Freitag, 27. Dezember 2013

eine etwas verkehrte Weihnachtsgeschichte

Der Weihnachtsmann kam nicht im roten Mantel und mit roter Zipfelmütze, sondern im Monteuranzug in einem schmutzigen, abweisenden Rot.

Genauer gesagt, waren es zwei Weihnachtsmänner, beziehungsweise zwei Monteure. Der Schriftzug des Firmennamens funkelte Himmelblau auf dem weißen Transporter, als die Monteure ausstiegen und mich mit einem schlappen Handschlag begrüßten. Das war ungewohnt, denn von Handwerkern kannte ich ein festes Zupacken.

„Wo können wir Ihnen helfen ?“ - „Unser Klo im ersten Obergeschoss. Wenn wir die Spülung betätigen, wird alles überschwemmt.“ - „Dann schaun wir mal.“

Sie trabten unsere Holztreppe hoch und näherten sich dem Ort des Geschehens, wo sich unheilvolles zwischen den Rohrleitungen der Toilette ereignet hatte. Vor der Türe unseres Badezimmers fiel mir auf, wie ungleich das Paar der beiden Monteure war. Die Gestalt des ersten Monteurs schraubte sich in die Höhe, sein Schritt stakste vorwärts, sicher glitt sein Kopf eine Handbreit unter dem Türrahmen hinweg. Der andere Monteur trottete hinterher, sein Körper war unter der runden Gestalt zusammen geschrumpft. Hinter seiner runden Brille mit den großen Gläsern ahnte ich Schlauheit, ja , sogar Expertenwissen, was die Verstopfung unserer Toilette betraf.

„Schön, dass Sie da sind … „
atmete ich auf, denn der Zeitpunkt war höchst ungeeignet. Genau fünf Tage vor Heiligabend meldete unsere Toilette „Land unter“, und vor dem Weihnachtsfest lag außerdem ein Wochenende. Unsere Spirale hatte sich mühselig durch die Rohre hinter der Toilette gewälzt, aber ohne Erfolg. Wenn ich die Spülung betätigte, schlüpfte Wasser durch das zum Sockel schlecht abgedichtete Rohr. Das Wasser bahnte sich seinen Weg und überschwemmte in Rinnsalen unser Badezimmer. Das hatte sich auch nicht geändert, als ich die Toilette demontiert hatte und unsere Spirale bestimmt einen Meter tiefer eindrang.

 „Wann haben Sie angerufen ?“ – „Gegen zehn Uhr.“ – „Da haben Sie Glück gehabt. Was bis zehn Uhr gemeldet wird, können unsere Monteure auf der Tour abarbeiten. Was später gemeldet wird, kommt für die Folgetage rein.“

Nun stand die eklige Brühe in dem Rohr, sie floss nicht ab. Und ich kannte sogar die Ursache: der Po unserer Kleinen hatte ganz weh getan, Massen von Feuchttüchern hatte sie in die Toilette geworfen, anschließend hatte ihr großer Bruder ein noch größeres Geschäft erledigt – und nichts ging mehr.

Der kleine Monteur kramte sein Expertenwissen hervor. Mit einfachen Mitteln versuchte er, eine maximale Wirkung zu erzielen. Eine Saugglocke, fast tellergroß, stieß das Wasser aus Leibeskräften in die Toilette. Es gluckste, das Wasser begehrte auf, zerwühlte das Rohrsystem in seinem Inneren. Aber die Wirkung war gleich Null. Auf den mir bekannten Pfaden breitete sich die Überschwemmung aus.

„Jedenfalls schön, dass Sie da sind. Ich hatte Angst, dass Sie es vor Weihnachten nicht mehr schaffen …“ – „Das kommt drauf an. Da einige in Weihnachtsurlaub sind, sind wir mit einer kleineren Besetzung unterwegs. Dabei sind wir bemüht, das allerdringendste abzuarbeiten.“

Die Mittel wurden rabiater. Der lange, schlacksige Monteur packte zu und demontierte den Abfluss unseres Waschbeckens. Auf der Kabeltrommel blitzte die elektrische Spirale. Sie fraß sich durch die Rohre, der metallisch hell Klang schallte durch unser Haus, gleichzeitig floss Wasser durch einen Schlauch. Die Spirale war gründlich, denn genau zehn Meter kämpfte sie sich durch die Hauptleitung hindurch, fast bis in den Kanal hinein.

Ich war erleichtert, denn danach floß das Wasser ungehemmt. Wasserhähne waren aufgedreht, ich betätigte die Klospülung im Endlos-Takt durch die Rohre. Das plätschernde Fließen des Wassers war befreiend. Ich spürte Horizonte in meiner Seele, die kein Hindernis stoppen konnte. Beruhigt konnten wir wieder unsere Toilette benutzen.

„Da haben Sie noch einmal Glück gehabt...“
kommentierte der große Monteur das Geschehen. Beide strahlten. In höchster Not hatten sie uns geholfen. Und ich reflektierte die Umstände, unter denen sie tagtäglich ihren Job machten. Das war eine Drecksarbeit, im wahrsten Sinne des Wortes. Zwischen menschlichen Exkrementen herum wühlen. Ich bewunderte, wie die beiden sich nicht geekelt hatten und gut gelaunt dem Tatort in unserem Hause den Rücken kehrten. Die 140 €, die bar zu zahlen waren, zahlte ich gerne.

„Frohe Weihnachten“
verabschiedeten sich die beiden. Ihre roten Overalls hatten nichts mit Weihnachtsmännern zu tun. Doch ich kam mir unsichtbar beschenkt vor. Dass in unserem Badezimmer wieder alles in Ordnung war. Das Weihnachtsfest konnte nun seinen gewohnten Gang nehmen.

Tage später, am zweiten Weihnachtsfeiertag, erfuhr ich, dass es schlimmer kommen konnte. Meine Eltern erzählten von meinem Onkel. Es geschah am Heiligen Abend. Vormittags und plötzlich kam die Überschwemmung. Die Toilette stank und lag direkt neben der Küche.

Sein Schwiegersohn eilte aus dem Nachbarort mit der Spirale herbei. Gemeinsam wurden sie Herr der Lage. Dreck und Gestank und Verstopfung waren verschwunden. Das Malheur hätte sich in der Tat keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können.

Montag, 23. Dezember 2013

frohes Weihnachtsfest

Ich wünsche allen Lesern ...
... ein frohes Weihnachtsfest
... besinnliche Festtage

... ganz viel Harmonie
... im Kreis der Lieben und der Familie.




Milieukrippe

Auf dem Kölner Krippenweg bin ich in diesem Jahr zufälligerweise auf die Milieukrippe gestoßen, die in der romanischen Kirche St. Maria Lyskirchen (Nähe Heumarkt) aufgebaut ist. Im letzten Jahr sind dort Krippenfiguren von Ausgestoßenen in unserer Gesellschaft gezeigt worden – namentlich Sinti und Roma, Obdachlose und Drogenabhängige. In diesem Jahr thematisiert die Krippe, dass auf der ganzen Welt Christen verfolgt werden.


Das Bild von St. Maria Lyskirchen bildet den Hintergrund der Krippe.


Häuser in dem Baustil, wie man sie in der Kölner Altstadt findet, fügen sich an.



Diese Tafel zählt diejenigen Länder auf, in denen weltweit Christen verfolgt werden.


Alle drei Minuten wird ein Christ auf der Welt wegen seines Glaubens getötet.


Christen aus denjenigen Ländern, wo sie verfolgt werden, suchen bei uns Asyl.


Lautlos, ohne dass wir es bemerken, zerrinnt dies an uns vorbei.

Samstag, 21. Dezember 2013

Weihnachtsplätzchen und Dreikönigsschrein

Nun hat die heiße Phase begonnen. Wir haben alle Geschenke beisammen. Sie sind eingepackt, der Weihnachtsbaum steht, er ist aber noch nicht geschmückt. In dieser heißen Phase habe ich kaum Zeit zum Bloggen.

Eigentlich hatte ich vor, einen Post über den Dreikönigsschrein im Kölner Dom zu schreiben. Fotos hatte ich bei Weihnachtseinkäufen in Köln gemacht. Reinhard von Dassel, Kaiser Barbarossa, der Investiturstreit, der Zerfall des Papsttums, der Glanz der Oberitaliens: ich hatte die Epoche Mitte des 12. Jahrhunderts studiert, als die Gebeine der Heiligen Drei Könige von Mailand nach Köln gelangten. Das war noch im Entwurfsstadium. Ich hatte nicht alles beisammen, um die Epoche verstanden zu haben und zu erzählen.  Bei Posts zu geschichtlichen Themen muss ich mich jedesfall themenbezogen hineindenken. Das braucht Zeit und dauert.

In diesem Jahr bin ich zuständig für die Weihnachtsplätzchen. Sie sind wichtiger als der Post über den Dreikönigsschrein, der warten kann bis nach Weihnachten oder bis ins neue Jahr.

Ich habe den Teig für Nussplätzchen gemacht. 250 g Butter, 250 g Zucker, 250 g Mehl und 250 g geriebene Nüsse.


Hier wiege ich die Zutaten ab.


Die Zutaten sind in der Rührschüssel.


Mit den Händen knete ich den Teig.


Dies ist der fertige Teig, aus dem mit einem Messer im nächsten Schritt die Plätzchen abgeschnitten werden.

Den Teig habe ich in den Kühlschrank gestellt. Morgen werde ich die Plätzchen backen. Nach Weihnachten oder im neuen Jahr folgt dann der Post über den Dreikönigsschrein im Kölner Dom. Dieser Post hat Zeit. Der Dreikönigsschrein steht schon mehrere Jahrhunderte im Kölner Dom. Tage oder Wochen Zeitversatz bis zur Öffentlichung des Posts können da vernachlässigt werden.

Dienstag, 17. Dezember 2013

simplify your life


Das Leben selbst gestalten. Nicht von anderen gelenkt werden, selbst Horizonte entdecken, selbst Ideen entwickeln und diese auch umsetzen. Wer will das nicht ?

Managementkonzepte packen die eigenen Lebensentwürfe in Leitfäden. Zeitmanagement, Selbst-Management, Pareto-Prinzip, Schreibtisch-Check: es findet sich viel Nützliches, das den Alltag strukturiert und erleichtert. Unter dem Titel „simplify your life“ sind ganze Bücher darüber geschrieben worden, wie man den Alltag methodisch in den Griff bekommen kann. Innerlich spüre ich diesen Wunsch in mir: nach Klarheit, nach Übersichtlichkeit, Ballast abwerfen, Unnötiges eliminieren, eine Art von Katharsis oder innerer Reinigung von alledem, was die eigene Seele verstopft.

Doch im Moment überrollt mich das ziemliche Gegenteil. Die Geburt Christi treibt das Weihnachtsfest vor sich her. Das Weihnachtsgeschäft treibt die Geschenke vor sich her. Die Geschenke treiben die Familie vor sich her, weil alle unter dem Tannenbaum ganz viel auspacken wollen. Der Weihnachtsmann kommt mir vor wie ein Staubsauger aus der Galaxie, der unaufhörlich Geschenke in sich hinein saugt, um sie dann unter dem Gabentisch wieder  auszuteilen. Hoffnungslos mit den Geschenke-Käufen im Rückstand, haben wir gestern beim verkaufsoffenen Sonntag einen regelrechten Einkaufs-Marathon hingelegt. Nun liegen wir deutlich besser im Rennen.

„Simplify your life“ funktioniert nicht zur Weihnachtszeit. Wegwerfen, aufräumen, neu gewichten, was wichtig und unwichtig ist, all dies muss ich verschieben auf die Nach-Weihnachtszeit. Geschenke kaufen, das geht in die umgekehrte Richtung. Da wird nichts vereinfacht, sondern aufgebläht. Je größer die Anzahl der zu Beschenkenden, um so mehr müssen Checklisten und Notizzettel herangezogen werden, damit niemand vergessen wird.

Je näher die Deadline des Weihnachtsfestes rückt, um so mehr erfahre ich am eigenen Leib, wie knapp die Ressource Zeit ist. Dringend, eilt, darf nicht vergessen werden, am besten alles auf einmal. „Simplify your life“ reicht gerade, um uns über Wasser zu halten. Die Abläufe des weihnachtlichen Rituals sind vorgegeben. Christliche Traditionen stiften an für sich ja bereits einen Sinn. Die dritte Kerze ist erloschen, die vierte Kerze wird das Weihnachtsfest schon bedrohlich nah streifen. In Leinentücher eingehüllt, verbinde ich mit dem Jesuskind in der Krippe nichts, was mit „simplify your life“ zu tun hat. Vereinfachendes, das meine Seele reinigt, werde ich sicherlich in den Gleichnissen der Bibel finden.

Die Zeitnot frißt mich auf. Nun ist die Phase der Vorweihnachtszeit gekommen, in der die Kaufentscheidungen zu einem ökonomischen Komplex aufgebläht werden. Maximaler Nutzen unter den Nebenbedingungen, dass die Ressourcen Zeit und Geld begrenzt sind. Oder auf der abstrakten mathematischen Ebene: ein lineares Optimierungsproblem mit einer Nutzenfunktion der zu Beschenkenden unter den Restriktionen Zeit und Geld. Das zu handhaben, kostet Kraft. So stellen wir in jedem  Jahr fest, dass wir, ohne dass jedwede Lerneffekte eintreten, viel mehr ausgeben, als wir wollen. Ich scheue mich, dieses Wort zu gebrauchen: aber wir sind halt etwas spießig, dass jeder jedem etwas schenken möchte. Und das reißt wiederum dicke Löcher in unsere Haushaltskasse. Was an einer anderen Ecke wiederum vollkommen widersinnig ist, wenn wir zum Beispiel wegen Zehner-Beträgen herum rechnen, welche Autoversicherung am günstigsten ist. Oder wenn wir einen regelrechten Überwachungsstaat in unserem Hause implementieren müssen, damit in ungenutzen Räumen kein Licht brennt. 

Eines gelingt mit „simplify your life“ auch nicht: das sind all die familiären Beziehungen. Gerade das Weihnachtsfest zeigt, wie sich das familiäre Netzwerk fest gefahren hat. Das ist gut und richtig so, dass Weihnachten ein Familienfest ist. Als Familienfest erstarrt das Weihnachtsfest aber in seinen Abläufen. Abweichungen werden nicht geduldet. Erwartungshaltungen müssen erfüllt werden. Das kann bisweilen sogar krankhafte Züge annehmen, wenn der Weihnachtsfrieden nicht von innen kommt, sondern von außen angeordnet wird. „Simplify your life“ anzuwenden, ähnelt einer Fahrt als Geisterfahrer auf der Autobahn.

Ich werde es überleben, so wie ich es all die vielen Jahre überlebt habe. Wer hat nicht diesen Traum in sich, sein Leben selbst gestalten zu wollen ? Ich stehe dazu, dass „simplify your life“ das richtige Konzept zur falschen Zeit ist.

Sonntag, 15. Dezember 2013

mittelalterlicher Weihnachtsmarkt und Esskultur


Ich bekomme keinen Drehwurm, denn die Handkurbel dreht sich butterweich in meiner Hand. Das Kinderkarussel gleitet dahin, unsere Kleine freut sich auf dem Holzpferd, dass ich mich gemeinsam mit einem anderen Vater anstrengen darf. Ich durfte kurbeln, denn der Motor war noch nicht erfunden. Wir waren auf dem Mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in Siegburg. Dort war alles mittelalterlich, auch  das Mittelalterliche Kinderkarrussel.

Dennoch fühlte ich mich erlöst, als die Glocke das Ende der Karrusselfahrt einläutete. Danach knurrte der Magen. Hunger und Durst regten sich. Der Weihnachtsmarkt war konsequent. Weil er uns ins Mittelalter versetzte, suchten wir Reibekuchen, Rostbratwurst, Krakauer, Thüringer oder Backfisch vergeblich. Ich staunte aber, dass in der Taverne Glühwein angeboten wurde. Das Mittelalter kannte praktisch keinen Glühwein, während die Römer Wein erhitzten und ihn mit Pfeffer, Lorbeer und Safran würzten. Im ältesten erhaltenen römischen Kochbuch „De re coquinaria“ stehen solche Rezepturen. Schließlich löschte ich meinen Durst mit einem heißen Apfelsaft.

Pieter Brueghel, Besuch beim Mündel (1616), Museum voor schone Kunsten Antwerpen
Ein Feuer aus Holzscheiten, eine zentrale Kochstelle, dicke Laibe Brot, ein Brei aus Getreide: obschon erst 1616 zum Ausgang des Mittelalters gemalt, beschreibt das Gemälde von Pieter Brueghel treffend, wie sich die Menschen im Mittelalter ernährt haben. Die Stände des mittelalterlichen Weihnachtsmarktes haben sich sichtlich Mühe gegeben, die Esskulturen des Mittelalters zu rekonstruieren.

Wie auf dem Gemälde von Pieter Brueghel, kreiste die Ernährung um das Brot. Die Viehzucht reduzierte sich, die Nutzung als Ackerland nahm zu, weil Mehl gelagert werden konnte und – wenn die Ernteerträge ausreichten – Brot das ganze Jahr über gebacken werden konnte. So aß der Mensch im Mittelalter rund viermal so viel Brot wie heute, nämlich 200 Kilogramm pro Nase zu 57 Kilogramm heute. In der Dreifelderwirtschaft dominierte der Roggen, weil er die geringsten Ansprüche an den Getreideanbau stellte. Er wuchs auch auf kargen Böden, eine zu trockene oder zu nasse Witterung setzte ihm am wenigsten zu. Hefe verbreitete sich übrigens erst im hohen Mittelalter, so dass Brot im frühen Mittelalter als Fladen gebacken wurde.

Backofen
Im späten Mittelalter gelang der Erbse der große Durchbruch, denn Hülsenfrüchte konnten in der Dreifelderwirtschaft untergebracht werden. Zwei Jahre lang Getreideanbau, das dritte Jahr musste der Acker ruhen, denn Kunstdünger wurden erst in der Neuzeit erfunden. „Süpplin“ – bedeutungsschwer schaue ich auf die mittelhochdeutsche Bezeichnung des Standes, wo man Eintöpfe essen konnte. Das Oberhemd war in Falten gelegt, die weißen Hemdsärmel weiteten sich, seine Kopfbedeckung war aus demselben Weiß und hing genauso herab. Erbsensuppe stand oben auf der Speisekarte. Das passte zu dem Gemälde von Pieter Brueghel, wo die Suppenküche im Mittelpunkt des Hauses stand.

Fleisch war selten, aber im Mittelalter wurde durchaus Fleisch gegessen, vor allem Schweinefleisch. So regelt bereits die „Lex Salica“ des Merowingerkönigs Chlodwig (verfasst 507-511), wie Schweinediebstahl bestraft wird. Dort wird genau beschrieben, wer wo und welche Schweine hält und wie der Diebstahl durch Hiebe, Rutenschläge oder auch – bei mehrmaligem Vergehen – durch Abhacken der Hand bestraft wird. Gerichte wie „Altmärkische Grünkohlpfanne mit Mettwurst“ haben die Menschen im Mittelalter durchaus gegessen, wenngleich Mettwurst oder Kotelett oder Spießbraten eher eine Ausnahme gewesen sind.

Der Stand mit „Met“ trifft einen Kern mittelalterlicher Trinkkultur. Die Römer hatten den Weinanbau zu den Germanen gebracht. Die Germanen tranken aber Met und keinen Wein. Das war Hafer, der in Wasser gegärt wurde und mit Honig versetzt wurde. Fränkische Volksstämme vertrieben die Römer, so dass sich der Met im Mittelalter wieder verbreitete. Der Durchbruch des Biers kam später, im 13. Jahrhundert. So berichtet die Chronik der Stadt Landshut im Jahr 1265, dass sich der niedrige Preis für das Bier durchgesetzt hat: „ein Eimer Bier kostet 18 Pfennige, ein Eimer Met kostet 42 Pfennige und ein Eimer Frankenwein 55 Pfennige.“ Fortab wurde Bier zum Volksgetränk, dass die Menschen selbst dem Wasser vorzogen, denn es war wegen des Gärungsprozesses ohne Krankheitskeime.

Der Hunger führte uns in die Irre. Wir aßen in der Spätzleküche, die eigentlich gemäß dem Mittelalter dieses Nudelgericht mit einer Kräutersoße garnierte. Das Würzen mit Kräutern war durchaus verbreitet – so hatten wir beispielsweise bei unseren Urlauben einen rekonstruierten mittelalterlichen Kräutergarten auf der Insel Reichenau am Bodensee kennen gelernt. Aber Spätzle ? Urkundlich hat sie erstmals im Jahr 1725 der Württembergische Rat erwähnt – und 1725 liegt eindeutig nicht mehr im Mittelalter. Dennoch schmeckten sie lecker, den Gesamteindruck dieses mittelalterlichen Weihnachtsmarktes ließen wir uns auf der Zunge ergehen. Dieser Weihnachtsmarkt stach heraus aus der Identitätslosigkeit anderer Weihnachtsmärkte.


Das Mittelalter hatten wir genossen. Als wir den Siegburger Weihnachtsmarkt gegen 15 Uhr verließen, wurden wir regelrecht tot getrampelt, so viele Menschen wollten das Mittelalter sehen. Wir wussten, dass die Zeitfenster am Wochenende schmal waren, um das Mittelalter einigermaßen entspannt vor unseren Augen ablaufen zu lassen.

Mittwoch, 11. Dezember 2013

"Earth Day" und Post-Tower

Quelle: www.wikipedia.de
Am „Earth Day“, nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, kam die Stunde der Wahrheit. 1970 eingeführt, versank der „Earth Day“ jahrzehntelang in der Bedeutungslosigkeit, bis er nach der Reaktorkatastrophe ein komplett anderes Gewicht erhielt. So tat sich in Bonn im Jahr 2011 überraschendes, denn diesmal ging der Fingerzeig nicht auf den einzelnen Verbraucher, um die Ressourcen unseres Planeten zu schonen, sondern ein großer Konzern marschierte mit gutem Beispiel voran: das war die Deutsche Post. Sie zeigte, wie ohne Aufwand, ohne jemandem weh zu tun und ohne dass sich jemand gestört fühlt, Größenordnungen an Energie eingespart werden können.

Dies geschah, als die Haustechniker der Deutschen Post in der Nacht vom 25. auf den 26. März ganz einfach nichts taten. Sie legten nicht den magischen Einschalthebel um, der die Nachtbeleuchtung des Post-Towers hoch fuhr. Zehn Stunden lang versackte der hagere Klotz in dieser Nacht im Dunkeln, genauso wie die übrigen Bürogebäude in der Stadt. Alleine die Notbeleuchtung hauchte diesem Bauwerk noch ein bißchen Leben ein.

Der „Earth Day“ lüftete ein Geheimnis.

Denn die Deutsche Post ist anders herum unterwegs und hat den Klimaschutz in ihren Unternehmenszielen verankert. Bis zum Jahr 2020 will die Deutsche Post 30% CO2 einsparen. Das ist sicherlich lobenswert. Wie dies genau geschehen soll, dazu findet sich allerdings wenig konkretes. Umstellung der Paketzustellung auf Elektrofahrzeuge, Nutzung von Öko-Strom, Betankung mit alternativen Kraftstoffen in der restlichen Fahrzeugflotte. Ob eine Energiebilanz eine 30%ige Einsparung hergibt, dazu kann und muss bis zum Jahr 2020 sicherlich noch einiges geschehen.

Der Post-Tower war und ist Vorzeigeobjekt, was den Verbrauch der natürlichen Ressourcen betrifft. So wird die Klimaanlage mit Grundwasser betrieben, welches in Rheinnähe reichlich vorhanden ist. Vorgehängt, ist die Glasfassade doppelt gebaut worden. In dem Zwischenraum von 1,5 Metern kann die Luft zirkulieren, so dass sich die Büros bei hohen Außentemperaturen weniger aufheizen und weniger Strom für die Klimaanlage verbrauchen.

Diesen Mythos von Nachhaltigkeit und Umweltschutz hat der „Earth Day“ nunmehr angekratzt.

Die Nachtbeleuchtung des Post Tower spielt mit dem Licht. 5.775 Leuchtstoffröhren schütten ihr Licht aus. Farbwechselscheinwerfer modellieren die Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Dimmer regulieren die Intensität. Blinker sorgen für Blinkeffekte. So leuchtet in der Vorweihnachtszeit ein Tannenbaum oder eine Adventskerze. In den übrigen Jahreszeiten überwiegt ein eintöniges strammes Blau, wobei an einzelnen Tagen die Grundfarben Rot oder Gelb erscheinen. Die Beleuchtung passt sich aber auch Ereignissen an: ein Portrait von Beethoven während des Beethovenfestes, ein Fußball während der Fußball-Weltmeisterschaft oder ganz einfach ein werbeträchtiges Posthorn.

Als Betrachter brauche ich keine solchen Spielereien. Widersprüche reißen auf, wenn die Deutsche Post einerseits die Nachhaltigkeit dermaßen heraushebt und anderseits ihre eigenen Stromverbrauch in die Höhe schießt, weil sich alle in die künstlerischen Gestaltungsformen der Nachtbeleuchtung verliebt haben.

Der „Earth Day“ hat bewiesen: in den zehn Stunden vom 25. auf den 26. März 2011, in denen die Lichter aus waren, wurde ein Viertel mal so viel Strom eingespart, wie ein Vier-Personen-Haushalt im Jahr verbraucht. Das ist eine Größenordnung. Macht es da noch Sinn, in unserem eigenen Haushalt auf Energie-sparende Verhaltensweisen zu achten ? Wenn sich Konzerne wie die Deutsche Post hinter einer Vernebelungstaktik verstecken ? Öffentlichkeitswirksam, bekommen wir nur das gezeigt, was in Hochglanzbroschüren steht. Widersprüche reißen auf, wenn man zwischen den Zeilen liest.

Die Entwicklung in den Folgejahren hat gezeigt, dass der „Earth Day“ als Plattform der unternehmerischen Selbstdarstellung zurecht gebogen wurde. 2011, nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, war die Aktion der Deutschen Post einmalig. 2012 verkürzte sich die Zeitspanne auf eine Stunde. 2013 glänzte der Post Tower durch Abwesenheit und erstrahlte in vollem Licht. Das Jahr 2011 hat gezeigt, dass das Potenzial, um unseren Ressourcenverbrauch zu schonen, bei einem Gebäude in einer solchen Dimension hoch ist. Es ist traurig, dass sich Katastrophen ereignen müssen, um ein solches Bewusstsein zu schaffen.