Voller Skepsis sah ich die beginnende Weihnachtszeit
auf mich zurollen. Dennoch sah ich die Dinge positiv. Die Schule hatte sich
Mühe gegeben. „In der Weihnachtsbäckerei“ zu singen, betrachtete ich als Kult,
denn dieses Weihnachtslied fiel effektiv aus dem Rahmen. Ich entkam dem ganzen
Gedrängele, indem ich einen Stehtisch dicht am Fenster erwischte. Ich schaute
auf den Schulhof, wo Kinder in wirrem Gehopse hin- und her rannten, ihre Eltern
umschwärmten und sie dann hinter sich herzogen, um ihnen in ihren Klassenräumen
Basteleien zu zeigen.
Ich sah die Dinge auch deswegen positiv, weil ein
Märchenerzähler vorlas. Und zwar Hänsel und Gretel. Der Märchenerzähler gab
sich Mühe und nahm sich viel Zeit, denn eine Stunde lang verschwand unsere Kleine gemeinsam mit anderen Kindern. Niemand störte die Kinder hinter einem grünen Samtvorhang, wo der
Märchenvorleser sie in aller Ausführlichkeit in die Geschichte über eine Hexe
und zwei bitterarmen Kindern entführte, die zum Schluss ein gutes Ende fand.
Derweil stützte
ich meine Ellbogen gemütlich auf den Stehtisch. Der Kaffee dampfte, ich
schlürfte den brühwarmen Muntermacher hinunter. Zugezogen, hatte ich zu den
Bewohnern im Ort keinen regen Kontakt. Doch Gesichter, die ich über Kindergarten
oder Schule oder Nachbarschaft kannte, rannten mir bei solchen Veranstaltungen
in der Grundschule stets über den Weg.
Es war Ellen.
Die Falten hatten in dem Gesicht der Mittvierzigerin
Überhand genommen. Schlaff hing ihr schulterlanges, braunes Haar herunter. Ich
kannte sie, weil die Firma ihres Mannes uns damals ein Angebot für Solarzellen
auf unserem Häuserdach machen wollte – was dann aber nicht geschah. Ihr
jüngster Sohn ging in die dritte Schulklasse.
„Wie geht es ?“
„Übel. Manchmal bin ich nur noch am Heulen.“
Ich wusste, dass ihr Ehemann sie kurz vor der
Silberhochzeit verlassen hatte, weil er seine eigene Freiheit entdeckt hatte
und sich selbst verwirklichen wollte.
„Dein Lebensstandard geht wahrscheinlich gleich
Null.“
„Ich sage nur: übel. Im Hotel mache ich Zimmer
sauber, weil ich den ganzen Tag nicht in der Bude hocken kann. 600 Euro
verdiene ich dort. 100 Euro bleiben übrig, weil dann das Amt kein Wohngeld mehr
zahlt. Das Amt zieht mich also auf Hartz IV-Niveau runter, egal, was ich
mache.“
„Deine Jungs ?“
„Genauso übel. Mein ältester, der sechzehn ist, ist
seit einem Jahr bei seinem Vater. Mein Ex hat nun eine Freundin, die gut
verdient. Er kann unserem ältesten all dieses elektronische Spielzeug bieten,
was ich ihm nicht bieten kann.“
Ich holte uns beiden einen weiteren Kaffee. Ich
staunte, wie ruhig sie war. War es unser Gespräch, das ihre Verkrampfung löste
? Dann umklammerten ihre Finger den Kaffeebecher, in langen Schlücken sog sie
ihn in sich hinein. Das Menschgewimmel vor der Kuchentheke hatte sich
gelichtet. An den Spiegelungen der Deckenbeleuchtung vorbei, verirrte sich mein
Blick durch das Fenster, wo sich unsere Pfarrkirche standhaft von dem grauen
Novemberhimmel abhob.
„Deine anderen beiden Jungs ?“
„Der ältere schreit nur rum. Ich könne nicht kochen,
er will meinen Fraß nicht essen, ich wäre eine Schlampe. Vater und Freundin
stacheln ihn an. In ein paar Jahren ist der auch bei seinem Vater, weil er
zahlungskräftiger ist und mehr bieten kann.“
„Deine Eltern ?“
„Habe ich keine. Bin bei meiner Pflegemutter
aufgewachsen.“
Ich senkte meinen Kopf. Das war übel.
Wir redeten über weitere Übelkeiten, über Scheidungsrecht,
über Endlosveranstaltungen von Gerichtsprozessen, über eine höchst richterliche
Entscheidung, dass die 250 Euro Unterhalt ihre Richtigkeit hatten. Übel war
auch der tägliche Existenzkampf, mit dem Geld klar zu kommen.
Sie jammerte nicht, umgekehrt war ihr aber auch kein
Lächeln zu entlocken. Dieser Adventsbasar hatte mir übel mitgespielt. Wie aufs
Glatteis geführt kam ich mir vor, ob und wie ich ihr helfen könnte.
Üblicherweise hielt ich mich von solchen Beziehungsdramen ganz weit fern.
Bislang kannten wir sie so gut oder so schlecht, wie wir die übrigen Nachbarn
in unserer Nachbarschaft kannten.
Als ich den Adventsbasar verlassen hatte, geisterte
sie noch lange in meinem Kopf herum. Von solchen Einzelschicksalen bekamen wir
eher selten etwas mit. Ich hatte in Abgründe hinein geschaut, die uns erspart geblieben
waren. Glücklicherweise.





























