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Freitag, 28. November 2014

Alexa Thiesmeyer - Bonn-Krimis "Kottenforst" und "Melbtal"

Im Kottenforst, einer alten Kulturlandschaft vor den Toren Bonns, geschieht so einiges. Eine Horde von Jugendlichen lungert herum, sie stacheln sich gegenseitig an und begeben sich in den Abgrund eines Verbrechens. Die Stadtteile Röttgen und Ückesdorf, voneinander getrennt durch die Talsenke der „Hölle“, sind die Schauplätze des ersten Krimis von Alexa Thiesmeyer. Das weitschweifige Waldgelände des Kottenforstes, teure Grundstücke und ausladende Villen geben die Kulisse ab für einen Mord, der sich paradoxerweise in einem Theaterstück ereignet. „Verdammt, es ist ein Mord geschehen“ diese realen ersten Worte des Theaterstückes verschmelzen mit der Wirklichkeit, weil sich tatsächlich auf der Theaterbühne ein Mord ereignet hat.

Pilar, die Theaterregisseurin, löst diesen Fall. Urig, unkompliziert, unkonventionell, ein Kämpfertyp, naiv und bisweilen etwas schusselig, so beschreibt Alexa Thiesmeyer ihre Hauptperson, die gemeinsam mit dem Privatdetektiven Freddy auf die Suche nach dem Mörder geht. Sie bezieht den Leser ein in die häusliche Idylle ihrer Großfamilie, zu der auch zwei Katzen und zwei Hunde gehören, die so manchen Unsinn anrichten.

Die Menschen in ihrer Umgebung klingen vertraut, wenn sie zeitweilig den rheinischen Dialekt sprechen. Aber keine Angst. Formulierungen wie „Datt määt doch nix“ nehmen nicht Überhand, so dass der bestens unterhaltene Leser kein rheinisches Wörterbuch zur Hand nehmen muss, um die Inhalte zu verstehen.

In ihren großzügigen Häusern am Rande des Kottenforstes verhalten sich die Menschen aber auch abweisend, stecken voller Neid, sie meiden und beschimpfen Pilar. Alexa Thiesmeyer zieht gekonnt diesen Spannungsbogen über die landschaftliche Schönheit des Kottenforstes, der subtilen Psychologie der handelnden Personen und der unscharfen Rolle der herumlungernden Jugendlichen, die gleichzeitig Leere und Aggression verbreiten.

Alexa Thiesmeyer; Foto: Michèle Lichte (www.bonnentdecken.de)
Gemeinsam mit Freddy, einem Kommilitonen aus ihrer Studienzeit, der vor 20 Jahren durch das Examen gerasselt ist, und nun eine Detektei gegründet hat, die kaum Gewinn abwirft, so dass er auf dem Markt Obst und Gemüse verkauft, geht sie auf Verbrecherjagd – ohne die Polizei. Der Kontakt zur Kommissarin Michaela Ahrbrück im Polizeipräsidium ist zwar fest, aber irgendwie schafft Pilar es jedesmal, wenn sie Beweise hat, dass sich diese im Nichts auflösen, so dass sie unglaubwürdig wird. So begeben sich schließlich Pilar und Freddy – der entsprechend seinem alternativen Lebenswandel entweder mit seiner Citroen 2CV-Ente oder mit dem Fahrrad unterwegs ist – alleine auf die Jagd nach dem Mörder. Diesen überwältigen sie schließlich, was auch Freddys goldener Spürnase und Pilars mutigem Auftreten zu verdanken ist.

In ihrem zweiten Kriminalroman, Melbtal, wagt sich Alexa Thiesmeyer hinein in die in sich abgeschlossene Welt eines Altenheims mit rüstigen Rentnern und Rentnerinnen, hoch betagten Greisen und Greisinnen, aufopferungsvollem Pflegepersonal, Krankheiten, Wehwehchen und Rollatoren. Wieder beschreibt Alexa Thiesmeyer mit geradezu rheinischem Humor, wie der Privatdetektiv Freddy und Pilar auf eigene Faust ermitteln und wie sie mit allerlei List und Tricks in den Mikrokosmos des Altenheims eindringen.

Der Leser erlebt so manche Überraschung, denn außer den beiden aktuellen Morden im Altenheim werden zwei ungeklärte, dreißig Jahre zurückliegende Morde, die sich in eben jenem bedeutungsschwangeren Melbtal ereignet haben, gleichzeitig aufgearbeitet. Und dann fügt sich bei der Recherche nach den Mördern alles zusammen: Motiv, Täterprofil, Zeitpunkt, Indizien, die Abläufe der beiden Morde passen. Pilar und Freddy haben alle Beweise zusammen, um die Täter dingfest zu machen.

Doch das wäre zu einfach gewesen, wenn nach rund zwei Dritteln des Buches der Fall gelöst worden wäre. Pilar und Freddy müssen sich ihrem Schicksal ergeben, denn erneut blamieren sie sich bei der Kriminalpolizei. Die Polizei verhaftet den Täter, nicht zuletzt unter tatkräftiger Mithilfe von Pilars beiden Hunden. Die Beweiskette platzt aber, als der Täter ein wasserdichtes Alibi hat. Wieder einmal erweisen sich Pilars Recherchen als Hirngespinste einer theaterspielenden Hausfrau, so dass die beiden ohne Mithilfe der Polizei in ihrer hemdsärmeligen Art weiter ermitteln dürfen.

Wie im Krimi „Kottenforst“ ist die höchst unterhaltsame Mischung dieselbe: dubiose Gestalten lassen den Leser erschaudern, menschliche Abgründe tun sich auf, auch juristische Abgründe, da ein skrupelloser Anwalt mit Leichtigkeit rechtsfreie Räume ausnutzt. Detail- und facettenreich bewegt sich Pilar im Alltags- und Nachbarschaftsgeschehen, ihre Warmherzigkeit steht gegen das rationale Kalkül potenzieller Verbrecher. Gemeinsam mit Freddy läßt sie nicht locker, ermittelt hartnäckig und läßt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

Beide Kriminalromane sind herzerfrischend, spannungsgeladen und sie haben mich so gefesselt, dass ich sie kaum aus der Hand legen konnte. Mit Hochspannung erwarte ich weitere Bonn-Krimis von Alexa Thiesmeyer.

Freitag, 31. Mai 2013

Köln Krimi: Tödlicher Klüngel


Berlin-Mitte: ein Immobilienhai hat Altbau-Wohnungen gekauft, die in Luxus-Appartements umgewandelt werden sollen, die Mieter sollen heraus geekelt werden. Die meisten Mieter werfen das Handtuch und ziehen aus, als der Eigentümer die Miete um das doppelte erhöht. Die Telefone der Mieter klingeln heiß, als Interessenten für die Eigentumswohnungen nach Besichtigungsterminen nachfragen. Nur eine alleinerziehende Mittdreißigerin, die sechzehn Jahre in ihrer Wohnung sesshaft geworden ist, widersteht dem massiven Druck, sie loszuwerden. Sie bleibt, trotz Mieterhöhnung, trotz Fassadenarbeiten und ohrenbetäubenden Lärms. Das war gestern im ZDF-Mittagsmagazin zu sehen.

Köln-Widdersdorf: am westlichen Stadtrand von Köln ist es keine Mittdreißigerin, sondern ein 82 jähriger Rentner, der dem Werben eines Baulöwen widersteht. Felder von Bauern hat sich der Baulöwe zusammengekauft. Er will eine Trabantensiedlung bauen und hat den Zorn der Widdersdorfer Einheimischen auf sich gezogen, die solche hässlichen Wohnmaschinen nicht vor ihrer Nase haben wollen. Der 82 Jährige besitzt ein Gartenstück mitten in den Feldern, das er nie und nimmer verkaufen will. Größenwahnsinnige Projekte, aufreißende Frauen, riesige Geldsummen, zwielichtige Gestalten, Abtauchen in dunkle Spelunken: das Buch „Tödlicher Klüngel“ ist gefüllt mit solchen Spannungsfeldern, die gut für einen Mord sind.

Mit diesem Regional-Krimi habe ich die Eifel verlassen, denn vor mehreren Jahren habe ich die Eifel-Krimis von Jacques Berndorf regelrecht verschlungen. Jacques Berndorf ist mit seinem Eifel-Heimat-Gefühl exzellent, und mindestens genauso exzellent ist Christoph Gottwald. Er unterscheidet sich allerdings von Jacques Berndorf, denn er bringt es gerade auf drei Köln-Krimis.

Christoph Gottwald ist in Köln geboren und somit ein Kölscher Junge. Um sein Studium zu finanzieren, ist er Taxi gefahren, was sich in seinem Kriminalroman widerspiegelt. Denn Manni – seine Hauptperson – ermittelt gemeinsam mit einem befreundeten Taxifahrer, der seine wichtigste Stütze ist.

1984 geschrieben, war dies der erste Krimi in der Reihe der Köln-Krimis, die danach wie Pilze aus dem Boden geschossen sind; bis heute haben sie sich auf einhundert Kriminalromane aufsummiert. Morde, Blut, Leichen, Verbrechen. Heißes Pflaster Köln ? Kann man sich in Köln noch auf die Straße trauen, ohne um die nächste Ecke gebracht zu werden ?

Seitdem ich blogge, gehören Kriminalromane weniger zu den Schwerpunkten, in welche Themen ich mich hineinlese. Maigret (Simenon), Sherlock Holmes (A. Conan Doyle) oder Hercule Poirot (Agatha Christie) – diese Kriminalromane habe ich früher gerne gelesen. Sie haben ihre eigene Faszination, wenn die Tätersuche mit logischem Denken, innerem Instinkt, Menschenkenntnis und akribischer Spurensuche voran schreitet. In Täterprofilen und deren Psychologie habe ich innerste Geheimnisse gesucht: wie Menschen fähig sind, Verbrechen wie einen Mord zu begehen. Diese klassischen Kommissare finde ich mit ihrer Logik und ihrer Psychologie bis heute einzigartig.

„Tödlicher Klüngel“ hat mich in mehrfacher Hinsicht begeistert. Wie Wohnungsraum in Großstädten zum Objekt der Begierde wird und wie aus sozial Schwachen Geld heraus gequetscht wird, damit hat sich Gottwald ein zeitloses Themenfeld ausgesucht, in dem keine Entspannung in Sicht ist. Nach den drei Köln-Krimis ist Gottwald zum Fernsehen gewechselt. Von 2009 bis 2011 hat er Drehbücher für die Krimi-Serie „SOKO Wismar“ geschrieben, von 2007 bis heute für „Der Staatsanwalt“.

„Tödlicher Klüngel“ ist erfrischend geschrieben und als Abend- oder Bettlektüre bestens geeignet. Die 142 Seiten sind ein handliches Format, so spannend geschrieben, dass ich mich schwertat, den Krimi beiseite zu legen. Manni kommt wie in einem schlechten Witz zu dem Mord: ohne Job, unter chronischem Geldmangel leidend, will er in einer Detektei anheuern, er hebt das Telefon ab, als sein Chef in spe nicht im Büro weilt; der Anrufer bittet um ein sofortiges Treffen am Kölner Neumarkt; kurze Zeit nach dem Treffen findet er im Appartement der Geliebten des Anrufers die Leiche eines Immobilienmaklers.

Mit reichlich Witz beschreibt Gottwald den draufgängerischen und derben Typen des Manni, der den Job in der Detektei nicht bekommen hat. Anstatt dessen recherchiert Manni auf eigene Faust und kann auf seinen Freund, den Taxifahrer, vertrauen. Manni meistert den Fall mit all seinem schauspielerischen Talent. Laufend dreht, wendet und verstellt sich Manni. Er schlüpft in fremde Rollen, um dem Fall die entscheidende Wendung zu geben. So gibt er sich als Kommissar der Polizei Köln aus, ruft im Meldeamt der Stadtverwaltung an, lässt sich die Sterbeurkunde des Mordopfers kopieren und holt persönlich die Kopien in der Stadtverwaltung ab. Dadurch kann er beweisen, dass die Sterburkunde gefälscht worden ist.

In einer Arztpraxis schlüpft er in die Rolle eines falschen Patienten, im Altenheim verschafft er sich als angeblicher Enkelsohn Zutritt zu der Witwe, die letztlich das Gartengrundstück an den Immobilienhai verkauft hat, der die Trabantensiedlung in Köln-Widdersdorf bauen wollte.

Die Recherchen führen Manni durch das Köln, das so schräg und unkonventionell ist wie er selbst. Köln geht in dem Kriminalroman von ganz oben bis ganz unten, Gegensätze klaffen, glatt herausgeputzte Fassaden bröckeln, Alt behauptet sich gegen Neu, das Denken lässt sich nicht in Schubladen pressen.

Heißes Pflaster Köln ? Gottwald beleuchtet elegant die Abgründe der Stadt, zu denen er über Eckkneipen und Bars und Nachtclubs den Zugang findet. „Tödlicher Klüngel“ war höchst unterhaltsam. Wie im Fernsehen, wird die Literatur mit Krimis überschwemmt. Ab und zu brauche ich diese literarische Abwechslung. Am besten so genial, wie Christoph Gottwald es geschafft hat.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Nachlese 2011; gelesene Bücher - Teil 2

Kurz vor den Weihnachtsfeiertagen hatte ich "Die Hirntöterin" von Thea Dorn gelesen. Ich kannte Thea Dorn vom Literaturclub im SWR-Fernsehen. Als ich sie in der SWR1-Radiosendung „Der Abend“ mit ihrem neuen Buch „Deutschland – deine Seele“ hörte, wurde ich neugierig und bekam Lust etwas von ihr zu lesen. Daraufhin ersteigerte ich in Ebay ihren Kriminalroman „Die Hirntöterin“.


Die Hirntöterin ist eine schwer verdauliche Kost, zum einen, weil Thea Dorn auf unterschiedlichen Ebenen parallel erzählt, so dass man sich ständig neu in diese Erzählebenen hineinfinden muss, zum anderen weil Bruchstücke aus der griechischen Mythologie in die Erzählung hinein gestreut werden. Mir als Leser hat dies immens das Verständnis erschwert, da mir die griechische Mythologie allenfalls im Zusammenhang mit einzelnen philosophischen Werken (Bloch bzw. Schopenhauer) ein Begriff ist. Eine entsprechende Vorbildung – etwa durch ein geisteswissenschaftliches Studium – besitze ich nicht.

Das Konstrukt der Erzählung könnte glatt aus einem Horrorfilm stammen. Ein Serientäter begeht insgesamt vier Morde, indem er den Kopf vom Körper abtrennt, aus dem Kopf das Blut fließen lässt, vom Kopf das Gehirn mit Hilfe chirurgischer Werkzeuge spaltet und dieses ausschlürft.

Außer der Polizei treibt die Journalistin Kyra die Ermittlungen voran. Thea Dorns Sprache ist sehr real, direkt, die Charaktere sind mitten aus ihrem Leben beschrieben. Abseits der griechischen Mythologie ist der Kriminalroman durchaus einfach zu lesen und spannend geschrieben.

Nur: die sorgsam proportionierten Abfolgen der griechischen Mythologie lassen sich nicht überlesen, sie sind schließlich auch die Lösung des Falls. Es werden griechische Hexameter in einer deutschen Übersetzung rezitiert. Ich musste mich durch die Iliade und durch Odysseus hindurch kämpfen. Die Figuren einer Pallas Athene oder Elektra wurden mir an den Kopf geschmissen. Personen, von denen ich nie etwas gehört hatte – Tydeus oder Ugolino – musste ich über mich ergehen lassen. Ich wurde mit Begriffen aus der griechischen Philosophie konfrontiert: Eutyphia = zufälliges Glück bei Aristoteles oder Arete = Tugend bei Sokrates.

Zwischendurch hatte ich Thea Dorn verflucht, dass sie sich nicht auf das Niveau eines Lesers ohne entsprechende Vorbildung begibt und anstatt dessen erwartet, dass sich der Leser über diesen griechischen Kauderwelsch schlau macht, indem er liest, googelt, in eine Bücherei marschiert oder Experten in seinem Bekanntenkreis befragt oder sonstwie.

Als ein Mord direkt auf dem Pergamon-Altar im Berliner Pergamonmuseum geschieht, ahnte ich trotz meiner unzureichenden Vorbildung, dass es sich um einen reiligiösen Kult handeln muss. Eine Art von Opferung an die Götter, wie es sie bei Tieren gibt, die in Teile zerlegt werden, bei denen Blut fließt und die schließlich gegessen werden.

Thea Dorn lässt den Leser lange schmoren, bis gegen Ende des Romans die griechische Mythologie und das Täterprofil des Serientäters zusammengefügt werden. Es ist ein höchst theoretisches Konstrukt, dass der Mörder (tatsächlich ist es eine Mörderin) künstlich gezeugt worden ist und als idealer Mensch erzogen worden ist, der gebildet ist, rational, ohne Leidenschaft, ohne Triebe, nur nach dem höchsten strebend, in Freiheit handelnd. Das ist das Menschenbild, welches die griechische Antike geprägt hat.

Mit der Wirklichkeit konfrontiert, wirken Triebe – vor allem sexuelle Treibe – anderer Menschen auf dieses theoretische Konstrukt eines idealen Menschen ein. Dieser ideale Mensch ist nämlich ständig umgeben von Figuren, die ihren Trieben nachgehen – und dies ist vor allem ein ausschweifendes Sexualleben. Dieser ideale Mensch rächt sich und steigert sich in Horrorvisionen hinein, indem er zum Dämon mutiert und zur Hirntöterin wird, nachdem die Lust von Männern auf Sex sie angeekelt hat. Dabei ist das Gehirn ein Symbol dafür, dass die Triebe den Verstand lahm legen.

Die Hirntöterin hat sich mir erst beim zweiten Lesen erschlossen. Dazu habe ich Abstand gebraucht, um die Horrorszenen – abgetrennter Kopf und Spalten des Hirns – ertragen zu können und insbesondere ein paar Grundlagen der griechischen Mythologie studieren zu können, um die ganze Begriffswelt einordnen zu können. Ich musste einen Prozess durchlaufen, um diesen Kriminalroman als gelungen einstufen zu können ….

Mittwoch, 23. November 2011

1 €-Krimi

Meine Frau hatte mir aus einem Räumungsverkauf in der Bonner Fußgängerzone einen Kriminalroman mitgebracht; bei der Räumung waren nur noch kümmerliche Restposten übrig geblieben; 1 € kostete der Kriminalroman.


Der Kriminalroman spielt in Havanna. Die Lösung des Falls und die Suche nach dem Mörder habe ich beim ersten Lesen nicht verstanden, weil der Roman permanent überladen ist mit lauter Abscheulichkeiten, Hässlichkeiten und Brutalitäten. Der Roman beginnt mit einer Szene, dass ein Grab geöffnet wird, in dem drei Leichen voller Maden und Insekten nur so wimmeln und der Leichengestank alles überlagert. Die Brutalitäten setzen sich fort, wie gemordet wird: ein Mordopfer wird mit einem Buschmesser zerlegt, die Knochen frisst anschließend der Hund; einem anderen Mordopfer wird die Kehle durchgeschnitten, zusätzlich die Zunge abgeschnitten, die dann mittels einer Stecknadel auf die Brust geheftet wird.


Beim zweiten Lesen habe ich festgestellt, dass die Lösung des Falls eigentlich einfach ist. Der frühere Mafia-Boss Alex Varga, der den Fall recherchiert, besitzt eine leere Grabstätte, die außer ihm niemand kennt. Dort werden drei Leichen gefunden. Dank seiner früheren Kontakte recherchiert er in der Drogen- und Prostituiertenszene und wird fündig: ein Spanier und ein Gehilfe mit seiner Schwester vertreiben Drogen in die USA. Als sie ihre Abnehmer mit gestreckten Drogen von schlechterer Qualität betrogen haben, werden sie von Hintermännern ihrer Abnehmer ermordet. 


Trotz – oder vielleicht gerade wegen – all der Abscheulichkeiten, Hässlichkeiten und Brutalitäten ist die Sprache griffig und anschaulich. Die Sprache gleitet zwar allzu oft in eine milieubehaftete Fäkaliensprache ab, doch insgesamt ist sie authentisch, dicht, intensiv; der Roman ist kurzweilig und gut zu lesen.

Im Vorwort betont Amir Valle, dass der Kriminalroman auf wahren Begebenheiten beruht. Und das ist das eigentlich schlimme, dass die Zustände in Kuba – insbesondere in Havanna – katastrophal sind. Er beschreibt, dass Häuser einstürzen, weil Geld zum Renovieren fehlt und dass Menschen unter diesen eingestürzten Häusern begraben werden. Straßen sind zu einem großen Teil unpassierbar, weil sie voller unreparierter Schlaglöcher sind. In den Gefängnissen bricht die Wasserversorgung immer wieder zusammen, so dass die sanitären Anlagen eine einzige Kloake sind. Er beschreibt, dass Drogenhandel und Prostitution der einzige nennenswerte Wirtschaftsfaktor sind, weil es ansonsten keine überlebensfähigen Industrien gibt. Amir Valle beschreibt zudem – unabhängig von der Lösung seines Falls – innerhalb der Drogen- und Prostituiertenszene eine Vielzahl von Morden, die ich nicht gewagt habe zu zählen. 


Beim Lesen des Romans ist mir bewusst geworden, dass der Quantensprung in die Karibik mit der Nischenexistenz von Kuba nicht meine Welt ist. Bei Kriminalromanen bin ich bodenständiger, etwa bei Jacques Berndorf in der Eifel oder bei Henning Mankell in Schweden. Valle hat dieses Buch 2003 geschrieben. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit sich seitdem der Kubas Steinzeit-Kommunismus geöffnet hat und der Bevölkerung vielleicht Perspektiven geboten werden können.