiß-braun im Zickzackmuster, alles in der Preislage von 5 bis 6 € pro Meter – das war in Deutschland für diesen Preis nicht zu haben. Dazu jede Menge Band und Reissverschlüsse. Die beiden Frauen zeigten an den Marktständen ein Einkaufsverhalten, das ansonsten eher Seltenheitswert hatte: zielgerichtet, nicht abschweifend, durchdacht, strukturiert. Die Auswahl an den Ständen war riesig und die Preise stimmten.

Mit Stoffen für mehrere Wochen eingedeckt, trieb uns der Hunger danach in eine Frittenbude. Auf Deutsch warb sie für „die besten Fritten aus frischen Kartoffeln“. Hinein. Mit Fritten in der Tüte und drei „Frikandel Speciaal“ fanden wir uns an einem Tisch wieder und stellten fest, dass diejenige Frittenbude, in die wir auf dem Stoffmarkt in Maastricht eingekehrt waren, noch gemütlicher war. Dort waren wir am Tisch bedient worden, die Fritten mit der Frikandel bekamen wir auf dem Teller serviert. In dieser Frittenbude in Venlo kam mir das provisorisch vor, mit der Frittentüte in der einen Hand und Plastikmesser-/gabel als ein Besteck in der anderen Hand, um die „Frikandel Speciaal“ in Stücke zu schneiden. Und das entscheidende war: die Fritten schmeckten zweifellos nach frischen Kartoffeln, aber in der Frittenbude in Maastricht – oder auch in Visé in Belgien – war dieser Geschmack noch intensiver, zumal dort die Fritten in zwei Frittiervorgängen zubereitet wurden.

Anschließend bummeln durch Venlo, denn es war verkaufsoffener Sonntag und die Geschäfte waren geöffnet. Am Rathaus stoppte ich, denn an einem Seiteneingang las ich die Jahreszahl 1598. Vom Rathausplatz sah ich es mir in der vollen Größe an. Es dürfte zu den schönsten Rathäusern in den Niederlanden (und natürlich darüber hinaus) zählen. Oben an den beiden Türmen konnte ich sogar zwei Glocken erkennen. Inspiriert durch Nova, ist mein Blick für Glockentürme momentan sehr geschärft. Ich schoss aber keine Detailfotos von den beiden Glockentürmen, denn irgendwann nutzt sich das Thema ab, wenn zu viel über Glockentürme geschrieben wird.

A. machte uns darauf aufmerksam, dass Weihnachten nicht in allzu weiter Ferne liegt. Und so strebten wir in ein Spielwaren-Geschäft hinein. Legos waren haufenweise reduziert. Unsere Kleine war von den Barbiepuppenkleidern nicht mehr wegzulotsen. Mir war nach Weihnachten nicht zumute. Ich ging nach draußen, setzte mich auf eine Bank und harrte aus, wie sich die Dinge entwickeln würden. A. hatte ein Weihnachtsgeschenk für Ihren Mann gefunden: ein Modellbau-Auto. A’s Mann war begeisterter Modellbauer.

Ein Stück weiter registrierten wir, dass auch Venlo multikulturell war und dass sich Traditionen vermischten. Oktoberfeststimmung in Venlo. Eine Bühne war in der Fußgängerzone aufgebaut. „Weißwurst“, „Leberkäse“, „Oktoberfestbier“ – die deutsche Sprache dominierte. Die Plastiktischdecken an den Biertischen trugen das traditionelle blau-weiße Rautenmuster. Bayern hatte in Venlo Einzug gehalten.

Noch ein Abstecher zu den „2 Brüdern von Venlo“, bevor wir zum Nolensplein zurückkehrten. Dieses Kaufhaus war schuld an all den Panikkäufen, die wir beim Verlassen des Parkhauses beobachtet hatten. Mit jede Menge Kaffee legte das Kaufhaus los, über mehrere Regalreihen hinweg nur Kaffee. Zum Beispiel eine Viererpackung „Tchibo Feine Milde“ für 6,98 € - die hatten wir nebenher in der Fußgängerzone gekauft. Mein eigentliches Ziel war belgisches Trappistenbier, das in Deutschland schlichtweg nirgendwo zu kaufen war. Mit fünf 0,3 l-Flaschen Westmalle und einem Chimay deckte ich mich ein. Sechs Abende mit einem leckeren Bier waren also gerettet. An der Käsetheke wurde ich schwach – ich kaufte aber nichts. Ich bin ja ein leidenschaftlicher Käseesser. Die Reifegrade sind in den Niederlanden stärker differenziert. Während man in Deutschland nur jungen, mittelalten und alten Holländer kennt, gibt es in den Niederlanden die Reifegrade „jong“, „jong belegen“, „belegen“, „extra belegen“ und „oud“. Wenn ich früher auf niederländischen Märkten Käse gekauft hatte, konnte ich keinen geschmacklichen Unterschied zu Deutschland feststellen. Bei den Cola-Dosen griff schließlich meine Göttergattin zu: 29 Cent pro Dose. Seitdem in Deutschland das Dosenpfand sein Unwesen trieb, mussten wir auf das Ausland ausweichen. Getränkedosen sind klein, handlich und bequem, wenn man unterwegs ist. Ein Handgriff, und die Dose ist geöffnet. Eine ganze Palette Cola-Dosen wanderte in unseren Einkaufswagen. Außerdem kauften wir mehrere Pralinen-Schachteln für 2,99 € - für Geburtstage oder als Mitbringsel. Die geballte Kraft des Konsumwahns staute sich vor den Kassen. Dabei war unser Einkaufswagen geradezu leer gegenüber all den anderen Einkaufswagen, in denen sich die Waren türmten und der Einkaufsrausch kein Ende zu finden schien.

Nach vier Stunden Einkaufsbummel fanden wir den Weg zurück zu unserem Auto. Wir freuen uns schon auf den nächsten Stoffmarkt in Venlo. Oder auch zwischendurch, denn jeden ersten Sonntag im Monat ist ein verkaufsoffener Sonntag.

Dienstag, 8. Mai 2012

Stoffmarkt in Maastricht / Niederlande

Graues Kreidegestein wie aus einem Guss, grau wie die Innenstadt, aber nicht düster oder beklemmend, sondern hell und nachdrücklich. Eine verspielte Doppeltreppe, die am Eingang zusammenlief. Glanz, Größe und Selbstbewusstsein des 17. Jahrhunderts. Auf der linken Seite der Gebäudefront die in Stein gemeißelte Figur von Minerva, die Schutzpatronin der Handwerker. Rechterhand die Figur von Mars, dem römischen Kriegsgott. Über dem Rathaus schwieg das Glockenspiel, dessen Errichtungsdatum aus dem 18. Jahrhundert nicht viel weniger alt war.

Das Rathaus von Maastricht: dieses Monument der weltlichen Baukunst dokumentierte, wie großzügig der Marktplatz war. Das Rathaus und die erstaunliche Weite dieses Platzes – so etwas kannte ich in deutschen Städten nicht. Die Gebäude um den Marktplatz fügten sich zusammen: unterbrochen von keinem einzigen Neubau, rückten sich die Proportionen zurecht, einheitlich und zweigeschossig wuchs Haus neben Haus in die Höhe, ein feinfühliges Muster aus Steinquadern – alternierend in weiß, grau und backsteinrot. Aus hohen Dächern schauten Dachgauben heraus. Welch ein Rahmen für einen Stoffmarkt ! Es war nur schade, dass es den ganzen Tag regnete, ununterbrochen.

Unsere Einkäufe schafften wir schneller als erwartet. Einkaufstaschen sollten genäht werden. Aus Resten von alten Hosen hatte meine Frau bereits den Stoff organisiert. Was fehlte, waren Reissverschlüsse und Band, das senkrecht über die Tasche genäht werden sollte und in den Griff überging. Nur ein, zwei, drei Stände mit Kurzwaren fanden sich auf dem Stoffmarkt. In strömendem Regen konnten wir ungestört herum stöbern. Eine Mittdreißigerin mit kugelrundem Gesicht und braunem Haar, das knapp die Ohren bedeckte, führte uns durch das Angebot an Reissverschlüssen. 20 cm, 40 cm, 60 cm, 80 cm Länge, zu Bündeln zusammengepackt, breitete sie ein wildes Farbspektrum vor uns aus. Fünf Reissverschlüsse und Band, sechs Meter lang und zwei Zentimeter breit, das war unsere Ausbeute. Und das war genau das, was meine Frau gesucht hatte.

Verglichen mit Venlo, wo wir Anfang März waren, war die Anzahl der Stände in Maastricht weniger. Das Angebot war immer noch reichlich:  Stoffe, Leinen, Wolle, Garn, Kissen, Gardinen, Tischdecken, Schnittmuster, Klöppeleien, Applikationen, Kurzwaren, Knöpfe, Aufnäher, Reißverschlüsse und vieles mehr. Und die Geschlossenheit und Schönheit eines solchen Marktplatzes, das hatte Venlo nicht zu bieten.

Einen Überblick bekommen. Hatten wir an dem einen Stand bereits alles eingekauft ? Um die Mittagszeit machte sich ein Hungergefühl breit, und ohne Kinder, die wir zu Hause gelassen hatten, wählten wir den Restaurant-Bereich, der zu einer Imbissbude - Friture Reitz - gehörte. Für einen Imbiss wirkte der Innenraum durchaus pompös: ein schwerer Kronleuchter prangerte an der Decke, Ziegelsteine waren um Spiegel herum gemauert, Fotos in schwarz-weiß und in dicken Holzrahmen erinnerten an das alte Maastricht. Nur die Sitzreihe, die sich über die komplette Länge der Wand erstreckte, war aus Leder und in einem einfallslosen Braun.

Wir waren verblüfft, dass sich der Besuch des Stoffmarktes trotz der weiten Anfahrt rechnete. Reissverschüsse kosteten zu Hause das dreifache, das Band das vierfache. Hier in Maastricht hatten wir genau 20 € bezahlt, zu Hause wären es 61 € gewesen - die Spritkosten hatten sich mit dieser Differenz amortisiert.

Wir aßen das niederländische Nationalgericht: Frikandel. Die Fleischmasse war ungefähr dieselbe Rezeptur wie die deutschen Frikadellen: aber in Wurstform, als Wurst gebraten, in der Wurstmasse weitere Gewürze wie Curry oder Cayenne-Pfeffer. Als Frikandel Spezial war sie aufgeschnitten und mit Mayonnaise, Curry-Soße und Zwiebeln gefüllt. Das war lecker: zusammen mit den Fritten, aus denen man die frischen Kartoffeln heraus schmecken konnte.

Als wir das Imbiss-Restaurant verließen, waren die Menschen draußen trotz des Dauerregens zahlreicher geworden. Es war verkaufsoffener Sonntag, und wir bummelten eine zeitlang durch Modeläden, deren Auswahl größer war als in Venlo.

Es war erstaunlich, welches historisch gepflegte Stadtbild uns bis zum Parkhaus begleitete. Ein Blick auf die Servatiusbrücke über die Maas, von der sieben Brückenpfeiler aus dem 7. Jahrhundert noch erhalten waren. Die Stokstraat war einst der Gefängnisbezirk. Heute finden sich dort Edelboutiquen und Juweiliergeschäfte. Die Rückseite der Onze-Lieve-Vrouwe-Kerk öffnete sich mit ihrem romanischen Chor.

Wir mussten wieder zurück nach Hause. Unser Sohn und unser krankes kleines Mädchen warteten auf uns.

Montag, 5. März 2012

Stoffmarkt in Venlo / Niederlande

Die Auswahl an Restaurants war schlichtweg eine Katastrophe. Selbst am Rathausplatz, wo das Rathaus im Stil der Renaissance imponierte, war kaum etwas zu finden. Im Inneren der drei in Frage kommenden Restaurants stapelten sich noch die Stühle und so leer und untätig wie es dort aussah, bekamen wir dort zu Mittag nichts zu essen. Waren wir viertel vor 12 zu früh ?

Wir schlenderten weiter durch die Fußgängerzone in Venlo. Immerhin: an der Brasserie „De Fiscus“ wurden die Tische sauber gewischt. Doch wir fanden weder an den Tischen, noch am Restauranteingang eine Speisekarte und hatten Angst vor astronomischen Preisen, denn der Eingang mit pompösen Stuckarbeiten gehörte zu einem Hotel. Die Imbißbuden, die folgten, waren geöffnet: sie warben mit Fritten aus frischen Kartoffeln, doch unseren Besuch des Stoffmarkts wollten wir nicht mit dem Beigeschmack von Fast Food genießen.

Freilich, Venlo machte es uns nicht einfach mit dem Mittagessen. Schließlich landeten wir im Restaurant „Prins-Bernhard“ kurz vor dem Nolensplein – wo der Stoffmarkt stattfand und von wo aus wir eigentlich gekommen waren. Drinnen fanden wir eine der letzten freien Tische, und die deutsche Kellnerin kam uns chaotisch vor, denn anstelle des Sprudelwassers versorgte sie uns mit stillem Wasser, so dass sie uns ein zweites Mal mit dem richtigen Mineralwasser bedienen musste. Dann hieß es warten auf ihre niederländische Kollegin, die die Bestellung aufnahm, danach abermals warten, wobei ich erkennen konnte, dass hinter einer Klapptüre in der Küche ständig etwas zubereitet wurde, aber nichts wurde an Speisen ins Restaurant gebracht. Ich hatte bereits eine schlimme Vorahnung, dass wir endlos warten müssten, doch schließlich löste sich dieses Rätsel in Schall und Rauch auf: Schnitzel, Pfannkuchen und ein Kindermenü bekamen wir serviert, wobei wir so ziemlich die einzigen waren, die zu Mittag aßen. In Maastricht, Kerkrade oder in Zeeland hatten wir die niederländische Küche schätzen gelernt. Anfangen von der Frikandel – so ungefähr das niederländische National-Gericht – über Fischgerichte wie Scholle, Muscheln oder Vispannetje bis zum Saté-Spiess (mit Erdnusssoße) oder auch Pfannkuchen: die niederländische Küche hatte ihre Eigenheiten zu bieten, mit denen wir stets zufrieden waren. Mein Pfannkuchen - mit Champignons, Zwiebeln und Speck -  war klasse und die Champignons waren frisch und separat angedünstet. Die verzweifelte Suche nach einem Restaurant hatte also ein positives Ende gefunden.

Der Stoffmarkt, weswegen wir eigentlich nach Venlo gefahren waren, war riesig und wunderschön. Um uns mit Stoffen einzudecken, besuchen wir seit ca. 2 Jahren Stoffmärkte. In Deutschland finden zu festen Terminen deutsch-niederländische Stoffmärkte statt. Dort kann man alles rund um Stoffe bekommen, was das Herz begehrt. In den Niederlanden gibt es vergleichbare feste Termine. Über Freunde hatten wir im letzten Jahr von einem Stoffmarkt in Kerkrade (bei Aachen) erfahren. Der gestrige Stoffmarkt in Venlo war der erste Markt in der niederländischen Terminserie.

Der Venloer Stoffmarkt war bislang der größte Markt, den wir gesehen hatten. Stoffe, Leinen, Wolle, Garn, Kissen, Gardinen, Tischdecken, Schnittmuster, Federn für Kissen, Applikationen, Kurzwaren, Knöpfe, Aufnäher, Reißverschlüsse – das Angebot rund um Stoffe war schier unübersehbar. Obschon ich fürs Nähen nicht zuständig bin, bummele ich gerne über solche Märkte, weil sie so bunt sind, weil sie zur Phantasie anregen und weil ich dem Treiben gerne zuschaue.

Zufrieden – so auch heute – verließen wir diese Stoffmärkte. Taschen sind als nächstes an der Reihe – dazu hatten wir in Venlo Stoffe mit Streifenmuster und mit Hello Kitty gekauft, außerdem Reißverschlüsse und Köperband. Das Köperband kostet übrigens zu Hause das 3,5 fache im Vergleich zum Stoffmarkt. Mit den Reißverschlüssen sollen Federmäppchen genäht werden, wozu wir uns bereits Aufnäher „Atomkraft nein danke“ besorgt hatten.

In Venlo war außerdem verkaufsoffener Sonntag – den wir nicht genutzt hatten. Das ist durchaus ein Unterschied zu deutschen Städten: in größeren niederländischen Städten ist der erste Sonntag quasi als fester Termin verkaufsoffen, man kann also nach dem Kalender sonntags einkaufen. In Deutschland wird dies nicht so frei gehandhabt – was ich widersprüchlich finde, denn ansonsten wird man in unserem Land maßlos mit alledem zugeschüttet, was den Konsum angeht. Es waren sehr viele Deutsche in Venlo heraus zu hören – ein Anteil von bestimmt 70-80%, da das Ruhrgebiet direkt vor der Nase liegt. Niederländer haben sich da sicherlich überrannt gefühlt. Ich kann die Niederländer aber trösten: in Aachen ist an der Einkaufstagen das Verhältnis genau umgekehrt.

Treppengiebel; Häuser aus der Renaissance; die kleinen, puppenstubenhaften Häuser; gardinenlose Fenster; ein Netz an Radwegen, von dem wir in Deutschland nur träumen konnten; gegen 15 Uhr ging es wieder heimwärts zurück. Pünktlich, nach Überschreiten der Grenze, zwischen der Autobahnabfahrten Kaldenkirchen und Nettetal, erreichte uns der Regen. Anfangs tröpfelte es. Den Rest der einstündigen Autofahrt schüttete es und es hörte für den Rest des Tages nicht mehr auf. Da hatten wir Glück gehabt in Venlo.