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Dienstag, 22. September 2015

mit dem Rennrad nach Mehren / Westerwald

willkommen in Rheinland-Pfalz
Es gibt Landstriche, die verschwimmen regelrecht auf der Landkarte. Die Konturen muss ich suchen, es gibt keine spektakulären Erhebungen, Flüsse und Täler schaffen keine natürlichen Begrenzungen, größere Städte fehlen, die Wildnis der Natur behält die Oberhand. Genauso dachten die Römer über die Gebiete jenseits des Rheins. Der Rhein markierte die Grenze römischen Staatsgebietes, dahinter begann die Wildnis, wo die Germanen hausten. Als die Legionen Cäsars bei Neuwied eine Holzbrücke über den Rhein bauten, waren die germanischen Volksstämme dermaßen verdutzt, dass sie in das Gebiet des heutigen Westerwaldes flohen. Sie verkrochen sich, die Errungenschaften der römischen Zivilisation erreichten sie nicht. Auch später taten sich die Errungenschaften der Zivilisation schwer, denn weite Gebiete des Westerwaldes lagen im Grenzgebiet zwischen den Kölner und Trierer Erzbischöfen.

Die Grafen von Wied, Sayn und Diez murksten in kleinen Grafschaften vor sich hin, während Ottonen und Salier nach der Jahrtausendwende in großem Stil das Christentum durchsetzten, indem sie Grundbesitz an Kirchen stifteten. Aus dieser Zeit stammt auch diejenige Urkunde, die den Westerwald als Herrschaftsgebiet erstmals erwähnte. Das war die sogenannte Haigerer Urkunde aus dem Jahr 1048, die dieses Gebiet als Herrschaft westlich des Königshofes Herborn festlegte. Der germanische Volksstamm der Chatten hatte in diesem westlich gelegenen Landstrich gesiedelt. Die Festlegung, wo denn der Westerwald liegt, dehnte sich in den Folgejahrhunderten vom Kerngebiet im heutigen Hessen immer weiter nach Westen aus. Heute sind es die Flüsse, die den Westerwald umreissen, der Rhein im Westen, die Sieg im Norden, die Dill im Osten, die Lahn im Süden.

Auch ich definiere mich selbst gerne über Landschaften. Je rassiger die Steigungen, um so schöner ist das Spektakel, die Landschaften von einem höheren Standpunkt aus zu erleben. Je krasser das Auf und Ab, um so mehr fangen mich die Akzente der Landschaft ein. Ruhige Nebenstraßen beflügeln mich, eigene Radwege schaffen ein Zusatzerlebnis jenseits allen Autoverkehrs. Bei dieser Tour stelle ich fest, dass auch der Westerwald genau diese Kriterien erfüllt.

Ich beschließe, dass der Westerwald an der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz beginnt. Anfangs fahre ich dieselbe Route wie auf der Rennradtour nach Eitorf. Den Rhein entlang über Oberkassel, Königswinter, Rhöndorf nach Bad Honnef. Durch die Fußgängerzone, den Hinweisschildern in Richtung Ägidienberg folgend, durch das Schmelztal das Siebengebirge hinauf. An der großen Kreuzung in Bad Honnef-Rottbitze fahre ich links, hinter der Autobahnauffahrt auf die A3 gleiten die Erhebungen des Siebengebirges aus, dichter Wald kriecht bis auf einen freien Streifen an die Landstraße heran.

Wehrkirche in Kircheib
Gemächlich geht es weiter bergab, und in dem Ort Stockhausen, wo sich einzelne Häuser zaghaft an die Straße heran trauen, lächelt mir auf einem Straßenschild eine Durchschnittsfamilie mit Mama, Papa, Tochter und Sohn entgegen. „Willkommen in Rheinland-Pfalz – wir machen’s einfach“, so begrüßt mich auf dem Schild die Tochter, indem sie auf den Schultern ihres Vaters die Arme in den Himmel reißt.

Herzlicher hätte der Westerwald kaum beginnen können. Die Landschaft trägt ihren Teil dazu bei, indem sie in Wellen hinab fällt, durch viel Grün an versprenkelten Dörfern vorbei führt, bis Buchholz ein Stück ansteigt, dann wieder abfällt und zur Bundesstraße B8 hin in Kurven ein längeres Stück ansteigt. Ich biege nach rechts auf die Bundesstraße B8 ab. Das Schild „Landkreis Altenkirchen“ läßt mich in unbekanntere Tiefen des Westerwaldes eindringen.

Der erste Ort im Landkreis Altenkirchen, Kircheib, gibt ein chaotisches und uneinheitliches Bild ab. Die direkte Lage an der Bundesstraße B8 stößt mich ab. Kein Radweg, Auto reiht sich an Auto, LKW an LKW. Der Verkehr donnert vorbei an den Kolossen einer Fertighausausstellung, an existenzbedrohten Bauern, die als landwirtschaftliches Lohnunternehmen Fuß fassen wollen, an einer wüsten Parkerei vor einer Imbißbude und an einem Verkaufsbüro, dessen abenteuerliches Warenangebot von Futtermitteln bis zur Bild-Zeitung reicht.

Es geht aber auch anders in Kircheib. Der Ort liegt so abgelegen, dass sich die Einwohnerzahl über die Jahrhunderte kaum verändert hat. So hat sich die romanische Kirche aus dem 13. Jahrhundert in unsere Gegenwart hinein konserviert. Stil, Bauform, Fassade wirken wie aus einem Guß. Im Mittelalter gelegen in einer Art von Dreiländereck, kamen sich die Grafen von Berg, die Kölner Kurfürsten und die Grafen von Sayn gerne in die Quere. Eine Festung um die rund 300 Einwohner herum zu bauen, war vermessen und nicht zu bezahlen. Also musste die Kirche herhalten. Soldaten kletterten den Glockenturm hinauf, und die kleinen Rundbogenfenster dienten als Schießscharten, was die Soldaten auch eifrig nutzten. In Kircheib stritt man sich gerne darüber, wer den Wegezoll erheben durfte.  Die heutige Bundesstraße B8 verlief über eine der Hauptrouten des europäischen Warenverkehrs, nämlich von Antwerpen nach Konstantinopel.

Westerwaldlandschaft vor Mehren
Rasch lasse ich die vom Verkehr umrauschte Bundesstraße hinter mir, indem ich noch vor dem Ortsausgangsschild nach rechts abbiege. Dahinter beweist mir der Straßenverlauf, dass die Konturen des Westerwaldes durchaus anspruchsvoll sind. Buchenwald drängelt sich mächtig bergauf auf die Erhebung des Leuscheid, so dass ich fast in den kleinsten Gang hinunter schalten muss. Und hinter dem Bergkamm purzele ich gleich wieder den Berg hinunter. Am Waldrand schaue ich hinunter auf diese Hochfläche, wo die Straße ziellos zwischen abgeernteten Feldern verläuft. Kurven schwingen sich auf und ab, Häuser markieren die Tallagen. Es gibt keine Zweifel, dass der Westerwald so seine Konturen hat, denn das Auf und Ab hält an bis zum Tal des Mehrbaches, wo ich Mehren erreiche. Bach und Ort waren gleichbedeutend, das steht jedenfalls in den Urkunden. 1265 nannten sich beide „Mirne“, 1274 „Merne“, 1359 „Merin“, 1430 „Meirren“, Ende des 15. Jahrhunderts „Miern“. Danach begannen sich Bach und Ort sprachlich zu trennen, doch der Westerwälder Dialekt, das „Wäller Platt“ will davon bis heute nichts wissen: Bach und Ort vereinigen sich in der Gegend „än de Mihr“. Das Wäller Platt kann auch böse sein, wenn Nachbarorte, die sich nicht grün sind, Mehren als „Mihedscher Loch“ bezeichnen.

Ich erkenne, dass ich die sprachlichen Grenzen des Rheinlandes nun überschritten habe. Ungefähr ab Kircheib befinde ich mich im Territorium der moselfränkischen Dialekte, die innerhalb des Westerwaldes vor allem durch das rollende „r“ geprägt sind. Dabei brauche ich keine Angst zu haben, mir wie im Englischen die Zunge zu verbiegen, denn im Wäller Platt wird das gutturale „r“ nur angedeutet.

Mehren sieht verschlafen aus und ist nicht auf Anhieb eine Touristenattraktion, wenngleich es mit einer Vielzahl von Fachwerkhäusern glänzen kann. So nennt sich Mehren stolz das schönste Fachwerkdorf des Westerwaldes. Die Denkmalschützer und der Verschönerungsverein haben Fakten geschaffen. Während anderenorts der Denkmalschutz systematisch unterlaufen wurde und die Abrißbirne kreiste, wurde 1996 der komplette Ortskern zur Denkmalschutzzone erklärt.





Fachwerkdorf Mehren
Ich bestaune, wie sehr sich Denkmalschützer und viele helfende Hände Mühe gegeben haben, einen homogenen Baukörper von Fachwerk in dem kleinen Ortskern zu erhalten. Alles schart sich um die Dorfkirche, die im 12. Jahrhundert aus Bruchsteinen als dreischiffige Basilika gebaut wurde. Der Kirchenbau ähnelt demjenigen von Kircheib, wobei die schwere Bruchsteinfassade mit den kleinen Rundbogenfenstern durchgängig die Kirche umgibt. Alleine der Fachwerkaufbau über dem Chor, der mit seinem spitzen Dach besonders hervor sticht, wurde im 18. Jahrhundert angebaut. Die Schule, ein repräsentativer Bau mit kleinen weißen Fensterchen, stammt noch aus der Zeit vor dem 30-jährigen Krieg, ebenso das Gefängnis gegenüber dem Schulgebäude. Die Wortbezeichnung „Bulles’je“ vermittelt mir tiefstes Wäller Platt, ganz weit weg von der Rheinischen Mundart. Die meisten Fachwerkbauten sind ehemalige Gehöfte und Handwerksbetriebe, Sägewerk, Zimmerei, Backhaus, Gerberei. Im „Eulerhaus“, erbaut 1720,  wurde getöpfert. In Anlehnung an die Traditionen im Kannenbäckerland wurde grau-blau gemustertes Steinzeug hergestellt. Steinzeug und Krüge wurden im 18. Jahrhundert sogar an das britische Königshaus geliefert. Eine Freilichtbühne, die in verkleinerten Proportionen das antike Theater von Ephesos nachbildet,  rundet das Ortsbild von Mehren ab.

Ich verlasse Mehren, indem ich dem Mehrbach abwärts folge und einen Kilometer später nach rechts abbiege. Rasch geht es steil bergauf, so dass ich fast auf den kleinsten Gang herunterschalten muss. In Kurven und Kehren windet sich die schmale Straße hinauf, wobei sich die Fachwerkhäuser noch ein Stück fortsetzen. Bisweilen ist der pure Familienstolz in den Fachwerkbalken über den Eingang eingeritzt „das Haus wurde erbaut anno 1719 durch Julius Lommler God schütze es vor Feuer und Sturm.“

Nebenstraße in Ziegenhain
Oben auf der Höhe angekommen, überblicke ich den Westerwald mit seinem buckeligen Relief. Die Nachsilbe „-wald“ hat dieser Landstrich hier weniger verdient, denn Wiesen und ganz viele Felder ziehen sich über Buckel und Hügel, während Waldstücke eher zarte Tupfer in der Landschaft darstellen. Zuerst waren es die Klöster im Mittelalter, die Flächen für Ackerbau und Viehzucht rodeten. Später verschlang die Eisenerzeugung im Siegerland enorme Mengen an Holzkohle, um Schmelzöfen und Eisenhütten zu befeuern.

Der Kahlschlag schuf Ackerfläche, aber dennoch verarmte der Westerwald, als sich im 19. Jahrhundert Missernten und Hungersnöte ausbreiteten. Schnee lag bis in den Mai hinein, den Sommer über regnete es ununterbrochen, und an Klimaerwärmung dachte noch niemand. Der Preußische Staat, der nach 1815 im Rheinland das Sagen hatte, reagierte zwar und schickte Brot, Weizen und Mehl in die Notstandsgebiete. Doch ähnlich wie bei Spenden in Katastrophengebiete der Dritten Welt, kam es zu Verteilungsproblemen oder die Hilfeleistungen versickerten in dunklen Kanälen.

In diesen Zeiten höchster Not verbündete sich die Bevölkerung, und so kommt in diesen Teilen des Westerwaldes niemand an der Geschichte des Friedrich Wilhelm Raiffeisen vorbei. Eines vorweg: gewisse Marketing-Konzepte versuchen, die Idee des Genossenschaftswesens gleichzusetzen mit Volksbanken und Raiffeisenbanken. Das eine hängt vom anderen ab, doch das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Sein Wirken begann ganz anderswo, im Landkreis Mayen in der Eifel, bis er 1845 Bürgermeister von Weyerbusch wurde, das liegt ein Stück weiter in Richtung Altenkirchen. Das Christentum – namentlich die evangelische Konfession wie im übrigen Westerwald - prägte seine Grundeinstellung, so dass er ein offenes Ohr hatte für die Nöte und Sorgen seiner Bürger. Er half, wo er konnte, wobei er anfangs das Schulwesen aufbaute sowie das Straßennetz.

Dem Wirken des Friedrich Wilhelm Raiffeisen bin ich bereits in Mehren begegnet. Als Bürgermeister von Weyerbusch suchte er die Profitgier einzelner zu unterbinden, die sich an der Not der Armen bereicherten. Das Dach des Kirchturms wurde neu gedeckt, wobei das Blei der alten Dachdeckung verkauft wurde. Raiffeisen setzte durch, dass Getreide und Saatkartoffeln aus dem Verkaufserlös gekauft wurden anstatt dass dieses Geld in irgendwelchen Geldtöpfen der Kirche verschwand. Etliche Kilometer radele ich auf „Raiffeisens Weg“, der mich auf diesem Stück bis nach Flammersfeld führt. Ziegenhain ist die nächste Etappe auf den Spuren des Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Auf der schmalen, kaum befahrenen Nebenstraße schlängele ich mich über die Höhen und atme die Ruhe des Westerwaldes ein. Tannen schieben sich über die Straße wie ein schützendes Dach, die Häuser zerstreuen sich hinter sorgsam gepflegten Vorgärten.

Raiffeisenhaus in Flammersfeld
In Ziegenhain ähnelten die Wohltaten des Friedrich Wilhelm Raiffeisen denjenigen in Mehren. Betriebswirtschaftlich würde man dies so formulieren: das Prinzip der Gewinnmaximierung wurde aufgehoben, anstatt dessen schuf er Verteilungsmechanismen, dass der Nutzen und der Gewinn einzelner der Gesellschaft zugute kamen. So wanderten in Ziegenhain Holzerträge aus der Forstwirtschaft in eine Gemeinschaftskasse, damit Wohlhabende wirklich Notleidenden Hilfe leisten sollten.

Anfangs waren es Hilfsvereine, Brotvereine, Wohltätigkeitsvereine, die dem Genossenschaftswesen vorgelagert waren. Die Vereine breiteten sich in der Altenkirchener Gegend aus, sie hatten keine Satzung, sie sahen ihre Basis in Treue und Glauben gegenüber der Gemeinschaft, das Prinzip der Verantwortung hatte Vorrang vor jeglichem Gewinnstreben.

Hinter Ziegenhain geht der Wechsel von Auf und Ab weiter. Mit einem mächtigen Schwung stürzt die Straße in das Tal des Ahlbachs hinunter. Im Tal folge ich links der Beschilderung nach Flammersfeld, wo die Straße in einem Hohlweg steil geradeaus weist. Alsbald erreiche ich auf der Höhe die Bundesstraße B256, die Bewaldung ist freiem Feld gewichen, rundum erstreckt sich wellenförmig eine geschwungene Hochfläche. Wen wundert es, dass auch bei der Bundesstraße B256 Friedrich Wilhelm Raiffeisen mitgemischt hatte. Dementsprechend nennt sich die Bundesstraße B256 auf diesem Abschnitt bis nach Neuwied „historische Raiffeisenstraße“.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts setzte der Preußische Staat einerseits gesellschaftliche und wirtschaftliche Reformen um. Die Bauern wurden für frei erklärt, Frondienste und Leibeigenschaft wurden abgeschafft. Andererseits beanspruchten Adel und Feudalherren Besitzrechte. Steuern, Abgaben und die Pacht drückten wie eine Last auf die Ernteerträge. So waren die Bauern nicht wirklich frei, sondern finanziell abhängig vom Adel und den Feudalherren. So wurden Straßen in einer abgewandelten Form von Fronarbeit durch die Arbeitskraft der Einwohner gebaut und instandgehalten. Dies änderte Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Als Sozialreformer setzte er durch, dass die Bevölkerung für ihre Straßenbauarbeiten bezahlt wurde.  

Ortskern von Oberlahr
Sieben bis acht Kilometer geht es nun auf einem eigenen Radweg auf der linken Straßenseite nach Flammersfeld, einem weiteren zentralen Ort innerhalb der relativ kurzen Schaffensperiode von Friedrich Wilhelm Raiffeisen. 1848 wurde er hier in Flammersfeld Bürgermeister, 1852 wurde er nach Heddesdorf, das heute zu Neuwied gehört, versetzt. 1865 wurde er mit 47 Jahren schließlich Frührentner, weil er sich an einer Typhuserkrankung angesteckt hatte und dabei fast erblindete.

So richtig finde ich nichts, um in Flammersfeld eine Pause einzulegen. Einige Gaststätten entlang der Bundesstraße B256 sehen dunkel und verschlossen aus. Der Autoverkehr rauscht. Der Ortskern, aus dem der spitze Kirchturm herausragt, der romanischen Ursprungs ist, gleitet linkerhand in die Hanglage hinunter. Dicht an der Straße plaziert sich das Gemeindehaus, das mich auf einer Hinweistafel herzlich willkommen heißt und zu einer Pause einlädt, Stühle und Tische sind aber hoch geklappt. Ich schiebe mein Rennrad über den Rasen, ein Tor im Jägerzaun steht offen, und prompt bin ich an einem schmucken Fachwerkbau angelangt, vor dem stolz und überdimensional das Logo der Volksbanken und Raiffeisenbanken prangert. Es scheint so, als wäre ich in der Urzelle aller Bankgeschäfte angekommen, nur der Geldautomat fehlt noch zwischen den Gefachen des Fachwerkbaus.

Dieses Rathaus war die Wirkungsstätte des Friedrich Wilhelm Raiffeisen während seiner Zeit als Bürgermeister in Flammersfeld. Als Frührentner widmete er sich intensiv dem Genossenschaftswesen. Sein Buch „Die Darlehenskassen als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“ erschien 1866. Es war eine Art von Blaupause für den Aufbau von Selbsthilfeorganisationen. Danach breitete sich das Genossenschaftswesen aus als Konsum-, Verkaufs-, Winzer-, Molkerei-, Viehgenossenschaften oder auch im Banken- und Versicherungswesen.

Alvenslebenstollen
Über die Bundesstraße B256 verlasse ich Flammersfeld wieder. In Kurven geht es mächtig bergab ins Tal der Wied, die die Bundesstraße zunächst überquert. Dann biege ich rechts ab auf die Landstraße, deren Verlauf ich vorbei an einem Fitness-Center und an einem Wellness-Hotel folge. Nach einer Rechtskurve überquere ich abermals die Wied, wo ich nach Oberlahr gelange und an der Hauptstraße nach rechts zum Ortskern abbiege. Obschon es bergauf geht, lohnt der Abstecher, denn der großzügige Dorfplatz mit der neugotischen Kirche und einigen heraus geputzten Fachwerkhäusern steckt voller Charme und Gemütlichkeit. Einzig fehlt es an einer Lokalität, damit ich mir endlich eine Ruhepause gönnen kann.

Eine Hinweistafel vor der Kirche klärt mich auf, dass bis zur Jahrhundertwende um 1900 Erzbergwerke das Wiedtal geprägt haben. Danach wurde die Erzförderung wegen zu geringer Fördermengen eingestellt, doch Kriege hielten den Erzabbau am Leben. Zuerst wurde 1917 in den Schächten wieder nach Erz gegraben, dann trieben die Nationalsozialisten  mit Hochdruck den Erzabbau voran, bis sie 1941 erkennen mussten, dass nicht allzu viele verwertbare Erze zu holen waren und schlossen die Gruben wieder.

Also radele ich weiter, zurück auf die Landstraße an das Ortsende von Oberlahr. Dahinter biege ich nach links ab und folge der Fahrradbeschilderung auf den Wiedtalradweg. Mit Radwegen entlang von Flüssen und Flußtälern habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Diesmal sollte sich die Fahrt entlang dieses Radweges als Fehler herausstellen, denn der schmale Fahrweg über die alte Eisenbahntrasse, die 1966 stillgelegt wurde, ist zwar gut befestigt, aber nicht geteert. Tage des Regens hatten den Schotter aufgeweicht, so dass sich meine Rennradbereifung durch eine glitschige Oberfläche von Matsch hindurch quälen muss. Es geht voran, aber mehr im Schneckentempo. Selbst die historische Hinterlassenschaft des Alvenslebensstollens kann meine Neugierde nicht erwecken. In Burglahr offenbart sich dann eine andere Hinterlist des Wiedtalradwegs. Endlich ein geteerter Weg auf festem Untergrund, so denke ich. Nachdem ich nach links abgebogen bin, gruppieren sich Häuser um die breite Fahrbahn, die zunächst ein kleines Stück bergaufwärts wandert, dann wird der Anstieg immer strammer. Ich bin genervt, als der Anstieg einfach nicht aufhören will. Mächtig komme ich ins Schwitzen, bis ich auf der Höhe all die Lahrer Herrlichkeit überblicke, so wie das Herrschaftsgebilde der Orte Oberlahr, Burglahr und Peterslahr zusammengefasst wird. Dabei gibt der Straßenname „Kur-Kölner-Straße“ den eindeutigen Hinweis, dass die Lahrer Herrlichkeit lange Zeit den Kölner Kurfürsten gehört hatte.

Heiliger Nepomuk in Peterslahr vor der Kirche St. Peter
Endlich geht es bergab nach Peterslahr, das sich in einer gewissen Logik der Lahrer Herrlichkeit Niederlahr nannte. Das war bis 1556, als Niederlahr wiedabwärts unterhalb von Oberlahr lag. 1556 gelangte dann eine Reliquie des Heiligen Petrus, angeblich der Knochen eines Kinns, nach Niederlahr, und fortan nannte sich der Ort „Peterslahr“. Der Kirche mit ihrem vielschichtigen Bruchsteinmauerwerk und dem sperrigen, verbauten Baukörper strömt in der Tat Ruhe, Besinnlichkeit, Bodenständigkeit, Entspannung aus. Ich bin ein wenig überrascht, dass ich nicht den Kirchenheiligen Petrus entdecke, sondern auf einer Steinmauer vor der Kirchenfassade den Brücken-Heiligen Nepomuk, dabei ist die Wied noch ein ganzes Stück entfernt. Eines der Fachwerkhäuser auf dem schönen, mit Bäumen bestandenen Dorfplatz ist noch vor der Franzosenzeit entstanden, das belegt die Jahreszahl 1742 über dem Eingang.

Ich drehe mich wieder aus Peterslahr zurück, wende zur Landstraße, muss aber sogleich wieder den Berg hinauf treten, da die Wied eine vom Dorf abgewandte Schleife zieht. Gefühlt muss ich bestimmt an die fünf bis sieben Prozent Steigung den Berg hinauf kraxeln, wo es dann rasch mit demselben Gefälle wieder bergabwärts geht.

Nun entwickelt sich die Tour gemütlich und allzu große Steigungen – abseits des Wiedtalradweges, den ich bewusst meide. Wiesen dehnen sich im Tal, Kurven winden sich um Felspartien, Überreste von Brückenpfeilern markieren die frühere Eisenbahntrasse. Selbst der Autoverkehr hält sich vorsichtig zurück.

Neustadt an der Wied soll dann der Ort sein, in dem die lang ersehnte Pause fällig sein soll. Doch die Suche gestaltet sich schwierig. Ich kann nicht einschätzen, ob das Hotel an der Straßenecke geöffnet hat, denn auf der Terrasse sitzt niemand. Das Eiscafé auf der Hauptstraße wirkt wenig einladend, da mir all die quadratischen Sitzgruppen in dem saalartigen Innenraum einfach nicht gefallen. Das Eiscafé scheint zudem eine der wenigen Lokalitäten zu sein, die geöffnet hat, denn dort ist es rappelvoll. Eine geschlossene Pizzeria, eine Bäckerei, das ist es ansonsten auf der Hauptstraße.

Steinlehrpfad in Neustadt a.d. Wied
Notgedrungen bewege ich mich zum Park an der Wied. Vor der Wiedbrücke biege ich nach links ab, ich hocke mich auf eine der Parkbänke und schütte ordentlich Mineralwasser in mich hinein. Als ich meine Beine in die Länge strecke, bemerke ich in dem ansonsten an Höhepunkten so armen Neustadt an der Wied dann doch etwas, was meine Aufmerksamkeit in Gang bringt. Auf einem Steinlehrpfad hat man Gesteinsbrocken aus der Westerwälder Umgebung zusammen getragen, man hat sie sorgfältig beschriftet, so dass ich Herkunft, Alter, Entstehung und Besonderheiten studieren kann.  Ungefähr alle zehn Meter kommt ein neuer Steinkoloss, und bis zur Holzbrücke über die Wied bin ich an jede Menge Tonsteine, Sandsteine, Grauwacken, Basalte, Quarziten und vielen Erklärungstafeln vorbei geradelt, zu denen mir die Zeit fehlt, sie alle zu lesen.

Ab hier ist der Wiedtalradweg so schön, wie ich ihn vor einem Jahr kennen gelernt habe. Es geht über die alte Bahntrasse, wo 1912 einige Kilometer in der entgegengesetzten Richtung der Bahnhof in Neustadt an der Wied eröffnet wurde. Eichen und Buchen spannen in Hanglage ihr schützendes Dach über den Radweg. Nach zwei Kilometern endet der Bahntrassenradweg, ein Stück fahre ich über die Landstraße L255 durch Wiedmühle, wo die Brücken von Autobahn und ICE-Trasse in luftiger Höhe über mir zu schweben scheinen.

Kurz darauf gabelt sich die Landstraße. Schon etwas ermattet, weist mich an der Gabelung meine sportliche Ambition des Rennradfahrens in die richtige Richtung. Mit 10% Steigung geht es halbrechts bergauf. Serpentinen schwingen sich die Höhe hinauf, und genau in diesem Moment tröpfelt es leise. Der Himmel hatte sich während meiner gesamten Tour bedeckt, doch die zähe Wolkendecke hatte dichtgehalten. Ich ächze, krächze, quäle mich Kurve um Kurve hinauf. Die Steigung drückt mein Tempo, Tritt für Tritt krieche ich voran, während der Himmel von oben seine Schleusen öffnet. Der Regen fällt und hüllt mich ein in ein feines und dicht versponnenes Netz. In meinem Gesicht vermischt sich der Schweiß mit dem Regen zu feingliedrigen Rinnsalen.

Die Logik ist verquer. Ich stelle fest, dass Regen und 10% Steigung zusammen passen. Die Nässe von oben gleicht meine Anstrengung aus. Die Steigung ist hinterhältig. Wenn die Straße einen Punkt gefunden hat, dass es den Berg hinunter geht, steigt sie direkt anschließend in einer Art von Kopiervorgang mit derselben Unerbittlichkeit wieder den Berg hoch. So komme ich kaum zum Atemholen. Es scheint so, als würde alleine der Regen eine letzte Reserve von Abenteuerlust aus mir heraus holen. Allen Widrigkeiten trotze ich, indem ich auf die alte Radfahrerweisheit vertraue: der Mensch an sich ist wasserdicht !

Gleichgültig spannen sich Strommasten in das düstere Himmelsgrau hinein, gänzlich unbeeindruckt von dem wuchtigen Flachbau einer Maschinenbaufabrik, die sich zwischen Wiesen und freistehenden Einfamilienhäusern verirrt, einsam und alleine. Dem Anstieg und dem Regen, der kein Einsehen haben will, widerstehe ich in auch St. Katharinen. Teilnahmslos gleitet der gotische Chor des Kirchenbaus, dem ich ansonsten mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte, an mir vorbei.

Am Ortsende von St. Katharinen biege ich schließlich nach links ab, nach einem Kilometer wieder rechts in Richtung Linz. Dann ist es geschafft. Während sich schwere Regenwolken auf den Sendemast des SWR herab senken, reißt der Himmel vor mir auf. Ein heller Streifen spannt sich über dem Rheintal auf, Flecken mit dem Farbenspektrum der Eifellandschaft gewinnen auf der gegenüberliegenden Rheinseite an Leuchtkraft.



strömender Regen zwischen Neustadt a.d. Wied und Linz
Ich muss aufpassen. Die Regentropfen werden spärlicher. Mit 13% Gefälle schießt die Landstraße ins Tal hinunter. Die Fahrbahn ist regennass, das Gefälle beansprucht meine Bremsen aufs Äußerste, und ich muss aufpassen, dass sie greifen, dass ich nur soviel an Fahrt aufnehme, um zu reagieren. Als ich Linz erreiche, fühle ich mich erlöst von diesem Übermaß an Steigungen.

Gemütlich lasse ich mein Rennrad in der Fußgängerzone ausrollen, bis mir der Marktplatz einen gemütlichen Rahmen für eine Pause bietet. Zwei Pils löschen meinen Durst, all die Steigungen schüttele ich von meinen Beinen. Sogar die Sonne, die Wolken und Regen verscheucht hat, lacht wieder. Das Rathaus zeigt stolz seine markanten rot-weißen Fensterläden, vor mir bummeln die Passanten vor sich hin, schauen hier, schauen da, studieren Speise- und Getränkekarten, lassen sich in dem einen oder anderen Café nieder. Ich schaue hier, schaue da, lasse die Zeit vorbei streichen.

Nachdem die Pause mich wieder fit gemacht hat, geht es weiter. Aus der Fußgängerzone hinaus, halte ich mich in Richtung Erpel, Unkel und Bad Honnef. So wie auf der Tour quer durch das Siebengebirge. Auf demselben Weg den Rhein entlang geht es zurück zum Alten Zoll.

Strecke (113 Kilometer):

Höhenprofil:





Sonntag, 23. August 2015

mit dem Rennrad nach Maria Laach

Königsfeld
Gegen die Männerwelt anzukommen, daran konnten sich Frauen im Mittelalter die Zähne ausbeißen. Grafen und Herrscher strotzten vor Männlichkeit, die Schwerter von Rittern gehörten alleine Männern. So baute Graf Otto von Neuenahr 1230 auf der 340 Meter hohen Basaltkuppe eine Burg. Das Gebiet an der unteren Ahr, das er von seiner Burg aus beherrschte, hielt fünf Generationen lang. Doch dann trat das ein, wovor sich jeder Graf, Fürst, König oder Kaiser fürchtete: die Ehefrau von Graf Wilhelm von Neuenahr gebar nur Töchter, aber keine Söhne. Sein Onkel, der das Erbe regelte, stöberte in verwandten Seitenlinien nach einem männlichen Erbfolger herum. Die in Frage kommenden Kandidaten passten nicht wirklich, und so bestimmte er für damalige Zeiten höchst unkonventionell eine Erbin: Wilhelms Tochter Katharina wurde Gräfin von Neuenahr.

Dagegen formierte sich Widerstand. Ihre Verwandtschaft verscheuchte die Gräfin von ihrer Burg. Später heiratete sie den Grafen Johann von Saffenburg, und sie versuchte, von seiner Burg aus das Gebiet um Ahrweiler und Neuenahr zu kontrollieren. Währenddessen waren Vetter, Onkel, Neffen und wer alles nach Macht und Herrschaft gierte, in sich zerstritten. Zwanzig Jahre lang, von 1350 bis 1370, herrschte Krieg um die Burg Neuenahr, wobei Johann von Rösberg-Neuenahr der größte Rabauke war. Indes hatte sich Katharina längst in der Saffenburg verkrochen, sie pflegte ihren Titel als Gräfin und vor allem die Sympathien bei den Ahrweilern und Neuenahrern. So kam es, dass so mancher Bürger die Steuern, sprich den Zehnten, bei der Gräfin auf der Saffenburg ablieferte. Das machte wiederum den Club der Rabauken aus der Verwandtschaft wütend. Reihum warfen sie diejenigen Bürger, die ihren Zehnten der Gräfin spendierten, ins Gefängnis der Burg. Als die Bevölkerung gegen Johann von Rösberg-Neuenahr zu rebellieren begann, rief dies den Kölner Erzbischof auf den Plan. Die Ahrweilerer und Neuenahrer vereinigten sich mit seinen Truppen. Vier Monate lang belagerten sie die Burg, bis sich Johann von Rösberg-Neuenahr ergeben musste. Die Truppen des Kölner Erzbischofs schleiften die Burg, und Johann von Rösberg-Neuenahr musste einen Eid ablegen, die Grafschaft Neuenahr nie mehr zu betreten. Dem Erdboden gleich gemacht, verstecken sich seit 1372 die kargen Überreste der Burg im Wald. 1424 verschwanden die Grafen von Neuenahr endgültig von der Bildfläche, als erneut eine Erbtocher Katharina zur Gräfin werden sollte. Diesmal heiratete sie in das Grafengeschlecht der Virneburger ein und wurde zur Gräfin von Virneburg. Wiederbelebt wurde der Geist der Grafen von Neuenahr, als die Stadt boomte und zur Kurstadt wurde. Beul und Hemmessen, wo die heilenden Wunderquellen entdeckt wurden, klangen wenig verheißungsvoll, um daraus eine Bäderstadt zu machen. Also besann man sich 500 Jahre später auf die Grafen von Neuenahr. Bad Neuenahr hörte sich schöner an, und mit dieser Namensgebung begann der steile Aufstieg der Kurstadt.

grasende Kühe hinter Königsfeld
Über Bad Godesberg, Pech, Villip, Arzdorf, Fritzdorf, der Fritzdorfer Windmühle, Beller, Lantershofen geht es hinunter ins Ahrtal nach Bad Neuenahr. Ab dem großen Kreisverkehr halte ich mich in Richtung Königsfeld, an der nächsten großen Ampel geht es weiter geradeaus. Rasch spüre ich den Geist der Grafen von Neuenahr, denn das Netz von Wanderwegen schwärmt genau in die Richtung der 340 Meter hohen Basaltkuppe aus. Bischofsweg, Höperpfad, Burgweg und Neuenahrer Berg, die Wegweiser könnten mich genau zu der Burgruine Neuenahr bringen, wenn ich mich denn nicht auf der Landstraße knapp an den kargen Resten der Burgruine Neuenahr vorbei bewegen würde.

Die 340 Meter spüre ich rasch, denn der Anstieg will einfach nicht nachlassen. Nachdem ich den Scheitelpunkt erreicht habe, rolle ich mit viel Eleganz nach Königsfeld den Berg hinunter. Dahinter folge ich dem Schild nach rechts nach Maria Laach, und sogleich zieht der Anstieg zwischen Wiesen und grasenden Kühen erneut an. Auf der Höhe buckelt sich die ruhige Nebenstraße auf und ab, und der Weitblick ist genial, über das Rheintal hinweg bis in den Westerwald.

Hinter dem Ort Rodder wähne ich mich mitten in der Vulkaneifel, als ich das Hinweisschild zum Rodder Maar sehe. Doch der Abstecher nach rechts über den Wanderparkplatz lohnt nicht, denn dahinter bremst die Rumpelpiste des Feldwegs meinen Tatendrang auf dem Fahrrad. So manche Naturschönheiten sind daher nur dem Wanderer zugänglich.

Dabei täuscht der Eindruck, dass ich mich am Anfang der Vulkaneifel befinde. Verglichen mit dem Laacher See oder den Eifelmaaren rund um Daun, ist die Eigenschaft des Maares hier nicht so eindeutig, wie es die Bezeichnung vermuten läßt. Geologen konnten einen vulkanischen Ursprung des sechs Hektar großen Sees nicht beweisen, dagegen kursieren Theorien eines Meteoriteneinschlages, die ebenso wenig bewiesen werden konnten. Die Burgherren von Ölbrück hatten das Rodder Maar als Fischteich genutzt. Nichts ist beständig, denn mehrfach wurde das Maar zur landwirtschaftlichen Nutzung trocken gelegt, um sich danach wieder mit Regenwasser zu füllen. Seit 1999 hat das Rodder Maar seinen Charakter als See wieder erhalten, nachdem das Land Rheinland-Pfalz mit Ausgleichsmittel die Renaturierung finanziert hat.

Sauerbrunnen in Niederzissen
Nun geht es steil bergab nach Niederzissen, dem Hauptort des sogenannten Zissener Ländchens, das die Burgherren von Olbrück regierten. Einmal biege ich nach links ab auf die Bundesstraße B412, nach fünfzig Metern geht es direkt wieder rechtsab in Richtung Maria Laach. Der Ortskern von Niederzissen ist verwinkelt und überragt von der Pfarrkirche St. Germanus aus dem 13. Jahrhundert. Eine Besonderheit ist die in einer Rechtskurve liegende Synagoge, die sich mit der schneeweißen Gebäudefront, den grauen Fensterrahmen und den weißen Kreuzfenstern fein herausputzt.  2011 wurde die Synagoge von Grund auf saniert, wobei auf dem Dachboden, zerwühlt von einer Mäuseplage, Rollen von Pergament gefunden wurden. Die Funde aus dem 18. Und 19. Jahrhundert umfassen religiöse Handschriften und Gebetsrollen, aber auch Heiratsurkunden, Viehhandelsverträge, Tierarztdokumente, Quittungen, Rechnungen, Mahnungen, Warentransportscheine und vieles mehr. Dass Niederzissen ein Ort der kleinen Sensationen ist, belegt außerdem der Sauerbrunnen kurz vor dem Ortsende.

Zedlers Universallexikon, das bekannteste Nachschlagewerk des 18. Jahrhunderts, lobt den Niederzissener Sauerbrunnen in höchsten Tönen, und das in Gedichtform:

Hieraus dem Erdenschoss
Entspringen solche Quellen
Sehr häufig jederzeit für
Freund sowohl als Feind
So da vermögent seynd, die
Kranken herzustellen,
Wenn Leber, Nieren, Miltz nicht
recht beschaffen seynd.
Dies Wasser dienet auch
vortrefflich vor den Magen, wann ihn ein steter
Durst und
schärfte Säure plagt. 
Den Jeder, der mich trinkt, muss 
mir zum Ruhme sagen, 
Dass er genesen sey, von dem 
was er geklagt.



Entdeckt wurde die Heilquelle einiges früher als in Bad Neuenahr, Bad Bodendorf oder Bad Breisig, welche die bekannteren Kurorte sind, nämlich um 1700. Der Glaube an die heilende Wirkung liest sich wie ein Rundumschlag gegen Krankheiten jedweder Art. Das Wasser des Sauerbrunnens sollte helfen gegen Verstopfungen, Magenbeschwerden, Gelbsucht, Wassersucht, Hautausschlag, Gicht, als Gegengift, gegen Schlaganfall und Lähmung. Frauen sollte das Wasser während der Niederkunft helfen, ein gesundes Kind zu gebären. Dass das Wasser auch heute tadellos ist, dafür sogar das Gesundheitsamt Ahrweiler. Das dazugehörige Prüfprotokoll des öffentlichen Brunnens kann jeder im Rathaus nachlesen.

Hinter dem Ortsende von Niederzissen geht es stetig bergauf, mal vorsichtig, mal in Schüben. Getreidefelder biegen sich die Anhöhe hinauf, der Straße verläuft wirr am Waldrand entlang, hinter dem Bachlauf steigt dichter Laubwald rasant an. Eine kurze Steigung, und dann überrascht das Landschaftsbild nach einer sachten Rechtskurve. Mit einem Mal herrscht eine beharrliche Stille. Die Sonne zaubert glatte Farben über die Felder. Der Wind streichelt das Getreide, Baumreihen ziehen einen Streifen in sattem Grün. Wenn ich mir die umliegenden Berge wegdenke, glaube ich, im Flachland angekommen zu sein. Die Eifel legt mit ihren Höhen und Steigungen eine Pause ein, vorübergehend. Genau auf dieser Hochfläche hatte sich vor 280.000 Jahren ein Inferno ereignet. Einer der größten Vulkane der Eifel spuckte Lava, Magma und einen Ascheregen, der sich im Laufe der Zeit in fruchtbaren Boden verwandelte. Deshalb ist der Talkessel bereits in der Steinzeit besiedelt worden. Dann kamen Kelten, Römer und schließlich die Franken, die ein befestigtes Hofgut gründeten.





Impressionen aus Wehr
Der Vulkanismus hat den Wehrer Kessel nachhaltig geprägt. So fahre ich zunächst am Fabriktor der CARBO Kohlensäurewerke GmbH & Co. KG vorbei. Die zurechtgestutzten garagengroßen Gebäude lassen hinter dem schmalen Werkstor keinerlei Superlative erahnen. Und doch: im Erdboden lagern die größten Kohlesäurevorkommen Europas, in unterirdischen Behältern werden sie gesammelt, über eine Pipeline zur Sammelstation gepumpt und schließlich als Industriegase in alle Winkel Europas verteilt. Dass Gase das Erdreich durchdrungen haben, davor müssen die Hausbesitzer in Wehr aufpassen. Es wird empfohlen, beim Betreten der Keller eine Kerze mitzunehmen. Wenn diese erlischt, wird es richtig gefährlich, denn dann ist die Konzentration an Kohlesäure zu hoch. Welchen Druck die Gase im Kessel erzeugen können, das kann man seit drei Jahren in Form eines Geysirs bestaunen. Zweimal täglich schießt am Rande des Vulkankraters eine vierzig Meter hohe Wasserfontäne in die Luft.

Ich fahre weiter in den Ortskern von Wehr hinein. Der Ortskern ist klein, düster graue Gebäudefronten sammeln sich um einen quadratischen Platz, wo sich der azurblaue Himmel von den verschieferten Dächern abhebt, hart und derb. Stromleitungen haken sich auf den Dächern fest, mehrere Linden werfen üppige Schatten auf den grau geschotterten Platz. Der Ortskern hat Übersicht und Struktur: die Stille befreit, und ich tappse mit meinem Rennrad leise vorbei an dem Baugerüst, das die glatte Fassade der Abtei einhüllt, wo das schwere Grau in den Steinquadern reihenweise mit einem lockeren, hellen Grau abwechselt. Fast siebenhundert Jahre, nämlich von 1126 bis 1802, beherbergte die Abtei den Klosterorden der Prämonstratenser, der sich von Prémontré  in Nordfrankreich bis in die Eifel, zuerst in Steinfeld, dann in Wehr, niedergelassen hatte. Die Wege sind kurz, als ich die steinerne Treppe betrete, indem ich mein Rennrad schultere. Während der romanische Kirchturm der Pfarrkirche St. Potentius aus dem Erbauungsjahr 1230 von oben herab schaut, erreiche ich den Klostergarten. Mit all den Blumenrabatten, dem Farbenspiel von gelb bis bordeauxrot, den Mauernischen für Bienenstöcke, eingerahmt in eine viereckige, geometrisch exakten Wegeführung, kommen romantische Gefühle auf. Sogar das satte Grün des Rasens hat die vergangene Hitzewelle schadlos überstanden. Der Pfarrgarten stammt aus der Barockzeit, sein heutiges Aussehen hat er aber rüstigen Rentnern zu verdanken, die sich Ü60-Arbeitsbrigade nennen und den Garten vor einigen Jahren auf Vordermann gebracht haben. Im Pfarrgarten wächst und gedeiht zudem eine Kuriosität in der Eifel: aus Reben in den Weinstöcken wird ein Eifel-Wein gekeltert, im letzten Jahr waren es immerhin 300 Flaschen Wehrer Pfarrgartenwein.

11.000 Jahre alte Basaltbombe in Maria Laach
Hinter dem eisernen Pfarrgartentor, in dessen Gitterstäbe sich das Wappen von Wehr einhakt, das sind zwei Lilien, ein Stern, ein Abtsstab, ein Schwert und zwei schräggekreuzte rote Pfeile, mogele ich mich über den Ortsrand von Wehr zur Hauptstraße zurück. Ich folge der Landstraße L114 ein Stück in Richtung Glees, genau bis zur Autobahnunterführung der A61, wo ich vorher auf den Autobahnzubringer nach rechts abbiege. Auf dem großzügigen Seitenstreifen geht es stur bergauf, und nach all den Kilometern, die in meinen Beinen stecken, muss ich mächtig treten. Irgendwo muss ja ein Weg aus dem Vulkankrater des Wehrer Kessels hinaus führen. Der Anstieg parallel zur Autobahn A61 zieht sich, bis ich auf 500 Metern den höchsten Punkt dieser Radtour erreiche. Außer jede Menge frische Luft und Naturerlebnis genieße ich gegenüber den Autofahrern auf der A61 einen weiteren Vorteil. Ich möchte nicht tauschen. Auf der A61 wird gebaut, und die Autofahrer stecken solidarisch im Stau. Geradezu pfeilschnell komme ich gegenüber ihrem Schneckentempo vorwärts.

Dass ich mittendrin eingetaucht bin in diese geologische Vulkanlandschaft, das erfahre ich – fast beiläufig – am Straßenrand. Steinbrüche haben sich in die Landschaft hinein gefressen, ganze Berge scheinen abgetragen zu werden. Bimsstein, Tuff, Basalt, alles, was so für den Hausbau benötigt wird, karren hier LKWs durch die Gegend. Dabei sehe ich in der Ferne bereits mein vorläufiges Ziel. Die bewaldete Kuppe des Vulkankraters von Maria Laach strebt in die Höhe, während das Gelände dahinter in die Senke der Koblenzer Bucht hinunter fällt. Nun kann ich gemütlich bergab rollen. Vor der Ortschaft Bell biege ich nach links ab, und Maria Laach liegt bereits in Reichweite.

Ohne dass mir der See einen Blick gönnt, erreiche ich das Klosteranwesen, das mir auf sorgfältig sortierten Hinweispfeilen zeigt, wie verflochten und wie durchorganisiert das Kloster ist. Am See betreibt das Kloster einen Campingplatz, einen Bootsverleih und Fischfang, innerhalb der Mauern des Klostergutes ein verpachtetes landwirtschaftliches Anwesen, darunter ein Biobauernhof mit angeschlossenem Bioladen, eine Gärtnerei und ein Obstgarten. Um das Bauwerk des Klosters unterhalten zu können, braucht das Kloster Handwerker. Mittelalterliche Traditionen leben in der Bildhauerwerkstatt, der Glockengießerei, der Kunstschmiede und der Schreinerei weiter, dazu kommt ein Verlag von Kunstbüchern und eine eigene Buchhandlung. Dem Trend unserer Zeit entgegenlaufend, bietet sich das Kloster als Ort der Entschleunigung und Zurückgezogenheit an. Das Kloster nimmt gerne Gäste auf, die am Klosterleben teilnehmen wollen. In Exerzitienkursen oder Besinnungswochenenden greifen die Benediktinermönche tatkräftig unter die Arme, dass wir als Menschen wieder zu uns selbst finden können.

Abteikirche Maria Laach
Dabei war der Bau von Maria Laach ein Akt politischer Machtdemonstration. Könige und Fürsten stritten sich mit der Kirche, wer zu sagen hatte. Während der Klosterorden der Cluniazenser in Frankreich eine nahezu asketische Kirchenarchitektur – wie etwa in Hirsau oder Reichenau – forderte, bauten die deutschen Könige große Dome in üppigem Stil. Das Westwerk erklamm immer größere Höhen, die Türme wurden so gestaltet wie bei einer Festung. Maria Laach trägt die Handschrift der Bauherren des Speyerer Doms, also allen voran der salische Kaiser Heinrich IV. 1082 wurde der Speyerer Dom fertiggestellt, 1177 war es Maria Laach. Fernab in der Einsamkeit der Eifel gelegen, unbeeindruckt von Kriegen und Zerstörungen, ist das Kloster bis heute ein wahres romanische Kleinod, wenn man von kleineren gotischen und barocken Umbauten absieht.

Im Biergarten von Maria Laach ist es endlich Zeit für eine Pause, nachdem an die sechzig Kilometer lebhafte Auf- und Abfahrten in den Beinen stecken. An der Zufahrt zum Biergarten begegne ich nicht nur der Klosterorganisation mit seinem wohl durchdachten Schilderwald, sondern auch dem Vulkanismus, der neben Meditation und Gebet die Umgebung antreibt. So wachsen bei der Basaltbombe gegenüber dem Seehotel die Zahlenangaben in fünfstellige Dimensionen: Alter 11.000 Jahre, Gewicht 12.000 Kilogramm, Fundort in zwei Kilometern Entfernung am Seeufer. Dass diese 11.000 Jahre fast zum erdgeologischen Tagesprogramm gehören, wenn man zum Beispiel mit dem Wehrer Kessel von 280.000 Jahren vergleicht, hat zu wüsten Theorien geführt, dass ein Vulkanausbruch von Maria Laach bevorstehen könnte. Die Geologen rechnen in 10.000-Jahres-Schritten. Die Maare in der Eifel, in der Dauner Gegend vom Meerfelder Maar über das Schalkenmehrener Maar bis zum Immerather Maar, spuckten Lava vor rund 30.000 bis 60.000 Jahren. Wie aktiv der Vulkan noch ist, das belegen Gasbildungen am Seeufer, was die Geologen nervös werden läßt: Kohlensäuregas entweicht aus grobporigem Vulkangestein, unter dem Wasserspiegel dringen Blasen nach oben, die dann, so groß wie Seifenblasen, an der Seeoberfläche zerplatzen. Dass die Magmaschmelze unter dem Vulkankrater noch nicht vollständig erkaltet ist, das belegen Temperaturmessungen im Erdinneren, die deutlich höher sind als im Rest von Deutschland. Da Geologen in 10.000 Jahres-Schritten denken, läßt sich die Theorie nicht wiederlegen, dass ein Vulkanausbruch hier an dieser Stelle bevor stehen könnte. RTL hat das sogar veranlaßt, 2009 den Katastrophenfilm „Vulkan“ über einen realen Vulkanausbruch in der Eifel zu drehen, in dem namhafte Schauspieler wie Yvonne Catterfield, Katja Riemann oder Heiner Lauterbach mitspielten. Die Handlung klingt unglaublich wie in einem Scicence-Fiction-Roman, wie im Kopfsteinpflaster des fiktiven Ortes Lorchheim eine riesige Spalte klafft, wie dann in einem Erdbeben Häuser in sich zusammenstürzen, wie eine tödlich heiße Wasserdampfwolke sich aus dem Krater des Lorchheimer Sees erhebt, womit nur der Laacher See gemeint sein kann. Wie in Pompeji, begrub schließlich ein Ascheregen alles Leben unter sich.

ein Stück vom Laacher See
Um solche Katastrophenszenarien auszumalen, sind den Geologen die Indizien zu unspezifisch. Dabei verwischt die Denkweise der Geologen in 10.000-Jahres-Schritten so manches. Ein erneuter Vulkanausbruch ist nicht zu widerlegen. Aber in 1.000 Jahren ? In 500 Jahren ? In 200 Jahren ? In 100 Jahren ? In solchen Zeithorizonten endet das menschliche Vorstellungsvermögen, und sogleich wische ich solche Horrorszenarien beiseite.

Vorbei am Klosterrestaurant, rolle ich, ermattet und mit mir selbst zufrieden, in den Biergarten hinein und plaziere mich an einer der langen Biertischgarnituren. Ich lausche, wie Gäste am Nachbartisch das Speiseangebot an der Selbstbedienung bejammern.

„Zu viel Fett, Bluthochdruck und Herzinfarktrisiko.
Mein Arzt hat mir geraten, vegetarisch zu leben.
Und hier ? Nur Bockwurst, Frikadelle, Schnitzel. Nichts vernünftiges.“


„Auch kein Salat ?“

„Nur Kartoffelsalat, der meinen Blutdruck genauso in die Höhe schießt.“

„Sei froh, dass Du kein Veganer bist. Das sind die Schlimmsten. Wir hatten mal welche zu Besuch. Da weißt Du nicht mehr, was Du kochen sollst.“

Ich lümmele mich indes herum und wundere mich, dass es bei so viel eigenen Klosterbetrieben noch keine Klosterbrauerei gibt. Das Vulkan-Bier aus der Brauerei im nahen Mendig ist von der Getränkekarte gestrichen worden, und so stille ich meinen Durst mit zwei Weizenbier aus der Klosterbrauerei von Ettal im tiefsten Bayern.

Alsbald radele ich zurück auf die Landstraße, die sich zu den Ufern des Laacher Sees bewegt. Baumreihen versperren die Sicht, um den See in all seiner Intensität wahrzunehmen, so dass auch hier das höhere Naturerlebnis dem Wandererherz vorbehalten ist. Dennoch: die wenigen Blicke auf die aalglatte Seeoberfläche, zwischen Spalieren von Laubbäumen hindurch, lohnen. Die Ruhe lullt mich ein, und ich kann all die Zeilen nachvollziehen, die Dorothea Schlegel 1808 während der Zeit der Rheinromantik an ihren dichtenden Gemahl geschrieben hat: „… die waldbewachsenen Felsen um den anderthalb Stunden langen und dreiviertel Stunden breiten Wundersee, die ganz deutlich noch die Spuren von vulkanischen Ausbrüchen zeigen, und der dichte Wald, die uralten Stämme, so dass alle Vergangenheit, die mir bekannt wird, und die ich mir denken kann, mir wie heute und gestern dagegen vorkamen. Denn mitten auf dem See die Tiefe, die den Augen ganz entschwindet, und die Sage, die einen ganz unergründlichen Abgrund angibt, der nie wieder eine Beute an das Licht des Tages sendet, und wo immer ein starker Wind geht, der die Wogen ziemlich hoch heran treibt. Dann die Abtei am Ufer mit der alten Kirche, die Menschenspur und die Kunst, die uns wieder Beruhigung gibt und Staunen und Schrecken von der Seele löst. All das musst Du selber sehen. Ich habe den besten Willen, es Dir zu beschreiben, aber es geht nicht … „

Haltepunkt des Vulkanexpresses in Tönisstein
Der Laacher See verabschiedet sich mit seiner romantischen Seite, indem er zwischen den Spitzen von mächtigen Tannen versinkt. Den Krater des Sees zu verlassen, fordert all meine Muskelkraft heraus, doch der Anstieg ist kurz. Am Scheitelpunkt weist eine Stele aus Basalt, in den eine Gruppe von Wanderern hinein gemeißelt ist, den Weg zum Lydia-Turm, von wo aus es einen einzigartigen Blick geben muss über den Laacher See, das Rheintal, die Eifel und den Westerwald.

Dies ist erneut nur den Wanderern vorbehalten. Auf meinem Rennrad freue ich mich aber, dass es ab dieser Stele nur noch bergab geht. Über die Umgehungsstraße fahre ich an Wassenach mit seinem grau-gesprenkelten Kirchturm vorbei, danach wird es eng. Ich durchfahre eine regelrechte Schlucht, denn steil und himmelwärts ragen in dem folgenden Waldgebiet Felsen empor. Nach einigen hundert Metern erreiche ich die Bundesstraße B413, die eine Art von Verkehrsknotenpunkt darstellt.

Ein Gasthaus, hinter den Bögen einer Steinbrücke befindet sich ein Haltepunkt des Vulkan-Expresses. An dieser markanten Stelle hatten bereits die Römer gesiedelt, die Natron-Lithium-haltige Quellen entdeckten. Nachdem die Römer verschwunden waren und sich das Christentum etablieren konnte, fand 1388 ein Hirte genau hier ein Gnadenbild mit dem Heiligen Antonius in einem brennenden Dornbusch. Daraufhin wurde eine Kapelle gebaut. Wallfahrten setzten ein, ab 1465 erweiterte sich die Kapelle um das Kloster St. Antoniusstein, woraus später „Tönisstein“ wurde. Die Mönche des Karmeliterordens entdeckten aufs Neue die heilende Kraft der Quellen, und ab dem 17. Jahrhundert gewannen die Kölner Kurfürsten diesen magischen Ort für sich. In diesem Lieblingsbadeort verbrachten sie große Teile des Sommers, allen voran August Clemens, der sich mit seinem üppigen Barockstil auch in Tönisstein zu verewigen suchte. Er ließ ein Badehaus, ein Ballhaus und eine Kapelle bauen, und Tönisstein wurde zum Kurort. Um 1800 hatte all diese Pracht ein Ende, denn die französischen Truppen verwüsteten vieles. Nur das Brunnenhaus überdauerte mit seinem siebenseitigen Pavillon die Wellen von Zerstörungen. Bis zum Jahr 2005 wurde in den Kurgebäuden von Bad Tönisstein eine Klinik für Suchtkranke betrieben, danach wurde der Kurbetrieb nach Bad Neuenahr verlegt. Präsent sind die heilenden Quellen immer noch an der Haltestation des Vulkan-Expresses: die roten Buchstaben „Tönissteiner Sprudel“ , hängen sich locker über der basaltgrauen Mauer aneinander. Sie unterstreichen die Bedeutung dieses Mineralwassers, welches mit dem Slogan „quellfrisch aus der Vulkaneifel“ die hiesigen Getränkemärkte aufmischt.

Nun geht es weiter das Brohltal hinunter, wo die Lawine von Autoverkehr bisweilen doch etwas stört. Alles scheint hier vor Mineralwasser zu strotzen, als in Brohl die Reklame „Trink Brohler und Dir ist wohler“ gleich eine ganze Häuserwand mit ihrem blauen Untergrund beschlagnahmt. Bald bin ich am Rhein angekommen, wo ich mich zuerst auf dem Seitenstreifen der Bundesstraße B9 in Richtung Bonn bewege. Dann, kurz vor Bad Breisig, bewegt sich ein eigener Radweg auf die Kurstadt zu. Bad Breisig rundet die Begegnung mit heilenden Quellen und sprudelnden Mineralwassern aus einst brodelndem Vulkangestein in einer vollkommenen Harmonie ab.




Impressionen aus Bad Breisig
Dabei wurde Breisig erst in der Nachkriegszeit, nämlich 1958, in den illustren Kreis der Bäderstädte aufgenommen. Als 1914 die Quellen im Erdreich angezapft wurden, waren alle überrascht. Mit 34 Grad war das heraussprudelnde Wasser ungewöhnlich warm. Dass diese hohe Temperatur genutzt wurde, dauerte bis nach dem Ersten Weltkrieg. 1927 wurde eine weitere Thermalquelle aufgebohrt, 1928 bauten die Breisiger ein Thermalschwimmbad in Rheinnähe. Nachdem die Zerstörungswelle des Zweiten Weltkriegs Bad Breisig nicht ausgespart hatte, wurde das Schwimmbad mit Trümmern zugeschüttet. Vieles ist seitdem verschwunden, so das Kurhaus aus dem Jahr 1936, das 2005 abgerissen wurde, weil der Bäderbetreiber insolvent wurde und eine Sanierung zu teuer war.

Spaziergänger können derweil von den Römerthermen, einem flammneuen Badeparadies mit Saunalandschaft, über den Kurpark, dessen Wurzeln zu den Breisiger Freimaurern zurückreichen, zum Rhein flanieren. Am Rhein kann ich bestaunen, dass nicht nur Wellness und Kurgäste das Stadtbild bestimmen, sondern auch eine Rheinpassage mit hübschen, alten Fachwerkhäusern. Die geschlossene Substanz der Fachwerkhäuser stammt aus dem 17. bis 18. Jahrhundert, während der Ursprung von Bad Breisig auf eine etwas ungewöhnlich zu verorten ist. Nachdem Römer und Franken gesiedelt hatten, lag Breisig im Mittelalter im Grenzgebiet zwischen den Kölner und Trierer Erzbischöfen. Erstmals 1215 als „Brysich“ erwähnt, beschwerte sich niemand, dass dieser Ort am Rhein den Bischöfen aus dem fernen Essen gehörte. An dieser Zugehörigkeit änderte sich bis zu den Napoleonischen Kriegen nichts, ohne dass die Kölner, Trierer oder Essener Bischöfe gegeneinander Kriege führten.

Goldene Meile
Anders war der Fall bei der Burg Rheineck gelagert, die zuvor, im 11. Jahrhundert über dem Tal der Vinxt gebaut worden war. Hoch über dem Rhein und Bad Breisig thronend, lag Rheineck strategisch, und die Kölner Erzbischöfe zählten das Burgensystem am Rhein von der Godesburg aus über Rheineck bis Andernach zu ihrem Herrschaftsgebiet. Streitigkeiten und Kriege blieben nicht aus. So berichtet die Kölner Königschronik aus dem Jahr 1164, dass der Pfalzgraf Konrad, der Bruder von Kaiser Barbarossa, die Burgen am Rhein einnehmen wollte, um das Kölner Erzbistum zu erobern. 125.000 Soldaten waren in diesem Jahr vor Burg Rheineck aufmarschiert. Später wurde Rheineck zerstört, das war im 30-jährigen Krieg und durch französische Truppen. Die Ruine verfiel, und in der Zeit der Rheinromantik waren es die Preußen, die die Burg liebevoll und originalgetreu wieder aufbauten. Reisende aller Herren Länder zog es nun an den Rhein auf Burg Rheineck. Heute hat Burg Rheineck deen Status einer Touristenattraktion verloren, denn die Burg ist im Privatbesitz eines Softwareentwicklers.

Ungestört und fernab vom Autoverkehr, begleitet der Radweg hinter Bad Breisig den Rhein. Ich nähere mich dem Mündungsgebiet der Ahr, und eine ebene Fläche schiebt die Höhenzüge der Eifel unvermittelt in die Ferne. Die Felder hier sind fruchtbar, Obstwiesen wechseln mit Getreideanbau ab. Einstweilen schätzen die Stadtwerke Sinzig diese Ebene der Goldenen Meile, indem sie dort eine der größten Trinkwasserreservoire in Rheinland-Pfalz vorfinden. Doch die Vergangenheit steckt voller Tragik. So „golden“, wie das Mündungsgebiet der Ahr wegen ihrer fruchtbaren Bodenablagerungen genannt wurde, war dieses Gebiet mitnichten nach Kriegsende. Drei Monate lang war es Kriegsgefangenenlager, und beim Aufbau des Lagers im Mai 1945 waren die Zustände katastrophal. Provisorische Zelte, Regen und Matsch, keine sanitären Anlagen, kaum Trinkwasserversorgung, insgesamt 1.200 Gefangene starben an Typhus oder Ruhr. Drei Monate später wurde das Lager aufgelöst.

Radweg am Rhein
Der Lyriker Günter Eich, den es nach seiner Kriegsgefangenschaft nach Niederbayern verschlug, dichtete über die Goldene Meile:
»Frühling in der Goldenen Meil«
»Erwachendes Lager«
»Mit klappernden Zähnen am Morgen Sophie«
»Wie grau es auch regnet«
» Pfannkuchenrezept«
»Camp 16«
»Blick nach Remagen«
»Sinziger Nacht«
»Inventur«
»Latrine«
»Gefangener bei Nacht«

Alsbald überquere ich die Holzbrücke über die Ahr. In Remagen-Kripp sehe ich die Fähre, die auf das andere Rheinufer nach Linz fährt. An dieser Stelle würdigt eine Skulptur mit einem Schiff aus Beton die Treidelpferde, die vor dem Zeitalter der Dampfschifffahrt Meter für Meter Schiffe rheinauf-  und abwärts gezogen haben.

Sanft und glatt ruhen die Häuser von Linz auf der anderen Rheinseite, Containerschiffe wälzen sich auf dem Rhein vorwärts, ziehen beiläufig Wellen hinter sich her und wühlen die Strömung auf. Die beiden Stümpfe der Brücke von Remagen stemmen sich dem Radweg entgegen, und geradewegs erreiche ich die Rheinpassage in Remagen, wo ich mir am Brauhaus eine Pause gönne und das hauseigene Braunbier meine müden Beine wieder auf Trab bringt.

Die restlichen 22 Kilometer von Remagen bis Bonn spule ich wie im Schlaf herunter, so ungefähr. Rückenwind treibt mich an, die Sonne lacht, einfach schön.

Strecke (107 Kilometer):


Höhenprofil: