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Donnerstag, 24. September 2015

Stephen Greenblatt - Die Wende: wie die Renaissance begann

Man schrieb das Jahr 1417, als es den päpstlichen Sekretär Poggio Bracciolini in den Nachwirren des Konstanzer Konzils nach Deutschland verschlug. Die Kirche war mittendrin, sich im Spannungsfeld von Intrigen und Macht zu zerreißen. Niedergang und Abstieg hatten Rom erfasst, Ödnis, Hütten, steinige Felder, Ruinen und Zerfall erstreckten sich zwischen der Peters-Basilika und römischen Tempeln. Handel und ein blühendes Handwerk fehlten, um Rom wieder auf die Beine zu helfen. In dieser Zeit feierten die Päpste rauschende Feste, finanziert durch den Verkauf von Kirchenämtern und den Ablasshandel. Huren verkehrten auf dem Hof der Päpste. Sie waren korrupt, sie führten Kriege, und letztlich war es auch der Umgang mit reformatorischen Bewegungen und Andersgläubigen, der dazu führte, dass Gegenpäpste in einem eigenen Papstpalast in Avignon herrschten.

Poggio Bracciolini erlebte mit, wie das Konstanzer Konzil kläglich scheiterte, wie sein Papst Johannes XIII. ins Gefängnis geworfen wurde, wie der Reformator Hus aus Tschechien 1415 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, ebenso 1416 die Hinrichtung seines Freundes Hieronymus von Prag.

Mittendrin in diesen aufgewühlten Zeiten, liest sich das Buch von Stephen Greenblatt mit reichlich Spürsinn geradezu wie ein Kriminalroman. Greenblatt, Professor für Literaturwissenschaften an der Harvard-University, beweist, dass er sich als US-Amerikaner auf dem europäischen Kontinent bestens auskennt. Präzise und detailliert, zeichnet er den Weg nach, den der päpstliche Sekretär Poggio von seiner Heimat Arezzo in Italien nach Rom gegangen ist, wie er sich während und nach dem Konstanzer Konzil von 1414 bis 1418 in Deutschland aufgehalten hat, wie er aus Angst vor Verfolgung nach England emigriert ist, bis er 1423 nach Italien zurückkehrte.

Während seiner Zeit in Deutschland trieb Poggio eine Berufung vorwärts, die Greenblatt als eine Art von Urzelle der Renaissance beschreibt: Poggio war Bücherjäger. Dabei versteht er sich im Sinne der Renaissance als Humanist, der Grammatik, Rhetorik, Poesie, Philosophie und Geschichte in antiken Schriften studierte mit dem Ziel, anderen eine umfassende Geistesbildung beizubringen.

Greenblatts Beschreibungen von Büchern und Bibliotheken in den Zeitaltern bis zum 15. Jahrhundert gehen sehr tief, so dass mich als Leser so manche Passagen gefesselt haben, was auch an der gelungenen Übersetzung ins Deutsche liegt. Greenblatt holt ganz weit aus, indem er die Zerstörung der Bibliothek von Alexandria beschreibt, danach benennt er Bibliotheken als wichtigen Ort des öffentlichen Lebens in Rom. Greenblatt erläutert karolingische Minuskel aus der Zeit Karls des Großen, er befasst sich mit der Technik des Abschreibens in mittelalterlichen Klosterskriptorien. Der Buchdruck eines Johannes Gutenberg wurde erst 1450 erfunden, daher führte kein Weg am Abschreiben vorbei. In Klosterskriptorien war es den Abschreibern strikt verboten, bereits Abgeschriebenes zu ändern. Es gab zwar eine Tinktur als Käse, Milch und Kalk, um Schreibfehler wieder zu löschen, aber die weggelöschten Buchstaben mussten restlos ausgelöscht aussehen, dass weder der Abt noch der Klosterbibliothekar es bemerken könnten. Greenblatt widmet sich dabei auch dem Material des Papiers. In diesem Sinne war das Mittelalter so dunkel, wie man es sich gemeinhin vorstellt. Mit dem Zusammenbruch des römischen Westreiches war der Handel mit den Papyrushändlern in Ägypten zum Erliegen gekommen. Danach wurde Pergament verwendet, das waren Tierhäute. Manche eigneten sich besser, das waren die Häute von Kälbern, andere fast gar nicht, das waren Schweinshäute, in denen die Borsten durchstachen. Haare mussten restlos entfernt sein, die Schreibfläche musste glatt sein. Besonders schlimm war der Mangel, denn es konnte keine maximale Anzahl von Tieren nur um des Pergamentes Willen geschlachtet werden.

So kam es, dass sich niemand um Schriften in Bibliotheken kümmerte, dass diese im Verlauf von Jahrhunderten und Jahrtausenden unleserlich wurden oder in sich zerfielen, andere Schriften gingen durch Raub und Zerstörung verloren. 1417 machte Poggio schließlich die entscheidende Entdeckung – mit hoher Wahrscheinlichkeit im Kloster Fulda. Der Klosterbibliothekar ließ ihn in den gewölbten Raum der Klosterbibliothek hinein. Unter den Schriften römischer Epiker entdeckte er einen langen Text in der Form von Hexametern, der ursprünglich 50 v. Chr. verfasst wurde und von einem Dichter namens Titus Lucretius Carus stammte. Poggio bat den Klosterbibliothekaren, ihm eine Abschrift zu erstellen, was das Kloster dann auch tat.

Als Poggio einige Zeit später die Abschrift in seiner Hand hielt, identifizierte die Schrift als das Werk „de rerum natura“ – auf Deutsch: „die Dinge in der Natur“ - von Lukrez, der ein Schüler des griechischen Philosophen Epikur war. Im nachhinein stellte sich heraus, dass diese Schrift das einzige noch existierende Exemplar war. Sich anlehnend an Epikur, waren die Kernaussagen das Streben nach Glück und das Vermeiden von Unglück, oder auch die Steigerung des Genusses und die Verringerung des Leidens. Eine weitere Kernbotschaft war, dass sich die Dinge immer weiter zerlegen lassen, so dass die kleinsten Einheiten aus Atomen bestehen. Wenn es denn Götter gibt, dann sind es viele Götter. Mit dem Tod lösen sich all die kleinsten Einheiten, so dass kein Leben nach dem Tod existiert.

So stolz wie Poggio auf seine Entdeckung war, um so schneller wurde ihm klar, dass der Inhalt von „de rerum natura“ im Umfeld von Ketzerverfolgung und Häresie Sprengstoff war. Die Kernaussagen standen den Lehren der Kirche diametral gegenüber, zumal er sich stets loyal gegenüber seinem Dienstherren, dem Papst, verhalten hatte. Es dauerte nicht lange, dass Lukrez nach der Verbreitung von „de rerum natura“ zu den am schärfsten verbotenen Autoren zählte. Der Effekt ging sogar in die andere Richtung: Lukrez wurde fleißig gelesen, nämlich von Gegnern der Kirche, die gegenläufige Schöpfungsvorstellungen zu konstruierten suchten und bei Lukrez fündig wurden. Poggio musste einen Drahtseilakt hinlegen, um nicht in den Sog der Ketzerei hinein zu geraten.

Geschützt von den Medici, dem einflussreichen Adelsgeschlecht, war er schließlich in Florenz sicher. Durch Handel reich geworden, stützten die Medici ihr Weltbild weniger auf die Religion, sondern auf Großkaufleute, Bankiers, das Handwerk und die Wissenschaften, nicht zu vergessen Kunst und Malerei. Florenz lag weit genug entfernt, so dass Poggio der Zugriff vor der Kirche in Rom erspart blieb. 1459 starb Poggio im Florenz im Alter von 79 Jahren.

Doch mit dem Tod von Poggio geht bei Greenblatt die Entwicklung der Renaissance weiter. Das Werk „de rerum natura“ hat Eingang gefunden in andere Schriften, die die Renaissance maßgeblich gestaltet haben. Greenblatt spannt den Bogen nach Kopernikus, Galilei, Newton und verzweigt diesen Bogen zur Soziallehre eines Thomas Morus oder zu den Utopien eines Tommasso Campanella. Die Übersetzung des Buches mit „Die Wende“ verwirrt vielleicht ein wenig, da Greenblatt die Entwicklungen in der Renaissance nicht durchgängig als Wiedergeburt aus der Antike begreift. Anstatt dessen schaut Greenblatt bis in die Gegenwart hinein, die das Denken eines Lukrez ebenso durchdrungen hat: der Glaube an den technischen Fortschritt, ein Gott muss nicht notwendigerweise der Ursprung aller Dinge sein, befreite Liebe und sexuelle Revolution, der Autoritätensturz und enthemmter Genuss.

Freitag, 6. Februar 2015

Bonn, Heinrich Böll und Ansichten eines Clowns

Hauptbahnhof vom Cassius-Garten aus
Er dürfte sich in seinem Grabe umdrehen. Das Geschehen in Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ spielt in dem engen Umfeld zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt. „Ich musste mich zurückhalten, um vor dem Bahnhof in Bonn nicht ein Taxi heran zu winken: diese Geste war so gut einstudiert, dass sie mich fast in Verlegenheit gebracht hätte … „, so beginnt der Roman, in dem Hans Schnier, von Beruf Clown, als freischaffender Künstler durch die Republik tingelt und zu seiner Wohnung zurückkehrt, die ihm sein Großvater geschenkt hat. 1963, in der Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit geschrieben, dürfte sich Heinrich Böll im Grabe umdrehen, da er das seiner Zeit harmonische Umfeld des Hauptbahnhofs  mit Hausfassaden aus der Gründerzeit nicht mehr wiedererkennen würde. Seitdem hat eine Abrißwelle, dessen Ausmaß unvorstellbar ist, den Bahnhofsvorplatz zu einem der häßlichsten Flecken in der Stadt entstellt, heutzutage ein Treffpunkt von Junkies, Dealern, Drogenabhängigen und Ordnungsbehörden, die die verwahrlosten Zustände nicht in den Griff bekommen.

Aus einem Aufenthalt von zwei Stunden in Bonn einen kompletten Roman zu schreiben, der aus zahllosen Rückblenden zusammen gestrickt ist, das gehört zu den Geniestreichen des Heinrich Böll. Mit dem Literaturnobelpreis, den er 1972 erhielt, ist er vielleicht der bedeutendste Nachkriegsautor im Rheinland. In all seinen Werken kritisiert er die Gesellschaft, allen voran Egoismus, Scheinheiligkeit, Heuchelei, Oberflächlichkeit, Mitläufertum und das verkehrte Verhältnis der Gesellschaft zu Geld und Kapitalismus.

Die Handlung ist denkbar einfach konstruiert: Hans Schnier, die Hauptperson, ist von seiner längjährigen Freundin Marie verlassen worden, die mit ihm außerehelich zusammengelebt hatte. Nun ist sie zu einem ihm bekannten Katholiken namens Zupfner gezogen. Weil er bei einem Auftritt, bei dem er betrunken war, von der Bühne gestürzt ist, haben die Veranstaltungsagenten, die ihm die Tourneetermine besorgen, ihn fallen gelassen und ihm zu einer längeren Pause geraten. Ohne Geld, muss er Freunde, Bekannte, Verwandte und jede Menge weitere Personen, die er in seinem Leben kennen gelernt hat, um Geld anpumpen. In insgesamt fünfundzwanzig Kapiteln nimmt er das christliche Weltbild unserer Gesellschaft auseinander, die Stellung der Moral in der Kirche, er prangert die Denkweisen des Nationalsozialismus an, die bis in die Nachkriegszeit überlebt haben.

Die Schilderung seines Schauplatzes Bonn ist ambivalent. Einerseits lobt er die Stadt: „Die Stadt ist wirklich hübsch: das Münster, die Dächer des ehemaligen kurfürstlichen Schlosses, das Beethovendenkmal, der kleine Markt und der Hofgarten. Ich atmete in vollen Zügen oben auf meinem Balkon die Bonner Luft, die mir überraschenderweise wohltat: als Luftveränderung kann Bonn für Stunden Wunder wirken.“

Andererseits benutzt er die Kulisse der Stadt, um in seinen fünfundzwanzig Kapiteln insbesondere die Kirche, den Glauben und die dahinterstehenden Menschen an den Pranger zu stellen. Somit verliert sich Böll mitunter in diffusen Umschreibungen: „Bonn hat immer gewisse Reize gehabt, schläfrige Reize, so wie es Frauen gibt, von denen ich mir vorstellen kann, dass ihre Schläfrigkeit einen Reiz hat. Bonn verträgt keine Übertreibung, aber man hat diese Stadt übertrieben. … Es weiß ja auch ein jedes Kind, dass das Bonner Klima ein Rentnerklima ist, es bestehen Beziehungen zwischen Luft- und Blutdruck.“

Einsam, deprimiert und Marie vermissend, trifft Hans Schnier im katholischen Bonn unweigerlich auf die eigene Vergangenheit. Er stößt auf die alltägliche Unmenschlichkeit und das permanente Versagen von denjenigen, die Gottes Wort predigen, aber nicht danach handeln. Beispielhaft begegnet er einem hochangesehenen Prälaten, in dessen Haus gleich mehrere gestohlene Madonnen stehen. Sein Bruder studiert Theologie, er will Priester werden und ist Teil eines Systems, das aus Materialismus, doppelbödiger Moral, Anpassung und Gehorsam besteht.

Tristesse des Bahnhofsvorplatzes
1963 geschrieben, hat die Allgegenwart der Kirche bis heute sicher eingebüßt. Die Nachwehen des Nationalsozialismus sind hingegen bis heute aktuell, aber anders. Das Verhältnis von Hans Schnier zu seinen Eltern ist vergiftet, seitdem seine Eltern seine Schwester als Flakhelferin in den letzten Kriegstagen zu Hitlers letztem Aufgebot geschickt hatten. Prompt wurde sie von den Alliierten überrollt und starb. Dabei gehört es zur Perversion des Weltbildes seiner Eltern, dass sie die US-Amerikaner als "jüdische Yankees" bezeichnen.

Sein Elternhaus, das in Rheinnähe liegt, beschreibt er so: „Die Stämme der Buchen in unserem Park waren schwarz, noch feucht, der Tennisplatz frisch gewalzt, rot, vom Rhein her hörte ich das Hupen der Schleppkähne.“

Hans Schnier verzweifelt an der Unbelehrbarkeit seiner Eltern. Sie stehen zu ihrem Verhalten, ihre Tochter für das Vaterland geopfert zu haben, und sie würden sich in derselben Situation nochmals so verhalten. Seine Eltern sind durch den Krieg sogar reich geworden, weil sie Braunkohleaktien gehortet haben, deren Wert in Kriegs- und Nachkriegszeiten gestiegen ist. Sein Vater, ein Unternehmer, hält sich eine Geliebte und ist Mitglied der CDU, wobei er seine christliche Weltanschauung nach vorne kehrt. Seine Mutter verkehrt zu regelmäßigen „jour fixen“ in einem dubiosen „Zentralkomitee zur Versöhnung rassischer Gegensätze“, dessen Name versöhnlich klingt, aber von dem niemand so richtig weiß, welche Art von Versöhnlichkeiten dort ausgeklüngelt werden.

Die einzige glaubwürdige Person inmitten all der Scheinheiligkeit ist Hans Schnier, der Clown. In aufrechter Haltung schwimmt er gegen den Strom, konsequent. Er läßt sich nicht verbiegen, trotzt allen Widrigkeiten, als Künstler behauptet er sich wie ein Fels in der Brandung. Seine Kunst, die Dinge in seinen Formen als Clown auszudrücken, treibt ihn an, mit einem Spaßfaktor als Motivationsschub.

So rund wie der Roman ist, endet er auch, wo er begonnen hat, nämlich am Bonner Hauptbahnhof. Weggeflutscht ist die letzte Mark des Hans Schnier aus dem Fenster auf eine daher fahrende Straßenbahn. Er findet niemandem, der ihm als brotlosen Künstler zu Geld verhilft. Also setzt er sich auf die Treppenstufen vor dem Bonner Hauptbahnhof, legt seinen Hut auf eine Stufe, er spielt auf seiner Gitarre, singt über den Papst und wartet, bis die erste Münze in den Hut fällt.

Montag, 4. August 2014

Anna von Bayern - Wolfgang Bosbach "Jetzt erst Recht !"

Mir erging es anders als Wolfgang Bosbach.

Besuch bei der Gastroentologin. Ich war gelöst, als ich im Zimmer der Ärztin saß, die meine Darmspiegelung vorgenommen hatte. Ich dachte an nichts schlimmes, ich war erleichtert, dass das unangenehme Verschlingen von Massen an Flüssigkeit vorbei war. Das Foto einer blonden Schönheit lächelte mir aus einem hölzernen Rahmen von der Wand entgegen. War es ihre Tochter ?

„Alles in Ordnung. Kein Polyp“ teilte mir die Ärztin das Ergebnis mit. In diesem Moment war ich noch erleichterter, zumal sich sporadisch und zeitlich begrenzt Blut in meinen Stuhlgang hinein gemischt hatte.

Das war anders bei Wolfgang Bosbach, Vollblutpolitiker, ein Unruheherd, ständig in Bewegung. „Es darf keinen Stillstand geben, sonst schlafe ich ein“ so beschreibt er seine Antriebsmechanismen. Zwischen Wahlterminen, Sitzungen, Redeveranstaltungen und Fernsehauftritten bleibt da kaum Zeit für eine regelmäßige Krebsvorsorge. 2010 Krebsoperation an der Prostata. Da hieß es, er hätte noch eine Lebenserwartungszeit von 23 Jahren. Doch ein Jahr später war alles komplett anders. Wie ein Streuselkuchen war sein Körper voller Krebs, das stellten die Onkologen in einer Computertomografie fest. Nun unterzieht sich Bosbach, 62 Jahre alt, in Intervallen einer Strahlentherapie, um überhaupt noch ein paar restliche Lebensjahre für sich zu haben. Und das bei unverändert hoher Taktung.

In meinem Blog befasse ich mich weniger mit politischen Themen. Im Tagesgeschäft der Massenmedien wird so viel über Politik berichtet, kommentiert und kritisiert, dass ich nicht unbedingt meinen eigenen Senf dazu geben muss. Dafür befasse ich mich gerne mit allem, was aus dem Rheinland kommt. Und bei Wolfgang Bosbach kann man den rheinischen Tonfall nicht überhören. Freundlich, bestimmt, kurzweilig, mit klaren Standpunkten und hoher Sachkenntnis habe ich ihn stets wahrgenommen, kurzum: ein sympathischer Zeitgenosse.

Die Bild-Journalistin Anna von Bayern hat über mehrere Monate den Spitzenpolitiker begleitet. Ihre Einblicke ins politische Tagesgeschäft sind stets spannend, anekdotenhaft geschrieben, verzahnt zwischen dem Berufspolitiker und seiner Familie. Machtstrukturen schillern durch. Diese sind mehr starr als beweglich: aus Wahlergebnissen, aus Koalitionsverträgen, aus den Verhältnissen im Bundestag/Bundesrat, aus Besetzungsoptionen durch die Landesverbände der Parteien, vorbestimmt durch Kenntnisse und Fachwissen, das Verhältnis zur Bundeskanzlerin spielt naturgemäß auch eine Rolle – und dieses ist tendenziell nicht schlecht, aber nicht gut genug. So ergab es sich, dass er sein Lebensziel, nämlich einmal Minister zu werden, nicht erreichte, worüber er sich nicht beklagt.

Es empfiehlt sich, auf der richtigen Seite zu stehen, das sagt Wolfgang Bosbach. Für offene Meinung, unbedachte Rede oder Ironie ist nur bedingt Platz, das sind seine Erfahrungen im Politikgeschäft. Anna von Bayern zitiert die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, um dies zu verdeutlichen: „Die Demokratie darf nicht zu einer Herrschaft von wenigen Meinungen werden, in der die Führung der Masse diktiert, was gilt. Die Führung ist dabei auf ihre eigenen Interessen, ihrem persönlichen Nutzen und dem Erhalt der Machtstruktur ausgerichtet. Die Ziele der Gruppe, die von ihr dominiert wird, geraten in den Hintergrund. Diese Elite führt keine inhaltlichen Debatten mehr … Diese Elite glaubt, auf die großen Diskurse über die Fragen unserer Zeit zu verzichten. Stattdessen werden die Debatten in Randthemen geführt, wo die Elite sich mit großen Kraftanstrengungen profiliert.“ Dieses Schema passt auf die Machtstrukturen einer Angela Merkel, aber auch auf andere Bundeskanzler.

Der Weg hinein die politische Karriere des Wolfgang Bosbach war ungewöhnlich, denn er begann sein Berufsleben als Einzelhandelskaufmann bei der er Konsumgenossenschaft Köln eG/Coop West AG in Köln, wo er später Supermarktleiter wurde. Das merkt man bei diversen Fernsehauftritten, dass er kein Standardrepertoire von Floskeln herunter betet, sondern kundenorientiert auf Sachfragen  eingeht, mit den Gesprächspartnern redet und einen gemeinsamen Dialog führt. Und dies mit den Stärken eines Rheinländers: er behandelt andere mit Respekt, er kann Menschen nehmen, wie sie sind, mit Humor löst er spannungsgeladene Situationen.

Über die Kommunalpolitik  in Bergisch Gladbach schaffte er es in den Bundestag. 1994 wurde er Bundestagsabgeordneter, seit 2009 verantwortet er gemeinsam mit 37 Abgeordneten den Innenausschuß. Dort beackert er innenpolitische Themen, genauer gesagt, innere Sicherheit, Ausländer, Asylverfahren, Katastrophenschutz, Datenschutz und IT-Sicherheit.

Die Partei von Wolfgang Bosbach habe ich nie gewählt, doch seine konserative Einstellung ist mir nicht unsympatisch. „Multikulturelle Gesellschaft“, das war ein Schlagwort der 1990er Jahre, ein Stück überlebte Hippie-Bewegung und Musikfestivals, auf denen man nach den Rhythmen der ganzen Welt tanzte. Die Welt sollte ein kleines Dorf sein, fremde Kulturen sollten uns inspirieren.

Das ist definitiv gescheitert, weil sich Parallelgesellschaften gebildet haben, die sich abschotten, mit Integration nichts zu tun haben und Angriffspunkte für rechtsextremistische Tendenzen bilden. Dazu kommen islamische Gotteskrieger, die solche Parallelgesellschaften mobilisieren und Bomben und Terror importieren wollen.

Von den Träumen einer multikulturellen Gesellschaft habe ich mich längst verabschiedet. In der Zuwanderungskommission versucht Bosbach dagegen zu halten. Ausländer müssen sich einordnen in die kulturellen Lebensverhältnisse, sie müssen an Deutschkursen teilnehmen. Das Zuwanderungsgesetz wurde überarbeitet mit der einen Stoßrichtung, dass ein Straftatbestand der illegalen Einwanderung eingeführt wurde und mit der entgegengesetzten Stoßrichtung, dass die Fälle der Duldung weiter gefaßt wurden, weil sie sich über den Arbeitsmarkt integrieren können. Zudem konnte sich in einigen Ländern sich das Kopftuchverbot in öffentlichen Ämtern durchsetzen. Andere Vorstöße, wie die Vorratsdatenspeicherung, den elektronischen Fingerabdruck in Ausweisen oder umfassendere Observationen durch das Bundeskriminalamt, konnte er nicht durchsetzen. Wolfgang Bosbach meint dazu kurz und knapp, dass er an maßgeblicher Stelle mitgearbeitet hat, nicht mehr und nicht weniger. Über sich ergehen lassen musste er all die Ermittlungspannen bei der Aufklärung der NSU-Mordserie. Dauerthema wird für lange Zeit die NSA-Überwachung sein.

Um alle Themen zu besetzen, übt er sich im Kunststück der Multipräsenz. „Es darf keinen Stillstand geben, sonst schlafe ich ein“ mit dieser Einstellung nimmt er seine Lebensaufgabe in der Politik wahr. Das geht so weit, dass er seine Präsenz in den Massenmedien über seine Gesundheit stellt. Er geht keinem Mikrofon aus dem Weg und bremst für keine Kamera. So sank im März 2013 seine Herzleistung auf unter 10 Prozent, ein neuer Herzschrittmacher samt Defibrillator gegen den plötzlichen Herztod musste eingepflanzt werden. Schon zwei Tage später saß er im Fernsehen und stellte sich Fragen in einer Talkrunde bei Sabine Christiansen.

 „Jetzt erst Recht“ beschreibt den Kern eines Politikers, der offensiv mit seiner Erkrankung umgeht und als Allroundgenie in allen Ecken der Innenpolitik mitmischt. So leicht gibt er nicht auf.  Mit seiner Krankheit blickt er nach vorne. „Wenn Du mit der Krankheit fertig bist, stehst Du ebenfalls die Probleme in der Politik durch“ so sieht er seinen Krebs nicht als Hemmnis, sondern als Antriebsriemen.

Er lebt intensiver und zitiert dabei die Toten Hosen: „An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit“.

Freitag, 28. März 2014

Küstenmacher/Seiwert - Simplify your Life


Voller Leichtigkeit, unvoreingenommen, daher schwebend, über den Dingen stehend, wer möchte so nicht durch den mit lauter Kompliziertheiten aufgeblähten Alltag schreiten ? Wenn wir ein Technik-Freak sein müssen, um uns durch Bedienungsanleitungen zu kämpfen, wenn wir ein Jura-Studium absolviert haben müssen, um die Information unserer Hausbank über die Änderung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu verstehen, oder wenn Reparaturrechnungen Unsummen verschlingen, wenn die Elektronik in unserem Auto den Geist aufgegeben hat.

„Simplify your Life“ weckt eine hohe Erwartungshaltung und der Inhalt erfüllt sie auch. Voller Leichtigkeit, daher schwebend, ist das Buch zu lesen. Vereinfachend, beginnt das Buch beim Stil. Es werden keine Fremdwörter gebraucht, der Leser wird nicht mit Querverweisen auf Geschichtsepochen, große Ereignisse, große Persönlichkeiten oder philosophische Abhandlungen belastet. Von Anfang bis Ende fließt der Stil dahin, so dass Jedermann und Jedefrau ihn verstehen kann. Davon kann auch ich als Blogger viel lernen.

Die Kernbotschaft von „Simplify your Life“ ist, dass unsere Umwelt zu aufgebläht und viel zu kompliziert ist. Uns umgibt ein Apparat von Dingen, von denen wir einen großen Teil gar nicht brauchen. Diese Kompliziertheiten haben Eingang in unsere Persönlichkeit und unser Handeln gefunden. Es gilt, diese Kompliziertheiten wieder loszuwerden, um zu unseren Grundstrukturen zurückfinden. Theologen würden dies als Katharsis bezeichnen.

„Simplify your Life“ erreicht dies über eine Pyramidenstruktur. Über Sachen, Finanzen, Zeit, Gesundheit, Beziehungen, Partnerschaft führt der Weg stufenweise zum Gipfel der Pyramide, zur eigenen Persönlichkeit, zum inneren Kern, der sich selbst vereinfacht. Die Vision des Buches, den Sinn des Lebens zu entdecken, bildet einen Spannungsbogen: als Mensch werden wir uns verändern, wir werden neue Kontinente entdecken, aus neuen Quellen der Kraft werden wir schöpfen. Wir werden uns wohlfühlen, andere werden uns lieben und schätzen. Die zentrale Behauptung, dass viele Menschen den Sinn des Lebens nicht finden, weil sie zu komplizierte Fragen stellen, finde ich schlichtweg genial. Über Dinge, Beziehungen, Partnerschaft haben sich Verhaltensweisen eingeschlichen, die wir nicht mehr hinterfragen. Manches blockiert uns, weil die dahinter liegenden Strukturen zu kompliziert sind.

„Simplify your Life“ ist keine „Katharsis“ in theologischem Sinne durch Gebet, Fasten oder Beichte, sondern ist ein komplett neuer Ansatz, der die Arbeitswelt mit zu Hause und der Freizeit verbindet. „Simplify your Life“ ist als Leitfaden oder Konzept angelegt, wie wir einfacher leben lernen können. Das ist pragmatisch, weil von unten die Alltagsnöte und Alltagsprobleme betrachtet werden. So kommen die ersten Stufen der Pyramide zustande: aufräumen, klare Strukturen im Haus schaffen, in der Arbeitswelt Konzentration auf wichtige Themen, mit den Schranken von Besitz, Geld und Zeit umgehen lernen. Das bedeutet natürlich nicht, dass eine wunderbarer Geldsegen einsetzt, damit wir uns alles leisten können. Wir müssen uns konzentrieren lernen auf unsere wirklichen Bedürfnisse und nicht auf das, was uns von außen eingeredet wird. Diese sind oftmals frei von wirtschaftlichen Zwängen.

Stark sind die Kapitel über den Neid und über den Ärger. Neid ist als Gefühl negativ belegt; oft sind es Dinge, die sich andere leisten, die Neid erzeugen, und die man ihnen nicht gönnt. „Simplify your Life“ dreht den Blickwinkel um. Dass nämlich andere hart dafür arbeiten mussten, um sich diese Dinge zu leisten. Wären wir selbst bereit gewesen, diesen Zeitaufwand zu investieren ? Wofür investieren wir selbst Zeitaufwand ? Wenn  wir nur investieren und kein Ergebnis zu sehen ist, ist die Zeit vergeudet. Wenn die investierte Zeit einen Nutzen gebracht hat, sollten wir ihn  auch erkennen und auf die selbst erreichten Ziele stolz sein. Neid kann genauso ein Indiz sein, dass wir unsere eigenen kreativen Potenziale nicht ausleben.

Wenn wir uns ärgern, sind es oft unsere Mitmenschen, über die wir uns ärgern. „Simplify your Life“ dreht hier genauso den Blickwinkel um. Wir ärgern uns über Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen unserer Mitmenschen. Daher entwerfen wir von unseren Mitmenschen ein Bild, wie sie sein sollten, um unseren Vorstellungen zu entsprechen.

Wollen wir dies ? Als gestandener Mittfünfziger habe ich meine Probleme damit, wenn ich mich verbiegen soll, um so zu sein, wie andere es haben wollen. Auf meiner Bücherliste, was ich gerne lesen möchte, schiebe ich zwei Bücher vor mir her, die genau in diese Richtung gehen: „Dürfen wir so sein, wie wir sind ?“ von Jürgen Wiebicke und „Du sollst nicht funktionieren“ von Ariane von Schirach.  „Simplify your Life“ plaziert dazu die zentrale Botschaft: „Du sollst nicht über Deinen Mitmenschen urteilen“. Zudem sind solche Urteile meist negativ belegt, dass wir anfangen herum zu nörgeln, wie schlecht die anderen sind und dass sie nur noch Laster kennen und keine Tugenden.

Der schwierigste Balance-Akt in diesem Buch ist das Thema Partnerschaft. Die gesellschaftlichen Rollen von Mann und Frau befinden sich in einem historischen Umbruch, Mann und Frau bewegen sich längst auf Augenhöhe, Mann und Frau wollen gegenseitig alles: Erfolg im Beruf, viel Freizeit, materielle Unabhängigkeit, erfüllte Sexualität, lebenslange Verliebtheit, wunderbare Kinder … Noch nie war die Partnerschaft so überfordert wie heute. Nichts geht ohne den Partner, viel miteinander reden, geben und nehmen, den anderen verstehen: auf 26 Seiten versucht „Simplify your Life“, das Thema Partnerschaft in einfache Bahnen zu lenken, worüber ansonsten massenweise Bücher geschrieben worden sind. Diese 26 Seiten werden an ihre Grenzen stoßen, da manche Partnerschaften komplett anders gestrickt sind.

Voller Leichtigkeit, unvoreingenommen, daher schwebend, über den Dingen stehend, liest sich „Simplify your Life“ bis zum Schluß. Dort wird der innere Wesenskern der eigenen Persönlichkeit erreicht. Diese Sichtweise ist neu und befreiend. Alleine durch das Lesen des Buches sind mir diverse Alltagszwänge, die wir nicht näher hinterfragen, bewusst geworden.

„Simplify your Life“ setzt auf Tipps, Methoden, Alltagssituationen auf. Das ist das schöne an diesem Buch, dass es so praxisorientiert ist, dass wir sofort damit beginnen können. Denn die meisten Menschen verschwenden zu viel Zeit auf den Wunsch, das Leben solle anders sein als es ist.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Frank Schirrmacher - Payback


Mit seinen Büchern trifft Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, stets den Nerv der Zeit. Bisher hat er Kritik an unserer Gesellschaft geübt, in welchem Umfang sie altert (das Methusalem-Komplott) oder wie zerbrechlich die zwischenmenschlichen Beziehungen sind (Minimum). Schirrmacher packt in dem Buch „Payback“, das 2009 erschien, ein weiteres heißes Thema an, nämlich die Informationsüberlastung unserer Gesellschaft und die Dominanz der Informationstechnologien.

Mehrfach umreißt er die Zukunftsvisionen in den Romanen „1984“ von George Orwell und „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley. Bei Aldous Huxley sind diese Visionen Wirklichkeit geworden. Die Technik beherrscht unseren Alltag. Sie kontrolliert den Menschen, wobei der Mensch Lust und Freude empfindet. Der Mensch ist Gefangener der von ihm geschaffenen Technologie und er sieht sich außerstande, seine Umwelt mit den Hilfsmitteln der Technik selbst zu gestalten. Anstatt dessen wird er dauerhaft manipuliert.

Schirrmacher inszeniert. Aus gigantischen Datenmengen, die täglich gespeichert werden, entwickelt er eine Dramaturgie, wie diese uns – einer Sintflut ähnlich – überschwemmen, Eingang in unsere Köpfe finden, bis wir von einer unsichtbaren Hand gelenkt werden.

Wie Server-Kapazitäten aufgebaut werden, wie unsere Blogs wachsen und wachsen, welche Mengen an Bildern im Internet verfügbar ist, welche Masse von Youtube-Videos im Netz steht, welche Vielfalt an Kommunikation in Facebook abläuft, das ist in der Tat eine technische Revolution. Die Kehrseite dieser Revolution bedeutet aber, dass aus Klicks im Internet, soziale Netzwerken oder Mobilfunknachrichten große Konzerne gigantische Datenwürfel bilden, die Nutzer-bezogen ausgewertet werden.

Schirrmacher sieht das so, dass die Denkleistung, die gewohnterweise unser Gehirn erbringt, zunehmend synthetischer wird. Das muss nicht beunruhigen, denn einen technischen Fortschritt hat es seit und je gegeben. So haben im Handwerk technische Hilfsmittel wie Bohrmaschine, Säge, Fräse oder Flex die händische Arbeit durchweg vereinfacht.

In der Sichtweise eines Aldous Huxley, bringen die Informationstechnologien einen Lustgewinn. Ausgehend vom Menschentypen des Jägers und Sammlers, den Schirrmacher aus den Darwinistischen Theorien ableitet, wird der Mensch zum Jäger auf Informationen. Ein schier unendliches Reservoir steht ihm zur Verfügung. Informationen und Neuigkeiten rennt der Mensch ständig hinterher. In den sozialen Netzwerken hat er Angst, wichtige Nachrichten zu verpassen. Er muss auf dem Laufenden bleiben, um dabei sein zu können. Informationstechnologien können einen ständigen Nervenkitzel befriedigen.

Informationstechnologien belagern die Aufmerksamkeit. Die Menschen werden abgelenkt, es kommt zu Konzentrationsstörungen. Die Informationstechnologien dringen in Bereiche ein, die eigentlich das Denken besetzt. Wir haben verlernt, ohne Google Informationen zu filtern. Wir können nicht mehr „aus dem Bauch“ Entscheidungen treffen, wenn die Probleme komplexer werden. Wir können unsere Denkwelt nicht mehr auf einfache Modelle zurückführen, indem wir Irrelevantes ausblenden. Wir haben verlernt, Wissen miteinander zu verknüpfen. Jenseits der Suchfunktionalitäten in Google kennen wir weder Bücher noch Bibliotheken.

Anstatt dessen sind wir gezwungen, selbst nach den Vorgaben der Informationstechnologie zu funktionieren. Unsere Aufmerksamkeit wird von dem Bedürfnis überlagert, zu neuen Informationen verlinkt zu werden. Dazu kommt, dass Google, Facebook und Youtube ihr eigenes Geschäftsmodell haben, welches über Werbung funktioniert, um Inhalte kostenlos anzubieten. Mithin werden wir sogar über den Verkauf gesteuert, so dass uns der Informationsmüll von Produktangeboten im Internet ständig begleitet.

Schirrmacher bezeichnet es als die zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts, Herr der Informationstechnologien zu werden. Treffend wählt er für den Umkehrmechanismus das Bild des Käfers. Wenn die Informationstechnologien den Menschen beherrschen, entwickelt der Mensch sich wie in der Erzählung „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Der Mensch degeneriert zu einem Käfer, er ist willenlos, er ist nicht mehr Herr seiner Person, er ist von Selbstzweifeln geplagt.

Schirrmachers Dramaturgie ist an manchen Stellen sicherlich überzeichnet. Die Dramaturgie schärft aber die Sichtweise auf Internet, soziale Netzwerke, Mobilfunknetze – wobei immer die Summe aller Informations- und Kommunikationstechnologien zu betrachten ist. Entziehen können wir uns dem nur, wenn wir vollständig vom Netz abgekoppelt sind und in einem Gebirgstal am Ende der Welt wohnen, in das keine Mobilfunkkommunikation hinein findet.

Wir müssen nach vorne denken. Schirrmacher nennt Gefühle und Intuitionen, um die Herrschaft über die Informationstechnologien zurückzugewinnen. Dass künstliche Intelligenz menschliche Gefühle nachbilden kann, hält Schirrmacher trotz technischen Fortschritts bis auf weiteres für undenkbar. Irgendwo müssen die Grenzen unserer mit Rechenalgorithmen durchdrungenen Welt liegen. Ganz so einfach wird die Weisheit eines Sokrates „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ nicht zu den Akten gelegt werden können.

Daran wird auch eine NSA nichts ändern können. Wir können die Instrumente perfektionieren, wie aus den nutzer-individuellen Datenwürfeln ein gläserner, vollständig durchschaubarer Mensch modelliert wird. Doch ein Rest von trüber, undurchsichtiger Substanz wird bleiben, wenn wir es schaffen, mit unseren Gefühlen für Informationstechnologien unberechenbar zu bleiben.

Dienstag, 17. Dezember 2013

simplify your life


Das Leben selbst gestalten. Nicht von anderen gelenkt werden, selbst Horizonte entdecken, selbst Ideen entwickeln und diese auch umsetzen. Wer will das nicht ?

Managementkonzepte packen die eigenen Lebensentwürfe in Leitfäden. Zeitmanagement, Selbst-Management, Pareto-Prinzip, Schreibtisch-Check: es findet sich viel Nützliches, das den Alltag strukturiert und erleichtert. Unter dem Titel „simplify your life“ sind ganze Bücher darüber geschrieben worden, wie man den Alltag methodisch in den Griff bekommen kann. Innerlich spüre ich diesen Wunsch in mir: nach Klarheit, nach Übersichtlichkeit, Ballast abwerfen, Unnötiges eliminieren, eine Art von Katharsis oder innerer Reinigung von alledem, was die eigene Seele verstopft.

Doch im Moment überrollt mich das ziemliche Gegenteil. Die Geburt Christi treibt das Weihnachtsfest vor sich her. Das Weihnachtsgeschäft treibt die Geschenke vor sich her. Die Geschenke treiben die Familie vor sich her, weil alle unter dem Tannenbaum ganz viel auspacken wollen. Der Weihnachtsmann kommt mir vor wie ein Staubsauger aus der Galaxie, der unaufhörlich Geschenke in sich hinein saugt, um sie dann unter dem Gabentisch wieder  auszuteilen. Hoffnungslos mit den Geschenke-Käufen im Rückstand, haben wir gestern beim verkaufsoffenen Sonntag einen regelrechten Einkaufs-Marathon hingelegt. Nun liegen wir deutlich besser im Rennen.

„Simplify your life“ funktioniert nicht zur Weihnachtszeit. Wegwerfen, aufräumen, neu gewichten, was wichtig und unwichtig ist, all dies muss ich verschieben auf die Nach-Weihnachtszeit. Geschenke kaufen, das geht in die umgekehrte Richtung. Da wird nichts vereinfacht, sondern aufgebläht. Je größer die Anzahl der zu Beschenkenden, um so mehr müssen Checklisten und Notizzettel herangezogen werden, damit niemand vergessen wird.

Je näher die Deadline des Weihnachtsfestes rückt, um so mehr erfahre ich am eigenen Leib, wie knapp die Ressource Zeit ist. Dringend, eilt, darf nicht vergessen werden, am besten alles auf einmal. „Simplify your life“ reicht gerade, um uns über Wasser zu halten. Die Abläufe des weihnachtlichen Rituals sind vorgegeben. Christliche Traditionen stiften an für sich ja bereits einen Sinn. Die dritte Kerze ist erloschen, die vierte Kerze wird das Weihnachtsfest schon bedrohlich nah streifen. In Leinentücher eingehüllt, verbinde ich mit dem Jesuskind in der Krippe nichts, was mit „simplify your life“ zu tun hat. Vereinfachendes, das meine Seele reinigt, werde ich sicherlich in den Gleichnissen der Bibel finden.

Die Zeitnot frißt mich auf. Nun ist die Phase der Vorweihnachtszeit gekommen, in der die Kaufentscheidungen zu einem ökonomischen Komplex aufgebläht werden. Maximaler Nutzen unter den Nebenbedingungen, dass die Ressourcen Zeit und Geld begrenzt sind. Oder auf der abstrakten mathematischen Ebene: ein lineares Optimierungsproblem mit einer Nutzenfunktion der zu Beschenkenden unter den Restriktionen Zeit und Geld. Das zu handhaben, kostet Kraft. So stellen wir in jedem  Jahr fest, dass wir, ohne dass jedwede Lerneffekte eintreten, viel mehr ausgeben, als wir wollen. Ich scheue mich, dieses Wort zu gebrauchen: aber wir sind halt etwas spießig, dass jeder jedem etwas schenken möchte. Und das reißt wiederum dicke Löcher in unsere Haushaltskasse. Was an einer anderen Ecke wiederum vollkommen widersinnig ist, wenn wir zum Beispiel wegen Zehner-Beträgen herum rechnen, welche Autoversicherung am günstigsten ist. Oder wenn wir einen regelrechten Überwachungsstaat in unserem Hause implementieren müssen, damit in ungenutzen Räumen kein Licht brennt. 

Eines gelingt mit „simplify your life“ auch nicht: das sind all die familiären Beziehungen. Gerade das Weihnachtsfest zeigt, wie sich das familiäre Netzwerk fest gefahren hat. Das ist gut und richtig so, dass Weihnachten ein Familienfest ist. Als Familienfest erstarrt das Weihnachtsfest aber in seinen Abläufen. Abweichungen werden nicht geduldet. Erwartungshaltungen müssen erfüllt werden. Das kann bisweilen sogar krankhafte Züge annehmen, wenn der Weihnachtsfrieden nicht von innen kommt, sondern von außen angeordnet wird. „Simplify your life“ anzuwenden, ähnelt einer Fahrt als Geisterfahrer auf der Autobahn.

Ich werde es überleben, so wie ich es all die vielen Jahre überlebt habe. Wer hat nicht diesen Traum in sich, sein Leben selbst gestalten zu wollen ? Ich stehe dazu, dass „simplify your life“ das richtige Konzept zur falschen Zeit ist.

Mittwoch, 27. November 2013

Thomas R.P. Mielke - COLONIA-Roman einer Stadt


Es gibt solche Bücher, dessen Lust am Lesen mich nicht losläßt. Thomas Mielke hat mich mit seinem Buch „Colonia“ ganz, ganz weit zurück in die Stadtgeschichte Kölns geführt. Eine Stadt, in der es nur seltene Epochen gegeben hat, dass Köln an Bedeutung verloren hat. Römerstadt, christliche Märtyrerstadt, Hansestadt, Domstadt, preußische Festungsstadt, rheinische Industriestadt – Köln dürfte ungefähr die einzige deutsche Stadt sein, die es über alle Epochen hinweg es zu soviel Glanz und soviel Größe gebracht hat.

Jede Masse Stoff füllt somit einen Roman über diese Stadt. Mielke beginnt seinen Roman bei den ersten Siedlungen Kölns, bei den Germanen – oder präziser formuliert: bei den Ubiern, die die Römer bei der Stadtgründung Kölns als ansässigen Volksstamm integrierten. In Episoden wird der Leser durch mehr als 2000 Jahre Stadtgeschichte geführt.

Mielke wählt eine Form der Erzählung, die mir sonst noch nie begegnet ist. Wie in einer göttlichen Schöpfung erschafft er die Person des Rheinold, die stirbt und später in einem neuen Menschen wieder aufersteht. Er lebt sozusagen über 2000 Jahre lang, bis er den Jahrtausendwechsel am 31.12.1999 hoch oben auf dem Dom erlebt. Dies verleiht dem Roman Kontinuität. Rheinold schlüpft in immer neue Rollen, als römischer Krieger, als Dombauer, als Fischer oder als Schankwirt.

Gemeinsam mit Rheinold wählt Mielke Symbole, die nicht in jeder Episode, aber in regelmäßigen Zeitabständen vorkommen. Das ist zuerst seine treue Gefährtin Ursa, die mal seine Ehefrau ist und ihm einen reichlichen Kindersegen beschert. Mal erkennt er sie in der Menschenmenge, er begegnet ihr aber nicht. Mal wird sie Gattin seines Nebenbuhlers. Aus den Urzeiten des Opferkultes der Druiden erhält er ein Amulett, dessen Zauber ihn in Gefahrensituationen rettet. Während das Amulett dem heidnischen Glauben entspringt, setzt mit dem christlichen Glauben die Reliquienverehrung ein – Rheinold begegnen „Knöschelche“. Teer bedeutet so viel wie Tod, Äpfel so viel wie Liebe. Genauso kehrt Gedankenstaub wieder – als Sinnbild für Träume, Wünsche oder Visionen.

Mich hat gewundert, dass Mielke gar kein alt-eingesessener Kölner ist, sondern aus Detmold in Westfalen stammt (geboren 1940). Seit 25 Jahren lebt er in Berlin. In der Schriftstellerei ist er Quereinsteiger, denn er war lange Zeit Produktmanager bei Ferrero. Kindern dürften seine Produkte bestens bekannt sein, denn er war 1974 an der Produkteinführung des Überraschungs-Ei’s (Ü-Ei) beteiligt. Mielke schreibt seit 1960 im Genre des Science-Fiction-Romans. Ab 1988 kamen historische Romane dazu, unter anderem über Karl den Großen oder die Varusschlacht im Teutoburger Wald.

Sein Stil ist blumig, er taucht in Details ab, seine Schilderungen sind intensiv, die Beschreibungen der Stadt und der historischen Alltagsfiguren sind exzellent. Ich wage mir kaum vorzustellen, welche Arbeit an Recherche dahinter gesteckt hat. Detailgetreu beschreibt er, wie ein römisches Oppidum ausgesehen hat, wie das Essen aus Knoblauch, Öl und gekochtem Fisch um die Jahrtausendwende gekocht wurde oder welches Mobiliar in einer mittelalterlichen Hafentaverne gestanden hat.

Dann ist Mielke noch Querdenker, denn er verknüpft die Entwicklungen in Köln mit anderen geschichtlichen Ereignissen außerhalb Kölns. Die Ader des Rheins kam aus Südwestdeutschland und führte nach Holland. Darauf bauten sich Handelsbeziehungen auf. Er blickte nach Westen, als der Bischof Maternus aus Tongeren in Belgien nach Köln kam. Über viele Jahrhunderte hinweg war Aachen die Schnittstelle europäischer Politik, denn der Kaiser des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation wurde im Aachener Dom gekrönt. Er schaut nach St. Denis in Paris, das den ersten Anstoß zum gotischen Kathedralbau lieferte, also der Ur-Entwurf des späteren Kölner Doms.

Beklemmendes und bedrückendes läßt Mielke nicht aus. Die Normannen fallen in die Stadt ein, plündern alles, brennen die ganze Stadt nieder, so dass es Jahrzehnte dauert, bis Köln wieder zu neuem Leben erwacht. Die Kirche trägt auch ihren Teil dazu bei. Erzbischof Anno hat den Bischof von Münster zu Gast, damit dieser eine neue Kirche einweiht. Für die Rückreise nach Münster will er für einen Teil der Strecke ein Handelsschiff aus Rheinolds Flotte benutzen. Als Rheinold ihm dies verweigert, wird er als Strafe geblendet. Mielke beschreibt, wie hochnäsig die Preußen sind, als die Einweihung des Doms zu einer Einmann-Veranstaltung des Kaisers verkümmert. Beklemmend beschreibt er schließlich die Bombennächte im zweiten Weltkrieg unter dem Dom zwischen dem Geheul von Sirenen, dem Brummen von Flugzeugen und den Detonationen der Bomben.

Der einzige Kritikpunkt an diesem Buch ist die fehlende Dichte im späten Mittelalter und in der Renaissance. Jahrhundertelang tut sich nichts in Köln, was nicht der Wirklichkeit entspricht. Ein wenig muss ich entschuldigen, denn sonst wäre das Buch viel zu lang geworden. 543 Seiten lebendige Stadtgeschichte von Köln sind spannend und mitreißend geschrieben. Wenn Mielke das späte Mittelalter und die beginnende Neuzeit so beschrieben hätte wie das frühe Mittelalter – aus dem vergleichsweise wenige Quellen vorliegen – dann wäre bestimmt ein tausend Seiten dicker Wälzer heraus gekommen.
Die Stadtgeschichte Kölns hätte sicherlich so viel Stoff hergegeben. Tausend Seiten wären mir zuviel des Guten gewesen. 

Das Buch hat mir gefallen, wie anschaulich alles beschrieben ist. Nicht wie in Geschichtsbüchern, wo sich Schlachten und Herrscher und Jahreszahlen anhäufen. Sondern so, wie das einfache Volk gelebt hat.

Freitag, 26. Juli 2013

die Memoiren von Chateaubriand


Dichter und Politiker, eine seltene Kombination ? Die deutsche Nation kann dazu nichts beisteuern. In unseren Nachbarländern entdecke ich immerhin Vaclav Havel. Er schrieb Theaterstücke, widersetzte sich dem kommunistischen Machtapparat und  wurde nach den Revolutionen in den osteuropäischen Staaten Ende der 80er der erste Präsident der tschechischen Republik. Dichter und Politiker – mir fallen nur seltene Staatsmänner ein. In der griechischen Antike war es Perikles, der einer Rednerschule entstammte und politische Strukturen schuf, die der heutigen Demokratie größtenteils überlegen war. In der römischen Antike war es Ceasar, der fleißig sein Tagebuch über gallischen Krieg („de bello gallico“) schrieb, worin er sehr viele wertvolle Details – zum Beispiel über die Römer am Rhein – der Nachwelt überlieferte. In der Gegenwart prallen mit der Romantik von Dichtern und dem Machterhaltungstrieb von Politikern Gegensätze aufeinander, die unvereinbar aussehen, so dass ich keinen einzigen Dichter kenne, der gleichzeitig Politiker ist.

Cheateaubriand war ein solches seltenes Exemplar. Geboren 1768 , war er als Adliger dem Ruf Napoleons gefolgt, als hoher Beamter in seiner Verwaltung tätig zu sein. Dieser Ruf ereilte ihn 1800, als er nach Amerika gereist war und danach in England als Lehrer für Französisch seinen Lebensunterhalt bestritt. In England schrieb er seine ersten Erzählungen. Den literarischen Durchbruch erzielte er mit dem Abriss über das Christentum  „le génie du christianisme“, welches er in England begonnen hatte und während der Zeit Napoleons 1802 beendet hatte. In diesem Werk „le génie du christianisme“ stellt er seine eigenen Überzeugungen des Christentums dar, seine Art von Ästhetik und Philosophie, wie er das Christentum gesehen hatte, revolutionäre Ansätze des Christentums, die er in die Bewegungen der französischen Revolution transferierte. Dieses Buch wurde ein Bestseller in Frankreich. Nachdem Napoleon seinen Untergang bei Waterloo erlebt hatte, wurde er unter König Ludwig XVIII ab 1815 Abgeordneter des Oberhauses.

Aus heutiger Sicht könnte man ihn als Europa-Politiker bezeichnen, denn er war während seiner Abgeordnetenzeit gleichzeitig Botschafter, und zwar nacheinander in London, Berlin und Stockholm. 1822 war er Deligierter auf dem Kongress von Verona, auf dem die Besetzung Spaniens durch Frankreich gebilligt wurde. Von 1823-1824 war er Außenminister.

Schloß Combourg; Quelle: Wikipedia
Der Geist des Adligen Francois-René de Chateaubriand ist über Jahrhunderte hinweg im Schloss Combourg in der Bretagne konserviert worden. Chateaubriand schafft es, dass in seiner politischen Karriere seine Erinnerungen um das Schloss Combourg kreisen. So notiert er beispielsweise in Philadelphia in Amerika: „Die Straße die wir entlangfuhren und die mehr angedeutet als ausgebaut war, durchquerte ziemlich flaches Land. Fast keine Bäume, nur hier und da ein paar Farmen, weit auseinanderliegende Dörfer, ein Klima wie in Frankreich, Schwalben die über die Gewässer dahinflogen wie über die Teiche von Combourg.“ Das Schloss erhebt sich mit seinen beiden mächtigen Türmen über der Ortschaft Combourg . Im Schloss kann man das Kinderzimmer von Chateaubriand besichtigen, dessen Ausblick vom Turm aus er in seinen Memoiren beschreibt. Ein Raum ist der Pressefreiheit gewidmet, für dessen Engagement Chateaubriand einige Monate sogar im Gefängnis verbracht hatte.

Obschon Chateaubriand Adliger war, wurde er kaum reich. Als Botschafter musste er Feste veranstalten, zu denen er nur einen kleinen Obolus vom französischen Staat zurück erhielt. Seine Reisen quer durch Europa kosteten mehr als sein Abgeordnetengehalt hergab. Er musste einen Teil seiner Bibliothek verkaufen, damit er umgekehrt den Druck seiner Bücher finanzieren konnte.  

Er selbst unterteilte sein Leben in drei Abschnitte: als Reisender, als Politiker und als Schriftsteller. Seine Memoiren sind jede Menge Stoff. Insgesamt dreißig (!!!) Jahre hat Chateaubriand an seinen eigenen Memoiren geschrieben. Mit der Knappheit meiner eigenen Zeit tue ich mich schwer, dicke Wälzer zu lesen. Das waren insgesamt 782 Seiten, die ich in mich hinein gesogen habe. Mit so viel Seiten war ich rund drei Wochen blockiert. Trotz der hohen Seitenzahl:  die Memoiren haben mich in den Bann gezogen, Chateaubriand hatte viel zu sagen, es war spannend wie im Roman, seine Formulierungen waren literarisch brillant. Viele Herrscher aus Europa kannte er persönlich. Er bewegte sich quer durch die Epochen – Napoleon, Wiener Kongreß und Restaurationszeit (in der Frankreich einen unabhängigen revolutionären Weg genommen hatte). Er war ein Unruhegeist, der ständig in Bewegung sein musste. Seine Kommunikationsfähigkeit quer durch Europa mit dem direkten Draht zum französischen König muss grenzenlos gewesen sein – im prähistorischen Zeitalter ohne Handys oder Smartphones.

Grab von Chateaubriand; Quelle: Wikipedia
1848, als ein kleines Stückchen Französische Revolution Deutschland erreichte, sich aber nicht durchsetzte, starb Chateaubriand. Ab 1830 hatte sich Chateaubriand aus der Politik zurückgezogen. Weitere Essays über Geschichte, Literatur und Politik hatte er bis zu seinem Tod geschrieben.

Dem Meer verbunden, hatte Chateaubriand  in seinem Testament bestimmt, dass er direkt vor der Küste seiner Geburtsstadt Saint-Malo begraben werden wollte. Sein Grab erhebt sich hoch über den felsigen Klippen der Bretagne und schaut auf das Meer hinab. Die Stimmung über diesem Grab ist einzigartig.

Den Deutschen dürfte Chateaubriand übrigens weniger mit seinen Memoiren bekannt sein. Er war Feinschmecker und hatte einen eigenen Koch, der ihn während seiner Tätigkeiten im Ausland begleitete. Das Steak, wie Chateaubriand es mochte, musste von innen stets saftig sein. Sein Koch entfernte die äußeren Stücke des Fleisches, so dass der saftige Inhalt übrig blieb.

Chateaubriand ist also nicht nur eine Symbiose als Dichter und Politiker – sondern auch als Feinschmecker.

Mittwoch, 10. April 2013

Astrid Lindgren - Kalle Blomquist


Beim Betreten ihres Kinderzimmers hampelte unsere Kleine noch genauso herum wie im Badezimmer, als sie sich die Zähne geputzt hatte. In Zickzack-Schritten stolperte sie auf die Treppe ihres Hochbetts. Lässig schlabberten die Beine ihres Schlafanzugs die Stufen hoch. Als sie die Bettfläche erreicht hatte, bohrte sich ihr Blick so überrascht in das Bettzeug mit dem blauen Kreismuster hinein, als hätte sie nie dort geschlafen.

„Papa, ich friere. Decke mich zu !“

Sie legte sich hin, sie breitete Arme und Beine aus, ich deckte sie zu. Doch dann kamen tausende von Zappelmännern aus ihr heraus und sie strampelte mit den Beinen das Bettzeug weg. Die Situation wiederholte sich, ich deckte sie erneut bis auf ihr Kinn zu, hielt das Bettzeug mit der Urkaft eines Ringers fest. Und die zappelnden Beine hatten ihren Spaß, das Bettzeug hochzuwirbeln. Mit der Beständigkeit eines Uhrwerks setzten sie ihre energischen Bewegungen fort.

Allabendlich genieße ich es, in die Welt der Kinderbücher einzutauchen. Ich schnappe mir Kalle Blomquist, halte den gelb-schwarzen Einband in der einen Hand und das Bettuch in der anderen Hand. Meine Faust packt fest zu, damit ich mich gegen dieses wilde und ungestüme Gestrampele behaupte.

Wortgewaltig nennt sich Kalle Blomquist „der Meisterdetektiv“. Als 13 jähriger klärt er in der schwedischen Kleinstadt Kleinköping in drei Kriminalromanen Verbrechen auf, darunter einen Juwelenraub, eine Entführung und einen Mord. Seine gleichaltrigen Freunde Anders und Eva-Lotta sind eine verschworene Gemeinschaft und sie helfen ihm dabei.

Astrid Lindgren kann wunderschön erzählen. Die Geschichten lesen sich einfach, unkompliziert, spontan und auch mit einem Hauch von romantischer Verträumtheit.
„In Windungen und Bogen tastet sich die Straße weich durch die grüne Sommerlandschaft. Sie schlängelt sich um kleine, rauhe Felsvorsprünge, kleine, blinkende Seen, kleine Kiefernwälder, läuft zwischen weißen Birkenstämmen dahin, an blühenden Wiesen und Weiden und wogenden Kornfeldern vorbei ...“ - so beschreibt sie die Küstenlandschaft in Schweden.

Drollig beschreibt sie in einer Passage die Rolle der Eltern, wenn 13 jährige anstelle von Aufgaben für die Schule oder im Haus lieber Verbrecher jagen.
„Eltern sind oft hinderlich. Sie greifen auf verschiedene Weise störend in den Gang der Geschehnisse ein. Manchmal bekommt der Lebensmittelhändler Blomquist den Einfall, dass sein Sohn im Geschäft helfen soll, wenn es dort am meisten zu tun gibt. Und der Postdirektor verlangt alle Nase lang, dass sein Sohn die Gartenwege harken und den Rasen mähen soll. Vergeblich versuchte er seinem Vater klarzumachen, dass ein wild wuchernder Garten viel schöner ist. Der Postdirektor schüttelt nur verständnislos der Kopf und zeigt stumm auf den Rasenmäher.“

Wie Kalle Blomquist seine Kriminalfälle löst, erinnert bisweilen an Sherlock Holmes. „Ich kombiniere“ kann als Leitmotiv seiner Recherchen betrachtet werden. So heften sich die drei Freunde, als der 5-jährige Rasmus entführt wird, auf die Fersen der Entführer. Sie werden entdeckt und können wieder entwischen. Dabei nutzen sie den Augenblick, als ein Entführer Rasmus das Frühstück in die Hütte bringen möchte, wo sie eingesperrt sind, um ihn zu überwältigen. Dabei kann Kalle Blomquist entkommen. Die Geschichte steckt voller Überraschungen, denn in diesem Moment schließt der 5-jährige Rasmus die Hütte von innen ab und wirft den Schlüssel aus dem Fenster. Ein Entführer ist nun gemeinsam mit Rasmus und Eva-Lotta in der Hütte eingesperrt. Im Endeffekt sorgt Kalle dafür, dass die drei Entführer gefangen werden, indem er in ein Wohnhaus eindringt und über Funk die Polizei verständigt.

Achja, was die jugendlichen 13-jährigen treiben, rankt sich um einen Bandenkrieg der Roten und der Weißen Rose. Ruppig und eiskalt geht es in diesem Bandenkrieg zu. Die beiden Parteien prügeln sich und vertragen sich, denn in Wirklichkeit sind sie beste Freunde. Jedenfalls belauern und bekriegt man sich dauernd. Streit- und Zankobjekt ist der sogenannte Großmummrich, das ist ein Stein mit der Form eines kleinen, sitzenden Männchens.

Dem Druck der aufwühlenden Beinbewegungen habe ich längst nachgegeben. Das Herumgezappele war erlahmt. Gefügig hörte sie der Geschichte zu. Ab und zu lachten wir herzhaft, wenn der 5 jährige Rasmus mit den Entführern diskutiert und sie mit den Argumenten eines 5 jährigen zur Verzweiflung bringt.

Astrid Lindgren ist eine herrliche Mischung aus kindlicher Naivität, jugendlichem Lausbubenstreichen, detektivischem Scharfsinn und schrägen Verbrechertypen, denen ein jugendlicher Spürsinn hinterher ist.

„Meine Füße frieren … „
Flehte unsere Kleine mich aufs Neue in einem zitternden Tonfall an. Als ich ihre zarten Füße anfasste, waren sie tatsächlich in Kälte erstarrt. Rasch deckte ich sie zu, damit sie sich nicht erkältete. Ein letztes Aufbäumen ihrer zappeligen Beine, dann kuschelte sie sich unter der Bettdecke.

Nachdem ich das Kapitel beendet hatte, wünschte ich ihr eine gute Nacht.

Freitag, 1. Februar 2013

Thea Dorn und Richard Wagner - die Deutsche Seele


Der Weg ist das Ziel – dies hatte kein Deutscher gesagt, sondern Konfuzius. Das Buch von Thea Dorn und Richard Wagner lädt ein zur Suche – was man so als typisch deutsch betrachtet. Griffig, nach dem Alphabet sortiert, bei A wir Abgrund beginnend und bei Z wie Zerrissenheit endend, hangeln sie sich durch.

Was man mit Deutschen verbindet. Nicht als Nation, nicht als Entstehungsgeschichte über Fürsten, Feldherrn, Krieger, Politiker, Staatsmänner. Diese kommen auch vor, aber eher am Rande. Die Großen der Geschichte kommen vor, aber sie haben sich unterzuordnen unter die Themen, die den Begriffen gleich gesetzt sind, Themen, die aus lauter Banalitäten bestehen, aus denen sich das Deutsche zusammensetzt. Der Weg ist das Ziel – das Buch ist eine Entdeckungsreise in Begriffswelten, von denen eine spannender ist als die andere.

Thea Dorn, sie ist Anfang 40 – ich kannte sie aus dem Literatur-Club des SWR-Fernsehens. Außer Büchern hatte sie u.a. Drehbücher für Tatorte geschrieben. Richard Wagner ist 1952 in Rumänien geboren und emigrierte Ende der 80er Jahre nach Deutschland.

Bis in die 80er Jahre war ich gehemmt, Deutscher zu sein. Mein eigenes Volk hatte ich als eine Ansammlung von Verklemmtheiten, Geheimnistuereien, Abschottungen, Kommunikationsunfähigen, konventionell Denkenden und auch Eitlen und Lobhudelnden kennen gelernt. Im Beruf lernte ich die Bürokratie kennen: dort herrschten Verhaltensweisen, die eher aus der Wilhelminischen Zeit stammten – Ordnung, Disziplin, Fleiß, Sparsamkeit waren angesagt. Was die Obrigkeit sagte, wurde gemacht; untertänig befolgte man deren Regeln; die Dinge wurden nicht in Frage gestellt; das Denken überließ man lieber den Pferden; man schottete sich ab und suchte sein Glück im eigenen familiären Kreis, an den man keinen anderen heran ließ. Dies waren meine Wahrnehmungen der Deutschen Seele, und ich war überhaupt nicht stolz darauf, Deutscher zu sein.

Hätte ich Thea Dorn und Richard Wagner dreißig Jahre früher lesen können, wäre mein Verhältnis zum Deutschsein bestimmt entspannter gewesen. Puppenhäuser und Weihnachtsmärkte, Schrebergarten und Kitsch, das liest sich vollkommen unaufgeregt und auch unpolitisch. Sie denken sich in Alltagsbegriffen vorwärts, mit denen jeder weithin etwas verbindet. Und innerhalb dieser Begriffswelt bewegen sie in ein intellektuelles Niveau hinein, das nicht die Bodenhaftung verliert – und dies finde ich spannend. Da geht die Suche in der deutschen Vergangenheit los. Querbeet und Querdenken: sie brillieren in Philosophie, Literatur, Geschichte, Mystik, Musik und so weiter. Sie bringen alles mit allem in Verbindung, und – wie durch ein textliches Wunder – passt auch alles zusammen. Thea Dorn und Richard Wagner haben mich bisweilen tief gerührt: wie das Puppenhaus vor dem Dreißigjährigen Krieg entstanden ist und wie die Kinder im Dreißigjährigen Krieg damit gespielt haben. Bier, Abendbrot, Dauerwelle, Strandkorb – sie arbeiten Begriffe ab, mit denen jedermann weithin etwas verbindet. Dabei durchdringen sie in Tiefenbohrungen all die Vielfalt und Facettierungen.

Speziell die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nimmt ein handhabbares Maß an, ja, sie kommt mir sogar locker vor. In Fernsehberichterstattungen sehe ich demgegenüber eher verkrampfte Züge: die Reduzierung der Gegenwart auf Juden und Vertriebene, häufiges Wegsehen bei der Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit, eine übersensible Reaktion, wenn ausländische Nationen auf unsere NS-Vergangenheit verweisen. Thea Dorn und Richard Wagner reduzieren das schwierige Thema Hitler auf Nebenrollen, die sie anekdotenhaft erzählen und mit ihrer spitzen Feder eine klare Standortbestimmung abgeben. Bei Mitläufern wie dem Philosophen Heidegger erheben sie mahnend ihren Zeigefinger.

Erfrischend ist ihr Stil, dass sie nicht nur Goethe, Schiller, Kant, Hegel, Heine oder Heinrich von Kleist aus dem Schlaf zitieren können, sondern auch Zeitgeist und Aktuelles erzählen. So teilen sie die Begeisterung der Massen für den Fußball – die Fußball-Weltmeisterschaften 1954 und 2006 erhalten genauso ihren Stellenwert wie die Fußball-Bundesliga. Ebenso begeistern sie sich für Lena Meyer-Landruth nach dem gewonnenen Eurovision Contest. Der Autobahn widmen sie ein eigenes Kapitel samt den unterkühlt-elektronischen Musikklängen der Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk. In den Krimisendungen der Tatorte sehen sie das Prinzip des Föderalismus. Ekel Alfred alias Heinz Schubert sehen sie als Sparringspartner des Spießbürgers. Über all diesen Fernseh-Helden steht Winnetou bei den Karl-May-Festspielen.

In diesem Wälzer von 560 Seiten werde ich noch lange herum blättern. Es ist eines derjenigen Bücher in der letzten Zeit, die mich am stärksten bewegt hat.

Freitag, 4. Januar 2013

Frank Schirrmacher - Minimum


Beim Lesen des Buches dachte ich spontan: so etwas musste niedergeschrieben werden. Schirrmachers Gedankengänge passten genau dazu, was ich zu Familie und zu sozialen Bindungen dachte. Und umgekehrt: dass soziale Bindungen verworfen wurden, so dass ein Ersatz-Netz von sozialen Bindungen konstruiert werden musste; fehlte dieses, drohte ein Absturz ins Bodenlose.

Doch ich möchte von vorne anfangen. Schirrmacher beginnt mit der Katastrophe am Donner-Pass. 1846 bewegte sich ein Treck von 81 Siedlern, angeführt von George Donner, durch den Mittleren Westen der USA. Ende Oktober überraschte sie ein früher Wintereinbruch in der Sierra Nevada. Schneestürme und eisige Temperaturen hörten nicht auf, so dass sich die Siedler weder fortbewegen konnten, noch gerettet werden konnten. Dies geschah erst im März des Folgejahres, nachdem die Siedler unter grausamen Bedingungen überwintert hatten. Mord, Kannibalismus, keine Gräueltat wurde ausgelassen, um zu überleben. Rund die Hälfte der Siedler starb in der Hölle des Winters.

Da innerhalb der Familie überdurchschnittlich viele Menschen – inklusive Alte und kleine Kinder – überlebt hatten, schließt Schirrmacher hieraus, dass der soziale Zusammenhalt in einer Familie höher zu bewerten ist als Individualismus und Einzelkämpfertum.

Die Tragödie am Donner-Pass begleitet mehrere Kapitel – quasi als Leitmotiv. Dabei bilden sich zwei Kernbegriffe heraus. Bindungen und Netzwerke ergeben den Begriff des sozialen Kapitals. Dieses Kapital beruht auf dem Solidaritätsprinzip innerhalb der Gemeinschaft – Vorbild ist die Familie – und steht dem ökonomischen Prinzip konträr gegenüber. Der zweite Kernbegriff ist der Altruismus: Liebe für den anderen bis zur Selbstaufgabe, die in der Familie intensiver ist als bei anderen sozialen Bindungen.

Schirrmacher beleuchtet unsere Gesellschaft nach diesen Kriterien: welche Sichtweisen auf Familien vorherrschen. Der Titel „Minimum“ schwenkt zum Donner-Pass zurück. Dort war es ein Minimum an physischer Existenz, das den Menschen in der Hölle des Winters verblieben war. Heute ist es großen Teilen unserer Gesellschaft ein Minimum an sozialen Bindungen und sozialen Netzwerken. Dies liegt an individuellen Nutzenkalkülen, mit denen aus ökonomischer Sicht soziale Bindungen und soziale Netzwerke – auch Familien inklusive Kinder - bewertet werden.

Schirrmacher untermauert diese These mit einem Beispiel aus der Spieltheorie:
Ein Versandhandel hat drei Kunden dasselbe Produkt zugesandt und alle drei Kunden haben eine falsche Rechnung erhalten (der Rechnungsbetrag ist zu niedrig). Studenten aus den Fachbereichen Astronomie, Philosophie und Ökonomie müssen einen Fragebogen ausfüllen, ob sie dem Versandhandel den Fehler mitteilen oder nicht. 1.  Fragebogen ausfüllen, ohne dass die Studenten miteinander geredet haben  2.  Diskussion untereinander  3.  Fragebogen ausfüllen nach Diskussion. Bei Punkt 3 wird die Anzahl der unehrlichen Studenten bzw. Kunden immer größer sein als bei 1), da die Ehrlichkeit den übrigen beteiligten Personen schadet. Es setzt sich daher das ökonomische Prinzip durch, dass jeder seinen eigenen individuellen Nutzen betrachtet.

Diejenigen Kapitel, in denen Schirrmacher ausführt, dass in Deutschland zu wenige Kinder geboren werden, finde ich eher schwach. Er betreibt Ursachenforschung – wobei die Zusammenhänge eines überlasteten Sozialstaats, einer falschen Ausländerpolitik oder zu hohen Fernsehkonsums eher vage erscheinen. Genauso vernachlässigt er den Gegenpol des familiären Solidaritätsprinzips: wenn Familien zu sehr zusammen hocken, wenn Konflikte in der Familie nicht gelöst werden können, weil die Familie das Maß aller Dinge ist; wenn Familien eine Art von Scheuklappendenken hervor bringen.

Stark ist Schirrmacher bei seinen Analysen zum Zustand unserer Gesellschaft. Dass die Rohstoffe der Zukunft knapper werden, nämlich Beziehungen zu Freunden oder Verwandten. Dass es an Vertrauen fehlt, weil Uneigennützigkeit und Solidarität abhanden gekommen sind. Dass unsere Gesellschaft hoch individualisiert ist, wobei die einzelnen Individuen nur schwach miteinander kommunizieren. Dass, wenn die Identifizierung mit der Familie fehlt, die Suche nach dem Selbst ins Leere führen kann.

Um die Familie aufrecht zu erhalten, kommen Frauen Mehrfach-Rollen zu, bei denen sie über sich hinaus wachsen müssen. Eigene Kinder müssen sie groß ziehen. Da unsere Gesellschaft immer älter wird, müssen sie sich mit zunehmender Intensität um die eigenen Eltern kümmern. Dazu kommt ihre Rolle im Beruf, dass es zum Normalzustand geworden ist, dass Frauen mit ihrem eigenen Einkommen zur wirtschaftlichen Basis beitragen. Am Donner-Pass: dort war bewiesen worden, dass es die Frauen waren, die den familiären Zusammenhalt herbei geführt hatten. So manche Frau gibt es genauso heutzutage, die als Übergröße alles managed und dafür sorgt, dass alles in der Familie in geordnete Bahnen gelenkt wird.

In vielen Passagen hat mir Schirrmacher aus der Seele gesprochen. Obschon die Kapitel über die Kinderlosigkeit in Deutschland etwas kürzer hätten abgefasst werden können, ist vieles essenziell und lesenswert in diesem Buch. Schirrmacher, der übrigens Mit-Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist, hat mich fasziniert.