Montag, 18. Februar 2013

Papa, dopst Du auch ?


Im Badezimmer war unsere Kleine halbwegs ruhig. Das Oberteil ihres Frottee-Schlafanzugs hatte sie über gestreift, ihre Lieblingspuppe begutachtete vom Boden aus ihren Fortschritt beim Aus- und Anziehen. Bis zu den Oberschenkeln angezogen, schlabberte ihre Schlafanzughose die Beine entlang. Ihren Haargummi hatte ich herausgenommen, so dass ihr üppiges Haar den Rücken herunterfiel. Ihre nackten Füße hoppsten auf der Badezimmermatte herum. Gegen halb 8 Uhr abends lagen wir gut in der Zeit zum Zubettgehen.

Mit Albernheiten, die ich allabendlich über mich ergehen ließ, hielt sie sich zurück. Weder stimmte sie das Lied „Gangnam Style“ an und fing an herum zu tanzen, noch wollte mich unsere kleine 7-jährige in eine „Sexy Lady“ umtaufen. Aber verschmitzt, als führe sie etwas im Schilde, wanderte ihr Blick zu mir.  Was ließ sie sich heute Abend einfallen ? Dann wurde ihr Gesichtsausdruck streng, kritisch, streifte prüfend an mir vorbei.

„Papa, dopst Du auch ?“
Im ersten Moment registrierte ich diese Schlüsselfrage gar nicht. Ich kam mir vor wie auf einem fremden Planeten, auf dem ich die wichtigsten Ereignisse verpasst hatte. Abendessen, auf Toilette gehen, Zähne putzen, Zubettgehen, dazu Doping ? Ich glaubte, mich verhört zu haben. Ungläubig schaute sie zu mir herauf und bemerkte wohl meine Verwirrung. Sie war genauso irritiert, dass ich nicht antwortete. Als ich sie genauso ungläubig anschaute, fasste sie nach:

„Papa, dopst Du auch ? In den Nachrichten vom Kinderkanal haben sie zuletzt gesagt, dass Radrennfahrer dopen. Du fährst Rennrad. Also dopst Du auch.“
Ihr Blick war hell, und ihre Worte klangen überzeugend. Sie meinte es ernst.

„Nein, das sind alles Profi-Radrennfahrer. Die fahren ungefähr das doppelte am Tag, was ich fahre. Und die fahren auch ganz viele Tage hintereinander. So viel wie die Profi-Radrennfahrer fahren, das schaffe ich nicht.“

Wie so oft, rang ich nach Worten, um Dinge aus der Erwachsenen-Welt kindgerecht auszudrücken. In anderen Situationen hatte ich Schwierigkeiten, etwas in eine Kinder-Sprache zu übersetzen, damit sie dies in ihrer Welt verstehen konnte. Auch diesmal war es mir wohl nicht gelungen. Eine Haarlocke wirbelte über ihre Stirn, und ihre großen blauen Augen starrten mich an.

„Papa, jedes Mal, wenn Du mit dem Rennrad nach Hause kommst, bist Du stolz, welche lange Strecke Du gefahren bist. Also dopst Du auch.“

Die Worte aus dem Munde eines Kindes waren deutlich. War das Image des Radrennsportes so herunter gewirtschaftet ? Dass selbst Kinder in der Grundschule dies verstanden hatten ? Dass alleine das Wort „Radrennsport“ negativ belegt war ? Der Fall Lance Armstrong geisterte durch die Medien. Armstrong hatte in einem Fernseh-Interview seine Doping-Aktivitäten gestanden. Da gleich mehrere Radrennteams vom Doping betroffen waren, konnte man jede Menge Radrennfahrer unter Generalverdacht stellen. In kriminelle Netzwerke hineingeraten, verkörperte der Sport an für sich keinen Wert mehr. Die Trennung war schwierig, welche Leistungssportler mit krimineller Energie nach Ruhm und Ehre strebten und ihr Zuhause mit Medaillen, Pokalen und gelben Trikots pflasterten. Und welche Leistungssportler aus Spaß und Freude an Wettkämpfen teilnahmen. Ich schüttelte den Kopf.

„Nochmal, Schatz. Die verdienen so viel Geld damit, dass sie Radrennen fahren, wovon wir nur träumen können. Die strampeln so viele Kilometer ab, dass sie in einer Saison locker einmal um die Erde fahren. Ich kriege kein Geld dafür, wenn ich mit dem Rennrad fahre.“

Sie grinste mich an und war womöglich froh, mich aus der Fassung gebracht zu haben. Einen wunden Punkt hatte sie getroffen, denn um die sportliche Idee war es schlecht bestellt. Habgierigen Sportlern wie Lance Armstrong waren Tür und Tor geöffnet, sich nach Lust und Laune zu bedienen, und der ursprüngliche Gedanke von Teamgeist, sportlicher Ertüchtigung, Ausdauer, Kondition, mentaler Ausgeglichenheit, Reinigung von Körper und Seele, blieb dabei auf der Strecke.

„Papa, dopst Du auch ?“
Diesmal schwieg ich, denn sie war an dem Punkt angelangt, dass sie nicht verstehen wollte. Sie nahm ihre Zahnbürste, schrubbte mit der Zahnpasta über ihre Zähne. Rasch strahlten diese blendend weißen in ihrem zarten und lieblichen Gesicht. Ein überquellendes Lächeln wanderte mit ihrer kleinen, mitunter zappelnden Gestalt ins Bett, wo sie sich einkuschelte und das Geschichtenbuch in Reichweite lag.

Sonntag, 17. Februar 2013

der Schnee schmilzt weg ...

Das Zeitfenster war kurz. Es taute, der Schnee verwandelte sich in Wasser. Nach rund zwei Stunden war vom Schnee nichts mehr zu sehen. Die letzten Momente des schwindenden Schnees habe ich letzten Freitag festgehalten.


Reifenspuren zeichnen sich scharf und deutlich in den Schnee hinein.


Diese Spuren könnten von einem Hund stammen.


Wasser und ein schmaler Streifen von Schnee sammelt sich vor dem Gully.


Der nasse Schnee rutscht die Windschutzscheibe hinab.


Wie auf einer Insel klammert sich der Schnee an der unselbständigen Grünfläche.


Laufrad und Bobby-Car werden sich bald vom Schnee befreien.


Wieder die Reifenspuren: diesmal in die Felder hinein.


Das Gras gewinnt mit Grüntupfern die Oberhand.


Auf der Wiese breitet sich die grüne Färbung zunehmend aus.


Feiner Nieselregen lässt auch hier bald den Schnee verschwinden.

Samstag, 16. Februar 2013

Burgfriedhof

Die Orte voller Mystik und Zauber, die Maegwin in ihrem Blog beschreibt, haben mich inspiriert. Maegwin hat Friedhöfe in Paris und Barcelona aufgesucht. Ich bin nicht so weit gereist. Der Friedhof unterhalb der Burg ist klein und steckt - so widersprüchlich es klingt - voller Leben. Der Friedhof fügt sich ein in die Harmonie der Natur. Stille, Gräber und die Toten laden zur Besinnung ein.



Die Eingänge schaffen einen würdigen Rahmen.






Die Grabsteine sind prächtige Kunstwerke.




Steinfiguren runden die Monumentalität ab.



Kreuze sind verwittert wie die Vergänglichkeit des Lebens.




Efeu rankt sich um den Schlaf der Toten.




Ein Rest von Schnee bedeckt die Grabplatte.




Als Blumenschmuck überleben im Winter lediglich Plastikblumen.




Ich besinne mich auf die Auferstehung als eine der Kernaussagen christlichen Glaubens.

Freitag, 15. Februar 2013

Glockentürme (9) - der Glockenturm in Regniéville (Frankreich) als Mahnmal an den ersten Weltkrieg


Schon nach einem Monat war die Begeisterung in Starre übergegangen. Am 3. August 1914 hatte auf der Wilhelmstraße in Berlin das Volk gejubelt. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, in einer flammende Rede hatte der deutsche Kaiser zu der Kriegserklärung Stellung bezogen. Die Menschenmassen waren außer sich, die Stürme der Begeisterung nahmen kein Ende. Alle wollten in diesen heiligen Krieg, in dem sich alle Nationen gegen das Deutsche Reich verschworen hatten.

Quer durch Belgien, dessen Neutralität sie verletzten, marschierten die deutschen Truppen immer tiefer nach Frankreich, bis die Schlacht an der Marne das schwindelerregende Tempo des Durchmarschs stoppte. Das war einen Monat später. Danach erstarrte der erste Weltkrieg in einem Stellungskrieg, in dem Geländegewinne nur in Metern verbucht werden konnten. Irrsinnige Materialschlachten entstanden, in denen die Feinde sich gegenseitig mit Mörsern, Granaten, Bomben, chemischen Kampfstoffen und mit der ganzen Tötungsmaschinerie bekämpften.

Neben den Kriegsschauplätzen im Norden – Ieper, Vimy oder des chemin des dames – war es vor allem Verdun, das als Symbol des Wahnsinns Eingang in die Geschichte gefunden hat. Der Ring von Festungssystemen, unterirdisch angelegt, mit Munitionsdepots, Lazaretten und selbst Bäckereien, setzte sich südlich von Verdun quer durch Lothringen fort.

Dort tobten die Kämpfe in derselben Erbarmungslosigkeit wie im Rest von Nordfrankreich. Im Gegensatz zu Verdun eroberten die deutschen Truppen bereits im September 1914 die Festung Saint-Mihiel – etwa 30 Kilometer westlich von Metz. Südlich von Saint-Mihiel erstreckten sich ausgedehnte Wälder, in denen der Stellungskrieg tobte, ähnliche Materialschlachten wie in Verdun geschlagen wurden und die Feinde sich gegenseitig neutralisierten.

Dörfer und Städte, die in diese Frontlinie hinein gerieten, sahen ähnlich zerstört aus wie manche Städte im Rheinland nach dem zweiten Weltkrieg – wo beispielsweise Düren zu 100% zerstört wurde. Diese totale Zerstörung ereilte im ersten Weltkrieg auch den Frontabschnitt in den Wäldern vor Saint-Mihiel. Darunter war auch das Dorf Regniéville.

Alleine der Stumpf der barocken Kirche ragte aus der Trümmerwüste heraus. Anderenorts entlang der Frontlinie wurden Glockentürme militärisch zweckentfremdet: mit ihrer Höhe ragten sie aus der Hügellandschaft hinter der Mosel heraus, und man nutzte sie als Beobachtungsposten. Man entfernte die Glocken; Dachziegel nahm man heraus, um die Lücken als Schießscharten zu verwenden; Maschinengewehre positionierte man auf der Plattform des Glockenturmes.

Nachdem Regniéville zwischen die Fronten geraten war, flohen die Bewohner in sichere Teile Lothringens – das war tiefer nach Westen oder Süden in das Mittelgebirge der Argonnen hinein. In einem Tagebuch berichtet ein französischer Soldat, wie im März 1915 die Gegend um Regniéville als militärisches Aufmarschgebiet diente. Zwischen zerstörten Dörfern und Städten klammerte sich der übrig gebliebene Stumpf des Glockenturms an seine Existenz und beobachtete das geschäftige Treiben, das an einen Ameisenhaufen erinnerte. Fahrzeugschlangen mit Waffen, Munition und Kanonen holperten über unwegsame Straßen. Die aufeinandergestapelte Munitionskisten erreichten mitunter die Höhe von Häusern, die nun zu Ruinen geworden waren. Aus den Schützengräben trugen die Sanitäter des Roten Kreuzes das Elend von Verwundeten und Toten in Sicherheit. Kompanien von Soldaten marschierten in ihre Stellungen, in umgekehrter Richtung kehrten andere Soldaten zurück.

Den harmonischen Klang der Glocke hatte der Krieg längst ausgelöscht. Dafür hallte in der Ferne der metallische Klang des Kanonendonners. Nervös, fast im Flüsterton, entluden sich Gewehrschüsse in kurzer Abfolge hintereinander. In der Ferne, wuchs der Lärm eingeschlagener Granaten mit einem dumpfen Knall an.

Als im November 1918 der zweite Weltkrieg zu Ende ging, war außer den kargen Resten des Glockenturmes nichts mehr von Regniéville übrig geblieben. Ob bzw. Wie Regniéville wieder aufgebaut wurde, entschied letztlich das Erzbistum in Toul. Es gab insgesamt drei Orte in Lothringen, in denen diese Orte mitsamt der Kirche in einem solchen Umfang zerstört waren, dass sich ein Wiederaufbau der Kirche nicht lohnte. Im Jahr 1920 entschied der Erzbischof von Toul, dass diese drei Orte (außer Regniéville waren dies Remenauville, Fey-en-Haye und Flirey) als Mahnmal an den zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebaut wurden. Die Kirchen wurden ebenso nicht wieder aufgebaut, wobei an derselben Stelle neue Kirchen in einem zeitgemäßen Stil gebaut wurden.

So wurde in Regniéville im Jahr 1920 eine Kapelle (anstelle einer Kirche) im neoromanischen Stil neu gebaut – mitsamt einem Glockenturm.

Der Glockenturm von Regniéville gehört heute zur Gemeinde Thiaucourt. Und in Thiaoucourt wurde eine der größten deutschen Soldatenfriedhöfe in Frankreich angelegt.

Ganz herzlich möchte ich mich bei Mam Léa für die ausgezeichnete deutsch-französische Zusammenarbeit bedanken, denn sie hat es mir erlaubt, ihre Fotos von Regniéville auf meiner Blog-Seite zu veröffentlichen.



Mittwoch, 13. Februar 2013

neue Digitalkamera


Ein kurzer Schnappschuss im Rheinau-Hafen in Köln. Den Harry-Blum-Platz wollte ich fotografieren. Harry Blum war Oberbürgermeister von Köln und starb im Jahr 2000 im Alter von 55 Jahren urplötzlich an einem Herzversagen. Eine traurige Geschichte, die in meinem Themenspeicher abgelegt hatte, um einen Post darüber zu schreiben. Doch das Objektiv meiner Digitalkamera stockte beim Herausfahren. Ich probierte es noch einmal, doch das Objektiv quälte sich ab, blieb auf halbem Wege stehen. Die Fehlermeldung „Objektivstörung“ erschien auf dem Display.

Zu Hause stellte ich entsetzt fest, dass sich die Objektivstörung den falschen Zeitpunkt ausgesucht hatte. Die einjährige Garantie war am 24. Januar abgelaufen, genau acht Tage später, am 4. Februar, hatte mich die  Objektivstörung gezankt. Da hatte ich wohl Pech gehabt. Ich rechnete zusammen: meine Digitalkamera nach Nikon schicken, Kostenvoranschlag erstellen, Objektivstörung beheben; die Wahrscheinlichkeit, beim Kaufpreis von 89 € zu landen, hielt ich für relativ hoch.

Also eine neue Digitalkamera kaufen. Später, falls die neue Digitalkamera dasselbe Schicksal ereilen sollte, wollte ich die alte Digitalkamera reparieren lassen, um damit – als Reserve - weiter fotografieren zu können.

Das war traurig, dass ich so denken musste. Die Digitalkameras, die ich bislang besaß, hatten eine maximale Lebensdauer von zwei Jahren, bis die erste Reparatur fällig war. Was waren das noch für Zeiten ! Die Rollei, die ich mir 1992 gekauft hatte, als noch niemand an Digitalkameras dachte, hielt sagenhafte fünfzehn Jahre, bis die Bilder einen Rotschleier oder Violettschleier oder Grauschleier bekamen, je nachdem, wie das Licht einfiel.

Die jetzige Nikon S3100, die ich mir rund einem Jahr gekauft hatte, damit war ich eigentlich super-zufrieden. Bequem und flach lag sie in der Hand; wenn man von Dunkelheit absieht, waren die Fotos schön gestochen scharf; Akku aufladen anstelle Batterien auswechseln, fand ich genial; die Tastenfolge: Auslöser, Zoom, Bilder ansehen, Bilder löschen, Blitz ein- und ausschalten kannte ich im Schlaf; schließlich: der Preis von 89 € war unschlagbar. Die Nikon S3100 hatte mich durchaus begeistert. Obsoleszenz, der Trend zu immer kürzeren Nutzungsdauern, ich tat mich schwer, mich damit abzufinden.

Bis zum Kauf der neuen Digitalkamera wurde mir schmerzlich bewusst, wie abhängig ich beim Bloggen von der Digitalkamera geworden war. Ich denke parallel in Worten und in Bildern. Am Anfang steht die Wahrnehmung, was ich tagtäglich sehe. Da setze ich bereits die Brille durch die Digitalkamera auf, aus welchen Perspektiven ich die Dinge betrachte, wie ich in Details hinein schaue, wie ich Hintergründe gestalte, wie die Farben zusammen passen, wie das Licht einfällt, welche Rollen Menschen einnehmen usw. Alleine beim Betrachten (mit Hilfe der Digitalkamera) setzen sich bereits vielfache Gedankenketten in Gang. Bisweilen sind diese Gedankenketten so intensiv, dass ich regelrecht „unter Strom“ stehe. Es muss heraus. Es muss niedergeschrieben werden. Oder es muss als Abfolge einzelner Fotos in Form und Inhalt gebracht werden.

Zirka fünf Tage ohne Digitalkamera durch die Gegend zu rennen, war ein höchst ungewöhnliches Erlebnis. Spontan – beispielsweise als der Rosenmontagszug vorbei war – konnte ich nichts für die Ewigkeit festhalten. Ich hätte gerne einfach drauf los fotografiert. Diese Unordnung, leere Bier- und Schnapsflaschen, kostümierte Jecken an allen Straßenecken, Clowns und Pappnasen, die in allen Schaufenstern als Dekoration aufgeklebt waren, vor dem Eingang einer Disko bildete sich eine lange Warteschlange. Die Motive verloren an Wirkung, weil ich sie nicht fotografieren konnte. Mein Blick wandelte auf einem seichteren Niveau an den Dingen vorbei.

Es ging auch so, ohne Digitalkamera. Das Schreiben meiner Posts war effektiv anstrengender. Aus der Digitalkamera und aus den Eindrücken schwirren gewöhnlich jede Masse Bilder in meinem Kopf herum. Ich muss sie greifen, um daraus Worte zu formulieren. Der Strom der Bilder war nun schmaler geworden. Das Greifen der Worte dauerte länger. Als ich die Wäscherprinzessin und den U-Bahn-Bau in Köln schrieb, hatte ich keine Digitalkamera zur Hand. Das waren reine Sachtexte. Recherchieren, recherchieren, recherchieren, eine gefühlte Ewigkeit hatten sich diese Posts in die Länge gezogen, bis ich die Worte gefunden hatte. Graffiti-Kunst: gerne hätte ich diesen Post aufgepeppt mit weiteren schönen Graffitis, und der Post kam mir irgendwie halbfertig und unausgereift vor.

Es hat mich überrascht, wie sehr mein Denken durch das Schauen durch die Digitalkamera gesteuert wird. Analogien werden gebildet, Zusammenhänge konstruiert, die Dinge werden in Abläufe und Bewegungen überführt, die Grenzen zwischen Schönem und Hässlichem verschwimmen. Ich fixiere mit der Digitalkamera, ich konzentriere mich auf einen Wesenskern, ich antizipiere, wie das Gesehene auf einen fremden Betrachter wirkt. Ich formuliere eine Botschaft, die entweder beim Betrachter ankommt oder auch nicht. Die Botschaft muss nicht in seine Denkschemata passen. Davon lebt die Bloggerei. Es freut mich jedes Mal, wenn sich der Betrachter oder der Leser mit der Botschaft auseinander setzt.

Wegen der einfachen Handhabung und meiner Zufriedenheit (trotz der Störung) bin ich der Marke Nikon treu geblieben. Diesmal ist es eine Nikon S6300, die einigen Schnickschnack wie 10 fach-Zoom, Bildstabilisator oder Full HD-Videos zu bieten hat. Die 123 € Angebotspreis werden ein Loch in unsere Haushaltskasse reißen. Ich werde sie intensiv nutzen und ich freue mich bereits jetzt auf all die Fotos. Es geht auch so, ohne Digitalkamera. Aber mit Digitalkamera werde ich wieder so richtig aufblühen.

Dienstag, 12. Februar 2013

U-Bahn-Bau in Köln oder der Turmbau zu Babel

Pieter Brueghel (1563), Kunsthistorisches Museum Wien
Beinahe hätte ich das überfallartige Grummeln des Einsturzes gehört. Am 3. März 2009 befand ich mich in Luftlinie zwei Kilometer vom Stadtarchiv in Köln entfernt. Erst zu Hause sah ich im Fernsehen, was geschehen war: zwei Bauarbeiter hatten das allerschlimmste verhindert, weil sie bemerkt hatten, dass der Boden unter dem Stadtarchiv nachgab, nachdem Wasser in die U-Bahn-Haltestelle eingedrungen war. Das Gebäude stürzte ein und versank mit Krachen und Getose ein einem Krater. Glücklicherweise konnte es dank der beiden aufmerksamen Bauarbeiter vorher geräumt werden. Mit Ausnahme von zwei Männern, die in einer benachbarten Mietwohnung schliefen. Nach rund einer Woche wurden sie tot aus den Trümmern geborgen. Zwei Tote: das war ungefähr der Tiefpunkt der Pannenserie beim Kölner U-Bahn-Bau. Verwirrung, Chaos und Skandale reihen sich serienweise aneinander.

„Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte“, so heißt es im elften Kapitel des Buches Genesis im Alten Testament. Schon Mitte der 80er Jahre herrschte Einigkeit im Rat der Stadt Köln, dem Verkehrsinfahrt mit der neuen Nord-Süd-U-Bahn die Front zu bieten. Alle wollten die neue U-Bahn-Linie, die über sieben Kilometer Länge vom Dom bis zum Verteilerkreis im Süden führen sollte. 1992 beschloss der Rat der Stadt Köln den Neubau, 1998 Aufnahme in den ÖNPV-Bedarfsplan, 2002 Abschluss des Planfeststellungsverfahrens. Der Bau der neuen U-Bahn-Linie konnte beginnen.

„Auf, wir formen Lehmziegel und wir brennen sie zu Backsteinen“ mit diesen Worten begann die Menschen den Turmbau zu Babel. Der erste Spatenstich der Kölner Nord-Süd-U-Bahn war ein Glanzlicht. Man wählte den 4. Dezember 2002, den Namenstag der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Feierlich standen der damalige Oberbürgermeister Kurt Schramma und der Vorstand der Kölner Verkehrsbetriebe bereit. Mit Spaten und Tatendrang in der Hand, genossen sie das Blitzlichtgewitter in den Scharen von Pressefotografen.

Die Menschen in Babel wurden übermütig und wollten hoch hinaus. „Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen … „. Politiker beziehungsweise Bürgermeister lieben Denkmäler. Sie werden nicht unsterblich durch einen neu gebauten Kindergarten oder das sanierte Dach einer Schule, sondern durch Großprojekte. Köln ist vollgestopft mit Großprojekten. Messe City, Rheinauhaufen, Media Park – eine neue U-Bahn-Linie fügt sich doch nahtlos in dieses Stadtkonzept hinein !?!? Die neuen U-Bahn-Stationen würden sich tief ins Gedächtnis eingraben.

St. Johann Baptist; Quelle: Wikipedia
Verwirrung, Chaos, Skandale. „Da stieg der Herr hinab, um sich Stadt und Turm anzusehen, den die Menschenkinder bauten“ so begutachtete Gott den Turmbau zu Babel. In Köln buddelten sich Tunnelbohrmaschinen mit einem Durchmesser von 7,3 Meter im Erdreich vorwärts, mitten durch die dicht bebaute Innenstadt. Nachdem das Erdreich weggefressen wurde, erhielt der schiefe Turm von Pisa eine Kopie in Köln. Ende September 2004 neigte sich der Turm der Kirche St. Johann Baptist in der Südstadt zur Seite und ging als „Schiefer Turm von Kölle“ in die Stadtgeschichte ein. Mittlerweile wurde er wieder aufgerichtet. Was der Herr danach von Stadt und Turm sehen konnte, was genauso besorgniserregend. Im November 2004 wurden Rundbögen und Gewölbedecke in der romanischen Kirche St. Maria im Kapitol beschädigt. Risse traten 2007 im Rathausturm des Historischen Rathauses auf.

Technische Visionen realisieren ? Rational durchdacht, kennen technische Visionen keine Grenzen. Zwischen Frankreich und England haben die Menschen einen 50 Kilometer langen Tunnel unter dem Meer gegraben. In Dubai steht mit 828 Metern Höhe das höchste Hochhaus der Welt. Flugzeuge fliegen mit bis zu 1.000 km/h durch die Luft. „… das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen“ so beurteilt Gott die Visionen der Menschen beim Turmbau zu Babel. Anders als beim Eurotunnel, haben sich die Verantwortlichen beim Kölner U-Bahn-Bau gründlich verschätzt. Größenordnung und Risiken der Tunnelröhre lagen hier anders. Der traurige Tiefpunkt wurde am 3. März 2009 mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs erreicht. Ein Prestigeprojekt und Tote ? Wann hatte es so etwas gegeben ? Zudem gingen Jahrhunderte und Jahrtausende alte Dokumente in der Trümmerwüste verloren. Rund 300 angrenzende Wohnhäuser waren danach einsturzgefährdet und mussten zum Teil abgerissen werden.
eingestürztes Stadtarchiv
Quelle: Wikipedia

Als hätten die Verantwortlichen nicht aus Fehlern gelernt, setzten sich danach Verwirrung, Chaos und Skandale fort. Großprojekte sind hoch komplex. Eine Unmasse von Beteiligten mischen mit. Beim Turmbau zu Babel entstand die babylonische Sprachverwirrung: „Auf, steigen wir hinab, und verwirren wir dort ihre Sprache, so dass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.“ Die Verwirrungstaktik ging bereits auf, um die Finanzierung des Großprojektes sicher zu stellen. Um die Kostenobergrenze einzuhalten, hatten die Planer ganz einfach einige Positionen weggelassen. Großprojekte sind so komplex, dass nur die Bauexperten mit ihrem Fachwissen die Planung durchdringen können. Die Bürokraten in den Verkehrsministerien bemerkten diese Vergeßlichkeiten nicht, weil sie die Sprache der Bauexperten nicht verstanden. Also stellten die Bürokraten die Gelder bereit – und mit dem Bau konnte begonnen werden. Ungleich schlimmer erging es dem Oberbürgermeister Kurt Schramma, der als Bauherr in Baugremien saß, dort kein Wort verstand und wegweisende Entscheidungen fällen sollte – und nach dem Einsturz des Stadtarchivs zurück trat. Andere Bürokraten – kostenbewusste Einkäufer – richteten Chaos auf der Baustelle an, indem sie nicht mit den Auftraggebern redeten. Sie nahmen stets die billigsten Anbieter, die ungefähr soviel Ahnung vom Bauen hatten wie die Kandidaten aus „Bauer sucht Frau“ von den Scholastikern des 12. Jahrhunderts. Und dann schwirrten noch die Schlipsträger der Bauaufsicht auf der Baustelle herum, die glaubten, jede Menge zu sagen zu haben. Anstelle im richtigen Moment etwas zu sagen, schauten sie weg: im Januar 2010 war Bewehrungsstahl für die Stahlbetonröhre in großem Umfang von der Baustelle gestohlen worden, so dass der Tunnel  unter der Kölner Altstadt kaum mit Stahl verstärkt war. Niemand wurde über diesen Fall für den Staatsanwalt informiert. Im nachhinein konnte nichts mehr nachgebessert werden. Stürzt die Kölner Altstadt in einigen Jahrzehnten in den U-Bahn-Tunnel hinab, so wie es das Stadtarchiv 2009 gemacht hat ? Wer weiß … Einen Monat später näherte sich neues Unheil, denn der Rhein führte Hochwasser. Ein paar Gehminuten vom Rhein entfernt, drohte Grundwasser in den Tunnel einzudringen. Erneut Verwirrung, Chaos und Skandale, doch der Rhein war gnädig gesonnen und das Hochwasser verschwand so schnell, wie es gekommen war.

Quelle: Wikipedia
Das Großprojekt der Nord-Süd-U-Bahn hat einige Verantwortliche schwitzen lassen und in ein Krisenmanagement gestürzt. Den Größenwahnsinn stoppen ? Beim Turmbau von Babel war dies möglich. „Der Herr zerstreute sie über die ganze Erde, und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen.“ Nach dem Einsturz des Stadtarchivs mochte dies so mancher gedacht haben. Doch es war schon zu viel in das Großprojekt hinein gesteckt worden. So wie man es beim Dom getan hatte – ihn über mehrere Jahrhunderte als Bauruine stehen lassen – das wollte niemand. Die Kosten waren längst aus dem Ruder gelaufen. Hier verfolgen alle Verantwortlichen eine Duckmäuser-Strategie, indem sich wie beim Turmbau zu Babel ihre Aussagen verflüchtigten und über die Erde zerstreuten, so dass niemand ein Gesamtbild konstruieren konnte.

Nachdem im Dezember die erste U-Bahn-Haltestelle am Alten Markt feierlich eröffnet worden ist, ist die U-Bahn  sogar in den Heiligen Sphären des Doms angekommen. Es rauscht, vibriert, zittert, wenn eine U-Bahn den Dom unterquert.

Verwirrung, Chaos und Skandale nehmen kein Ende. „Do laachste dech kapott“, mag der Kölner diese Angelegenheit mit seinem rheinischen Humor kommentieren. Wenn nicht alles so bitterernst wäre. Und wenn nicht das zum Fenster heraus geschmissene Geld an anderen Ecken fehlen würde. Bibliotheken oder Schwimmbäder müssen geschlossen werden. Vereine können nicht mehr unterstützt werden. Wenn der Winter vorbei ist, wird die Rumpelei über Schlaglöcher zum Dauerthema. Und so weiter.

Sonntag, 10. Februar 2013

Graffiti-Kunst

Wandschmierereien, ein Werk von Vandalismus und Chaoten ? Wenn Häuserwände oder Eisenbahnwaggons oder U-Bahn-Stationen voller Farbe verschmiert sind, sehe ich deren Hässlichkeit. Meist werden Schmuddelecken verunstaltet, die durch die Schmierereien noch abstoßender wirken.

Es gibt wenige ausgewählte Stellen, die man geplant mit Graffitis gestaltet hat.








So verschönern Graffitis eine Häuserwand an einer Bushaltestelle, an der sich das Kinopolis - ein riesengroßes Kino - befindet. Der Begriff Kunst ist nicht abwegig, da Farben und Formen die Komposition eines Gemäldes ergeben.