Im Badezimmer war unsere
Kleine halbwegs ruhig. Das Oberteil ihres Frottee-Schlafanzugs hatte sie über gestreift, ihre Lieblingspuppe begutachtete vom Boden aus ihren
Fortschritt beim Aus- und Anziehen. Bis zu den Oberschenkeln angezogen,
schlabberte ihre Schlafanzughose die Beine entlang. Ihren Haargummi hatte ich
herausgenommen, so dass ihr üppiges Haar den Rücken herunterfiel. Ihre nackten
Füße hoppsten auf der Badezimmermatte herum. Gegen halb 8 Uhr abends lagen wir
gut in der Zeit zum Zubettgehen.
Mit Albernheiten, die ich
allabendlich über mich ergehen ließ, hielt sie sich zurück. Weder stimmte sie
das Lied „Gangnam Style“ an und fing an herum zu tanzen, noch wollte mich unsere
kleine 7-jährige in eine „Sexy Lady“ umtaufen. Aber verschmitzt, als führe sie
etwas im Schilde, wanderte ihr Blick zu mir.
Was ließ sie sich heute Abend einfallen ? Dann wurde ihr
Gesichtsausdruck streng, kritisch, streifte prüfend an mir vorbei.
„Papa, dopst Du auch ?“
Im ersten Moment registrierte
ich diese Schlüsselfrage gar nicht. Ich kam mir vor wie auf einem fremden Planeten, auf dem ich die wichtigsten Ereignisse verpasst hatte. Abendessen, auf Toilette gehen, Zähne putzen,
Zubettgehen, dazu Doping ? Ich glaubte, mich verhört zu haben. Ungläubig
schaute sie zu mir herauf und bemerkte wohl meine Verwirrung. Sie war genauso
irritiert, dass ich nicht antwortete. Als ich sie genauso ungläubig anschaute,
fasste sie nach:
„Papa, dopst Du auch ? In den
Nachrichten vom Kinderkanal haben sie zuletzt gesagt, dass Radrennfahrer dopen.
Du fährst Rennrad. Also dopst Du auch.“
Ihr Blick war hell, und ihre
Worte klangen überzeugend. Sie meinte es ernst.
„Nein, das sind alles
Profi-Radrennfahrer. Die fahren ungefähr das doppelte am Tag, was ich fahre.
Und die fahren auch ganz viele Tage hintereinander. So viel wie die
Profi-Radrennfahrer fahren, das schaffe ich nicht.“
Wie so oft, rang ich nach
Worten, um Dinge aus der Erwachsenen-Welt kindgerecht auszudrücken. In anderen
Situationen hatte ich Schwierigkeiten, etwas in eine Kinder-Sprache zu
übersetzen, damit sie dies in ihrer Welt verstehen konnte. Auch diesmal war es mir wohl
nicht gelungen. Eine Haarlocke wirbelte über ihre Stirn, und ihre großen blauen
Augen starrten mich an.
„Papa, jedes Mal, wenn Du mit
dem Rennrad nach Hause kommst, bist Du stolz, welche lange Strecke Du gefahren
bist. Also dopst Du auch.“
Die Worte aus dem Munde eines
Kindes waren deutlich. War das Image des Radrennsportes so herunter
gewirtschaftet ? Dass selbst Kinder in der Grundschule dies verstanden hatten ?
Dass alleine das Wort „Radrennsport“ negativ belegt war ? Der Fall Lance
Armstrong geisterte durch die Medien. Armstrong hatte in einem
Fernseh-Interview seine Doping-Aktivitäten gestanden. Da gleich mehrere
Radrennteams vom Doping betroffen waren, konnte man jede Menge Radrennfahrer
unter Generalverdacht stellen. In kriminelle Netzwerke hineingeraten,
verkörperte der Sport an für sich keinen Wert mehr. Die Trennung war schwierig,
welche Leistungssportler mit krimineller Energie nach Ruhm und Ehre strebten
und ihr Zuhause mit Medaillen, Pokalen und gelben Trikots pflasterten. Und
welche Leistungssportler aus Spaß und Freude an Wettkämpfen teilnahmen. Ich
schüttelte den Kopf.
„Nochmal, Schatz. Die
verdienen so viel Geld damit, dass sie Radrennen fahren, wovon wir nur träumen
können. Die strampeln so viele Kilometer ab, dass sie in einer Saison locker
einmal um die Erde fahren. Ich kriege kein Geld dafür, wenn ich mit dem Rennrad
fahre.“
Sie grinste mich an und war
womöglich froh, mich aus der Fassung gebracht zu haben. Einen wunden Punkt
hatte sie getroffen, denn um die sportliche Idee war es schlecht bestellt.
Habgierigen Sportlern wie Lance Armstrong waren Tür und Tor geöffnet, sich nach Lust
und Laune zu bedienen, und der ursprüngliche Gedanke von Teamgeist, sportlicher
Ertüchtigung, Ausdauer, Kondition, mentaler Ausgeglichenheit, Reinigung von Körper und Seele, blieb dabei auf der Strecke.
„Papa, dopst Du auch ?“
Diesmal schwieg ich, denn sie
war an dem Punkt angelangt, dass sie nicht verstehen wollte. Sie nahm ihre
Zahnbürste, schrubbte mit der Zahnpasta über ihre Zähne. Rasch strahlten diese
blendend weißen in ihrem zarten und lieblichen Gesicht. Ein überquellendes
Lächeln wanderte mit ihrer kleinen, mitunter zappelnden Gestalt ins Bett, wo sie
sich einkuschelte und das Geschichtenbuch in Reichweite lag.










































