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Dienstag, 25. Juni 2013

die Kontinentalsperre und Aachener Printen


Printenmann auf dem
Aachener Weihnachtsmarkt
Quelle: Wikipedia
Große Feldherren neigen zur Verblendung. Der Seemacht England unterlegen, waren die Machtverhältnisse in der Schlacht von Trafalgar 1806 zurechtgerückt worden. Der Expansionsdrang Napoleons war im Mittelmeer gestoppt worden, nachdem er diese Schlacht verlor. Doch Napoleon wollte die Revanche: er verhängte in demselben Jahr 1806 eine Kontinentalsperre gegen England. Nordsee, Ärmelkanal und Atlantik sollten zum Eisernen Vorhang werden, die Warenflüsse in den englischen Inselstaat sollten zum Erliegen kommen, der Krieg zu Land und zu See sollte zu einem Wirtschaftskrieg ausgeweitet werden.

England zeigte sich unbeeindruckt, denn es hatte in Übersee ein umfassendes Kolonialreich. Der Handel blühte, besonders eng waren die Wirtschaftsbeziehungen mit Amerika. Napoleon hatte sich verschätzt, denn er traf mit diesem Racheakt nicht den englischen Feind, sondern die Verbündeten auf dem europäischen Festland. Auch das Rheinland zählte zu seinen Verbündeten.

So hatten sich ab dem 15. Jahrhundert Handwerker aus dem Maastal in Belgien in Aachen nieder gelassen, die aus Messing Schmiedearbeiten ausführten – sogenannte „dinanderies“. Sie schmiedeten Formen, die sie auch zum Backen verwendeten. Mit den Backformen importierten sie das Gebildebrot, das sie im Maastal „couques de Dinant“ nannten. Das Gebildebrot, eine Variante des Lebkuchens, war der Vorläufer der heutigen Aachener Printen. Aus Mehl, Honig und handverlesenen Gewürzen wurde ein zäher Teig geknetet, der in Messingformen gepreßt wurde und anschließend gebacken wurde. Für dieses Hineindrücken des Teiges in die Ausstechformen verwendeten die Bäcker das englische Wort „print“, woraus das deutsche Wort „Printe“ entstand.

Eier und Margarine fehlen in dieser Teigmasse für Printen. Anstatt dessen verleihen Honig und Zutaten wie Pottasche, Vanillezucker, Zimt, Anis, Nelken, Koriander und Ingwer den würzigen Geschmack. Da Eier und Margarine fehlten, musste beim Backen darauf geachtet werden, dass die Printen weder zu hart wurden, dass sie kaum noch durchgebissen werden konnten, noch zu weich, dass sie Zähne und Mund verklebten. So entdeckten die Aachener Bäcker im 18. Jahrhundert, dass, wenn sie Wildblütenhonig der Teigmasse beifügten, die Printen genau die richtige Konsistenz besaßen  zwischen Hart und Weich.

Sie verwendeten vorzugsweise Wildblütenhonig aus Amerika. Als Napoleon 1806 England mit der Kontinentalsperre abstrafte, war dies Pech für die Aachener Printenbäcker, denn der amerikanische Wildblütenhonig konnte nicht mehr importiert werden. Die Qualität des heimischen Honigs war Lichtjahre entfernt von demjenigen aus Amerika. Was tun ?

Nicht die Seemacht England bekam die Kontinentalsperre zu spüren, sondern neben den Aachener Printenbäckern der Handel und die heimische Industrie. Es wurde weniger Fracht in den Häfen umgeschlagen, die Hansestädte verarmten. Die rheinische Textilindustrie musste Ersatz suchen für Baumwolle aus Amerika. Der Export von Holz kam zum Erliegen. Arbeiter rebellierten in Häfen und Fabriken.

Die Aachener Printenbäcker suchten, forschten, experimentierten und konzentrierten sich darauf, was die heimische Landwirtschaft hergab. Sie entdeckten den Rübensirup, der den Printen eine ähnliche Konsistenz verlieh wie der Wildblütenhonig aus Amerika. Rübensirup war krisensicher, denn auf heimischen Feldern gab es Zuckerrüben in Hülle und Fülle. Er hatte außerdem den Vorzug, dass die braune Färbung der Printen intensiver wurde.

Im Endeffekt sorgte die Kontinentalsperre für den Durchbruch der Aachener Printe, denn die Bäcker besannen sich auf heimische Rohstoffe, die preisgünstiger waren. Neben amerikanischem Wildblütenhonig verwendeten die Bäcker bis zur Kontinentalsperre 1806 auch Zuckerrohr aus Brasilien, so dass die Printe ein edles Gebäck für gut betuchte Reiche und Adlige war. Mit dem Rohstoff der Zuckerrübe sanken die Preise für Printen, so dass sich auch eine Arbeiterfamilie die eine oder andere Printe zu festlichen Anlässen leisten konnte. 1899 wurde die Aachener Printe als Wortmarke beim Patentamt angemeldet.

Ähnlich wie Lebkuchen in Nürnberg, sind in Aachen kleine und große Geschäfte vorzufinden, dessen Vielfalt an Printen unüberschaubar ist. Selten ist die Kombination von Café und Printe. 1890 eröffnete der Printenbaron van den Daele nicht weit vom Dom entfernt eine Konditorei. Möbliert im Stil des Aachen-Lütticher-Barock, ist die Printenherstellung in dem Alt-Aachener Kaffee-Haus heutzutage lebendig. Teile der Konditorei aus den Jahren nach 1890 haben die Inhaber belassen. Als Wandschmuck dienen Original-Printen-Backformen.


Den Gebäck- und Printenfabrikanten rund um Aachen geht es heutzutage nicht schlecht. Sie produzieren über das ganze Jahr nicht nur Printen. Sie waren zu Kreativität verdammt, angestoßen durch Napoleons Kontinentalsperre. Mit Einfällen haben sie Krisenzeiten gemeistert.